Eine Utopie zu leben, ist unsinnig. Denn die Utopie ist der Nicht-Ort. Es mag aber geschehen, dass wir einer Gewissheit habhaft werden, die uns der Existenzsorgen enthebt. Was es mit diesem schönen Schein auf sich hat, schildert Otto A. Böhmer in seinem Essay.

Essay

Schönheit zum Schaudern

Als der Philosoph Friedrich Nietzsche, ein an sich unglück­licher Mensch, der sich das Glück seines Wissens mit der Macht lebensbedrohlicher Zumutung erkaufte, in den Erinne­rungen suchte, die ihm Klarheit eingaben über den an­schei­nend schicksalhaften Verlauf seiner Existenz, da fiel ihm eine Begebenheit ein, die sich im Hochgebirge zugetragen hatte. Nietzsche war umhergewandert; er hatte Felsschründe über sich gesehen und den Firn ewigen Eises, was ihn, wie immer, wenn er wanderte, dazu veranlasste, in der Reichweite mittlerer Höhen zu bleiben und das Beunruhigende allzu stei­ler Pfade zu meiden. Unwegsames Gelände betrat Nietzsche nur in Gedanken; als Wanderer war er ein Biedermann, der sich an die Wege hielt, die ihm die Sicherheit gaben, ankommen zu können und zurückfinden zu dürfen. An einem Abhang machte der Philosoph Halt; er schaute ins Tal hinab, und was er sah, nahm ihn gefangen und ließ ihn, als ein Ahnung aufwer­fendes Bild, nicht mehr los: „Ich sah hinunter, über Hügel-Wellen, gegen einen milchgrü­nen See hin, durch Tannen und altersernste Fichten hindurch: Felsbrocken aller Art um mich, der Boden bunt von Blumen und Gräsern. Eine Herde bewegte, streckte und dehnte sich vor mir; einzelne Kühe und Gruppen ferner, im schärf­sten Abend­lichte, neben dem Nadelgehölz; andere näher, dunk­ler; alles in Ruhe und Abendsättigung. Die Uhr zeigte gegen halb sechs … Links Felsenhänge und Schneefelder über brei­ten Waldgür­teln, rechts zwei ungeheure beeiste Zacken, hoch über mir, im Schleier des Sonnenduftes schwimmend, – alles groß, still und hell. Die gesamte Schönheit wirkte zum Schaudern und zur stummen Anbetung des Augenblicks ihrer Offenbarung.“

Ahnung und Einsicht

Die Ahnung, die ein solcher Augenblick bringt, hat nichts mit dem üblichen Tagesgeschehen zu tun; sie ist vielmehr zeitübergreifend und ruht in sich selbst, so als wäre die Natur und die ihr zugedachte Gegenstandswelt zum Stillstand gekommen. Nietzsche hat die Ahnung, die ihn am Berghang überkam, später zur Gewissheit erhoben und zu einem Einsicht­s­prinzip erklärt, das in der Lebens-Geschichte selber wirk­sam wird. Es verhilft zu einer (möglicherweise trügerischen) Evidenz, die als Wahrheit begriffen werden kann, an der das Dasein Genüge findet. Die Fragen, die der Mensch an sein Leben stellt, werden im Schein dieser Wahrheit zu Antworten; ein Bewusstsein wirft sich auf, das jenseits aller Beweisführungen mit einer abwegigen Selbstsicherheit antreten kann, die sich um die Realien der Existenz nur noch am Rande zu kümmern hat.

