Sogenannte bildungsferne Menschen sagen uns gerne, dass die Erfahrungen des Lebens in keinem Buch zu finden sind. Das können sie logischerweise nicht wissen. Und sie haben unrecht. Der Schriftsteller Gert Heidenreich bemerkt in seinem Essay über Wahrheit und Fiktion, dass der Verzicht auf das Leseerlebnis zu einer Dummheit führt, die jede Lüge glaubt.

Essay

Zur Wahrheit der Fiktion

Werden Schriftsteller gefragt, woher ihnen die Einfälle, die Sätze, der Fortgang der Erzählung kommen und was denn genau ihre Phantasie nun eigentlich sei, bekennen die Ehrlichen unter ihnen ihre Ahnungslosigkeit. Die Frage hingegen, warum sie und für wen sie schreiben, findet gelegentlich plausible Antworten – deren umfänglichste Heinrich Böll gab: „Ich schreibe für jeden, der lesen kann.“

Was aber geschieht mit der Sprache, was tun wir mit ihr, wenn wir sie in Schrift verwandeln und lesbar machen? Eine erstaunliche, ja verstörende Antwort gibt Goethe in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ im Kapitel 12 des zweiten Teils:

„Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“

Wenn das keine Provokation der Literatur und ihrer Rezeption ist! Missbrauch, Surrogat! Bei eingehender Überlegung aber ließe sich feststellen, dass Goethe damit zwei verschiedene Vergegenwärtigungen von Sprache unterscheidet: Eine flüchtige, die aus Gespräch und Rede besteht und für ihn die organische oder natürliche ist; und eine dauerhafte, die gleichsam geronnene Erzählgegenwart ist und jederzeit und im Prinzip unbegrenzt von Lesekundigen erfahren werden kann. Letztere scheint er als Hilfskonstrukt zu verachten – was für einen, der sein Leben lang schrieb, doch verwunderlich ist. (Allerdings hat er ja auch nahezu täglich diktiert.)

Die gedruckte Literatur enthielte, so kann man ihn interpretieren, stets eine nicht mehr hörbare Rede, die vor ihrer Aufzeichnung von ihrem Erzähler an ihn selbst gerichtet war und im Druck vergangen ist. Vielleicht darum überwiegt in der Belletristik das Präteritum, mit dem Schriftsteller behaupten, alles, wovon sie erzählen, sei bereits geschehen und somit tatsächlich wahr…

Der Leser, das kennt jeder, verwandelt das gleichsam Vergangene in eine Gegenwart, die sich in ihm ereignet. Es wird wieder Rede. Gemeinhin sprechen wir davon, dass jemand in eine Geschichte abtaucht und in einem Buch versinkt; das Gegenteil ist wahr: Wir tauchen in einer Geschichte auf und begeben uns in eine unbekannte Welt. Wir sind dann gleichermaßen in unserer realen und in der fiktiven Welt im Kreis ihrer Figuren gegenwärtig, was bedeutet: Wir sind irgendwie dazwischen.

Wo ist das? Auch die Fiktion hat als solche existiert, bevor wir in ihr auftauchten und mit ihren Figuren zu leben begannen. Wo aber war sie? Im gedruckten Text, nun ja. Den hält Goethe aber nicht für eine Erscheinungsweise, sondern für einen „Mißbrauch“ der Sprache. Kann die Fiktion in einem Papier mit schwarzen Zeichen enthalten sein? Oder existiert sie irgendwo zwischen der Phantasie des Erzählers und der des Lesers in ständiger Bereitschaft, sich zu vergegenwärtigen? Was der Text für seine zeitlose Verstetigung einbüßt, wäre demnach die Wahrheit im Augenblick seiner Erfindung, bevor er als „Surrogat“ lesbar wurde.

