Die haitianische Autorin Edwidge Danticat schildert in ihrem Erzählungenband »Der verlorene Vater« Traumata der haitianischen Geschichte. Begegnungen mit Tätern der Duvalier-Diktatur inmitten der scheinbaren Sicherheit New Yorks zählen ebenso dazu, wie Gefahren bei der Flucht auf hoher See in einem kleinen Boot. Die Autorin lebt heute in den USA und hat 2008 an der Princeton University die Toni Morrison Lecture gehalten. Ihr aktuelles Buch wurde für die Shortlist des Internationalen Buchpreises 2011 nominiert.
Toni Morrison Lecture

Erzählung

Das Totenbuch

Von Edwidge Danticat

MEIN VATER IST VERSCHWUNDEN. Ich sitze zusammengesunken auf einem Alustuhl zwei Männern gegenüber, dem Direktor des Hotels, in dem wir übernachten, und einem Polizisten. Sie warten beide darauf, daß ich erkläre, was aus ihm, meinem Vater, geworden ist.
Der Hoteldirektor – Mr. FLAVIO SALINAS steht auf dem Schild an seiner Bürotür – besitzt das erstaunlichste leuchtendgrüne Augenpaar, das ich je bei einem Mann mit dem singenden Tonfall eines Karibikspaniers gesehen habe.
Der Polizeibeamte, Officer Bo, ist ein kleiner, kindlich aussehender Weißer aus Florida mit Schmerbauch.
»Woher kommen Sie und Ihr Vater, Ms. Bienaimé?« fragt Officer Bo und gibt sich größte Mühe mit meinem Nachnamen. Er versagt dabei kläglich, so daß ich, obwohl wir nur zu dritt in Salinas Büro sind, zuerst glaube, er spricht mit jemand anderem.
Ich bin in East Flatbush, Brooklyn, geboren und aufgewachsen und nie im Herkunftsland meiner Eltern gewesen. Ich antworte trotzdem »Haiti«, denn das gehört zu jenen Dingen, die ich seit je mit meinen Eltern gemein haben wollte.
Officer Bo pflügt sich mit »Sie sind den ganzen Weg aus Haiti hierher nach Lakeland gekommen?« voran.
»Wir leben in New York«, sage ich. »Wir waren auf dem Weg
nach Tampa.«
»Weswegen?« fährt Officer Bo fort. »Auf Besuch?«
»Um eine Skulptur abzuliefern«, sage ich. »Ich bin Künstlerin, Bildhauerin.«
Ich bin keine richtige Künstlerin, nicht auf dem Niveau, auf dem ich es gern wäre. Ich bin eher eine besessene Holzschnitzerin mit bislang einem einzigen Motiv – meinem Vater.
Mein Künstlerauge findet Direktor Salinas Büro protzig. Die Wände sind mit einer orangegrünen Tapete bedeckt, die von einem gigantischen Druck – einem viktorianischen Landhaus, das dem Gebäude ähnelt, in dem wir uns befinden – unterbrochen wird.
Direktor Salinas tätschelt seine hellgrüne Krawatte, die den sinnverwirrenden Farbton seiner Augen zusätzlich betont, und versichert mir beruhigend: »Officer Bo und ich werden unser Bestes tun.«
