Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel nimmt die Leser ihres neuen Buchs auf eine Gedankenreise mit, die während der Flüchtlingskrise im Juli 2015 beginnt und Anfang 2017 in Klagenfurt endet. In kurzen Sentenzen kommentiert Sargnagel ihre Umgebung und mischt ihre „Statusmeldungen“ mit persönlichen Details. Riccarda Gleichauf hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Ein kotiges Ungeheuer

Stefanie Sargnagel kommt aus keiner Künstlerfamilie. Nein, sie entstammt noch nicht einmal einem Akademikerhaushalt. Ihr Sprungbrett ins Schreiben ist (vielleicht) das oft merkwürdig-obszöne Österreich, und natürlich ihr Talent. In den gerade bei Rowohlt erschienenen „Statusmeldungen“ nimmt sie die LeserInnen mit auf eine Gedankenreise, die in der Flüchtlingskrise im Juli 2015 beginnt und Anfang 2017 in Klagenfurt endet. Manchmal nur in halben Sätzen, kaum ausformulierten Sprachfetzen kommentiert Sargnagel die Umgebung um sich herum und mischt ihre „Meldungen“ mit persönlich-biographischen Details, die einen Witz erzeugen, der völlig unangestrengt gesellschaftliche Missstände kritisiert.

Dabei verlässt Sargnagel immer wieder ihre Beobachterposition, um sich direkt am politischen Geschehen zu beteiligen. Aus diesem Impuls heraus ist wohl auch ihre nur aus weiblichen Mitgliedern bestehende Burschenschaft „Hysteria“ entstanden, mit der sie Treffen rechtsradikaler schlagender Verbindungen stört.

Als im Sommer 2015 zahlreiche Flüchtlinge die österreichisch-ungarische Grenze erreichen, organisiert Sargnagel „Taxifahrten“ in die Aufnahmestationen und sitzt selbst am Steuer. Ihren Aktionismus kommentiert sie folgendermaßen:

„Ich würde ja schon Leute kurzfristig bei mir aufnehmen, aber meine Wohnung ist im Moment unhygienischer als das Flüchtlingslager in Röszke.“

Die Autorin hat eine Meinung

Sargnagel zieht sich mit Formulierungen, die den Intimbereich streifen, immer wieder vor der „Kamera“ der LeserInnen aus, weswegen sie mit Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) verglichen wird. Solche Vergleiche sind oft wenig aussagekräftig und entspringen einem Schubladendenken – hier stimmt er schlichtweg nicht. Sargnagel erreicht durch ihre politisch-autobiographischen Beschreibungen, gerade auch im feministischen Kontext, eine Erkenntnisebene, bei der Roches Texte ganz unten im fäkalen Sumpf steckenbleiben. Die Autorin hat eine Meinung, ihr geht es um die Sache. Ihre eigene Selbstinszenierung benutzt sie zu deren Verdeutlichung und macht sich damit eher verletzlich, als dass sie den Narzissmus pflegt. Kompromisslos sagt sie, sie wolle keine Gleichberechtigung, sondern ein Matriarchat, denn:

„Man kann nicht von Postfeminismus oder der Befreiung vom sozialen Geschlecht reden, solang sich Männlichkeit in ihren Prinzipien noch immer durch die Unterdrückung des Weiblichen definiert. Man muss mindestens zehn Jahre lang alles Männliche in allen Gesellschaftsbereichen hart unterdrücken. Danach kann man wieder entspannt über Gender reden.“

Radikale Ansichten mit wohltuend utopischem Gehalt mischen sich immer wieder in ihre Notizen, umkreisen Themen wie ihr KünstlerInnendasein parallel zum Brotberuf im Callcenter, das Arbeitermilieu und natürlich Rechtsradikalismus bzw. Faschismus in all seinen Ausprägungen. Die Texte geben aber insbesondere Einblicke darüber, was es heißt, in Österreich zu leben. So beschreibt sie Alltagsszenen, die denen aus Filmen von Ulrich Seidl (etwa „Hundstage“) ähneln, morbide und gleichzeitig, in all ihrer widersprüchlichen Abgründigkeit, zutiefst menschlich:

