Die 14. Ausgabe der Documenta, eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, findet erstmals an zwei Orten statt. In der griechischen Hauptstadt Athen ging die Schau am 16. Juli zu Ende, in Kassel läuft sie noch bis Mitte September. Eugen El hat sich an beiden Documenta-Spielorten umgesehen.

Documenta 14

Eine expansive Ausstellung

Von Anfang an war diese Documenta ausufernd, thematisch wie geografisch. Die von Adam Szymczyk verantwortete 14. Ausgabe der Weltkunstschau begann schon im April in Athen und läuft noch bis Mitte September in Kassel. Die Athener Documenta, die am 16. Juli zu Ende ging, war über viele Orte in der griechischen Hauptstadt verstreut. Auch in Kassel, dem angestammten Austragungsort der Documenta, bespielt die Ausstellung zahlreiche Gebäude und Plätze. Zumeist sind sie zwar zu Fuß erreichbar. Angesichts der schieren Menge der Werke, Performances und Begleitveranstaltungen empfiehlt sich aber ein mehrtägiger Besuch.

Abseits der in Documenta-Publikationen offerierten theoretischen Großkonstrukten und Sentenzen wie Von Athen lernen, so das Motto der 14. Documenta, lohnt sich ein unvoreingenommener Blick auf die ausgestellten Werke. Die meisten Künstler sind sowohl in Athen als auch in Kassel vertreten, meist mit unterschiedlichen Arbeiten. Das Antlitz dieser Documenta zeigt sich auch bei einem (zwangsläufig unvollständigen) Rundgang durch ausgewählte Ausstellungsorte. Was also fällt ins Auge?

Music Room (Athens) von Nevin Aladag, Foto: Eugen El
Music Room (Athens) von Nevin Aladag, Foto: El

Unter der südlichen Sonne: Athen

Unweit des Athener Documenta-Infozentrums, dessen gelangweilt wirkende Mitarbeiterinnen Auskünfte über die weit verzweigte Ausstellung erteilten, liegt das Konservatorium Odeion. Musik und Klang bildeten einen Schwerpunkt der dortigen Documenta-Präsenz. So stieß der Besucher auf den „Music Room“ der Berliner Künstlerin Nevin Aladağ. Sie hat diverse Vintage-Möbelstücke zu Musikinstrumenten umgebaut. Einem Beistelltisch zog Aladağ Saiten auf. Ein Stuhl ist zur Harfe geworden, ein weiterer Tisch fungiert als Glockenspiel. Die eigentümlichen Musikinstrumente wurden in regelmäßigen Abständen live gespielt. In einem abgedunkelten Saal des Konservatoriums konnte man Gesängen und Erzählungen lauschen, während eine LED-Laufschrifttafel in Echtzeit globale Börsenkurse anzeigte. Für seine Installation „The Way Earthly Things Are Going“ hat der in Nigeria geborene Künstler Emeka Ogboh Archive nach Informationen zu diversen modernen Finanzkrisen durchsucht. Das Material wurde anschließend von einem griechischen und einem nigerianischen Komponisten vertont.

Lautstark rauscht der Athener Autoverkehr einer Ausfallstraße am EMST, dem Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, vorbei. Die ehemalige Fabrik wurde 2014 zum Museum umgebaut, jedoch konnte die EMST-Sammlung noch nicht in den kastenförmigen Bau einziehen. Ein Teil der Sammlung wird nun im Kasseler Fridericianum, einem zentralen Ort der Documenta, präsentiert. Im Athener EMST-Gebäude war indes ein beträchtlicher Teil der dortigen Documenta zu sehen. An der Außenfassade prangte ein großformatiges Banner des 1936 geborenen Konzeptkünstlers Hans Haacke. In zwölf verschiedenen Sprachen (Deutsch ist nicht darunter) war auf dem Banner die Sentenz „Wir (alle) sind das Volk“ zu lesen. Durch einen schlichten Eingriff korrigierte Haacke den zuletzt von der Pegida-Bewegung missbrauchten Ruf „Wir sind das Volk“. Hans Haackes Botschaft: Alle Menschen gehören dazu, niemand sollte von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden oder sich ausgeschlossen fühlen. Das gleiche Banner findet sich auch auf dem Kasseler Friedrichsplatz sowie als Plakat an weiteren Orten im Stadtraum.

Die Athener Kunstakademie befindet sich auf dem ehemaligen Gelände einer Textilfabrik. Die Ausstellung in der Kunstakademie streifte Themen wie Migration, Flucht und Umwelt. Der 1967 in Dresden geborene Künstler Olaf Holzapfel zeigte eine Reihe von Strohbildern, die die Bildsprache der geometrischen Abstraktion zitierten. Auch waren Arbeiten mit geflochtenem Heu zu sehen. Aus beiden Materialen sowie aus Holzlatten setzte Holzapfel eine Raumskulptur zusammen. Wer sich fragte, was der Künstler beabsichtigte, las von Holzapfels „politisch aufgeladenem Interesse an Grenzland und Grenzen“. Klarer waren die eindringlichen, tonlosen Filmaufnahmen von Artur Zmijewski aus einem Flüchtlingslager.

