Der Künstler Wolfgang F. Klee

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Wolfgang F. Klee
Abb.3: Detail

„Wenn die Spannung groß genug ist, ja unerträglich, kommt irgendwann der Augenblick, und die Zeichnung springt wie von selbst aufs Blatt. Es ist nicht leicht, eine Zeichnung zu bändigen, sie auf der Stelle zu halten. Infolge ihres großen Bewegungsdrangs will sie weghüpfen. Man muss einiges Geschick aufbringen, um sie endgültig an der richtigen Stelle festmachen zu können. Wenn der Künstler dann, müde, sein Werkzeug – seinen Kohlestift – aus der Hand gelegt und sich zum Ausruhen in seine heimischen vier Wände zurückgezogen hat, beginnt der eigentliche Selbstfindungsprozess der in die Welt gesetzten Wesen“, so beschreibt der Künstler Wolfgang F. Klee den Entstehungsprozess seiner Bilder – eine Selbstfindung im zunächst unbegrenzten Reich der Möglichkeiten des leeren oder nur spärlich mit Gegenständen ausgestatteten weißen Blattes oder – anders gesehen – in Konfrontation mit dem Horror Vacui. Die Figur selbst, indem sie dem ihr innewohnenden Drang gehorcht, legt also die Koordinaten ihres Spielraums fest – dadurch, dass sie ihre Bewegung, ja gelegentlich sogar Ausschreitung, vollführt. „Mutationen, extreme Entartungen bereiten dem Künstler dabei die größten Sorgen. Da versucht er mäßigend einzugreifen. Sein besonderes Augenmerk richtet er auf kontrollierte Erektionen von Beinen, Armen, Hälsen und Zungen. Denn so was kann leicht übers Ziel hinausschießen und die mühsam errichtete Balance zusammenbrechen lassen“, fährt Wolfgang F. Klee fort. Dem Betrachter stellt sich die Frage, was hinter diesen anabolen Tendenzen stecken könnte: Ich werde wahrgenommen, also bin ich?

Auf das Blatt mit den beiden Ausschreitenden (Abb. 2), die sich dem Sog des voyeuristischen Blicks aus einem tunnelartigen Augenpaar überlassen, könnte dies zutreffen. Die Zunge des einen flattert sogar wie ein Fähnchen im selbst produzierten Wind.

Auf einem anderen Blatt (Abb. 6) steht ein Figurenpaar dicht Seite an Seite und lässt an siamesische Zwillinge denken. Es scheint zum Paarlauf, zur Profilierung in einer Zwangsgemeinschaft, verdonnert. Hals über Kopf hat sich hier ein selbstdarstellerischer Notfall chronifiziert: ein Patt.

Finden sich diese Figuren in Gruppen zusammen wie in der Klee’schen Rauminstallation „Physik der Zwänge“ (Abb. 5), gefertigt aus Karton, bearbeitet mit Kohle und Kreide sowie opak gespachtelter Ölfarbe, entsteht der Eindruck arabeskenhafter Verspieltheit, eines schlingpflanzenartigen Organismus. Wenn die Figuren sich todernst, ja, mit Todesverachtung in Szene setzen – die Schau- und Zeigelustigen, die Artisten und Akrobaten – finden noch beachtlichere Zerdehnungen und Verformungen statt. Mit ihren Tentakeln tasten sie sich an winzige Öffnungen heran. Ob es leichter ist, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass die beiden Figuren in einen Sargnagel schlüpfen? Einige derjenigen, an die man hier denken könnte, sind Blickfängen gegenüber so aufgeschlossen, dass man sie sehr wohl für bereit halten könnte, sich in alles Mögliche zu zwängen. Ihr Tatort ist ja an einiges gewöhnt: etwa an die der narzisstischen Präsenzsteigerung dienende physische und psychische Technik und die Dialektik von Prothese und Antiprothese. Das alles soll wohl der rundum sanierten, regelmäßig zu wartenden und hoffentlich nie rostenden Autoplastik dienen.
Einer stürzt sich in die Tiefe, in ein Messer, das er selbst unter seinen Kopf hält, und man denkt verwundert, es muss sich bei ihm um eine Ausnahme handeln, der die Verewigung nicht zur Obsession geworden ist. Direkt unter ihm sperrt eine Klappe ihr Maul auf und wartet ab, dass er hineinfällt. Kanalisation oder Orkus, und was wird dort ausgebrütet? – … dass der Prototyp in Serie gehen und als kleiner, fließbandproduzierter Klon im industriellen Maßstab wieder auf den Markt kommen soll.
„Ich experimentiere über die Möglichkeiten, die solche Wesen überhaupt haben“, sagt Wolfgang F. Klee.