„Die Smalltalk-Themen in diesem seltsamen Lokal gestern waren: Vergewaltigung, Obdachlosigkeit, Krebs, Mord und Totschlag, Psychosen und Rapid Wien. Die Bar war weihnachtlich dekoriert mit Christbaumkugeln und Lametta. Ein Typ ist am Klo völlig besoffen aufs Waschbecken gefallen und lag bewusstlos in einer Blutlache. Die Rettung hat ihn dann mit einer zentimetertiefen Platzwunde am Kopf abgeholt, ich dachte, er wäre tot. Danach wurde die Blutlache einfach vom Kellner weggewischt und wieder Musik in die Jukebox eingelegt. Dann hat mir der Kellner Fotos seiner Katze ,Garfield‘ gezeigt. Er sagte, der Kater wäre sein Ein und Alles und würde sich immer genau so auf seine Thrombose setzen, dass er keinen Schmerz spürt. Alle waren sehr nett.“

Sie sucht die Konfrontation

Aber auch die nachdenkliche Sargnagel kommt immer wieder zu Wort, in denen Aussagen lesbar werden, in denen die verspielt-kindliche und unsichere Seite einer Autorin hervorschauen, die im gleichen Moment scheinbar ungerührt einen Shitstorm über sich ergehen lässt. Sargnagel sucht die Konfrontation, nutzt die mediale Aufmerksamkeit, um mit gezücktem, (humorvollen!) Stinkefinger ihre Meinung zu vertreten. Selbstkritisch beäugt sie sich dabei immer wieder selbst, reflektiert ihren Alltag sarkastisch, ihre Einsamkeit zum Beispiel, in die sie ihr Grenzgängerinnendasein immer wieder führt:

„Es ist toll, eine Familie zu haben, die einen bei den eigenen Lebensentwürfen unterstützt. Heuer habe ich zwei Jogginghosen zu Weihnachten geschenkt bekommen.“

Zum Brüllen komisch sind auch ihre bunten Zeichnungen und natürlich ihre Meinung über Deutschland, die zwischen Zustimmung und Ablehnung schwankt. Durch ihre steigende Popularität reist sie dort immer öfter in die entlegensten Winkel, obwohl sie Lesungen eigentlich gar nicht mag. So schreibt sie jedenfalls. Denn auch in ihren realsatirischen, sicher stark autobiographischen Aufzeichnungen verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion.

Der ganz besondere, poetische Humor aber zeigt sich, wenn Sargnagel die Skurrilitäten der anderen Menschen beschreibt, oder sie sich innerlich vorstellt, wenn es nur auf den ersten Blick um sie selbst geht:

„Mein Fernseher hat eine Störung. Ich glaube, die alte Nachbarin hat sich wieder in Alufolie eingewickelt und tanzt hinter der Wand.“

Einige Stimmen mögen vielleicht fragen: Ist das jetzt Literatur? Die knappen, ins Mark treffenden Sätze schaffen jedenfalls surrealere Szenerien, als es jede ausufernde Phantasiegeschichte hinbekommt.

„Die Welt ist ein kotiges Ungeheuer“, erklärte Nietzsche im „Zarathustra“.

Sargnagel betrachtet ihre stinkenden Ausscheidungen mit messerscharfen Schriftstellerinnenaugen. Wer sich zu fein ist, ihr dabei zu folgen, verpasst etwas.

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erstellt am 31.8.2017

Stefanie Sargnagel, Foto: Udo Weier / WIkimedia
Stefanie Sargnagel, Foto: Udo Weier / WIkimedia

Stefanie Sargnagel
Statusmeldungen
Leinen, 304 Seiten
ISBN: 9783498064440
Rowohlt Verlag, 2017

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