Wir fangen mit einer kurzen Beschreibung meines Vaters an: »Fünfundsechzig, 1,73 m, 180 Pfund, spitzer Haaransatz, graumeliertes, schütteres Haar und samtbraunen Augen –«
»Samt?« unterbricht Officer Bo.
»Tiefbraun, derselbe Ton wie seine Hautfarbe«, erkläre ich.
Mein Vater hat vorn teilweise künstliche Zähne, seit er vor zehn Jahren während eines seiner Gefängnisalbträume aus dem Bett, das er mit meiner Mutter teilt, gestürzt und aufs Gesicht gefallen ist. Das erwähne ich auch. Nur die künstlichen Zähne, nicht die Albträume. Ich gebe auch die stumpfe, seilähnliche Narbe an, die von der rechten Wange meines Vaters bis zum Mundwinkel verläuft, die einzige sichtbare Erinnerung an das Jahr, das er im Gefängnis in Haiti verbrachte.
»Ich hoffe, daß meine nächste Frage Sie nicht verärgern wird«, sagt Officer Bo. »Ich habe es hier oft mit älteren Menschen zu tun, und dies kommt häufig zur Sprache, wenn sie verschwinden. Leidet Ihr Daddy an psychischen Erkrankungen, Senilität?«
Ich antworte: »Nein, er ist nicht senil.«
»Haben Sie irgendein Foto von Ihrem Daddy?« fragt Officer Bo.
Mein Vater hat es nie gemocht, wenn Fotos von ihm gemacht wurden. Zu Hause haben wir nur einige unvorteilhafte Aufnahmen von meinen diversen Schulabschlußveranstaltungen, auf denen er zwischen mir und meiner Mutter steht, seine Hand bedeckt die Narbe. Ich hatte gehofft, auf dieser Reise ein paar Fotos von ihm zu machen, aber er ließ mich nicht. In einer der Raststätten kaufte ich eine Wegwerfkamera und richtete sie trotzdem auf ihn. Wie gewöhnlich protestierte er, verdeckte sein Gesicht wie ein kleiner Junge, der seine Wangen vor einer Ohrfeige schützen will. Er wolle für den Rest seines Lebens nicht mehr fotografiert werden, sagte er, er sei zu häßlich.
»Sehr schade«, äußert Officer Bo am Ende meiner langatmigen Erklärung. »Er spricht Englisch, Ihr Daddy? Kann er nach dem Weg fragen?«
»Ja«, sage ich.
»Gibt es irgendeinen Grund, weswegen Ihr Vater vor Ihnen davonlaufen sollte, gerade hier in Lakeland?« fragt Direktor Salinas. »Haben Sie sich gestritten?«
Ich habe noch nie zuvor versucht, die Geschichte meines Vaters in Worte zu fassen, aber meine erste fertiggestellte Skulptur von ihm war der Grund für unsere Reise: eine 90 Zentimeter große Mahagonifigur meines Vaters, nackt, auf einem 15 auf 15 Zentimeter großen Sockel, sein Rücken gekrümmt wie die Sichel eines Mondes, seine gesenkten Augen auf seine langen Finger und großen Handflächen gerichtet. Es wäre übertrieben, sie weltbewegend zu nennen, eher primitiv, kaum ausgearbeitet, bestenfalls zinimalistisch, und doch war sie mir unter all meinen Versuchen, meinen Vater darzustellen, der liebste. So stellte ich ihn mir als Häftling vor.

