Der 1932 geborene Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer hat seine Autobiografie mit dem Titel „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ vorgelegt. Bohrer blickt unter anderem auf seine Anfänge bei der FAZ, spätere Auslandserfahrungen und seine Zeit an der Universität Bielefeld zurück. Otto A. Böhmer empfiehlt das Buch.

Buchkritik

Ganz der Alte

Karl Heinz Bohrer
Karl Heinz Bohrer

Wer seine Erinnerungen aufschreibt, ist meist „weit in Jahren vor“ (Goethe), hat also, sollte man meinen, einiges zu sagen, was, zumindest in der Erlebenssumme, den Alten leichter fällt als den Jungen, die in der Regel aber sowieso andere Sorgen haben. Überdies kann sich das Leben, das man, bei Gelegenheit, gern auch mal abgekürzt sehen möchte, arg ziehen; es gilt also, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um als Berichterstatter in eigener Sache aufzutreten. Allzu spät sollte man nicht zu Werke gehen; am Ende nämlich wird es für jeden von uns eng; zudem droht die Gefahr, dass man, bei wackliger Gedächtnisleistung und brüchig gewordener Identität, ohnehin nicht mehr so ganz viel auf die Reihe bekommt. Diese Sorge muss man sich um Karl Heinz Bohrer nicht machen: Der streitbare und fast immer originelle Literaturwissenschaftler (Jg. 1932) lässt seine Autobiographie mit dem programmatischen Titel „Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie“ zu Lebzeiten erscheinen; das passt auf jeden Fall und weist über den Augenblick hinaus, den Bohrer, wie kaum ein anderer Denker, immer wieder gewürdigt und theoretisch bekränzt hat. Seine Karriere, die im Rückblick, trotz mancher Umwege und kleinerer Schlenker, sehr durchdacht wirkt, beginnt er, noch jung an Jahren, als Literaturredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Damals wird der Gesellschaft, angeleitet von Studenten, die das bessere Wissen für sich entdeckt haben, ein Umbruch zugedacht; jedweder Konservatismus, ohnehin zur Behäbigkeit neigend, hat es mit einem Mal schwer. Bohrer, schon immer ein Anhänger der aristotelischen Einsicht, dass Theorie die höchste Form der Praxis ist, sieht sich in widerstreitende Impulse verstrickt: Zum einen hat die neue Kritik, vielstimmig und verführerisch vorgetragen, einiges für sich, zum andern gilt es die Hausideologie seines Arbeitgebers zu wahren. All das kommt in einem Bewusstsein zusammen, das sich selbst, in wiederkehrenden, auch verstörend anmutenden Schüben, als zupackend und haltlos zugleich erlebt. Der Fragwürdigkeit bisheriger Gewissheiten entspricht eine private Krisenstimmung, die bis an die Grenzen der Verzweiflung führt. Allerdings ergibt sich, wiederum der Gunst des Moments geschuldet, ein Ausweg, für den ein bedeutender Name steht: „(…) in Kafkas Tagebüchern las ich den Satz (…), der die für mich entscheidende Begründung enthielt: ‚Hass gegenüber aktiver Selbstbeobachtung. Seelendeutungen wie: Gestern war ich so und zwar deshalb, heute bin ich so und zwar deshalb. Es ist nicht wahr, nicht deshalb und nicht deshalb und darum auch nicht so und so.’“ Daraus lässt sich, wiederum von Kafka, ein Ratschlag fürs Leben beziehen, den Bohrer befolgt: „Sich ruhig ertragen, ohne voreilig zu sein, so leben, wie man muß, nicht sich hündisch umlaufen.“

Man kann so seinen Frieden mit sich selbst machen, auch wenn der, nach wie vor, streitbar bleibt. Der junge Redakteur wird Literaturchef der FAZ, lernt wichtige und unwichtige Leute kennen, zu denen man sich eine Meinung bildet, die nicht immer mitteilenswert erscheint. Speziell Autoren sind eine Spezies für sich; sie wollen gepflegt und umhegt sein, wobei Lob mehr erwünscht ist als jede noch so verhaltene Kritik. Mit Thomas Bernhard, einem der beiden österreichischen Vorzeigeautoren des damals noch in Frankfurt residierenden Suhrkamp Verlages, trifft sich Bohrer ab und zu in der Mittagspause; man isst Rindswurst und schweigt mutmaßlich einverständig; das Nichtssagende wird, gerade im umbrandenden Lärm, ohnehin gern unterschätzt. Während all der Jahre amtiert ein unverwechselbarer Diskursbefürworter als Bohrers Leitstern; es ist „der Philosoph“ Jürgen Habermas, mit dem sich beste Gespräche, die auch den Widerspruch dulden, führen lassen. Später dann kommen Auslandserfahrungen hinzu, in England, Frankreich und anderswo. Ab 1982 lehrt Bohrer an der Universität Bielefeld und findet, noch immer ein unruhiger Geist, der nicht vor hat, ruhiger zu werden, Gelegenheit, seine Theorie der „Plötzlichkeit“ zu vertiefen, in der, damals wie heute, das „Jetzt“ bedacht werden will.

