Einst gehörte John Ashbery zusammen mit Lawrence Ferlinghetti und Allen Ginsberg zu den einflussreichen Beat-Poeten der Neuen Welt. Nun ist der größte lebende US-amerikanische Dichter der Gegenwart 90jährig gestorben. Bernd Leukert hat sich mit seinem letzten auf Deutsch erschienen Buch, dem Langgedicht »Flussbild/Flow Chart«, auseinandergesetzt.

John Ashberys Flow Chart

Gedankennetz ohne Boden

Der „Einladung ins Paradies“, von der Denis Scheck spricht, folgt man über unsicheres Gelände. Sicher ist schon alles gesagt und geschrieben worden über John Ashbery und seine Dichtung. Der 1927 geborene Autor hat alle wichtigen Preise empfangen und gilt als der größte lebende US-amerikanische Dichter der Gegenwart. Einst wurde er mit Kenneth Koch, Frank O'Hara und James Schuyler der ‚New York School of Poets’ zugeschlagen, dann galt er neben Lawrence Ferlinghetti und Allen Ginsberg als einflussreicher und bedeutendster Beat-Poet dieser Jahre. Für den Band „Self-Portrait in a Convex Mirror“ (1975) erfuhr er eine enorme gesellschaftliche Anerkennung und die Aufnahme in den literarischen Kanon (auch durch Helen Vendler und Harold Bloom).
         Es gebe bei ihm keine Themen, heißt es, es finde sich bei ihm immer die gleiche Technik des Aussparens, des Abwehrens, des Indirekten, des Neutralisierens, so sei es schwer, Ashberys opakes, intellektuell dichtes und vielfältiges Werk zu fassen, sei es bereits schwer, den Prosasinn eines seiner Gedichte zu paraphrasieren. Und festzustellen sei eigentlich eher eine Abwesenheit von Stoff, von Gegenständen. Der Mangel auch nur einer Andeutung von rationalem Kontext. Nur aufgrund einer ungeheuren hermeneutischen Anstrengung könne man sinngebende Teile aus einem Gedicht reißen, sie zu verbinden versuchen, ohne daß man aber einen ganzen Satz von Ideen oder auch nur Szenen erhält. … Man muß eine enorme Bereitschaft mitbringen, um in den langen Gedichten mitgehen zu wollen oder zu können. (Joachim Sartorius, Nachwort zu „John Ashbery: Eine Welle“, Hanser München 1988)
         Der Verlag Luxbooks, der es in seiner Reihe „Americana“ schon unternommen hatte, Ashberys Sammlung „A Worldly Country“ mit Mehrfachübersetzungen deutscher Lyrikerinnen und Lyrikern in einem Bedeutungsfächer zu entfalten (John Ashbery: Ein weltgewandtes Land, Wiesbaden 2010) hat nun einen weiteren Schritt gewagt, diesen – mit bisher etwa 30 Büchern – produktiven Autor bei uns bekannt zu machen: „Flussbild/Flow Chart“ ist ein Langgedicht, das sich über 185 Seiten erstreckt und, mit der deutschen Übersetzung, also 371 Seiten umfasst. Das Langgedicht ist mit seinem Anspruch vom Poesiealbum am weitesten entfernt. Deshalb weckt es unsere Aufmerksamkeit und die Neugier, diesen Anspruch zu erkunden. Worum geht es? Das ist offensichtlich schon die falsche Frage. Sie stellt sich nämlich von Anfang bis Ende dieses vom Hundertsten ins Tausendste gleitenden Parlandos und wird an keiner Stelle beantwortet. Stattdessen finden sich über den ganzen Text verteilte Bemerkungen, die sich gut als zwanglos eingeflochtene Kommentare und Reflexionen zur Faktur des Werkes lesen lassen. Die Kraft der Bedeutung dringt nie durch, heißt es da, Der Kontext läßt sich rekonfigurieren/ aber sachte,/ sachte und selbstverständlich ohne letzte Garantie für einen erfolgreichen Ausgang, – Erklärungen, die viel unerklärt lassen oder Der Boden aber/ ist schön, leidenschaftlich/ und gleich einer Braut voll toller Ideen, nur, was er über uns aussagt, gibt er nicht raus.
         Tatsächlich vermeidet John Ashbery jedes Wort, das Ort und Zeit, eine Person oder gar eine Szene ahnen oder gar erschließen hülfe. Und doch erwähnt er Namen als Verweis oder Ansprechpartner (Miss MacGregor, Herr Schmidt oder Eleanor), die nie wieder auftauchen und damit die Absurdität ihrer Erwähnung unterstreichen.
         Die Bedeutung der Worte gibt Ashbery vor, tiefer anzusiedeln, als für die Rechtfertigung eines solchen Buches gut sein kann: Worte wiederum sind nicht der Täter. Sie sind schlimmstenfalls ein Placebo/ und führen nirgendhin (obwohl nirgend zugegebenermaßen ein lauschiges/ Plätzchen sein kann und irgendwo oftmals vorzuziehen), zu banalem, wiewohl nettem Geklimper./Bogen um Bogen mit ihnen zu bedecken garantiert noch keinen Erfolg,/ führt aber auch nicht automatisch in den Ruin; her mit der Guillotine;/ lasst, im Mittelgrund, so etwas wie ein ewiges Leichenschauhaus, einen See des Bedauerns./ Besser noch ist’s, dem seltsamen Zirpen der Möbel zu lauschen. Wie Galle kommt ihm diese bitter-knarzige, beinahe nihilistische Weltsicht hoch, und mit Galle ist sie geschrieben.
         So wie ‚Flussbild’ oder ‚Flow Chart’ (Fluss-/Ergusskarte/-tabelle) paradoxe Begriffe sind, weil, was fließt, nicht fixiert werden kann, ist dieses Werk ein paradoxes Unterfangen. Es handelt sich um ein Kunstwerk des virtuosen Sinnentzugs.