Man muss länger hinschauen, bis die erdbraun und schwarz kolorierten Figurengruppen einer anderen Installation (Abb. 1) sich und den Betrachter zu bewegen beginnen. Wollen sie den zwischen ihnen befindlichen Gegenstand – ein Bett etwa, allgemeiner vielleicht ein Habitat – zerstören? Beißen sie sich am Bettpfosten fest? Angesichts der wie gelähmt oder kraftlos herabfallenden Arme, der hängenden Schultern, der weit aufgerissenen, nach innen blickenden Augen wirken die Figuren ohnmächtig, ausgeliefert, sie treibt kein Wille an, sich irgendeiner Sache zu bemächtigen. Deshalb saugen sie sich auch nicht an dem Gegenstand fest. Mir scheint, es kommt auf die bloße Berührung an, auf eine Art seidenen Faden. In dem Maße, in dem man das Subtile darin deutlicher wahrnimmt, tritt eine Verwandlung ein: Dank dieser Geste des Berührens gewinnen die Gebilde – trotz der erdigen, tristen, düsteren Farben und schweren Formen und der Erdung, die diese beiden suggerieren – Transparenz, und die Opazität des Massiven weicht. Figur und Gegenstand sind inwendig miteinander verbunden, was dieselbe Farbigkeit beider noch unterstreicht. Die Farben der Figuren sind auch die des Herbstlaubs, der verfärbten Blätter an den Zweigen, deren Verbindungsstelle immer mehr diejenige Fläche bildet, durch die der endgültige Schnitt verlaufen wird. Der nächste Windstoß, dem sie nichts mehr entgegenzusetzen haben, reißt sie mit sich fort. Die Figurengruppen lassen aber auch an Wild im Winter denken, das bei unter Schnee begrabener Natur wie in einem Niemandsland in lebenserhaltendem Kontakt eine Futterkrippe umsteht.

Zu wem, zu was wird dieser Kontakt gehalten? Zu allem, was sich im Grunde nicht festhalten lässt: Die Behausung, der Leib? Das Leben? Woran die Seele hängt? Alles, was um uns herum zugrunde geht: die gequälte Kreatur, die geschundene Natur?
Trauer wird im Betrachter evoziert. Diese Wirkung verdankt sich nicht zuletzt auch der Einfachheit der Darstellung, dem Raum äußerster Kargheit, der durch die Einbeziehung der weißen Wand als Bestandteil der Installation entsteht. Ein Raum, in dem Leere herrscht, die vom Vergehen zeugt und ihrerseits durch keinerlei Aktionismus zum Verschwinden gebracht werden kann.

Die abgebildeten Zeichnungen und Objekte stammen aus der vom 6.9.-11.10.2002 in der Galerie Schamretta, Frankfurt/Main, gezeigten Ausstellung „Physik der Zwänge“ und aus dem Atelier des Künstlers.
Regine Strotbek

Regine Strotbek arbeitet freiberuflich für Verlage und lebt in Frankfurt am Main.

erstellt am 08.8.2010

Wolfgang F. Klee
Abb.1: Objektinstallation, dreiteilig, o.T. (Pappkarton, geschnitten, bezeichnet, bemalt mit Kreide, Ölfarbe, Kohle), je 90 x 60 cm, 2002
Wolfgang F. Klee
Abb.2: Zeichnung, o.T. (Pastellkreide, Ölfarbe, Kohle), 90 x 62,5 cm, 2001
Wolfgang F. Klee
Abb. 4: Detail
Wolfgang F. Klee
Abb. 5: Rauminstallation „Physik der Zwänge“ (Pappkarton, geschnitten, bezeichnet, bemalt mit Kreide, Ölfarbe, Kohle), 3,0 x 3,0 m, 2002
Wolfgang F. Klee
Abb.6: Zeichnung, o.T. (Pastellkreide, Ölfarbe), 62 x 44,5 cm, 2001

Alle Fotos: Ursula Seitz-Gray