2004 starb der US-amerikanische Autor Larry Brown im Alter von gerade einmal 53 Jahren. In den USA längst ein Klassiker des „Rough South“, der authentischen, ungeschönten Literatur der Südstaaten, ist er im deutschsprachigen Gebiet weitgehend unbekannt. Mit „Fay“ erscheint erstmals eines seiner Werke in deutscher Sprache – eine Entdeckung, findet Kirsten Reimers.

Buchkritik

Ein besseres Leben

Auf der Suche nach einem besseren Leben macht sich die 17-jährige Fay zu Fuß auf den Weg Richtung Meer. Fay ist, was man als „white trash“ bezeichnet, aufgewachsen in bitterer Armut als das Kind von Landarbeitern, die von Job zu Job ziehen. Auch Fay und ihre Geschwister mussten mit anpacken, der Vater ist Alkoholiker, die Mutter verrückt, der jüngste Bruder wurde gegen einen Pick-up eingetauscht. Fay flieht vor Verwahrlosung und Elend und zieht aus in eine Welt, die ihr vollkommen fremd ist. Sie kann mit ihren 17 Jahren kaum lesen und schreiben, war noch nie im Kino, hat keine Ahnung, was ein Strip-Club oder Prostitution ist oder dass Jugendliche kein Bier kaufen dürfen. Ihr Ziel ist das Meer, auch wenn sie es noch nie gesehen hat.

Fay mag zwar unwissend sein, aber sie ist nicht naiv. Und sie lernt schnell – es bleibt ihr auch wenig anderes übrig. Nachdem sie nur knapp einer Vergewaltigung entgangen ist, wird sie am Rand des Highways vom State Trooper Sam aufgelesen. Für ihn und seine Frau Amy wird Fay eine Weile lang so etwas wie Ersatztochter sein. Sie lernt lesen und schreiben und erfährt erstmals etwas über US-amerikanische Geschichte. Nach Amys Tod beginnt Fay eine Liebesbeziehung mit Sam und wird schwanger. Für einen Moment scheint es, als könne die junge Frau in ein abgesichertes Leben eintauchen. Doch Sams ehemalige Geliebte durchkreuzt jegliche Zukunftspläne, ein Verbrechen geschieht, und bald ist Fay wieder auf der Flucht Richtung Süden. Ihr Sehnsuchtsort heißt Biloxi, ein abgehalfterter Badeort im Süden des Bundesstaates Mississippi.

Unausweichlichkeit der Katastrophe

Dort angekommen begegnet sie Aaron, der als Rauswerfer im Striplokal seines Bruders arbeitet. Eine Weile lang kommt sie bei ihm unter. Sie schläft mit ihm, um eine Bleibe zu haben, aber auch, weil sie es will. Doch dieser Mann, der zunächst so fürsorglich, freundlich und beschützend wirkt, entpuppt sich als emotional instabiler Drogendealer, Schläger und Mörder. Fay beschließt, ihn zu verlassen und zu Sam zurückzukehren – doch was als Hoffnung beginnt, endet in einer Tragödie. Zu sehr sind die beiden Männer, der Polizist und der Verbrecher, dieser jungen schönen Frau verfallen, die sich selbst ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht kaum bewusst ist, ihren Körper aber dennoch einzusetzen weiß, um zu erreichen, was sie will.

Für Männer ist Fay eine Projektionsfläche für ihre Sehnsüchte. Was ihnen dabei jedoch entgeht, ist die innere Stärke der jungen Frau. Sie mag ungebildet sein, doch sie weiß genau, was sie nicht mit sich machen lässt und wo ihre Grenzen sind. Und sie kann sich wehren: Sie scheut sich nicht, verbale oder körperliche Gewalt gegen Männer wie Frauen einzusetzen, um sich zu verteidigen.

Larry Brown beschreibt Fays Suche nach einem besseren Leben in klaren, schlichten Worten. Dadurch gelingen ihm Bilder von großer Prägnanz und Eindringlichkeit. Er schildert das Leben der einfachen Menschen im Süden der USA in den 1980er Jahren mit viel Licht und noch mehr Schatten – das Schöne ist immer auch zerrissen und befleckt, während auch im Hässlichen immer wieder Hoffnung aufscheint. Ebenso ist es mit den Menschen: Niemand ist einfach gut oder böse, jeder hat unterschiedliche, auch widersprüchliche Facetten.

Zwischen Moment und Ewigkeit

Fünf Romane und unzählige Kurzgeschichten hat Larry Brown veröffentlicht, zumeist über das tagtägliche Leben einfacher Menschen zwischen harter Arbeit und zu viel Alkohol, stets mit genauem Blick für die scheinbar banalen Dinge des Alltags. Brown stammte wie seine Figuren aus sehr einfachen Verhältnissen, eine Laufbahn als Schriftsteller war ihm nicht vorgezeichnet, er musste sie sich hart erarbeiten.

Im Nachwort zu „Fay“ schreibt Alf Mayer, wie wichtig körperliche Arbeit für Larry Brown war: „Auf vielen Autorenfotos von ihm stehen im Hintergrund landwirtschaftliche Maschinen“. Dies spiegelt sich auch im Roman selbst wieder: Immer wieder ziehen am Horizont John-Deere-Traktoren ihre Kreise; Landwirtschaft, Viehzucht und Fischfang bilden ein stetes Hintergrundrauschen – als wollte alles sagen: Das Bestellen der Felder, der Kampf des Menschen mit der Natur, um ihr seine Existenz abzutrotzen, das währt für die Ewigkeit. Die kleinen emotionalen Dramen hingegen sind nur von kurzer Dauer. Doch auch sie kehren immer wieder und gehören zum Kreislauf des Lebens dazu. Ein kleines Detail im Ewigen.

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erstellt am 05.8.2017

Larry Brown
Larry Brown

Larry Brown
Fay
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel
Gebunden, 652 Seiten
ISBN 978-3-453-27096-1
Heyne, München 2017

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