Der Pariser Schriftsteller, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Emmanuel Carrère hat, von den russischen Wurzeln seiner Familie mütterlicherseits ausgehend, ein autobiographisches Buch geschrieben. Sein „russischer Roman“ ist ein Bekenntnis und zugleich eine künstlerische Synthese, meint Gudrun Braunsperger.

Buchkritik

Das Gespenst der Geschichte

Emmanuel Carrère, Foto: Dmitry Rozhkov / Wikimedia Commons
Emmanuel Carrère, Foto: Dmitry Rozhkov

„Ich habe das Grauen und den Wahnsinn geerbt und das Verbot, davon zu sprechen. Aber ich habe darüber gesprochen. Das ist ein Sieg.“ Zu diesem Résumé findet Emmanuel Carrère am Ende seines autobiographischen Projekts „Ein russischer Roman“. Das Buch ist ein Bekenntnis und zugleich eine künstlerische Synthese, denn der Autor hat aus dem Material des eigenen Lebens ein literarisch gestaltetes Kunstwerk geschaffen. „Ein russischer Roman“ ist ein Buch, in dem der autobiographische Anspruch absichtsvoll hervorgehoben wird, obgleich das, was der Autor zu berichten hat, streckenweise so unglaublich klingt, dass man seine Authentizität bezweifeln möchte. Zum Beispiel jene Episode, in der ein Auftrag von Le Monde für eine Kurzgeschichte den Anlass zu einem Beziehungsthriller liefert: Carrère beabsichtigt nämlich, mit dieser Erzählung der von ihm geliebten Frau ein Geschenk zu machen, und zwar in Form einer erotischen Geschichte, in der er sie als zum Leben erweckte Romanfigur inszeniert. Die Dramaturgie gerät allerdings völlig außer Kontrolle, und das Paar verstrickt sich in einen emotionalen Horrortrip.

Belletristik vermag vieles zu leisten. Ein guter Roman kann Asyl auf der Flucht aus einer unwirtlichen Wirklichkeit bieten, er kann aber auch, vor allem für den, der ihn schreibt, ein Instrument sein, um die Realität zu bewältigen und ihrer Herr zu werden. Eben davon handelt „Ein russischer Roman“: Carrère legt in diesem Buch Zeugnis ab von der bewusstseinsverändernden Wirkmacht des Schreibens und von der gestaltenden Kraft der kreativen Energie eines Künstlers überhaupt, von den Chancen, Dämonen zu bannen, aber auch davon, wie sie ihm am Wegrand des steinigen Pfades auflauern, und wie er sich die Finger blutig kratzt, um die Widerhaken in den eigenen Verstrickungen zu lösen.

Die folgenreiche Kurzgeschichte ist dabei eigentlich ein Nebenschauplatz, aus dem sich ein weiterer Erzählstrang entwickelt, jener seines gegenwärtigen Lebens.

Ein Drama überschattet die Familie

Die Auftragsarbeit ereilt den Autor während der Vorbereitungen zu einem Dokumentarfilmprojekt, das Carrère in der russischen Provinzstadt Kotelnitsch verfolgt, unweit von Wjatka, wo sein Urgroßonkel im zaristischen Russland Vizegouverneur war. In diesem anderen Erzählstrang, der den Anstoß zu allem gibt, was sich im Verlauf dieses autobiographischen Romans ereignen wird, beschäftigt sich Carrère nämlich mit der Vergangenheit, mit der Familiengeschichte mütterlicherseits. Emmanuel Carrères Mutter, die Historikerin Hélène Carrère-d’Encausse, ist eine in Frankreich angesehene Persönlichkeit, Generalsekretärin der Académie francaise, medial vielfach gefragte Russland-Spezialistin, perfekt zweisprachig, da sie im Milieu russischer Emigranten aufgewachsen ist, die vor den Bolschewisten geflohen sind. Ihr Mädchenname ist Surabischwili, denn ihr Vater stammte aus Georgien. Er verschwand 1944 unter tragischen Umständen, vermutlich als Kollaborateur verhaftet, und das Geheimnis seines Lebensdramas, das zu enthüllen sich sein Enkel Emmanuel Carrère zur Aufgabe gemacht hat, überschattet die Familie.

Sein eigenes Leben sei von Horror und Grauen begleitet gewesen, kommentiert Carrère die Intention seines Romans im Klappentext. Und darum drehe sich sein Buch: „um die Drehbücher, die wir ausarbeiten, um die Wirklichkeit zu zähmen, und um die fürchterliche Art und Weise, in der sich die Wirklichkeit dieser bemächtigt, um darauf zu antworten“. Dieser Roman sei geschrieben worden, um das Gespenst zu bannen, das in seinem Familiensystem seit dem Verschwinden des Großvaters herumspuke und die Lebensschicksale seiner Nachkommen im Griff habe.