Nietzsche verschaffte sich Klarheit; der „Wande­rer“, als den er sich begriff, wurde ihm zur wiederkehrenden Metapher für das Dasein des Menschen auf Erden. Er geht sei­nes Weges; dabei bleibt er abhängig vom Licht des Tages, in dem man sehen, aber auch geblendet werden kann. Nietzsche, der am Ende seines bewussten Lebens eingestand, er sei „des Tages müde“ und „krank vom Licht“, legte Wert darauf, den Helligkeitsabstufungen der Tageszeiten unterschiedliche Erkenntnisleistungen zuzusprechen. Was ihm in den Bergen zu­teil geworden war, nämlich eine zur Gewissheit erhobene Ah­nung, nahm er aus den frühen Abendstunden mit hinüber in den näch­sten hellen Tag. Dort wurde sie zur „Philosophie des Vormit­tags“, – zu einer Vorstufe des Wissens, das sich be­lohnt glaubt im Vollzug unmittelbarer Einsichtigkeit, die aus den Dingen selbst erwächst: „So mag es … dem Wanderer ergehen, aber dann kom­men, als Entgelt, die wonnevollen Morgen anderer Gegenden und Tage, wo er schon im Grauen des Lichtes die Musenschwärme im Nebel des Gebirges nahe an sich vorübertanzen sieht, wo ihm nach­her, wenn er still, in dem Gleichmaß der Vormittagsseele, unter Bäumen sich ergeht, aus deren Wipfeln und Laubver­stecken heraus lauter gute und helle Dinge zuge­worfen wer­den, die Geschenke aller jener freien Geister, die in Berg, Wald und Einsamkeit zu Hause sind und welche, gleich ihm, in ihrer bald fröhlichen, bald nachdenklichen Weise, Wanderer und Philosophen sind. Geboren aus den Ge­heimnissen der Frühe, sinnen sie darüber nach, wie der Tag zwischen dem zehn­ten und zwölften Glockenschlage ein so rei­nes, durchleuchte­tes, verklärt-heiteres Gesicht haben könne: – sie suchen die Philosophie des Vormittages …”

Was im sanften Licht des Vormittags noch wie ein Erkenntnisspiel anmutet, das auf Heiterkeit angelegt ist und nicht auf den Ernst vorbehaltloser Wahrheit, reift in der Helle des Mittags zur endgültigen Einsicht. Die Zeit scheint stillzu­stehen; die Gestalten des Lebens sind weder alt noch jung, und das, was ist, rechtfertigt sich im Licht des Be­stehen­den. Die Wahrheit, die dem Menschen nun zugemutet wird, rührt an das Innerste seiner Existenz; sie ruht in sich selbst, und sie bewahrt ihre eigene Begründung. Nietz­sche spricht von der Helle des Mittags wie von jener Klar­sich­tigkeit, die manche Menschen im Angesicht des Todes be­fällt: Das Vergangene zählt nicht mehr, die Gegenwart stirbt dahin, und die Zukunft ist ein leeres, flatterndes Blatt. Eine sol­che Gewissheit, die alle Möglichkeiten in sich birgt, kann auch als Glück begriffen werden; es ist ein Glück, das nicht mehr auf Erfüllung aus sein muss, sondern dem Lebenstraum zugeneigt bleibt, der leichtsinnig sein kann, aber auch des Daseins Schwere trägt: „Wem ein tätiger und stürmereicher Morgen des Le­bens be­schieden war, dessen Seele überfällt um den Mittag des Le­bens eine seltsame Ruhesucht, die Monden und Jahre dauern kann. Es wird still um ihn, die Stimmen klingen fern und ferner; die Sonne scheint steil auf ihn herab. Auf einer verborgenen Waldwiese sieht er den großen Pan schlafend; alle Dinge der Natur sind mit ihm eingeschlafen, einen Aus­druck von Ewigkeit im Gesichte – so dünkt es ihm. Er will nichts, er sorgt sich um nichts, sein Herz steht still, nur sein Auge lebt, – es ist ein Tod mit wachen Augen. Vieles sieht da der Mensch, was er nie sah, und soweit er sieht, ist alles in ein Lichtnetz eingesponnen und gleichsam darin begraben. Er fühlt sich glücklich dabei, aber es ist ein schweres, schweres Glück. – Da endlich erhebt sich der Wind in den Bäumen, Mittag ist vorbei, das Leben reißt ihn wieder an sich, das Leben mit blinden Augen, hinter dem sein Ge­folge herstürmt: Wunsch, Trug, Vergessen, Genießen, Vernich­ten, Vergänglichkeit …“