Wann ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen hatte? Letzte Nacht, vor dem Einschlafen. Als wir unseren Mietwagen auf dem heckenumsäumten Parkplatz des Hotels abstellten, war es beinahe Mitternacht. Alle Restaurants in der Nähe waren geschlossen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als zu duschen und ins Bett zu gehen.
»Hier ist es wie im Paradies«, hatte mein Vater gesagt, als er unser winziges Zimmer gesehen hatte. Es hatte die gleiche orangegrüne Tapete wie Salinas Büro, und der smaragdfarbene Plüschteppich paßte zu den Wänden. »Schau mal, Ka«, sagte er, seine tiefe, heisere Stimme von Erschöpfung gedämpft, »der Teppich ist wie Gras unter unseren Füßen.«
Er wählte das Bett, das dem Badezimmer am nächsten lag, zog das Oberteil seines grauen Jogginganzugs aus und packte seine Toilettensachen aus. Bald darauf hörte ich ihn, wie üblich unter der Dusche laut summen.

Ich schaute nach der Skulptur, betastete sie ein bißchen durch die Noppenfolie und die Pappverpackung, um mich zu vergewissern, daß sie immer noch heil war. Ich hatte ein Stück Mahagoni verwendet, das leicht fehlerhaft war, mit ein paar oberflächlichen Rissen in jenem Teil, der jetzt den Rücken bildete. Ich hatte diese Risse schön gefunden und mich nicht bemüht, sie abzuschleifen oder wegzupolieren, da sie wie Narben des Holzes wirkten, wie jene, die mein Vater im Gesicht trug. Aber ich war auch ein wenig wegen der Risse besorgt. Würden sie dilettantisch und unbeabsichtigt wirken, wie ein Versehen? Könnte das Holz durch einfaches Anfassen wegen seines Alters auseinanderbrechen?
Würde die Kundin zufrieden sein?
Ich schloß die Augen und versuchte, mir die Kundin vorzustellen, der ich die Skulptur brachte: Gabrielle Fonteneau, eine Amerikanerin haitianischer Abstammung, ungefähr in meinem Alter, der Star einer beliebten Fernsehserie und begeisterte Kunstsammlerin. Meine Freundin Céline Benoit, eine ehemalige Kollegin von der Junior High School, wo ich als Vertretungslehrerin für Kunst arbeite, war zusammen mit Gabrielle Fonteneau in Tampa aufgewachsen und hatte bei einem Besuch dort, auf meine Bitte hin, Gabrielle Fonteneau einen Schnappschuß meiner Vater-Plastik gezeigt und sie zum Kauf überredet.
Gabrielle Fonteneau verbrachte diese Woche nicht in Hollywood sondern im Haus ihrer Eltern in Tampa. Ich nahm mir einige Tage frei, und meine Mutter und ich waren uns einig, dass es meinem Vater, der viel fernsah, sowohl zu Hause als auch in seinem Friseurladen in der Nostrand Avenue, gefallen würde, Gabrielle Fonteneau zu treffen. Aber als ich aufwachte, war mein Vater verschwunden und die Skulptur ebenfalls.
Ich trat aus dem Zimmer und auf den Balkon hinaus, der auf den Parkplatz hinausging. Es war ein heißer und schwüler Morgen, die feuchte Luft von dem Geruch frisch gemähten Grases und des von der Bewässerungsanlage benetzten Hibiskus erfüllt, der den Parkplatz umsäumte. Mein Mietwagen war auch verschwunden. Ich hoffte, daß mein Vater in der Gegend herumfuhr und versuchte, Frühstück für uns aufzutreiben, und mir bei seiner Rückkehr erklären würde, warum er die Skulptur mitgenommen hatte; ich zog mich an und wartete. Ich sah mir eine halbe Stunde die Lokalnachrichten an, rauchte fünf Mentholzigaretten, obwohl dies ein Nichtraucherzimmer war, und wartete weiter.
Die ganze Warterei zog sich zwei Stunden hin, und ich fühlte mich schuldig, daß ich so lange gezögert hatte, zur Rezeption zu gehen und zu fragen: »Haben Sie meinen Vater gesehen?«

Ich spüre, wie Officer Bos Finger sanft mein Handgelenk streicheln, vielleicht um mir zu bedeuten, ich solle mit Reden aufhören. Aus der Nähe riecht Officer Bo wie Spiegeleier und Benzin, wie Frühstück bei Amoco.
»Ich teil’s dann mal den anderen Jungs mit«, sagt er. »Salinas bleibt in seinem Büro. Warum gehen Sie nicht zurück in Ihr Hotelzimmer, falls Ihr Daddy dort auftaucht?«

Zurück im Zimmer lege ich mich auf das ungemachte Bett meines Vaters. Die Laken riechen nach seinem Rasierwasser, einer eigenartigen Mischung aus Lavendel und Limone, die ich immer als zu stechend empfunden habe, die er aber mag.
Ich springe auf, als ich das Klicken des elektronischen Schlüssels in der Tür höre. Es ist das Zimmermädchen. Eine junge Kubanerin, die übermäßig höflich ist, ihr fehlendes Englisch mit ehrerbietigen Gesten wettmacht: ein dickes, breites Lächeln, ein Nicken, sogar eine Verbeugung, als sie rückwärts das Zimmer verläßt. Sie erinnert mich an meine Mutter, wenn sie eine nichthaitianische Kundin in ihrem Kosmetiksalon bedienen muß, wie sie diesen Kundinnen zuviel Aufmerksamkeit widmet, sich zwingt über Witze zu lachen, die sie kaum versteht, und bei Beleidigungen, die sie nicht völlig begreift, lächelt, alles nur, um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden, bei dem sie nicht mithalten können würde.