Dreimal Wahrheit

Bei Fiktion von Wahrheit zu sprechen, klingt kurios, zumindest ein bisschen nach philosophischer Schlamperei. Die drei gängigsten Wahrheitsdefinitionen versagen hier nämlich. Zum einen die Korrespondenz-Theorie, nach der wahr ist, was mit den Tatsachen übereinstimmt: Wenn alle Belege, die wir darüber beschaffen können, das selbe sagen, entsteht Wahrheit. (Ich lasse, wie bei den folgenden, die Schwächen dieser Begründung beiseite.) Als zweite kennen wir die Kohärenz-Theorie, nach der als Wahrheit gilt, wenn die Aussage über sie mit möglichst vielen anderen Aussagen über dieselbe Frage oder denselben Gegenstand verträglich und frei von Widersprüchen sind. Dafür müssen die Aussagenden aber über relevante Einsichtsmöglichkeiten verfügen. Drittens beschreibt die Konsens-Theorie, dass eine Behauptung wahr ist, wenn ihr alle oder die allermeisten zustimmen. Freilich sollten die sämtlich kritikfähig und vernünftig sein, sonst entsteht, wie wir leider wissen, eine Wahrheit der Idioten – das Grundproblem der Demokratie…

Alle drei Wahrheitsfindungs-Muster haben in der Fiktion und in der Phantasie ihrer Leser kein Mandat. Und dennoch haben wir manchmal, wenn wir in einer Geschichte aufzutauchen beginnen, den Eindruck, im wahren Leben zu sein oder Wahrheiten über das Leben zu erfahren, die wir nach den drei genannten Theorien nicht belegen, ja nicht einmal formulieren könnten.

Worum also geht es dabei? Es geht offenbar um ein Spezifikum der Kunst. Der wohl berühmteste Satz dazu stammt von Pablo Picasso: “Nous savons tous que l’art n’est pas la vérité. L’art est un mensonge qui nous fait comprendre la vérité.” Dass die Kunst nicht die Wahrheit ist, sondern eine „Lüge, die uns die Wahrheit verständlich macht“, gilt keineswegs nur für die bildende Kunst. Picasso setzt an die Stelle von Erfindung – Einfall, Fiktion – das Wort Lüge, um die Kunst gegen die Wahrheitsbestimmungen der Realität (was immer das auch ist) abzusetzen. Und tatsächlich sind wir ja Lügner: Wir behaupten nach allen Regeln der Kunst Wahrheiten, die, wie man so sagt, erstunken und erlogen sind – manchmal orientiert an oder begründet durch historische Beispiele, manchmal durch Recherchen gedeckt, die wir dann aber belletristisch sehr frei ausmalen oder ausdichten. Wenn Dokument und Lüge sich verbinden, hält der Literaturmarkt das raffinierte Zwitterwort Faction bereit. Fakten sind dann quasi fiktional kostümiert.

Doch meinte Picasso offensichtlich etwas anderes; dass nämlich durch die Erfindungen und Spiele der Kunst Wahrheiten transparent werden, die uns im realen, sagen wir ruhig: banalen Alltag verborgen bleiben oder hier allenfalls zu ahnen, nicht jedoch zu begreifen sind – all das, was jenseits der Schulweisheit liegt. Bevor wir nun in den Idealismus oder gar ins Mystische abgleiten, sei wiederum die Frage nach dem Ort gestellt, an dem dies alles angeblich stattfindet. Im Text allein nicht. Es braucht dazu den Leser und seinen Assoziations-Horizont. Wo befinden sich beide, wenn sie zusammen gekommen sind?

Der Literaturwissenschaftler und Kultur-Evolutions-Forscher Karl Eibl hat in seinem Werk vielfach analysiert, warum Poesie, warum generell Kultur einen Evolutionsvorteil bot und bietet, und er hat für den Ort der dabei relevanten Vorgänge den Begriff der Zwischenwelt geprägt. Es geht ihm – unzulässig vergröbert – darum, dass wir in einem Bereich handeln, denken, fühlen können, in dem wir die konkreten Folgen für unser Tun nicht tragen müssen. Gleichwohl machen wir in diesen modellhaften Vorgängen Erfahrungen, die im realen Leben nützlich sind; wir simulieren, probieren uns aus, sind intellektuell und emotional in Schicksale und Fragestellungen verwickelt, die immer eine sinnstiftende Wirkung auf uns selbst haben. In komprimierter Form hat Eibl seine Erkenntnisse in dem Buch „Kultur als Zwischenwelt. Eine evolutionsbiologische Perspektive“ zusammengefasst, das für mich neben dem „Mythos des Sisyphos“ von Albert Camus (1942) und „Schiffbruch mit Zuschauer“ von Hans Blumenberg (1979) nun zu den hellsichtigen Grundtexten für die literarische Arbeit gehört.