Das Benaki Museum zählt zu den wichtigsten Museen Griechenlands. Ein Teil der Documenta-Ausstellung war in der Benaki-Dependance am Rand des postindustriell-hippen Gazi-Viertels zu sehen. Im Innenhof des Museums fand der Besucher das „One Room Apartment“ von Hiwa K vor. Der 1975 in der kurdisch-irakischen Stadt Sulaimaniyya geborene, in Berlin lebende Künstler hat eine rudimentäre Behausung entworfen. Sie besteht aus einer Wand sowie einer Treppe, die zu einer Ebene führt, auf der sich ein Bett und eine Funkantenne finden. Die Treppe wird von einer Außenlampe ausgeleuchtet. Ein Dach fehlt. Ist das eine Wohnung fürs Existenzminimum? Eine Ruine? Oder vielmehr gebaute Obdachlosigkeit?

Die Geschichte ist allgegenwärtig: Kassel

Hiwa K ist eine wichtige Position dieser Documenta, die große Namen des Kunstmarkts bewusst auslässt. Auf dem Kasseler Friedrichsplatz hat er eine markante Installation aus Steinzeugrohren aufgebaut. Solche Abflussrohre dienten Flüchtlingen in Griechenland als Behausung. Produktdesign-Studenten der Kunsthochschule Kassel haben die Rohre zudem mit einfachen Mitteln „eingerichtet“ oder zumindest versucht, sie bewohnbar zu machen. Die Installation ist neben Marta Minujíns „Parthenon der Bücher“ ein Blickfang der Kasseler Documenta. Hiwa K gelang es indes nicht, während der Ausstellung Menschen darin unterzubringen. Er scheiterte an den Behörden der nordhessischen Stadt.

Abflussrohre als Behausung: Installation von Hiwa K auf dem Kasseler Friedrichsplatz, Foto: Mathias Völzke

Mehrere Tage lassen sich in Kassel problemlos mit einem Besuch der Documenta 14 füllen. Beginnen sollte man, schon der Orientierung halber, am zentralen Friedrichsplatz. Prominent und unübersehbar dort: Der noch unvollendete „Parthenon der Bücher“ der 1941 geborenen argentinischen Künstlerin Marta Minujín. Bücher, die verboten sind oder waren, können gespendet werden. Sie werden in Plastik eingeschweißt und der Großskulptur hinzugefügt. Beim flüchtigen Streifen durch den als Fotomotiv oft genutzten Parthenon fallen vor allem „Klassiker“ der deutschen Literatur vor 1933 ins Auge, die auf ebendiesem Friedrichsplatz von den Nazis verbrannt wurden. Aber auch jüngere Publikationen wie „Harry Potter“ fanden Eingang in die Installation.

Das Fridericianum, üblicherweise ein Herzstück jeder Documenta, wirkt bei der 14. Ausgabe eher randständig. Dort ist ein Teil der schon erwähnten EMST-Sammlung eingezogen. Die Bestände des Museums umfassen etwa 1.100 Werke griechischer und internationaler Künstler seit den 1960er Jahren, also auch aus der Zeit der Militärdiktatur in Griechenland. Es entsteht zwar ein interessanter Einblick in eine Szene, die in deutschen Museen unterrepräsentiert ist, doch sieht man auch viel Epigonales und Plakatives. Auch wenn die üblichen Kunstprotagonisten fehlen: Eine Videoinstallation von Bill Viola hat es über den EMST-Umweg auf die 14. Documenta geschafft.

Eine der stärksten Positionen der gesamten Ausstellung findet sich auf dem Weg vom Friedrichsplatz zur Orangerie und zur Karlsaue, in der 1992 eröffneten Documenta-Halle. In einem eigenen Raum zeigt die 1949 geborene Schweizer Künstlerin Miriam Cahn Gemälde, von denen die meisten aus dem vergangenen Jahr stammen. Sie sind grell und schon fast zudringlich. Man sieht rudimentäre, oft nackte Figuren, die sich durch sparsam ausformulierte Bildräume bewegen. Den Figuren haftet eine unheimliche Energie an, sie wirken bisweilen aggressiv. Es sind sexuell und auch gewalttätig aufgeladene Szenerien. Genitalien werden überdeutlich ins Bild gerückt, ebenso Waffen. Da ist eine Stimmung von Flucht und Panik. Cahn malt allgemeingültige, zugängliche Visionen von Krieg und menschlicher Not. Der tägliche Blick in die Nachrichten liefert dafür genügend Anschauungsmaterial.