Es ist beinahe Mittag, als ich zum Telefon greife und meine Mutter im Salon anrufe. Eine ihrer Angestellten sagt mir, dass sie noch nicht von der Messe, an der sie jeden Tag teilnimmt, zurück ist. Falls Kundinnen auf sie warten, wird sie die zwanzig Blocks von der Kirche zum Salon zu Fuß gehen. Wenn sie keine Termine hat, wird sie ihre Mitarbeiterinnen die Laufkundschaft bedienen lassen und zum Mittagessen nach Hause gehen. Sie hatte sich immer ein Leben gewünscht, in dem ihr Zeit blieb für die tägliche Messe und lange Spaziergänge und das ihr gelegentlich die Freiheit ließ, nicht arbeiten zu müssen.
Ich rufe bei meinen Eltern an. Dort ist meine Mutter auch nicht, deshalb hinterlasse ich die Nummer des Hotels auf dem Anrufbeantworter.
»Bitte ruf mich an, so bald du kannst, Manman«, sage ich. »Es geht um Papa.«

Es ist früher Nachmittag, als meine Mutter anruft, ihre Stimme brüchig vor Sorge. Ich hatte in dem winzigen Hotelzimmer gesessen, Chips und Schokoriegel aus dem Automaten gegessen, Kette geraucht und gewartet, daß etwas passierte, daß entweder mein Vater, Officer Bo oder Direktor Salinas mit schlechten Nachrichten hereinkamen oder daß meine Mutter oder Gabrielle Fonteneau anriefen. Ich stellte mir abwechselnd vor, wie meine Mutter hysterisch kreischte, sich und mich beschimpfte, weil wir gedacht hatten, diese Reise mit meinem Vater wäre eine gute Idee, wie Gabrielle Fonteneau anrief, um zu sagen, wir hätten diese Reise nicht unternehmen sollen. Es sei alles ein Scherz gewesen. Sie würde nun doch keine Skulptur von mir kaufen, vor allem keine, die ich nicht mehr bei mir hatte.
»Wo ist Papa?« Ganz wie ich erwartet habe, klingt meine Mutter, als ob sie nach Atem ringen würde. Ich sage ihr, sie solle sich beruhigen, es sei nichts Schlimmes passiert. Papa geht’s gut. Ich habe ihn nur kurz aus den Augen verloren.
»Wie konntest du ihn aus den Augen verlieren?« fragt sie.
»Er ist vor mir aufgestanden und verschwunden«, sage ich.
»Seit wann ist er weg?«
Ich weiß, daß sie in der Küche hin und hergeht, ihre Hausschuhe klacken auf den mexikanischen Fliesen. Ich kann den Wasserhahn hören, als sie ihn aufdreht, stelle mir vor, wie sie ein Glas darunter hält und es füllt. Ich höre, wie sie daran nippt, als ich sage: »Er ist jetzt seit Stunden verschwunden. Ich kann es selbst nicht glauben.«
»Hast du die Polizei gerufen?«
Nun sitzt sie wahrscheinlich am Küchentisch, ihre Augen geschlossen, ihre Finger reiben immer wieder über ihre Stirn. Sie schnalzt mit der Zunge und fängt an, eines dieser traurigen Lieder aus der Messe zu singen, Lieder, die mein Vater, der nur an Weihnachten in die Kirche geht, von ihr aufgeschnappt hat und nun unter der Dusche vor sich hinsummt.
Meine Mutter hält gerade lang genug mit Summen inne, um zu fragen: »Was sagt die Polizei?«
»Ich soll warten, bis er zurückkommt.«
In der Leitung klopft es laut, meine Mutter trommelt mit den Fingern gegen die Sprechmuschel des Telefons; ich bekomme leichte Ohrenschmerzen.
»Er kommt zurück«, sagt sie mit mehr Zuversicht als Officer Bo oder Direktor Salinas. »Er wird dich nicht einfach so verlassen.«