Märchen und Sagen

Eibl schreibt: „Wir konstruieren unsere Zwischenwelten in imaginierte Räume hinein. Wohin sollten wir sonst die imaginierten Dinge stellen. Wenn wir das auch bei Vorstellungen tun, die eigentlich keinen Dingcharakter habe, hat es didaktischen Nutzen.“ Und an anderer Stelle: „Auch der Begriff der Zwischenwelt ist ja eine Raummetapher. Wie übrigens auch Umwelt oder Umgebung. Sie wird als Entwurfs- und Plausibilisierungsmedium benutzt.“

Dies also ist der Ort, an dem Picassos kunstvolle „Lüge“ uns ermöglicht, neue Wahrheiten zu entdecken. Ein Raum, in dem wir üben und lustvoll spielen, in dem wir die Erfahrungen erfundener Personen uns zueigen machen können, in dem wir Träumen nachgeben oder Jenseitswelten imaginieren; ein im Prinzip unbegrenzter Ort der Möglichkeiten – folglich ein Ort des Jonglierens mit mehreren Unbekannten. Eibl schreibt:

„Nahezu jede Adaption kann aus ihrem ursprünglichen Zweckzusammenhang herausgelöst und zweckfrei, interesselos betätigt werden, weil solche Betätigung durch die angeborene Lust motiviert und belohnt wird. Und Lust (…) ist auch der Motor für unsere Faszination für erfundene Geschichten, für Bilder und für Töne. Sie geben unseren Adaptionen Gelegenheit zu einem freien Spiel, das wir in entlastenden Situationen genießen, auch wenn es zum Beispiel ein Spiel mit unseren Befürchtungen und Ängsten ist. Wir sind dann sozusagen begeistert davon, dass wir uns so gut fürchten oder so gut traurig sein können.“

Wer würde dabei nicht an die Märchen seiner Kindheit denken. Jenseits der totalen Behütungspädagogik, die Kindern möglichst jede Erfahrung, aus der sie lernen könnten, ersparen will, werden inzwischen die durchaus grausamen Märchen der Gebrüder Grimm als seelische Erfahrungsräume angesehen, in denen Lösungsmöglichkeiten für Konfliktsituationen und Muster zur Bewältigung von belastenden Gefühlen angeboten sind. Der Neurobiologe Gerald Hüther hält Märchen für ein wichtiges Instrument für die transgenerationale Überlieferung zentraler Botschaften zur eigenen Lebensbewältigung und Gestaltung von Beziehungen.

Unerlässlich ist, dass die Vorlesesituation eine sichere Geborgenheit bei den Eltern bereithält – das heißt, dass die Rückkehr aus der Zwischenwelt mit ihren abenteuerlichen und bedrohlichen Konflikten in die Gewissheit, behütet zu sein, jederzeit gewährleistet ist. Hüther vergleicht die Funktion des Märchendurchlebens beim Vorlesen mit dem Erwerb des Vogelgesangs durch die Jungen Nesthocker: In ihrem Gehirn „bilden die Nervenzellen zunächst ein dichtes Gestrüpp an Vernetzungen und Verschaltungen aus. Immer dann, wenn der Vater in der Nähe des Nestes seine Lieder singt, entsteht in diesem Wirrwarr von Verschaltungen ein durch das Hören des Liedes ausgelöstes charakteristisches Aktivierungsmuster. Je häufiger das geschieht, desto fester werden die dabei aktivierten Nervenzellverschaltungen miteinander verbunden, und je komplexer der Gesang ausfällt, desto komplexer können die auf diese Weise stabilisierten inneren Repräsentanzen herausgeformt werden. (…) Wenn die Nachtigalleneltern (den Jungen) ihre Lieder nicht mehr vorsängen, würde also genau das verschwinden, was die Nachtigall ausmacht. Und wenn wir uns entschließen würden, unseren Kindern keine Märchen mehr zu erzählen, verschwände eben all das, was durch das Märchenerzählen stabilisiert wird. Und wer vergessen hat, was das ist, der muss noch einmal von vorn anfangen.“