Zwischen Bielefeld und Paris

Nietzsche, in Einsichten unterwegs, die alles vertragen, nur nicht der Weisheit letzten Schluss, liefert dazu das eine oder andere Stichwort: „Die große Loslösung kommt für … Gebundene plötzlich, wie ein Erdstoß: die junge Seele wird mit einem Male erschüttert, losgerissen, herausgerissen – sie selbst versteht nicht, was sich begibt. (…) Ein plötzlicher Schrecken und Argwohn gegen das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen das, was ihr ‚Pflicht’ hieß, ein aufrührerisches, willkürliches, vulkanisch stoßendes Verlangen nach Wanderschaft.“ Bohrer pendelt zwischen Bielefeld und Paris hin und her, wo er mit der hochbegabten, zwanzig Jahre jüngeren Schriftstellerin Undine Gruenter zusammenlebt, die an Lateralsklerose erkrankt, einer fortschreitenden Muskellähmung, der sie am 5. Oktober 2002 erliegt. Vorher hat sie mit Hilfe ihres Mannes noch ihren letzten Roman fertiggestellt. „Als Undine dieses Buch erfand“, sagt Bohrer in einem Interview, „war sie nicht mehr in der Lage, eine Seite umzublättern. Sie hat mir dieses Buch im Jahr ihres Todes ohne jede Unterlage aus dem Kopf diktiert … Mehr Kraft hatte sie nicht … Wenn sie in die Luft starrend einen Satz sprach, schrieb ich ihn auf.“ Und er fügt hinzu: „Ich kann es heute im Rückblick gar nicht mehr verstehen, dass die Jahre ihrer Krankheit nicht schrecklich waren. Obwohl wir wussten, dass sie sterben würde, war es eine zum Teil sehr erhebende Zeit – sie konnte ja sprechen.“

„Jetzt“, Karl Heinz Bohrers „Geschichte“ seines „Abenteuers mit der Phantasie“, ist ein reichhaltiges, sehr zu empfehlendes Buch, speziell für Leser, die in genau der Zeit unterwegs waren, die beschrieben wird. Am Ende, gut zu wissen, bleibt der alte Bohrer, der vom „Europa-Kult“ nichts hält, ganz der Alte; kleinere Bosheiten gönnt er uns, vor allem auch erfreuliche politische Unkorrektheiten, die hochaktuell sind und ins Lagezentrum unserer diversen Befindlichkeiten zielen: „Es gab inzwischen Veröffentlichungen namhafter Autoren, einschließlich der Reden zum Friedenspreis, die man ‚nachdenklich’ oder ‚gedankenvoll’ nennen wird. Sie waren aber gerade deshalb hoffnungslos langweilig (…) Dafür würde“ auch „die Kanzlerin sorgen. Sie hatte jedem Nichtereignis die Sprache gegeben, die dazu passte. Vielen ihrer deutschen Zuhörer fiel, eingeschläfert, auch nichts Besseres ein, selbst wenn sie ihrer Stichwortgeberin inzwischen nicht mehr glaubten. Was man von deutschen Reaktionen auf das jüngste Ansinnen vernahm, sie sollte Führung beweisen, hörte sich genauso an wie das sattsam bekannte jahrzehntelange Lamento. Sie machten sich politisch schon wieder in die Hose, bevor man überhaupt etwas von ihnen konkret verlangte.“

Das Schöne am „Jetzt“ ist (u.a.), dass es bleibt, auch wenn man selbst abberufen wird. Die Anderen machen für einen weiter – solange es denn geht, und manchmal geht es länger, als einem lieb ist. Dazu gehört auch die Vergegenwärtigung des Schönen, in dem man sich einhausen kann: „Ich gebe nicht nach“, heißt es in Undine Gruenters Roman „Der verschlossene Garten“. „Was wäre der Liebende ohne seine Imagination, was wäre die Liebe ohne Konzept? Ich werde die kleine Steinbank an eine seitliche Mauer der der Rosen und Mirabellenallee setzen. (…) Sie wird komfortabler sein. Man wird sich sogar auf ihr ausstrecken können, und im Sommer wird der Stein die Wärme halten. Ich gebe nicht nach.“

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erstellt am 07.8.2017

Karl Heinz Bohrer
Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie
Gebunden, 542 Seiten
ISBN: 978-3-518-42579-4
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017

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