         Der konservative Kritiker Harold Bloom, der Ashbery als den wichtigsten Dichter der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete, schrieb: „Es ist mittlerweile ein Schibboleth der Dekonstruktion, daß ein Text, damit er als Text existiere, seinen referentiellen Aspekt beinahe vollständig aufheben muß. Dieses ‚beinahe’ ist ein ziemlicher Hammer, aber selbst damit haben wir eine Formel, die unsere Vorstellung von einem Text wahrscheinlich unbewußt remystifiziert.“ (Harold Bloom: Der Bruch der Gefäße, Stroemfeld/Nexus 1995)
         Remystifiziert? Wir haben ein unterschiedlich gegliedertes Konvolut langzeiliger Verse vor uns, bei denen sich schon die Frage stellt, was sie denn wirklich zu Versen macht, da alle formalen Kriterien einer gebundenen Sprache nicht zur Anwendung kommen. Gut, es finden sich Inversionen, die ein Amerikaner im Alltag wohl kaum in den Mund nimmt. Die Musikalität, die für Ashbery nach eigenem Bekunden so wichtig ist, entspringt nicht einer rhythmischen Durchformung des Ganzen oder etwa korrespondierenden Wortgestalten, sondern klingt in gehäuften Alliterationen an, die oft zu inhaltlichem Richtungswechsel führen: Die Montage findet unter dem Deckmantel des ähnlich Klingenden statt. Was melodiös das Spiel der Worte präsentieren könnte, wird sich vermutlich hineinlesen lassen, also der Performance abverlangt werden.
         Und doch lässt er zuweilen die Lust an Sprachbildern hervorblitzen: … und wir möchten, dass diese Steine in dem Maße bestanden haben wie/ die Erschöpfung auf der Insel im Abendlicht nachlässt// Versammeln würde ich/ Landschaften aus wurmstichigem Holz und mich irgendwo in einem Loch verschanzen, damit/ nicht hübsche Anomalien ihre albernen Scharaden aufoktroyieren und Friede verkünden/ anderen und allen Abnehmern,/ in einer Truhe verschließen, aufreißen und das Pulver des Lebens ins tote Sägemehl streuen … Oder:
         … heutzutage zähle ich wenig mehr/ als das in meine duftenden Zedernschränke gefaltete Linnen, der Zeit vorgebaut, falls/ ich es mal brauchen sollte; und ihr, ihr anderen, müsst nur ausbrechen/ wie Schollen von dem viel größeren Eisberg, um euer Glück zu machen, an jenem Tag/ im Gerichtssaal,/ den Affen und Narren euch quasi versprachen – oder war das ein schlechter Traum? Doch gewiss/ seid ihr nun auf eine harte Probe gestellt; lasst das Parfüm der brennenden Archive/ unsere olfaktorischen Sinne erneut so heftig bedrängen wie Traubenhyazinthen in den/ geliebten Gräbern des Frühjahrs.
         Solche Sätze – die nicht einfach zu zitieren sind, weil sie sich oft über mehr als zehn Zeilen erstrecken und darüberhinaus noch über den Punkt weiterspinnen – sind indessen eher als „Ausrutscher“ zu sehen. Denn die besondere Aufmerksamkeit, die solche seltenen „Stellen“ wecken, unterbrechen damit ja den stetigen Wortfluss, der das formale Konzept des „Flussbilds“ bildet und den Leser – ist er erst einmal drin – mit sich treibt.
         Einmal aber scheint ihm geradezu eine Spur poetologischer Utopie unterlaufen zu sein:
         In Bälde wirst du dich darin einrichten müssen,/ der Dichtung, und dazu sind feierliche Vorkehrungen zu treffen, die Sandwege/ zu harken, der Mauerrest von trockenen Weinranken zu befreien, aber was,/ wenn Dichtung etwas vollkommen anderes ist, nicht dieses Purpurwetter/ mit Götterauge daran, das nach/ innen und außen sieht? Was, wenn sie nur eine bescheiden andere Lebensart ist/ wie dem Wind ausgesetzt sein oder die vielen Geräusche, die wir grad hören, sich/setzen lassen und die Mühe verzeichnen, die es jede Kreatur kostet, einen Augenblick ihrem/Wesen Ausdruck zu verleihen, dann/ wieder zu verstummen und doch zu hoffen, dass genug passiert ist? – Sonst herrscht in seinem gewaltigen Gedankennetz ohne Boden die sarkastische, meist sardonischer Ausdrucksweise, die alle Erwartungen einer – noch ein Paradox – Poesie des Gedichts zerschlägt: Poesie tröpfelt allenfalls von Reben.
          Matthias Göritz und Uda Strätling, die das Langgedicht ins Deutsche übertrugen, muss besonders gedankt werden. Die Übertragung ist nahe am Original, Mehrdeutigkeiten, Anspielungen, Assoziationen wurden geschickt mit einer Wortwahl aufgefangen, die auch im Deutschen schillert und funkelt; und wo sie vom Original abwichen, ist das Motiv unmittelbar überzeugend.
         Dem Dichter James Dickey zufolge ist Ashberys Dichtung „sehr schwer oder vielleicht unmöglich“. Diese Unmöglichkeit für uns zur lesbaren Möglichkeit verwandelt zu haben, verdient Hochachtung.

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erstellt am 04.9.2017

John Ashbery
John Ashbery

John Ashbery
Flussbild/Flow Chart
Langgedicht, zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling
Broschur, 384 Seiten
ISBN: 978-3-939557-29-6
Luxbooks Americana, Wiesbaden

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