Für den Fall, dass die nächsten sieben Jahre so verlaufen, wie die letzten sich zeigten, hat Lothar Schöne eine futuristische Aufklärungsrede für Nichtleser niedergeschrieben, die allerdings leider schon heute als Flugschrift unter die Leute zu bringen wäre. Oder über Twitter?

Ein Gespräch nach vorn

Die Erotik des Lesens

Lieber Leser im Jahr 2025,

ein merkwürdiger Zufall hat Sie an diesen Ort verschlagen, Sie sind selbst etwas irritiert und wissen nicht so recht, weshalb Sie überhaupt hier sind. Darf ich Sie aufklären? Das ist eine Bibliothek, früher gab es sie öfter, aber inzwischen sind sie weniger geworden, man hat sie outgesourct … wie? Ihre Frau hat sie hier abgesetzt? Ja, Frauen sind noch Leser, und die Ihre ahnt, dass Bibliotheken der Garaus droht, profitabel waren sie noch nie – ich weiß das, weil ich aus der Vergangenheit komme. An diesem Ort gibt es Bücher, ich meine echte, solche, die man in die Hand nehmen und aufblättern kann. Ja, diese Bücher besitzen wirklich Papierseiten und richtige Umschläge. Das sind Sie nicht mehr gewohnt – Sie haben eine Combox. Macht nichts, probieren Sie es trotzdem, ziehen Sie ruhig mal ein Buch aus dem Regal. Man kann es aufschlagen und die Seiten an sich vorbeiziehen lassen.

Riechen Sie das? Ja, ja, Bücher haben auch einen Geruch, das, was sie gerade zögernd in der Hand halten, stammt aus dem vorigen Jahrhundert, aus dem Jahr 1996, es heißt „Das jüdische Begräbnis“ und stammt von einem Autor … ach, das wollen Sie offenbar gar nicht wissen, Sie schieben es auch schon wieder zurück. Das Buch, das Sie jetzt gezogen haben, ist noch älter, es wurde 1988 gedruckt und sein Titel ist „Die letzte Welt“. Dieses Buch scheint Sie mehr zu interessieren, Sie klappen es sogar auf. Lesen Sie etwa? Den Anfang, ja? „Ein Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näher kam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war…“

Das ist ein Roman, und der Beginn gefällt Ihnen? Animiert Sie sogar zum Weiterlesen? Da kann ich Ihnen schon jetzt sagen: Sie sind nicht umsonst in dieser Bücherei gelandet. Eventuell sind Sie sogar ein potentieller Leser, aber wussten es bislang nicht. Vielleicht vermissen Sie etwas? Sie widersprechen? Das gefällt mir, Widerspruch belebt das Gespräch. Sie vermissen nichts, sagen Sie? Ihr Tablet genügt Ihnen, und es geht Ihnen auch sonst gut? Natürlich, das glaube ich Ihnen sofort. Sie fahren ein ordentliches selbstfahrendes Auto, Ihr Smartphone lässt Sie nichts verpassen, es klingelt bei jeder Gelegenheit, Sie haben zu essen und zu trinken, es geht Ihnen gut – und doch stehen Sie hier…

Wie bitte? Sie finden, dass Romane altmodisch sind? Da haben Sie vielleicht nicht so unrecht, es kommt halt darauf an, was man unter altmodisch versteht. Meinen Sie überholt oder aus einer früheren Zeit? Ah, Sie haben schon ein anderes Buch aus dem Regal gezogen. Wie bitte? Das fängt ganz interessant an? „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Ich stimme Ihnen zu, es fängt wirklich so an, dass es neugierig macht. Man fragt sich doch sofort, aus welchem Grund dieser Josef verhaftet wird und was die Folgen sein werden. Was ist los mit Ihnen? Jetzt setzen Sie sich sogar? Darf ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie mir im Moment ein bisschen altmodisch vorkommen. Setzen heißt doch, Sie brauchen etwas Muße, Sie wollen nicht im Stehen lesen, Sie wollen wissen, wie es nach dem Eingangssatz weiter geht. Sie nicken? Ich fürchte, Sie geben mir Recht – wo ich doch Widerspruch erwartet hätte.

In Ruhe lesen

Also, dann lasse ich Sie in Ruhe. Ich will lediglich darauf aufmerksam machen, dass Sie ein sehr altertümliches Buch in den Händen halten, sein Text ist schon über hundert Jahre alt. Sie heben den Kopf und schauen mich verdutzt an. Das hätten Sie nicht erwartet? Ja, so ist es nun mal: Das Altmodische muss nicht uninteressanter oder gar schlechter als das Neumodische sein. Na ja, was rede ich, das haben Sie ja gerade selbst herausgefunden.

Ich gehe dann jetzt … ich will nicht weiter stören. Wie bitte? Ich soll bleiben? Was sagen Sie? Sie wundern sich, dass so ein altmodisches Medium wie der Roman Sie überhaupt interessiert, das hätten Sie nicht vermutet. Verstehe ich, so denken ja viele in Ihrer Zeit und deshalb fassen sie literarische Bücher nicht an, egal, ob es echte Bücher mit Papierseiten sind oder solche auf ihrem Lesegerät. Literatur scheint eine Art Schimpfwort geworden zu sein. Schon lange dominieren die stürmischen Medien, die visuellen mit ihren blitzartigen Schnitten, eben das Internet, der Film, das Fernsehen, und die Leute tummeln sich in den Mediatheken der Sender.