Wer Kindern nicht vorliest, sondern frei erzählt, kennt den kindlichen Anspruch, dass die Geschichten genau so, möglichst wortgleich verlaufen müssen, wie sie am Abend zuvor gelautet haben. Das heißt, es ist – wie bei den Nachtigallkindern – etwas gelernt worden, das stabilisiert werden will. Wenn man so will: Die Wahrheit der erlernten Bilder darf im Sinne der Kohärenz-Theorie nicht infrage gestellt werden, weil sie für die Orientierung und Ichwerdung nötig ist.

Worin besteht die Orientierung?

In der Zwischenwelt, in der Kinder an Märchen teilnehmen, wird häufig das erfolgreiche Scheitern thematisiert: Wenn alles aussichtslos erscheint, gelingt es Hänsel und Gretel trotz alledem, ihren Weg zu finden. Das vergiftete Schneewittchen wird dennoch gerettet, Dornröschen aus dem Schlaf erlöst. Viele Märchen spielen diese Situation durch und stärken die Zuversicht, dass es richtig ist, nie aufzugeben. Die psychische Simulation, die das Kind in der Zwischenwelt vollziehen kann, mündet in die Realität mit der Botschaft: Es lohnt sich, den Widrigkeiten des Lebens die Stirn zu bieten.

Natürlich haben Eltern Angst, ihre Kinder könnten durch erzählten Horror oder klischierte Geschlechterrollen Schaden nehmen, eine Angst, die ich gut kenne, die aber die eigenen Kindheitserfahrungen ignoriert. Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychologie sprechen dafür, dass Kinder sehr wohl Märchenwelt und Lebenswelt unterscheiden und dass es für sie überlebenswichtig ist, aus der Simulation des Schreckens in der Zwischenwelt zur Realwelt mit der Gewissheit zurückzufinden, dass alles gut wird. Auch der Schwache kann stark werden. David bezwingt Goliath. Das Waisenkind Harry Potter überwindet Voldemort. So lautet die Märchen-Wahrheit der Zwischenwelt, und sie wird die Erwartung an die Realwelt und die Haltung zu ihr prägen.

Wenn wir von Märchen reden, in Picassos Sinn also von wahrheitsstiftenden Lügen, reden wir über einen Urgrund der Literatur. Vereinfachend will ich hier den Begriff Literatur auch für das Theater, die Oper, den Gottesdienst und den Kinofilm benutzen, weil ihnen allen das gemeinsam ist, um das es hier gehen soll.

Sämtliche Erfahrungen, die in der Geschichte unserer Spezies möglich und notwendig waren, seit es Aufzeichnungen darüber gibt; alle Träume und Utopien, die entworfen wurden; alles Wissen um den Körper und die Seele des Menschen; alle Einsichten und Zweifel, Gedanken und Gefühle haben einen Ort, an dem sie aufgehoben sind: die Literatur der Welt. Sie ist darum das kostbarste Reservoir, das wir haben, um uns zu begreifen, zu orientieren, vor allem aber nicht allein zu fühlen. Denn die Konflikte und Ängste, die in jedem Leben unvermeidlich auftauchen; die Erfolge und das Scheitern; hochfliegende Liebe, erniedrigende Eifersucht; Glück und Trauer, Zuneigung und Hass, Gewinn und Verlust, Verzweiflung und Zuversicht, Gemeinheit und Güte, Melancholie, Not und Erlösung: All dies ist in den Kulturen erzählt worden und wird fortwährend neu erzählt.

Daraus hat sich ein stetig wachsender sinnvoller Vorrat entwickelt, den nicht zu nutzen geradezu sträflicher Leichtsinn ist. Mehr noch: Ich bin sicher, dass wir Kindern und Jugendlichen Schaden zufügen, wenn wir sie nicht in die substantielle Zwischenwelt der Literatur einführen und dazu inspirieren, dort Wahrheiten zu erfahren, die sie in ihrem Leben unvermeidlich brauchen werden.