Ich verspreche, meine Mutter stündlich anzurufen und auf dem Laufenden zu halten, aber ich weiß, daß sie mich vorher anrufen wird. Ich wähle Gabrielle Fonteneaus Mobilnummer. Ihre Stimme klingt genauso wie im Fernsehen, aber ohne das Gelächter vom Band noch seidiger, nuancierter und verführerischer.
»Stell dir das mal vor«, sagte mein Vater einmal, als wir ihre Sendung ansahen, in der sie eine spitzzüngige Krankenschwester auf der Entbindungsstation eines Großstadtkrankenhauses spielt. »Eine Schauspielerin aus Haiti hat ihre eigene amerikanische Fernsehsendung. Wir haben’s wirklich weit gebracht.«
»Es ist so nett von Ihnen, daß Sie den ganzen langen Weg auf sich genommen haben, um mir die Skulptur persönlich zu bringen«, sagt Gabrielle Fonteneau. Sie hört sich an, als befände sie sich an einem Ort, wo es Zikaden gibt, Wasserfälle, Palmen und Citronellakerzen, um die Moskitos fernzuhalten. Mir fällt auf, daß auch ich mich an einem solchen Ort befinde, aber nicht fähig bin, es zu genießen.
»Hat man Ihnen gesagt, warum mir die Skulptur so gut gefällt?« fragt Gabrielle Fonteneau. »Sie ist majestätisch und bescheiden zugleich. Sie erinnert mich an meinen Vater.«
Ich hatte nicht versucht, den Vater schlechthin darzustellen, aber ich bin froh, daß meine Skulptur Gabrielle Fonteneau an ihren Vater erinnert, denn auch ich bin nicht gegen die spontane Euphorie gefeit, die berühmte Menschen auslösen, deren leicht dahingesagten Sätze so viel mehr Gewicht zu haben scheinen als die gewöhnlicher Sterblicher. Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, daß ich Gabrielle Fonteneaus Mobilnummer besitze, die ich, das habe ich Céline Benoit versprochen, niemanden verraten werde, nicht einmal meinem Vater.
Meine Gedanken wandern von Gabrielle Fonteneaus Vater zu meinem, als ich sie sagen höre: »Wann werden Sie also hier sein? Sie wissen, wie Sie hierher kommen? Vielleicht können Sie mit uns morgen zu Mittag essen, so gegen zwölf.«
»Wir werden da sein«, sage ich.
Aber ich bin mir da nicht mehr so sicher.

Mein Vater liebt Museen. Wenn er nicht in seinem Friseurladen arbeitet, ist er oft im Brooklyn Museum. Die altägyptischen Säle hat er am liebsten.
»Die Ägypter, sie waren wie wir«, pflegt er zu sagen. Die Ägypter verehrten ihre Götter in vielen Erscheinungsformen, bekämpften einander und wurden oft von Ausländern regiert. Die Pharaonen waren wie die Diktatoren, vor denen er geflohen war, und ihre Königinnen waren so schön wie Gabrielle Fonteneau. Aber was er bei den Ägyptern am meisten bewundert, ist die Art, wie sie ihre Toten beklagen.»Sie wissen, wie man trauert«, sagt er, voller Bewunderung für den Mumifizierungsvorgang, der Wochen dauerte, doch Leichen
schuf, die Tausende von Jahren überdauerten.
Mein gesamtes Erwachsenenleben habe ich darum gerungen, meinen Vater auf eine Art und Weise darzustellen, eine Skulptur anzufertigen, die seine Persönlichkeit widergibt, ein stiller und distanzierter Mann, der nur auflebte, wenn er mit mir die meisten Samstage meiner Kindheit gefesselt vor den goldenen Masken, den Schabtis und Schiefertafeln stand, vor Isis, Nofretete, dem schakalköpfigen Anubis und Osiris, dem Herrscher der Unterwelt.