Das Verfassen der Kurzgeschichte und die Realisierung des Filmprojekts setzen eine Eigendynamik frei, die die Wirklichkeit zu bestimmen beginnt – zwischen Paris und der Bretagne einerseits, in Kotelnitsch andererseits. Der Autor wird dabei zur Romanfigur, er ist gleichermaßen Subjekt und Objekt der eigenen Inszenierung, und er gestaltet das Material, das ihm das Leben angeboten hat, indem er sich für die sinnstiftende Verbindung der beiden Erzählstränge öffnet und sie in exzellenter Erzähltechnik miteinander verflicht. In der Milieuschilderung der russischen Provinz könnte die Differenz zwischen West- und Osteuropa nicht treffender beschrieben sein. In Kotelnitsch, wo Brutalität und Beengtheit des alltäglichen Lebens und die Scham Außenstehenden, wie dem französischen Filmteam, gegenüber nur im von Wodka ermutigten Exzess ertragen werden können, dort ist zugleich auch ein überwältigendes Maß von Offenheit, von emotionaler Wärme und Sentimentalität zu Hause; ein Milieu der Ecken und Kanten, das in starkem Kontrast zur abgezirkelten Glätte der geordneten westeuropäischen Zivilisation steht. Das Thema eines Dokumentarfilms, der Carrère zum ersten Mal nach Kotelnisch geführt hat, ist die Geschichte eines ehemaligen ungarischen Kriegsgefangenen, der in der dortigen psychiatrischen Anstalt den größten Teil seines Lebens verbracht hat, bevor er als alter Mann, seelisch zerstört, nach Ungarn heimgekehrt ist. Sein tragisches Schicksal hat in Carrère die Erinnerung an den Großvater wachgerufen und das wiederum lässt ihn jene Suche nach den eigenen familiären Wurzeln aufnehmen, die letztlich zum Aufbruch zu sich selbst wird.

Eine höchst unterhaltsame Geschichte

Die Aufforderung des delphischen Orakels „Erkenne dich selbst“ lässt sich als Hinweis darauf begreifen, dass die Gestaltung der Zukunft durch Selbsterkenntnis beeinflusst werden kann: Diese Bewegung führt uns Emmanuel Carrère in seinem zutiefst persönlichen „Russischen Roman“ vor. Er besitzt die Fähigkeit der Distanz zu sich selbst und beweist Ehrlichkeit den eigenen Schwächen gegenüber. Aus dem Protagonisten, dem launischen, arroganten, hochfahrenden und verletzenden Ich-Erzähler, der gleichzeitig bekümmert ist über seine seelischen Verwerfungen und den genießerischen Selbsthass, mit denen er sich und andere tyrannisiert, und aus dem Material seines Lebens, in das der Zufall immer wieder gestaltend eingreift, erwächst eine flott geschriebene und höchst unterhaltsame Geschichte, die ihre Sogwirkung in atemberaubender Spannung entfaltet. Es ist, als ob Carrère einen glänzenden Edelstein von Schmerz und Leid kunstvoll geschliffen und kunstfertig gefasst hätte.

Er beobachtet die russische Wirklichkeit mit ihren archaisch anmutenden Sozialstrukturen ebenso schonungslos wie die moderne Partnerschaft, in der die Geschlechter um die Bereitschaft zur Bindung miteinander ringen müssen, und in der psychische Gewalt die physische abgelöst hat. Ganz nebenbei wird auch noch eine kleine Kulturgeschichte der russischen Emigration in Paris in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mitgeliefert.

Zuletzt passiert in Kotelnitsch ein Verbrechen, das auf tragische Weise erfüllt, was der Regisseur des Dokumentarfilms mit seiner erwartungsvollen Haltung provoziert zu haben sich letztendlich vorwirft, – hat er doch das Projekt, das Leben in Kotelnitsch zu dokumentieren, mit der Hoffnung, eine Antwort auf zutiefst persönliche Fragen zu finden, völlig ohne Absicht begonnen, und sein Team durch seine Konzeptlosigkeit streckenweise zur Verzweiflung gebracht.

Dieses Verbrechen erfüllt Carrère schließlich mit Grauen:

„Der tiefe Grund dieses Grauens ist die Antwort, die die Wirklichkeit zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate auf meine Erwartungen gab. Im Frühjahr hatte ich mir ein Liebesszenario ausgedacht, das in der Wirklichkeit Gestalt annehmen sollte, und die Wirklichkeit vereitelte es und bot mir dafür eines, das meine Beziehung zerstörte. In Kotelnitsch hatte ich viel Zeit mit dem Wunsch verbracht, es möge endlich etwas passieren, und nun war etwas passiert, und dieses Etwas war dieser Horror.“

Das Material seiner künstlerischen Produkte – einer Erzählung, eines Dokumentarfilms und dieses Buchs –, hat seinen Preis. Der Autor steht nicht an, ihn zu bezahlen, um dem Skript seines Lebens auf die Spur zu kommen. Die schmerzhafte Reise des Emmanuel Carrère zu sich selbst ist ein Unternehmen mit Risiko. Um die eigenen Dämonen zu entzaubern – dazu braucht es großen Mut. Carrère hat ihn aufgebracht.

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erstellt am 13.8.2017

Emmanuel Carrère
Ein russischer Roman
Übersetzung: Claudia Hamm
Hardcover, 282 Seiten
ISBN: 978-3-95757-363-6
Matthes & Seitz, Berlin 2017

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