Wie? Sie schätzen die Ruhe hier, sie fangen sogar an, sie zu lieben. Was Sie feststellen, finde ich bemerkenswert. Wenn das ein Ergebnis des Lesens ist, ist es doch…. Großartig? Das haben Sie gesagt, aber ich stimme Ihnen vollkommen zu. Und wenn Sie mir nicht widersprechen wollen, will ich das wenigstens selbst tun. Ich finde nämlich, dass Ruhe eigentlich die Voraussetzung fürs Lesen ist. Aber unrecht haben Sie auch nicht: Die Ruhe, die Entspannung kann auch ein Ergebnis des Lesens sein. Übrigens gibt es darüber auch einen Roman, er heißt „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Langsamkeit finden Sie auch gut? Hallo! Sie werden doch nicht Ihrer rasenden Medienwelt den Rücken zukehren wollen? Ihnen gefällt, dass Sie mal innehalten und zurückblättern können? Das meine ich doch mit Langsamkeit! Die Literatur und das Lesen haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber den schnellen Medien, eben weil sie so langsam sind. Und weil es in der eigenen Hand liegt, einen zurückliegenden Absatz noch mal zu lesen. Und Sie können sogar kopfschüttelnd ein Fragezeichen dran machen oder sogar einen Kommentar anmerken. Unter uns: Das ist doch wahre Interaktivität, finden Sie nicht? Und wenn Ihnen das Buch gar nicht gefällt, klappen Sie es zu und werfen es in die Ecke. Bei Ihrem Laptop überlegen Sie sich das mindestens dreimal.

Sie haben das Buch zugeklappt, aber werfen es nicht in die Ecke, sondern machen ein nachdenkliches Gesicht. Das freut mich, ich vermute Sie wollen mir widersprechen, aber schon jetzt will ich Ihnen sagen, dass Ihre Reaktion nichts Krankhaftes hat, sondern absolut normal ist. Schriftsteller können es nicht lassen, sie wollen die Leute nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Nachdenken bringen.

Sie winken ab? Also raus mit der Sprache, was haben Sie kritisch anzumerken? Wie? Die Lektüre erschöpft Sie, Sie müssen sich konzentrieren, das Lesen ist anstrengend. – Hmm, ich will Ihnen nicht vollkommen widersprechen und doch… Ich sehe die Sache so: Für den Nichtleser ist jede Lektüre anstrengend, schon bei der Verpackungsaufschrift eines Beutels Spinat wird er aufstöhnen, da muss man ja etwas entziffern – das ist er nicht mehr gewohnt, da hat er Schwierigkeiten. Doch je mehr Verpackungsaufschriften er liest, desto leichter wird ihm die Lektüre fallen, bis er sich sagt: Wozu lese ich diesen Unsinn, ich werde einen Vergleichstest in einer Testzeitschrift studieren und dort erfahren, welcher tiefgefrorene Spinat der beste ist. Ähnlich ist es bei der Literatur auch. Sie fangen klein an und steigern sich. Vielleicht ist dieser Roman, den Sie in der Hand halten, nach Ihrer langen Lektüreabstinenz doch nicht ganz der Richtige.

Die Eroberung der Schrift

Ja, ich weiß, der Anfang hat sie überzeugt, aber … und jetzt sage ich Ihnen etwas unter Brüdern: Literatur erfordert nicht nur Muße und verschafft innere Ruhe – das Lesen verlangt auch eine gewisse Anstrengung und Konzentration. Oh, Sie stöhnen auf, aber nein, ich korrigiere mich nicht! Ich komme Ihnen nicht entgegen. Verstehen Sie doch die Vokabel Anstrengung nicht nur negativ! Treiben Sie Sport? Na also, beim Sport strengt man sich auch an und ist glücklich, wenn man schweißüberströmt anschließend unter der Dusche steht. Das ist wie ein kleiner Orgasmus… Wie bitte? Sie wollen keinen Orgasmus beim Lesen? Nein, ich rede doch nicht von erotischer Literatur, obwohl gute Romane auch immer etwas Erotisches haben, man fühlt sich hingezogen zu ihnen, man will sie um sich haben wie eine schöne und begehrenswerte Frau. Ich meine generell die Erotik des Lesens, ich spreche von dem Glückserlebnis, das man bei einer Lektüre haben kann wie beim erfolgreichen Sport danach unter der Dusche. Darum geht’s. Und etwas Anstrengung ist hier wie da nötig. Aber sie wird belohnt, ja, Sie belohnen sich gewissermaßen selbst. Das hört sich absurd an? Vielleicht – ist es aber nicht. Denken Sie nur mal daran, was Sie selbst festgestellt haben. Die ersten Sätze des Romans, den Sie immer noch in der Hand halten, haben Sie angelockt, der Beginn hat Sie verführt zum Lesen. Dieser Verführung haben Sie nachgegeben, ja, Sie wollten verführt werden. Jetzt stellen Sie fest, dass es doch nicht so einfach ist, diese Frau, will sagen diesen Roman rumzukriegen. Sie müssen sich schon ein bisschen anstrengen, ihn zu erobern.