Malerei von Miriam Cahn, documenta Halle, Kassel, Foto: Roman März

Als eigentliches Kraftzentrum dieser Documenta könnte man die Neue Galerie, ein Kunstmuseum für das 19., 20. und 21. Jahrhundert, sehen. Mit der dortigen Präsentation versuchen die Kuratoren, die 14. Documenta historisch zu verorten. Es sind zum Beispiel einige Werke zu sehen, die von einer schwärmerischen deutschen Griechenland-Rezeption mit ihren Auswüchsen bis in die Nazi-Zeit, künden. Die ausgestellten Zeichnungen des Documenta-Gründers Arnold Bode (1900-1977) sowie Gerhard Richters Bode-Porträt aus der Sammlung der Neuen Galerie sind ein weiterer Annäherungsversuch an die Genealogie der Kasseler Documenta.

Ursprünglich wollte Adam Szymczyk den den umstrittenen Nachlass des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt in Kassel zeigen. Der Plan ging nicht auf. Das Thema Restitution wird in der Neuen Galerie dennoch gewichtig verhandelt. Markant ist Maria Eichhorns Turm aus unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbenen Büchern aus der Berliner Stadtbibliothek. Die 1962 geborene Künstlerin hat ein Institut eingerichtet, das sich der Erforschung von NS-Raubgut unrechtmäßigem Besitz in Deutschland widmet. Mit ihrem Projekt möchte Eichhorn „die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart“ untersuchen und dokumentieren. Namensgeberin des Instituts ist die französische Kunsthistorikerin Rose Valland (1898-1980). Während und nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Valland eine wichtige Rolle bei der Rettung und Rückführung von Raubkunst.

Mit einem kleinen Teil der Documenta-Ausstellung und einen Rundumblick auf Kassel und Umgebung lockt die auf einer Anhöhe liegende, im September 2015 eröffnete „Grimmwelt“. Auch ein Abstecher ins angrenzende Museum für Sepulkralkultur lohnt sich. Das Künstlerduo Prinz Gholam (bestehend aus Wolfgang Prinz, Jahrgang 1969, und Michel Gholam, Jahrgang 1963) arbeitet seit 2001 an gemeinsamen Projekten. Im Museum für Sepulkralkultur sind filigrane zeichnerische und filmische Paarchoreographien zu sehen. Prinz Gholam stellten in Kassel, wie auch im Rahmen mehrerer Performances in Athen, Körperhaltungen aus historischen Gemälden nach.

Alle Krisen dieser Welt: Ein Fazit

An fast allen Orten springt die 14. Documenta zwischen diversen Weltregionen, zwischen Geschichte und Gegenwart. Man sieht viele Werke indigener Volksgruppen, überhaupt unzählige Arbeiten, die Kolonialismus und Neoliberalismus anprangern und diverse politische Konflikte vergangener Jahrzehnte illustrieren. Es scheint, als würde diese Documenta die ganze Welt abbilden und keine aktuelle Problematik, keine Krise auslassen wollen; als würde sich jeder Künstler als Opfer irgendeiner Besatzung, irgendeiner Ungerechtigkeit präsentieren wollen.

Die Expansion der Documenta nach Griechenland hatte indes einen eigentümlichen Effekt. Unter Athens südlicher Sonne erschien Kassel weit weg. Vielleicht war genau das ein Kalkül der Documenta-Macher um Adam Szymczyk: Die Schau ein Stück weit vom Ballast der ihrer Tradition zu lösen und neu zu denken. Doch wirkte die Documenta in der Millionenstadt ein Stück weit deplatziert. Unter den Besuchern fanden sich nicht viele Einheimische, während Graffitis an Hauswänden Stellung gegen die Großausstellung bezogen. In Kassel hat die Documenta hingegen ein Heimspiel, die mehr als 60-jährige Geschichte der Ausstellung ist dort allgegenwärtig. So erscheint die Kasseler Ausstellung profunder und weniger beliebig. Von den kürzeren Wegen ganz zu schweigen.

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erstellt am 20.7.2017

Wir (alle) sind das Volk: Banner von Hans Haacke an der Fassade des EMST, Athen. Foto: Eugen El

Ausstellung

Documenta 14

Athen: 8. April – 16. Juli 2017
Kassel: 10. Juni – 17. September 2017

Weitere Informationen

Gebaute Obdachlosigkeit: Installation von Hiwa K im Hof des Benaki Museums, Athen. Foto: Eugen El

Unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher, von Maria Eichhorn aufgetürmt in der Neuen Galerie, Kassel. Foto: Eugen El