Porträt

Der Schauspieler Ian McShane

Von Harold Pinter zum »Fluch der Karibik«

Von Kai Mihm

Manche Filmkarrieren beginnen erst dann, wenn sie eigentlich fast schon zu Ende sind. Der Brite Ian McShane ist dafür ein besonders schönes Beispiel. Auch wenn er heute zur Familie der prägnanten Nebendarsteller und potenziellen „scene stealer“ gehört, überrascht es zu hören, dass der Mann bereits 50 Jahre im Geschäft ist – so lange hatte man ihn dann doch nicht auf dem Radar.

Ein Blick zurück: Geboren 1942 im nordenglischen Blackburn, absolvierte Ian McShane die Royal Academy of Dramatic Arts und gab sein Kinodebüt mit 20 in einem obskuren Collegefilm namens „The Wild and the Willing”. In den Sechzigern stand er zwar in hochkarätigen Klassikerinszenierungen auf der Theaterbühne, im Kino aber spielte er in einer Reihe kruder Genrefilme abgefeimte Bösewichte jedweder Couleur: Gangster („Blutroter Morgen”), Faschisten („Dirty Money”), Terroristen („Die Uhr läuft ab”) und in dem TV-Movie „Jesus von Nazareth” ('77) den Judas. Der Sprung in die erste Reihe, sei es mit Blick auf die Rollen oder wenigstens mit Blick auf das Prestige der Filme, blieb ihm 20 Jahre lang verwehrt. Ein Part als Flieger in dem Starvehikel „Luftschlacht um England” bildete den frühen Höhepunkt dieses Karriereabschnitts.

Also verlegte er sich in den Achtzigern fast völlig aufs Fernsehen – der klassische (Aus)Weg für Kinodarsteller, die den Durchbruch nicht geschafft haben (siehe William Petersen in „CSI”) oder Stars, deren Kinokarriere irgendwie versandet ist (siehe James Woods in „Shark”). McShanes TV-Filmographie geht – alle Serienfolgen mitgezählt – in die Hunderte, einem größeren Publikum wurde er jedoch vor allem durch seine Rolle in „Dallas” ein Begriff: als lässiger Regisseur Don Lockwood bandelt er da mit Sue Ellen an, und rückblickend sagt es einiges über seine maskuline Präsenz aus, dass man ihn als den Mann besetzte, der es ernsthaft mit J.R. Ewing aufnehmen kann. Für die Kinolaufbahn war die massive Serienpräsenz eher abträglich, ab 1987 drehte er 13 Jahre lang keinen einzigen Film mehr.

Bis der Regisseur Jonathan Glazer den inzwischen 58-jährigen in „Sexy Beast” (2000) besetzte. Und wie McShane darin als soziopathischer Cockney-Gangster einem seiner Handlanger ohne Wimpernzucken eine Kugel in den Kopf jagt, qualifiziert durchaus für die Umschreibung „Comeback with a bang”. Der Aufstieg zu ikonographischem Status dauerte gleichwohl noch weitere vier Jahre und gelang ihm ironischerweise in einer Fernsehrolle: In der Westernserie „Deadwood” verkörperte McShane drei Jahre lang die Hauptfigur, den Bordbellbesitzer Al Swearengen. „Sie kamen nach England und fragten 'Willst Du das machen?'”, erzählte er kürzlich in einem Interview, „und ich sagte 'Die letzte scheiss Sache die ich machen will, ist eine scheiss amerikanische Fernsehserie.' Dann aber erklärten sie, der Sender sei HBO, das Drehbuch stamme von David Milch und die Regie des Pilotfilms übernehme Walter Hill. Nun ja…”.

In Deutschland wagte sich kein öffentlicher Sender an die Serie heran, obwohl sie in den USA von der Kritik einhellig gefeiert wurde und sehr gute Quoten erzielte – wohl nicht zuletzt dank Ian McShanes zupackender Verkörperung des gewalttätigen, ununterbrochen derb fluchenden Protagonisten. Sein Al Swearengen, basierend auf einer historisch verbürgten Gestalt, ist ein machiavellistischer Strippenzieher, eine gleichermaßen faszinierende und schockierende Mischung aus shakespeareschem Intrigenspieler und Mafiapaten, aus Richard III. und Tony Montana. Tatsächlich wirkt McShane mit seiner brütenden Intensität, seinem zerfurchten Gesicht, den dunkel umrandeten Augen und der rauchigen Stimme, die nach jeder Menge gelebten Lebens klingt, manchmal wie ein britischer Al Pacino. Mit dem Kollegen aus New York verbindet ihn auch die ungebrochene Liebe zum Theater. 2007/2008 etwa spielte er mit großem Erfolg in einer Broadway-Inszenierung von Harold Pinters „The Homecoming” die Hauptrolle.

Auch im Kino scheint sein Spektrum sich allmählich zu verbreitern. In Woody Allens „Scoop” hatte er eine schöne Nebenrolle als verblichener Starjournalist. Bemerkenswert auch, wie die Macher des Football-Dramas „Sie waren Helden” und des britischen Macho-Movies „44 Inch Chest” mit seiner ungeheuren Maskulinität spielen, indem sie ihn einen trauernden Vater bzw. einen schwulen Ganoven spielen lassen. Selbst wenn man ihn gemäß seines Rollenklischees als ungebrochen harten Typen besetzt, haben die Koordinaten sich insofern verschoben, dass er heute als „the guy from Deadwood” B-Movies wie „Death Race” und „Fall 39” regelrecht adelt. So ähnlich muss man das wohl auch bei „Fluch der Karibik 4” sehen, in dem er den Gegenspieler von Johnny Depp gibt. Beim Degenduell dürfte Ian McShane den Kürzeren ziehen, aber in Sachen Schlitzohrigkeit, effimierter Exzentrik und Selbstironie steht er Jack Sparrow mit Sicherheit in nichts nach.

erstellt am 10.6.2011