Was murmeln Sie? Ja, ja, Sie haben Recht, es ist ganz ähnlich wie im Verhältnis der Geschlechter. Da müssen Sie auch dranbleiben, um eine Frau zu erobern. Sie müssen sich ein bisschen anstrengen, Sie müssen in die Beziehung etwas investieren: Zeit und ein wenig Mühe.

Das hätten Sie nicht erwartet? Ja, lieber ferner Lesefreund, wollen Sie denn alles umsonst bekommen? Sie wissen doch längst, dass in dieser Welt nur eines umsonst ist, nämlich der Tod. Und um den zu erwerben, kostet es auch etwas, nämlich das Leben. Jetzt klappen Sie das Buch wieder auf. Ich habe Sie doch hoffentlich nicht erschreckt? Nein! Sie haben nach den Eingangssätzen jenes Romans, der vor Ihnen liegt, eine Idee bekommen. Die Zimmervermieterin hat Josef K. an dem Verhaftungstag nicht das Frühstück gebracht. Sie hat ihn vermutlich verraten, Sie weiß etwas über ihn, was ihren Verdacht erregt hat. Dieser Josef muss ein Krimineller sein, vermuten Sie, man weiß nur noch nicht, was er genau auf dem Kerbholz hat, aber es muss etwas Übles sein.

Na bitte! Sie zeigen gerade etwas, was jeder Leser von Literatur im Laufe der Zeit entwickelt: Phantasie. Sie machen sich Ihr eigenes Bild von der Situation, die Sie gerade lesend erlebt haben, und spinnen Sie fort. Stimmen Sie mir zu, dass das Lesen von Romanen oder Geschichten Ihre Phantasie anregt?

Im Reich der Phantasie

Ja? Kein Widerspruch? Das Wörtchen „anregt“ ist Ihnen zu dürftig? Die Situation im Buch bringt Sie in Wallung, Sie überlegen sogar, was Sie in einer solchen Situation tun würden. Ich stelle gerade fest, dass es nicht sinnlos war, Sie anzusprechen. Eine Verfilmung dieses Romans wäre unbefriedigend? Genau, ich bin ganz Ihrer Meinung, sie wäre unbefriedigend, weil sie Ihnen vorgefertigte Bilder einer anderen Phantasie, der des Regisseurs, zeigen würde. Ich habe ja gleich vermutet, dass Sie eventuell ein potentieller Leser sind. Was ein potentieller Leser ist? Na, eben einer, der sich eigene Gedanken machen will, einer, dem vorgefertigte Bilder nicht genügen, einer, der seiner Phantasie keine Zügel anlegen will.

Wie? Das sollen Sie sein? Warum denn nicht – ich sagte Ihnen doch schon, dass viele nicht wissen, dass sie potentielle Leser sind. Sie getrauen sich nicht, sie denken, sie hätten keine Zeit zum Lesen, sie fürchten die Anstrengung, sie fragen sich, was es für einen Mehrwert hat. Doch Sie haben schon gemerkt, was Lesen bewirken kann, es hat Sie neugierig gemacht, Ihre Phantasie angestachelt und Sie zum Nachdenken gebracht. Unter uns Lesern: Es gab eine Zeit, da wollte man Literatur nur gelten lassen, wenn sie zur Veränderung der Welt beitrug und zwar möglichst sofort. Das ist purer Unsinn.

Aber ich glaube, dass das Lesen von Romanen, Geschichten und Gedichten schon etwas verändern kann: nämlich den Leser selbst. Sie nicken nachdenklich? Der Leser gewinnt durch Lektüre einen anderen, vielleicht sogar neuen Blick auf die Welt, auf andere Menschen, und er erlebt Situationen, die er in seinem realen Leben vermisst. Was sagen Sie? Sie meinen, wir sollten uns nicht vormachen, auch ohne Bücher komme man durchs Leben! Sie werden lachen: Ich gebe Ihnen Recht. Mit einem kleinen Einwand: Das Lesen von Literatur macht uns auf unmerkliche Art reicher. Und kundiger. Und weltläufiger. Lesen ist die Musik des Lebens. Ohne diese Musik kommt man auch zurecht, gewiss, aber man bleibt in all dem materiellen Reichtum arm – ohne es zu wissen.

Sie haben sich entschlossen, diesen Roman zu entleihen? Tun Sie es, solange es noch geht, vielleicht wird diese Bibliothek bald geschlossen, weil man sie für überflüssig hält. Grüßen Sie Ihre Frau! Ich gehe jetzt und reiche Ihnen die Hand. Danke für das Gespräch. Wir zwei wissen jetzt, dass uns etwas verbindet: das Lesen.

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erstellt am 31.8.2017