Randnotiz von Stephanie Doetzer

Tagesschau-Momente im Libanon

BEIRUT – Die Sonne brennt, die Straße staubt und ich bin im Libanon. Das merke ich vor allem an den Tagesschau-Momenten. Das sind jene Momente, in denen der Nahe Osten aussieht wie in den Fernsehnachrichten.

Also in etwa so: An den Häuserwänden Einschusslöcher, daneben unsympathische Politikerportraits. Eine Jugendclique skandiert irgendwelche Parolen, ein Hupkonvoi versperrt den Weg, die Armee patrouilliert mit einem Tarnfahrzeug in Blätteroptik die Straße auf und ab. Irgendwann fällt der Strom aus und von weitem hört man etwas, was klingt wie eine Explosion.

Blöd ist in solchen Momenten, dass man nicht genau weiß, ob man das jetzt spannend finden darf oder nicht. Die Libanesen jedenfalls finden es nicht sonderlich spannend. Die meisten westlichen Nachwuchsjournalisten dagegen umso mehr. Doch weil wir im Leben zu viel Fernsehnachrichten geschaut haben, sind wir anfällig für eine, wie soll ich sagen, leicht verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung.

Es geht ganz schnell: Man fährt durch eine Dorfstraße in der Bekaa-Ebene, zwei Checkpoints liegen hinter einem, gelb-grüne Hisbollah-Flaggen wehen im Wind. Und dann die Banner über der Straße: Mit arabischen Buchstaben, ganz in rot-schwarz, manche mit Löchern im Stoff, fast wie durchgeschossen. Was denkt da der fernsehgeschulte Journalist aus dem Westen?

Ganz klar, denkt er, das sind hoch brisante Banner, politische Propagandaplakate, was sonst! Blöd nur, dass man nicht lesen kann, was da steht. Wahrscheinlich „Tod den USA und Israel!“‚ oder “Gott segne unsere Märtyrer!“, wer weiß… Und dann hat er das gute Gefühl, er habe eine Spur gewittert, womöglich ein Thema, womöglich das Thema schlechthin.

Ich war kürzlich auch in der Bekaa-Ebene. Ich halte meine Nase aus dem Autofenster, die Straße staubt, die Flaggen wehen, ich versuche etwas zu entziffern. Dann gebe ich auf und frage Hani, meinen libanesischen Fahrer, mit erwartungsvoller Stimme: Du, was steht denn auf den ganzen Bannern hier? „Welche Banner?“, fragt er. Na, die in rot-schwarz mit den Löchern im Tuch!

„Ach die“, meint Hani seltsam ungerührt. „Ein Fest in der Grundschule. Am Freitag ist Tag der offenen Tür.“

erstellt am 10.6.2011

Nicht alle Plakate sind so eindeutig wie diese.