Erkenntnis und Idee

Die Erkenntnis, die Nietzsche in der Helle des Mittags ge­wann, lässt sich über ihren Anlass hinaus haltbar machen; was in ihr anklingt, ist eine Gedankenfigur, die für ganze Le­bensabschnitte individuelle Gültigkeit beanspruchen kann: Die Offenbarung des Augenblicks nämlich, so scheint es, lässt sich verlängern und wird zur mutmaßlichen Einsicht in das, was kommt. Wir meinen dies an uns selbst beobachten zu kön­nen: Im Dasein jedes Menschen gibt es, so kann man behaup­ten, Episoden des ruhigen Gelingens, in denen sein Leben sich in die ihm zugedachte Ordnung einzufügen scheint und der Blick voraus wie die verbürgte Einsicht in eine ru­hig­gestellte Zukunft anmutet. Die Konturen der Existenz neh­men Gestalt an; die Aufgaben sind gestellt, und eine denk­würdige Gewissheit macht sich bemerkbar, in deren Glanz die gehegten Erwartungen Wirklichkeitsansprüche anmelden dürfen. Zum Ein­sichtsprinzip wird diese Gewissheit, wenn sie ihren Erkennt­nisanspruch aufrecht erhält, obwohl die Weihe des Mo­ments vorbei ist und die Realität, das so genannte „Leben mit blinden Augen“, von dem Nietzsche spricht, wieder mit seiner Zwangsvorstellung beginnt. Wer ihr, der Zwangs­vor­stellung Leben, beiwohnt im Bewusstsein hellsichtiger Ge­lassenheit und einer fast träumerischen Transparenz, die den jeweils bevorstehenden Lebensabschnitt wie eine leicht zu bestehende Herausforderung erscheinen lässt, hat die Bot­schaft des hellen Mittags wohl begriffen und, auf Dauer ge­stellt, zur seiner eigenen gemacht. Was die dazugehörigen Erwartungen angeht, so mögen diese enttäuscht werden: Es ändert nichts daran, dass man nur einer Gewissheit folgt, die sehr nah an dem bleibt, was Ernst Bloch mit dem „Prinzip Hoffnung“ angesprochen hat: – den Gang der Gedanken an den Horizont des Kommenden, mit dem man sich im Einklang wähnt: „Das Morgen im Heute lebt, es wird immer nach ihm gefragt. Die Gesichter, die sich in die utopische Richtung wandten, waren zwar zu jeder Zeit verschieden, genauso wie das, was sie darin im Einzelnen, von Fall zu Fall, zu sehen meinten. Dagegen die Richtung ist hier überall verwandt, ja in ihrem noch verdeckten Ziel die gleiche; sie erscheint als das ein­zig Unveränderliche in der Geschichte. Glück, Frei­heit, Nicht-Entfremdung, Goldenes Zeitalter, Land, wo Milch und Honig fließt, das Ewig-Weibliche, Trompetensignal im Fidelio und das Christförmige des Auferstehungstages danach: es sind so viele und verschiedenwertige Zeugen und Bilder, doch alle um das her aufgestellt, was für sich selber spricht, indem es noch schweigt.“

Wer in der Lage ist, sein Leben von außen, gleichsam wie ein wohlwollender Beobachter zu betrachten, der wird feststel­len, dass es immer wieder Phasen des Neube­ginns gibt, die, zumindest in der nachträglichen Wertung, als eminent wichtig erscheinen und einer Läuterung gleich­kommen. Man ist sich fast sicher, dass eine andere Zeit be­gonnen hat, – eine Zeit des phantastischen Gelingens, das auch mit Fehlschlägen aus­kommen kann. Ein solches Wissen ist wie ein neues Leben, es steht im schönen Schein, der eine Vielzahl von Mög­lichkeiten anbietet, die man nutzen darf. Als Weltanschauung wirft der schöne Schein Glanz ab; er gibt das Licht, in dem Dichter heimfinden oder den großen Entwurf wagen. Wer dem verführerischen Bil­derreichtum des schönen Scheins erliegt, ohne die Rückversi­cherung des sogenannten gesunden Menschenverstandes in An­spruch zu nehmen, mag kühn genug sein, „ein Leben im Schein als Ziel“ zu formulieren, wie es Nietzsche tat. Seine Ziel­projektion blieb die Helle des Mittags als Ort stillge­stellter Erkenntnis und ruhiger Gewissheit, an dem der schöne Schein nicht nur schweres Glück erahnen lässt, sondern auch wie ein euphorischer Agent seiner selbst fungiert, der die Wahrheit immer wieder transzendiert, um sie mit neuem, ver­zweifeltem Leben zu erfüllen. – Im schönen Schein nimmt der erfüllte Augenblick Gestalt an; aus einer Eingebung wird, wie es Ulrich Clarisse, die Hauptfigur in Robert Musils Ro­man „Mann ohne Eigenschaften“ beschreibt, eine Idee – und eine Perspektive: „Denn eine Idee: das bist du; in einem bestimmten Zustand. Irgend etwas haucht dich an; wie wenn in das Rau­schen von Saiten plötzlich ein Ton kommt; es steht etwas vor dir wie eine Luft-Spiegelung; aus dem Gewirr deiner Seele hat sich ein unendlicher Zug geformt, und alle Schönheiten der Welt scheinen an seinem Wege zu stehn. Das bewirkt oft eine ein­zige Idee. Aber nach einer Weile wird sie allen an­deren Ide­en, die du schon gehabt hast, ähnlich, sie ordnet sich ihnen unter, sie wird ein Teil deiner Anschauungen und deines Cha­rakters, deiner Grundsätze oder deiner Stimmungen, sie hat die Flügel verloren und eine geheimnisvolle Festigkeit ange­nommen …“