Die Sonne geht unter, und meine Mutter hat mehr als ein Dutzend Mal angerufen, als mein Vater endlich in der Hotelzimmertür auftaucht. Er sieht aus wie ein sehr viel jüngerer Mann, scheint ruhig und ausgeruht zu sein, wie nach einem langen Tag am Strand.
»Sehr verqualmt hier drin«, sagt er.
Ich deute auf meinen improvisierten Aschenbecher, einen Pappbecher mit tabakgefärbtem Wasser und Zigarettenstummeln.
»Ka, dein Vater möchte mit dir reden.« Er wedelt mit den Händen durch die rauchgeschwängerte Luft, geht zum Bett hinüber und beugt sich hinab, um seine Turnschuhe aufzuschnüren.
»Yon ti konze, ein bißchen plaudern.«
»Wo warst du?« Ich spüre, wie meine Augenlider zucken, eine nervöse Reaktion, die ich von meiner epileptischen Mutter geerbt habe. »Warum hast du keinen Zettel dagelassen? Und Papa, wo ist die Skulptur?«
»Darüber müssen wir reden«, sagt er, zieht seine sandgefüllten Turnschuhe aus und reibt nacheinander die Sohlen seiner großen, schwieligen Füße ab. »Ich habe Bedenken.«
Er schweigt lange Zeit, konzentriert sich auf seine Fußmassage, als hätte er sich den ganzen Tag lang darauf gefreut.
»Mir wäre es lieber, wenn du die Statue nicht verkaufst«, sagt er schließlich. Dann wendet er sich ab, greift zum Telefon und ruft meine Mutter an.
»Ich weiß, daß sie dich angerufen hat«, sagt er zu ihr auf kreolisch. »Sie ist in Panik geraten. Ich war nur spazieren, habe nachgedacht.«
Ich höre, wie meine Mutter ihn laut ausschimpft, ihm sagt, er solle mich nicht wieder allein lassen. Nachdem er aufgelegt hat, greift er nach seinen Turnschuhen und zieht sie wieder an.
»Wo ist die Skulptur?« Meine Augen zucken mittlerweile derart, daß ich kaum sehen kann.
»Wir gehen jetzt«, sagt er. »Ich bringe dich zu ihr.«

Wir gehen hinaus auf den Parkplatz, wo die Bewässerungsanlage des Hotels wieder zentrifugalen Regen auf das Gras und die Hecken spritzt. Die Straßenlampen sind jetzt eingeschaltet, wirken heller und heller, als die Dämmerung allmählich dunkler wird.
Neue Hotelgäste treffen ein. Andere brechen zum Abendessen auf, reden laut, während sie zu ihren Autos gehen.
Als mein Vater unser Auto vom Parkplatz manövriert, sage ich mir, daß er vielleicht krank ist, geistig krank, obwohl ich zuvor außer seinen Gefängnisalbträumen keinerlei Anzeichen beobachtet habe.
Als ich acht Jahre alt war, und mein Vater zum ersten Mal in seinem Leben Masern hatte, hörte ich, wie er zu einem Kunden am Telefon sagte: »Vielleicht lebensbedrohlich. Der Doktor sagt, Masern in meinem Alter können tödlich sein.«
Da begriff ich zum ersten Mal, daß mein Vater sterben konnte. Ich schlug in jedem Wörterbuch und jedem Lexikon in der Schule das Wort »tödlich« nach, versuchte zu verstehen, was es bedeutete, daß mein Vater gänzlich aus meinem Leben verschwinden könnte.

