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Nancy Hüngers Gedichte sind ausgefeilte Wortkompositionen, die oft schwerelos und improvisiert wirken. Wer sich ihnen widmet, nimmt teil an ihrer Sprachlust und der Melancholie, die das Komische und das Leidvolle zusammensieht. Bernd Leukert hat Hüngers neues Buch gelesen.

Nancy Hüngers neuer Gedichtband

Die Stille dazwischen

Dieser neue Gedichtband ist schon wegen seines Titels erwähnenswert: „Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett“. Es handelt sich dabei um die letzte Zeile des Gedichts „Der Abschied ist gemacht“ und gibt sich als knappe Bestandsaufnahme: glaubst du an nichts wird alles wahrscheinlich.

Hüngers Stimme, mit der sie uns immer neue Facetten des ungewusst Wahrgenommenen enthüllt, ist ihren Lesern vertraut. Noch virtuoser als zuvor erzählt sie hier mit Verschiebungen von Wortbedeutungen, Mehrdeutigkeiten, ausgiebiger noch setzt sie verkürzte Satzkonstruktionen ein, um den Leser zu den alternativen Angeboten mitzuziehen, die die Sprache allzeit bereitstellt, wie eben in diesem Abschiedsgedicht: glaubst du an nichts wird alles wahrscheinlich/ denkt irgendjemand dreimal im Jahr deinen Namen/ hört man immer seltener verspricht sich einer// Je nachdem, wo die Zäsur gesetzt wird, lässt sich dieser Textausschnitt mit unterschiedlichen Aussagen lesen. Die Differenz, die aus der Zusammenfassung der Varianten hervortritt, gibt jeder Aussage unrecht und dem Ganzen recht.

Auch greift in ihren Gedichten eine Art Baustil um sich, der schon mal als ‚Drehkreuz’ bezeichnet wurde. Es handelt sich um die Mehrfachverwendung eines Satzglieds, ohne es zu wiederholen, wie etwa in „Provinzfürstin“: in unseren Wunderkammern bergen wir/ seltsame Dinge stehen da unter Verschluß. Solche Abbreviationen können sogar gehäuft in einem einzigen Gedicht auftreten, wie in „Musik von sanften Motoren“: rot glimmt der Schnee im Februar rücken wir näher zusammen – unsere blauen Hände kramen unter den Sitzen ziehen wir ein altes Band auf – der Anfang ist alles wir zählen die Stille dazwischen musst du erst einmal aushalten.

Nicht alles lässt sich gedanklich nachvollziehen, einige Sprachbilder, wie in „Bei Tisch“, entziehen sich der Vorstellung: Wie ausgeräumt wir sind. … Die Zeit/ weiß nicht weiter, geht unter in uns/ drehen die Gestirne. …

Wer Nancy Hüngers Gedichte liest, erfährt daraus, was, in seiner poetischen Verwandlung, vom Erlebten übrig bleibt. Das allein ist nun nichts Besonderes. Das Erlebte selbst scheint aber dabei sorgfältig entfernt, obwohl es doch manchmal konkret beschrieben ist: Komm zieh deinen blauen Anzug an/ sobald die Laternen die Lichter schließen/ und die Müllabfuhr schon auf den Beinen… Es ist dieses liebevoll inszenierte Ambiente, das den zu spät erkannten glücklichen Moment mit hervorruft und dennoch zum gefühligen Bekenntnis die sichere Distanz schafft, die die poetische Arbeit kennzeichnet.

Nancy Hünger spricht gern mit dem kollektiven Wir, das sowohl Adressat als auch Subjekt der Erinnerung sein kann. Von diesem Wir geht eine besondere Stimmung aus, die – neben der souveränen Sprachkunst – mehr als alles andere die Dichtung dieser Autorin kennzeichnet. Es ist ein Wir voll jugendlichen Übermuts und enttäuschter Hoffnungen, getragen von Witz und Wehmut, über das man Tränen vergießen möchte, nicht wissend, ob sie dem Glück oder der Anrührung entspringen.

Und wunderbare Gedichtzyklen enthält der Band („volvere“ und „ach diese herrlichen Schwendtage, diese“), gefüllt mit Schönheit und Eleganz, die dieser Autorin unfehlbar von der Hand gehen.

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erstellt am 14.8.2017

Nancy Hünger
Nancy Hünger © Felix Wilhelm

Nancy Hünger
Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett
Gedichte
Broschur, 118 Seiten
ISBN 978-3-942375-28-3
Edition AZUR, Dresden 2017

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