Als Präsentation weltgeschichtlicher Verläufe und wiederkehrender Katastrophen mit den Mitteln der Kunst stellt sich die in Kassel und Athen stattfindende documenta 14 dar. Im kuratorischen Konzept der Ausstellung vermisst Ursula Grünenwald einen Blick in die Zukunft.

documenta 14 in Kassel

Geschichte ohne Zukunft

Verschiedenartig, richtungslos und abgründig, mitunter auch belanglos – so stellt sich die Kunst der Gegenwart in der Neuen Galerie in Kassel dar. Die dort gezeigten aktuellen und historischen Positionen sind so heterogen, dass es zunächst schwerfällt, das Thema der Hängung zu erkennen, bis man entdeckt, dass es um Geschichte geht. Im Kassel Map Booklet, das Auskunft über die Kasseler Standorte gibt, wird bestätigt, dass die Neue Galerie für die documenta 14 als „Hauptsitz ihres Geschichtsbewusstseins“ (1) eingerichtet wurde. Doch was für eine Geschichte wird dort gezeigt? Eine, die von jeder teleologischen Vorstellung weit entfernt ist, wie man schnell feststellt. Die Idee des Fortschritts wird vom Kuratorenteam der d14 nicht einmal mehr als ambivalentes Konzept aufgerufen. Angesichts der aktuellen Krisen weltweit scheint es sinnlos, positive Entwicklung zu skizzieren. Geschichte wird gemacht, das schon, es geht aber nicht voran – könnte man mit der Band Fehlfarben formulieren.

Was das Team um Adam Szymczyk macht, ist kühn: Es spricht über Gegenwart und Vergangenheit, darüber, ob und wie Kunst geschichtliche Konstellationen zur Anschauung bringen kann – ohne jedoch einen Blick in die Zukunft zu werfen. Es bleibt radikal offen, welche künstlerischen und politischen Perspektiven sich vom gegenwärtigen Zeitpunkt aus anbahnen. Stimmt diese These, würde dies auch erklären, warum das Team darauf verzichtet, Digitalisierung zu einem Thema zu machen. Es scheint, als solle die Gegenwart und ihre Misere ganz vom Menschen aus erzählt werden, ohne sich von technischen ‚Hypes‘ ablenken zu lassen. Das frühe 21. Jahrhundert stellt sich als ein Zustand der Stagnation und Unbestimmtheit dar, aus dem sich, wenigstens mit den Mitteln der Kunst, kein Weg heraus anbahnt.

Richtungslose Formenvielfalt

Die Neue Galerie zeigt Werke aus unterschiedlichen Gattungen, Zeiten und Weltregionen, wobei viele im westlichen Kunstbetrieb weitgehend unbekannt sind. Dass zwischen benachbarten Werken nicht selten eine Zeitspanne von siebzig Jahren oder mehr liegt, ist charakteristisch für die Hängung nicht nur dieses Ausstellungsortes, sondern der ganzen documenta. Historische und geopolitische Konzepte, wie etwa die Ost-West-Konfrontation, die als sinnstiftende Metaerzählungen fungieren würden, werden von einem Nebeneinander größerer und kleinerer Krisen und Konfliktsituationen abgelöst, wobei dem deutschen Nationalsozialismus und der Kolonialzeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Aus den Verwerfungen der Geschichte ragen immer wieder die Biografien einzelner Subjekte hervor, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mit dem hegemonialen Menschenbild ihrer Zeit übereinstimmten und außergewöhnliche Strategien entwickelt haben. Im zweiten Beitrag des documenta-Readers schildert der Philosoph Sylvère Lotringer, wie er als Kind einer jüdischen Familie zur Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich nur überleben konnte, weil er den ‚typisch‘ französischen Namen eines anderen annahm. Die 1959 geborene, 1994 verstorbene Künstlerin Lorenza Böttner steht beispielhaft für eine Identität jenseits von männlichen und weiblichen Zuschreibungen an einen idealtypischen Körper.

Joseph Beuys wird in der Neuen Galerie in besonderer Weise exponiert: Als junger Mann mit Fliegerhaube ist er einer von 203 Nationalsozialisten in der Arbeit Real Nazis von Piotr Uklański. Sehr jung sieht Beuys hier aus, während im Raum nebenan seine berühmte Installation The Pack (Das Rudel) zu sehen ist. Angesichts der Kriegsgräuel und menschenverachtenden Politik des Nationalsozialismus erscheint die Präsentation als alberner Gag und das Reißerische der Arbeit unangemessen.