Mein Vater hält neben dem Highway an, an einem künstlich geschaffenen See, eines dieser Wunder der modernen Tropenstadt, geschwungene Steinbänke umgeben das stehende Wasser. Es ist fast dunkel, nur der Halbmond spendet ein wenig Licht. Mein Vater stapft über den gepflegten Rasen, steuert auf eine der Bänke zu. Ich setze mich neben ihn, lasse meine Hände zwischen den Beinen baumeln.
Ich bin wieder ein kleines Mädchen, mit meinem Vater auf Spritztour, einem seiner Ausflüge in den botanischen Garten oder zu den ägyptischen Statuen im Museum. Mir war als Kind bewußt, daß diese Ausflüge lehrreich sein sollten, aber es dauerte Jahre, bis ich begriff, daß mein Vater sein Bestes tat, um so wie andere Väter zu sein, mir sein Wesen begreiflich zu machen, soweit es ihm möglich war.
Ich werfe einen flüchtigen Blick auf den See. Er ist schlammig und dunkel, und einige sehr große, rosafarbene Fische schießen knapp unterhalb der Oberfläche hin und her, schauen aus, als wollten sie herausspringen und mit uns die Plätze tauschen.
»Ist die Skulptur hier?« frage ich.
»Im Wasser«, sagt er.
»Okay«, sage ich ruhig. Aber ich weiß, daß ich bereits geschlagen bin. Ich weiß, daß die Figur bereits verloren ist. Durch die Risse ist wahrscheinlich schon soviel Wasser gedrungen, dass das Holz in mehrere Stücke gebrochen. Alles, was ich jetzt sagen könnte, wäre etwas Unbedachtes, etwas, das mein Vater wahrscheinlich nicht einmal begreifen würde.
»Laß dir soviel gesagt sein«, sage ich, »du bist ein sehr strenger Kritiker.«
Mein Vater versucht ein Lächeln zu unterdrücken. Er kratzt sich an Kinn und Narbe, sagt aber nichts. In diesem Licht erscheint die normalerweise wie gemeißelt wirkende Narbe tiefer als gewöhnlich, dennoch weniger bedrohlich, wie ein Grübchen, das sich zu sehr ausgebreitet hat.
Ich habe Wut immer als ein sinnloses Gefühl empfunden. Meine Eltern beklagten sich über die ungerechte New Yorker Politik, aber sie waren niemals wütend wegen meiner Schulnoten, wegen all der Dreien, die ich in jedem Fach außer dem Kunstunterricht erhielt, oder weil ich kein Gemüse aß oder gelegentlich meinen täglichen Löffel Lebertran erbrach. Ganz gewöhnliche Wut, habe ich immer gedacht, ist sinnlos. Aber nun bin ich zutiefst wütend. Ich möchte meinen Vater schlagen, ihm die Verrücktheit aus dem Kopf prügeln.
»Ka«, sagt er, »ich erzähle dir jetzt, warum ich dich Ka genannt habe.«
Er hat es mir bereits viele, viele Male erzählt. Jetzt scheint kein guter Zeitpunkt zu sein, mich daran zu erinnern, aber vielleicht hofft er, daß es mich beruhigen, mich davon abhalten wird, ihn für den Rest meines Lebens zu hassen.

Auszug aus: Edwidge Danticat, »Der verlorene Vater«. Aus dem amerikanischen Englisch von Susann Urban. Herausgegeben von Ilija Trojanow. Büchergilde Gutenberg

erstellt am 10.6.2011

Edwidge Danticat
Edwidge Danticat

Nominiert für den
Internationalen Buchpreis 2011:

Edwidge Danticat
Der verlorene Vater
Erzählungen.
The Dew Breker, 2004
Aus dem Englischen von Susann Urban
Edition Büchergilde, Frankfurt 2010
Reihe Weltlese, hrsg. von Ilija Trojanow,
239 S.; EUR 18,43 ; sFr.30,50
ISBN 978-3-940111-76-0