Ich rede hier bewusst nicht von Kunst und Stil, vom „Weg durch das Ästhetische“ im Sinne Schillers, „weil es die Schönheit ist, durch welche man zur Freiheit wandert.“ Selbstverständlich sind Faszination, Attraktion und Wirkung eines literarischen Textes durch seine künstlerischen Qualität bedingt – doch hier geht es mir vorerst darum, dass durch das Lesen literarischer Werke Konflikte antizipiert und ihr positiver oder negativer Ausgang simuliert werden können, ohne Gefahr zu laufen, die Folgen real tragen zu müssen.

Leser befinden sich, wenn wir ihnen diese Zwischenwelt zugänglich machen, in einem Zustand, den die amerikanischen Evolutionspsychologen Cosmides und Tooby den „Organisationsmodus“ nennen und ihn vom „Funktionsmodus“ unterscheiden. So etwa, wenn der Hund, der im Funktionsmodus den Hasen totschüttelt, im Organisationsmodus dies scheinbar ebenso wütend mit dem Pantoffel tut. „Jeder komplexe Organismus“, schreibt Karl Eibl, „muss sich nach seiner Geburt erst einmal ‚epigenetisch’ fertigbauen, und dieses Fertigbauen geschieht im Organisationsmodus. Das gilt für die Gehirnfunktionen nicht weniger als für die Funktionen körperlicher Leistungsfähigkeit.“

Auch beim Durchleben von literarischen Abgründen oder Höhenflügen befindet sich vor allem der junge Leser in einem solchen Organisationsmodus, und zwar, was seine erkenntnishaften und emotionalen Erfahrungen betrifft.

Totgeschüttelter Pantoffel

Längst weist die Neurobiologie die Pädagogik unermüdlich darauf hin, dass Lernen nur wirklich nachhaltig und langfristig anwendbar gelingt, wenn es als bedeutsam empfunden ist und damit Emotionen ermöglicht. Sie können übrigens vom Lehrer, der vom seinem Fach begeistert ist, auf den Schüler überspringen, denn Emotionen sind ansteckend. Gerald Hüther nennt sie den „Dünger“ fürs Lernen. Dabei ist – wir wissen es aus der berühmten pädagogischen John-Hattie-Studie „Visible Learning“ – die Persönlichkeit der Lehrenden und ihre Fähigkeit zur Lernermutigung weitaus wichtiger als Klassengrößen oder Unterrichtsformen oder Schulstrukturen.

Ganz ähnlich verhält es sich im Zwischenreich der Literatur. Wir befassen uns teilnehmend und urteilend, also sympathisierend oder verabscheuend, mit den Handlungen und Motiven der fiktiven Personen – doch zunächst einmal muss es dem Text und uns selbst gelingen, in eine Beziehung aus Faszination oder, mit Gerald Hüther zu sprechen: aus Bedeutsamkeit, einzutreten. Das heißt, wir sollten immer wieder die Erfahrung machen, dass das Lesen von Literatur ein Vorgang ist, der – ähnlich wie das Märchenhören in der Kindheit – uns in jenes Zwischenreich aus Emotion und Entscheidung führt, wo wir erfahren, wie andere mit jenen Konflikten und Euphorien, Problemen und Verführungen umgegangen sind, die auch in unserem Leben, also im realen Funktionsmodus, schon aufgetaucht sind, sich abzeichnen oder voraussehbar sind. Am Scheitern und an den Erfolgen der fiktiven Figuren können wir mitvollziehen, wie Leben glückt oder misslingt. Dazu freilich muss man in ein literarisches Werk eintauchen und in ihm auftauchen können, man muss es, um im Bild zu bleiben, durchschwimmen, und zwar vom einen bis zum anderen Ufer.