Ein Gefühl von Ohnmacht

Der junge Siddhartha Gautama ist im Moment vor seiner Erleuchtung auf kleinformatigen Steinreliefs aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr. zu sehen. Ein imaginierter Mathematikprofessor beschließt im Film von Amar Kanwar eines Tages, sich in die Einsamkeit und Dunkelheit zurückzuziehen. Der Bettler, der in Gustave Courbets Zeichnung L'aumône d'un mendiant à Ornans (Almosen eines Bettlers in Ornans) von 1868 dem ärmlich gekleideten Kind neben ihm etwas von seinem mageren Erwerb abgibt, markiert nicht nur künstlerisch eine prägnante Position, die in Erinnerung bleibt. Courbet steht als Vertreter des französischen Realismus auch für das Anliegen, mit den Mitteln der Kunst an soziale Missstände zu erinnern.

Man kann sich fragen, ob die d 14 allgemein einem westlichen Konzept von Subjektivität anhängt, auch, ob mehrheitlich Männer oder Frauen gezeigt werden. Lässt man sich aber auf die Figuration Historie/singuläre Person ein, vermitteln die versammelten Werke ein umfassendes Gefühl von Ohnmacht angesichts weltgeschichtlicher Verläufe und wiederkehrender Katastrophen. Aus dieser Übermacht treten dann die einzelnen Akteure, ihre Schicksale und Strategien hervor. Man kann die Kuratoren, die diesen Eindruck mit den Mitteln der Kunst – unabhängig von den Begleittexten – erzeugt haben, nur beglückwünschen. Leider regt sich schnell der Verdacht, dass die d 14 hier pädagogisch wirksam werden und die Besucher dazu anregen will, sich in den Reigen widerständiger Subjekte einzureihen.

Das Wissen um eine desolate Vergangenheit und eine desorientierte Gegenwart fasst kaum ein Bild treffender als Walter Benjamins Figur des Angelus Novus. Sein Engel der Geschichte hat, wie Benjamin in dem 1940 verfassten Text Über den Begriff von Geschichte schreibt, das Gesicht der Vergangenheit zugewandt, die einem Trümmerhaufen gleicht. Ein Sturm treibt ihn unaufhaltsam in eine ungewisse Zukunft, der er den Rücken zukehrt. Die gleichnamige Zeichnung von Paul Klee, die 1920 entstanden ist und in Benjamins Besitz war, wird in der Installation der Künstlerin R. H. Quatman in der Neuen Galerie mehrfach zitiert. Was wäre, wenn Szymczyk Recht hätte und sich der Sturm des Fortschritts gerade erneut zusammenbraut?

R. H. Quaytman, Installationsansicht, Neue Galerie, Kassel, documenta 14, Foto: Mathias Völzke

Folklore oder Inseln der Vernunft?

Fragt man sich, was denn weitere Subjekte, weibliche, indigene, schwarze zu dem Zustand der Welt zu sagen haben, bekommt man vor allem in der documenta-Halle Folklore in Form bunter Masken, indigo-blau eingefärbter Kleidung und einen handbestickten Wandteppich mit Schneelandschaft zu sehen. Transnationale Subsistenzwirtschaft als Lösung?

Dazu Bruchstücke von Booten aus Griechenland, wie sie von Flüchtlingen bei ihrer Fahrt übers Mittelmeer verwendet werden, die in Musikinstrumente verwandelt wurden. Soll man diese Positionen als Mahnmale oder sinnstiftende Oasen verstehen? Die Hängung in der lichtdurchfluteten documenta-Halle ästhetisiert die existentielle Not, denen Menschen in Krisenregionen ausgesetzt sind. Aber kann (oder soll) eine künstlerische oder kuratorische Praxis angesichts der erschütternden, medial ständig verfügbaren Bilder von Armut, Krieg und Gewalt überhaupt noch aufklärerisch wirken? Miriam Cahns Gemälde von menschlichen, häufig weiblichen Körpern stechen hier hervor, die unterschiedlichen Formen der Gewalt ausgesetzt sind oder waren und nun schreckensstarr auf der Leinwand zu verharren scheinen. KOENNTEICHSEIN lautet der Titel der vielteiligen Arbeit, die den Betrachter von allen Seiten des Raumes umgibt.

