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Von einer Selbstsuche, die keine sein will, erzählt Rachel Cusks jüngster Roman. Die Ich-Erzählerin Faye ist Schriftstellerin und hat eine Art Lebenskrise hinter sich. Mit ihren zwei Söhnen zieht sie vom Land zurück nach London, in ein Haus, das sich als Bruchbude erweist. „Transit“ ist ein kluger wie unterhaltsamer Roman, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Man bleibt unter sich

Rachel Cusk
Rachel Cusk

Wer sich selbst sucht, wird, so oder so, fündig. Das kann dauern, bringt aber auch den schnellen Erkenntnisgewinn, der verräterisch nah am Vergessen steht. Manchmal werden einem unterwegs Irritationen zugemutet, aus denen sich, nachträglich, Anregungen beziehen lassen, an die vorher gar nicht zu denken war. Von einer Selbstsuche, die keine sein will, erzählt Rachel Cusks ebenso kluger wie unterhaltsamer Roman „Transit“. Die Autorin (Jahrgang 1967), gebürtige Kanadierin mit Wohnsitz in England, geht bemerkenswert zurückgenommen zu Werke; sie hört lieber zu, als sich ungefragt zu Wort zu melden, ihre Einlassungen zur eigenen Person beschränken sich aufs Nötigste, was umso erstaunlicher anmutet, da Faye, die Ich-Erzählerin des von Eva Bonné vorzüglich übersetzten Romans, Schriftstellerin wie Rachel Cusk ist, also mehr als genug zu sagen hätte, wenn sie denn wollte. Will sie aber nicht, dass Reden überlässt sie anderen. Faye hat eine Art Lebenskrise hinter sich oder ist noch mittendrin: Mit ihren zwei Söhnen zieht sie vom Land zurück nach London und findet ein heruntergekommenes Haus in ehemals recht ansehnlicher Wohngegend. Das neue Heim erweist sich als Bruchbude; hier muss alles saniert werden, vor allem die seit Jahrhunderten im Keller hausenden Untermieter John und Paula, ein finsteres altes Ehepaar, das allen Rauswurfversuchen früherer Eigentümer erfolgreich widerstanden hat. Besonders Paula erweist sich als grotesk bösartiges Weib; man möchte sie eigentlich nur umbringen. Faye hofft darauf, dass der Baulärm, den die mehrwöchige Radikalsanierung mit sich bringt, die Kellerinsassen zur Aufgabe zwingt. Die aber drohen ihrerseits damit, die neue Hausbesitzerin zu liquidieren, bevorzugt mit Gift oder einer aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Selbstschussanlage.

Das alles erzählt Rachel Cusk sehr unaufgeregt; überhaupt ist ihr Tonfall von ergebener Heiterkeit, dem sich auch ihr übriges Personal, darunter der Bauunternehmer, der Fayes Haus renovieren soll, ferner ein Friseur, dem wiederkehrende Weisheitsattacken zusetzen, und eine frühere Freundin, die jedes sich anbahnende Liebesunglück durchschaut, trotzdem aber immer wieder gern hineintappt, umstandslos anpasst. Zwischendurch verreist Faye auch mal, sie ist ja Schriftstellerin und wird zu Lesungen eingeladen. Bei einer Art ländlichem Literaturfestival, das im Zelt stattfindet, tritt sie zusammen mit Julian, einem aktuellen Erfolgsautor, an, der zu Beginn einige launige Worte über seine Herkunft verliert: „Seine Kindheit – nur für den Fall, dass irgendeiner der Anwesenden die Frechheit besaß, hier zu sitzen, ohne sein Buch gelesen zu haben – habe er im Norden verbracht, in einem Dorf, das in keinem Reiseführer und keinem Geschichtsbuch auftauche, der zuständigen Sozialbehörde allerdings bestens vertraut sei. Die Leute dort lebten in moderner Armut, von der Stütze, sie waren fett von zu viel Langeweile und billigem Essen, und das wichtigste Familienmitglied war der Fernseher. In der Gegend lag die männliche Lebenserwartung bei fünfzig Jahren. Auch wenn mein Stiefvater, sagte Julian, von dieser Statistik leider nie gehört hat.“ Danach hat Faye ihren Auftritt, der aber, da Landregen einsetzt, dem über schadhafte Stellen im Zelt direkter Zugang zum Publikum ermöglicht wird, buchstäblich ins Wasser fällt. Verpasst hätte man bei Fayes Lesung wohl ohnehin nicht viel, deutet Rachel Cusk an; im literarischen Betrieb, der das Insiderwissen schätzt und ohne Selbstüberschätzung kaum über die Runden käme, bleibt man gern mal unter sich. Dass dabei auch Einsamkeitsphantasien mit ins Spiel kommen, muss kein Widerspruch sein: „’Viele Autoren mögen Gartenhäuser’, sagte Julian. ‚Sie ziehen sich zum Schreiben dorthin zurück und freuen sich über die Ruhe.’ Er hielt inne, und eine schwache Welle aus verunsichertem Kichern ging durchs Publikum. ‚Ein Schuppen für sich allein’, fügte er hinzu. ‚Das hatte ich ernsthaft als Buchtitel in Erwägung gezogen’.“

Rachel Cusk ist eine bemerkenswerte Autorin, die uns mit genauer Beobachtungskunst und feinem Witz erfreut. Sich selbst nicht so wichtig nehmen, ist eine ihrer Botschaften, die man aber eigentlich auch nicht so wichtig nehmen muss. Am Ende, das kein Ende ist, reist Faye noch einmal aufs Land und besucht ihren Cousin Lawrence, der nach langer, eigentlich für die Ewigkeit geschmiedeter Ehe überraschenderweise seine Frau verlassen hat, um gleich darauf mit einer neuen Partnerin zusammenzuziehen, die keineswegs attraktiver ist als das Vorgängermodell. Besonders glücklich scheint Lawrence nicht zu sein, was auch für die anderen Gäste gilt, die noch gekommen sind; es gibt Streit und Tränen, man spricht Wahrheiten aus, die vielleicht keine Wahrheiten sind, auf jeden Fall aber besser unausgesprochen geblieben wären. Am frühen Morgen, als alle noch schlafen, macht Faye sich davon; die Zeichen für ihren Abgang stehen günstig: „Hinter den Fenstern glimmte ein fremdartiges Untertagelicht, das von der Nacht kaum zu unterscheiden war. Ich nahm eine Veränderung wahr, tief unter der Oberfläche aller Dinge, und dachte an die Erdplatten, die blindlings ihre schwarzen Bahnen ziehen. Ich fand meine Tasche und meinen Autoschlüssel und schlich aus dem Haus.“

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erstellt am 31.8.2017

Rachel Cusk
Transit
Roman
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Gebunden, 238 Seiten
ISBN: 978-3-518-42591-6
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

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