Stimmung und Sehnsucht

Eine Stimmung: auch das kann der schöne Schein sein; eine Stimmung, die Konturen gewinnt und Haltung an­nimmt in der Zeit. Die uns bestimmte Zeit des schönen Scheins, Episoden allesamt des nicht ganz ein­wandfreien Ge­lingens und eines fast verspielt anmutenden Scheiterns, dür­fen wir, wenn's denn gut kommt, wie eine glückliche Heimsuchung emp­finden, deren Ende, wie alles im Leben, absehbar bleibt. Erinnerungen, in denen das Gewesene oft anders er­scheint, als es war, lassen manches Hochgefühl im Nachhinein tief fallen; solche Retro­spektiven ändern nichts dar­an, dass eine Stimmung, die aus der Helle des Mittags kommt und sich einhaust in ihrer Zeit, um den Bestand nicht mehr fürchten muss: Der schöne Schein, von dem zu berichten ist, lässt alle­mal durchblicken, was formidabel war und doch sehr vergäng­lich. Es ist ein seltsam gutes Leben, von dem er kün­det, aber auch die reine Abenteuerlust, die das Unbekannte will, um mit dem Bekannten vertraut zu bleiben. – Wer eine Zeit hat des schönen Scheins, der mag sich vorkom­men wie ein Entdecker, der in die Fremde auf­bricht, um dann doch nur, nach glücklicher Irrfahrt, am ver­trauten Gestade zu landen; – in der Helle des Mittags stehen die Dinge still, aber es wächst auch der Bekennermut, den man nicht unter­schätzen sollte, denn, einmal befeuert, kann er sich aus­wachsen bis hin zur Wahrheitswut.

Als Lebens- und Kunst­form hat der schöne Schein etwas mit der Sehnsucht zu tun, die unser Leben begleitet; von ihr, die sich glücklich schätzen darf, weil sie stark ist und alt genug, um schwach zu sein, erzählt Octavio Paz in seinem großen Gedicht „1. Januar“, das zugleich – so als sei's für immer – anklin­gen lässt, was eine Zeit bedeutet, die das Noch-­Nicht-Dagewesene findet und das Schöne er-scheinen lässt: „Die Türen des Jahres öffnen sich,/ wie die der Sprache,/ dem Unbekannten entgegen./ Gestern sagtest du mir: Morgen/ gilt es, ein paar Zeichen zu setzen,/ eine Land­schaft zu skizzieren, einen Plan zu entwerfen/ auf der Dop­pelseite/ des Papiers und des Tages./ Morgen gilt es,/ aufs neue,/ die Wirklichkeit dieser Welt zu erfinden./ – Spät erst öffnete ich die Augen./ Im Bruchteil einer Sekunde/ empfand ich das­selbe wie der Azteke,/ der lauernd/ auf der Felsklippe des Vorgebirges/ aus den Spalten des Horizonts/ die ungewisse Rückkehr der Zeit erwartet./ – Nein, das Jahr war zurückge­kehrt./ Es füllte das ganze Zimmer,/ betastbar für meine Blicke./ Die Zeit hatte, ohne unsere Hilfe,/ in der gleichen Ordnung,/ wie sie auch gestern galt,/ Häuser in die leere Straße gestellt,/ Schnee gelegt auf die Häuser,/ und Schwei­gen auf den Schnee/…- Du warst an meiner Seite,/ und ich sah dich, wie den Schnee,/ schlafend zwischen den Erin­nerungsbildern./ Die Zeit erfindet, ohne unsere Hilfe,/ Häu­ser, Straßen, Bäume,/ schlafende Frauen./ – Wenn du die Au­gen öffnest,/ werden wir uns erneut bewegen/ zwischen den Stunden und ihren Erfindungen./ Werden uns bewegen zwischen den Erscheinungsbildern,/ werden der Zeit vertrauen und ih­ren Verbindungen./ Vielleicht werden wir die Türen des Tages öffnen./ Dann werden wir das Unbekannte betreten.“

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erstellt am 18.8.2017

Der Philosoph Friedrich Nietzsche
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