Miriam Cahn, KOENNTEICHSEIN, 2015–2017, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

Nebenan hängen die lässig bunten Bilder des US-amerikanischen Malers Stanley Whitney, die 2017 entstanden sind und zeigen, welche Poesie farbige Leinwände auch in der Gegenwart zu entfalten vermögen. Es hat den Anschein, als dürfte man in der documenta-Halle ein wenig durchschnaufen, wenn man davor die apokalyptische Neue Hauptpost in der Unteren Königsstraße und die Neue Galerie besucht hat.

Stanley Whitney, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

Ist die Frage nach dem Subjekt erst einmal gestellt, wird man sie nicht mehr so schnell los. Angesichts der Zweiteilung des Ausstellungsgeschehens in einen griechischen und einen deutschen Standort möchte man wissen, an wen die d 14 ihre politischen Statements adressiert. Wer besucht eigentlich die dezentrierte, transnationale Großveranstaltung in Athen und Kassel? Zugleich hätte man sich vom Kuratorenteam dringend eine kritische Reflexion des eigenen Standpunkts gewünscht: um den politischen Ort zu verstehen, von der aus die (Kunst-)Welt beschrieben und Kritik geübt wird, aber auch um widersprechen zu können.

Denjenigen, denen die Reise nicht möglich ist, stellt Szymczyk ein Gefühl des Verlustes und der Sehnsucht in Aussicht, das die Wahrnehmung der diesjährigen documenta begleiten soll. Damit greift er auf das emotionale Reservoir der Romantik zurück, deren bürgerliche Akteure vor zweihundert Jahren in den Süden Europas reisten, um sich von der Sehnsucht nach den Stätten der Antike und einem einfachen Landleben leiten zu lassen. Auch das Setting der d 14 beschwört ein Subjekt, das in der Lage ist, unabhängig von finanziellen Erwägungen und sozialen Bindungen aufzubrechen und in die Ferne zu reisen.

Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman hat 1996 das Aufeinandertreffen des gut situierten (westlichen) Touristen und des Tagelöhners im Süden beschrieben und daraus seine Kritik postmoderner Ethik abgeleitet (2). Wie Bauman ausführt, ist die im Zuge der Globalisierung zunehmende Mobilität des einen der Immobilität des anderen und seiner Festschreibung in prekären Verhältnissen geschuldet. Wie geht das Kuratorenteam der d 14 mit dieser Herausforderung um? Es setzt auf persönliche Begegnungen im Parlament der Körper und die Idee des Gastmahls. Anstelle von privilegierten Gastgebern, sollen sich die (deutschen?) Documenta-Besucherinnen und -Besucher in Athen als Gäste einer Stadt fühlen, die dem Diktat internationaler Geldgeber untersteht. Dem europäischen Primat des ausgeglichenen Staatshaushaltes wird das Ideal eines guten Lebens für alle gegenüberstellt.

Angstfreiheit wird im Editorial denjenigen versprochen, die sich nicht länger den Vorgaben der Ökonomie unterwerfen. „Being safe is scary“ lautet die dazu passende temporäre Inschrift auf dem Tympanon des Kasseler Fridericianums, die die Künstlerin Banu Cennetoğlu dort angebracht hat. Die großformatige Präsentation nimmt dem Satz leider viel von dem Esprit, den er sicherlich in seiner ursprünglichen Form als Graffiti auf einer Athener Mauer besessen hat.

Banu Cennetoğlu, BEINGSAFEISSCARY, 2017, verschiedene Materialien, Friedrichsplatz, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

In Kassel wird die Inschrift zu einem pädagogischen Appell – allerdings einem, den man einem Menschen auf der Flucht nicht mit auf den Weg geben möchte. Wäre im Kontext globaler Migration und postfaktischer Gefühlslagen nicht vielleicht ein ‚Klassiker‘ geeigneter, um die deutsche und internationale Öffentlichkeit an die unhintergehbare Notwendigkeit der Menschenrechte zu erinnern? Warum nicht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“?

(1) Kassel Map Booklet, hg. v. Quinn Latimer u. Adam Szymczyk, Kassel 2017, S. 16.

(2) Zygmunt Bauman, Glokalisierung oder Was für die einen Globalisierung, ist für die anderen Lokalisierung, in: Das Argument, Jg. 38, H. 217, 1996, S. 653–664.

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erstellt am 31.7.2017

Aboubakar Fofana, Fundi (Aufstand), 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

Ausstellung

Documenta 14

Athen: 8. April – 16. Juli 2017
Kassel: 10. Juni – 17. September 2017

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