Genau dies wird offenbar im derzeit üblichen Deutschunterricht kaum noch ermöglicht. Ich kann mich nur auf meine Erfahrungen in Schullesungen, Gespräche mit Schülern sogenannter Deutschleistungskurse (was für ein literaturfeindliches Wort!) und mit Lehrern berufen. Mir scheint, dass dieses Fach, das so unendlich viele Möglichkeiten hätte, nicht selten zu einer pseudogermanistischen Informationsveranstaltung verflacht, in der das Leseerlebnis hinter das Erlernen von akademisch definierten Werk-Strukturen, fragwürdigen Definitionen von Literaturepochen, noch fragwürdigeren Stil-Einordnungen und gänzlich sinnlosen Textausschnitten, die ein Missbrauch von Literatur sind, zurücktritt. Offenbar gibt es auch eine gewisse Scheu, Konfliktstoffe aus Romanen und Dramen in der Klasse zu thematisieren. Textfetzen enthalten ja kaum Diskussionspotential. An sogenannten Literaturbeispielen entsteht allenfalls ein oberflächlicher Eindruck von etwas, das es nicht wert ist, als ganzes Werk gelesen zu werden. Kein Wunder, dass die Belletristik dann als mehr oder minder überflüssig angesehen wird. (Einer österreichischen Untersuchung zufolge hat die Literatur bei der Hälfte aller Zehnjährigen ein „niedriges Image“, bei den Vierzehnjährigen sind es bereits 78%.)

Was wir meiner Überzeugung nach brauchen, was die Schüler brauchen, ist Literaturunterricht, der ihnen jenen Organisationsmodus ermöglicht, für den ich hier plädiere. Es ist fürs Leben von geringer Bedeutung, ob ich einen Hendiadyoin von einem Pleonasmus und diesen von einer Tautologie unterscheiden kann; aber es ist eine existentielle Frage, ob ich intellektuell erfahren und nachempfinden konnte, wie es allen Menschen überall schon immer gegangen ist. Von Schicksalen ergriffen zu sein, sagt es präzise: Die erfundenen Figuren haben mich an der Hand genommen und mir ihr Leben gezeigt. Dabei geht es nicht um die Wahrheit ihrer Gefühle, sondern um ihre Wahrhaftigkeit. Also um ihre Repräsentanz für meine eigenen Fragen an das Leben.

Das dadurch erworbene Wissen über die Emotionen der Figuren ist immer auch ein Zuwachs an Selbsterfahrung und wird durch Wiederholung und Variation das Verhalten in der Realwelt beeinflussen. Mitgefühl, Nachdenklichkeit, menschliche und politische Aufmerksamkeit wären die positiven Folgen.

Als ich eine Deutschlehrerin fragte, warum in ihrer Abiturklasse niemand über Antigone Bescheid wusste, kam die übliche Ausrede mit dem Lehrplan; und auf meinen Hinweis, dass man doch am Schicksal der jungen Frau das Problem der Entscheidung zwischen Macht und Gewissen erörtern und bis in die jüngere Geschichte zu Sophie Scholl weiter führen könnte, bekam ich zur Antwort: „Das machen die im Ethik-Unterricht.“ So viel pädagogische Ignoranz macht mich fassungslos. Wenn Deutschlehrer nicht den Unterschied zwischen literarischer Gestaltung und grauer Theorie kennen, sollten sie sich von ihren Mathematik-Kollegen beraten lassen, die noch wissen, dass man erst mal mit Geschichten vom Einkaufen, Aufteilen und zurückzulegenden Wegstrecken beginnen muss, bevor man in die Formellehre des Dreisatzes einsteigt.

Vielleicht haben wir längst eine Lehrergeneration, die das Erlebnis Lesen, das Lebensspiel in der Zwischenwelt, selbst nicht mehr vermittelt bekam und nun lehrplanmäßig die Konditionierung der Schüler für die Routine-Anforderungen unserer Nutzungsgesellschaft begleitet. Über solchen Unterricht urteilt der Psychiater und Psychologe Manfred Spitzer summarisch: „Wer die Schule als den ‚Ernst des Lebens’ versteht, könnte kaum weiter von dem entfernt liegen, was die Gehirnforschung zum Lernen zu sagen hat!“

Es gibt freilich, gottlob, auch andere Lehrer.

„Das Gehirn“, so der Hirnforscher Gerald Hüther, „lernt immer, und es lernt das am besten, was einem Heranwachsenden hilft, sich in der Welt, in die er hineinwächst, zurecht zu finden und die Probleme zu lösen, die sich dort und dabei ergeben.“

Sein weiterer neurologischer Befund: „Unser Frontalhirn ist die Hirnregion, die in besonderer Weise durch den Prozess strukturiert wird, den wir Erziehung und Sozialisation nennen. (…) Ohne Frontalhirn kann man keine zukunftsorientierten Handlungskonzepte und inneren Orientierungen entwickeln, kann man nichts planen, kann man die Folgen von Handlungen nicht abschätzen, kann man sich nicht in andere Menschen hineinversetzen und deren Gefühle teilen, auch kein Verantwortungsgefühl empfinden.“

So weit die neurologische Unterfütterung der Zwischenwelt…Wir wollen ja möglichst alles messen und verifizieren und evaluieren, und doch sind es gerade diese Fragen der literarischen Simulation und ihrer Bedeutung für unser Bestehen in den Fährnissen des Lebens, die auch ohne naturwissenschaftliche Nachweise erkannt werden können. Schiller hat im achten seiner Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen bereits die Wechselwirkung von Verstand und Emotion erkannt und formuliert:

Alle „Aufklärung des Verstandes (…) geht gewissermaßen von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zu Verbesserung der Einsicht erweckt.“ Und im fünfzehnten Brief steht die These: „Das ästhetische Spiel macht den Menschen erst zum humanen Menschen.“

Das mag elitär klingen, doch wenn man den Satz als Aufforderung begreift, Menschen die Chance auf die Zwischenwelt einzuräumen; sie zur Faszination durch jene „Lügen“, die Wahrheit verständlich machen, einzuladen – dann sehen wir darin ein menschenfreundliches und höchst notwendiges pädagogisches Konzept.

Dass ein Schriftsteller auf dem Menschheitskosmos der Literatur als kostbarstem Vorrat für unsere Lebensgestaltung besteht, ist nicht (nur) pro domo gesprochen: Ich bin sicher, dass die erzieherische Vernachlässigung dieser Weltanthologie über die Stärken und Schwächen unsere Spezies zum Anwachsen der zeitgenössischen Dummheit beigetragen hat, die sich von den plattesten Lügen täuschen lässt und für Wahrheit hält, was schamlose Propaganda ist. Solche Dummheit, das lässt sich nachlesen, war durch die Jahrtausende Stoff vieler Komödien und satirischer Romane. Wer die kennt, weiß, wie tief wir schon im allgemeinen Konsens lächerlicher Behauptungen versunken sind.

Tauchen wir also auf, so lange wir uns noch schämen können. Solange noch Zeit ist bis zur Tragödie.

Manuskript einer Rede, die Gert Heidenreich am 9. Juni 2017 im Literaturhaus Frankfurt gehalten hat.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 19.7.2017

Gert Heidenreich. Foto: privat
Gert Heidenreich. Foto: privat

»Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.«

Johann Wolfgang Goethe

»Die Kunst ist nicht die Wahrheit, sondern eine Lüge, die uns die Wahrheit verständlich macht.«

Pablo Picasso

»Das ästhetische Spiel macht den Menschen erst zum humanen Menschen.«

Friedrich Schiller

Literaturverzeichnis

Manfred Spitzer: https://www.erfolgreich-lernen24.de/hirnforschung/besser-lernen-durch-emotionen/ist-lernen-spuerbar-oder-sind-emotionen-notwendig-um-besser-zu-lernen.html

Karl Eibl: Kultur als Zwischenwelt, Frankfurt 2009, edition unseld (Suhrkamp Verlag)

Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen.

Peter Schifferli (Hrsg.): Pablo Picasso. Wort und Bekenntnis. Die gesammelten Dichtungen und Zeugnisse. Ullstein, Frankfurt am Main 1957

Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther: „Weshalb Kinder Märchen brauchen. Neurobiologische Argumente für den Erhalt einer Märchenerzählkultur“