Das Buch „Der verlorene Vater“ der haitianischen Autorin Edwidge Danticat ist für die Shortlist des Internationalen Literaturpreis 2011 des Haus der Kulturen der Welt nominiert worden. Die Autorin, 1969 in Port-au-Prince/Haiti, geboren, folgte ihren Eltern mit zwölf Jahren in die USA und lebt heute in New York. Ihr beeindruckendes Debüt Breath Eyes Memory erschien 1996 unter dem Titel Atem, Augen, Erinnerungen auf Deutsch. Edwidge Danticat gilt als eine der bedeutendsten Stimmen der karibisch-amerikanischen Literatur, die nicht nur die Geschichte ihres Herkunftslandes thematisiert, sondern auch die Erlebnisse in der Diaspora. Mit Der verlorene Vater gelangte sie auf die Shortlist des National Book Critics Circle Award. Danticat erhielt zahlreiche Auszeichnungen, z.B. den American Book Award und den LiBeraturpreis. (poll)

Shortlist

Buchkritik

Edwidge Danticat: »Der verlorene Vater«

„Mein Vater ist verschwunden“. Schon die ersten vier Worte geben den Schreck wieder, der in neun aufeinander folgenden Geschichten Ton angebend bleibt. Nüchtern, nahezu abweisend distanziert nähert sich die haitianische Autorin Edwidge Danticat auf diese Art einer Frage, die Nachkommen tyrannischer Herrschaft oft nur insgeheim an ihre Vorfahren richten: „Was hast Du in dieser Zeit getan?“.
Der Schreck, den Edwidge Danticat, beschreibt, gilt zunächst der besorgten Tochter, die während einer Reise ihren Vater verloren glaubt und eine Vermisstenanzeige aufgibt. Trotz der sachlichen Erzählhaltung entsteht spontane Nähe. Der Leser lauscht den Gedanken der Tochter, erfährt, dass sie Künstlerin ist und eine Skulptur gestaltet hat, die das Wesen ihres Vaters ideal zu verkörpern scheint. Selbst auf Fremde wirkt die Skulptur wie der Inbegriff väterlicher Liebe.

In dieser atmosphärisch klug vorbereiteten Situation erfährt die Ich-Erzählerin, dass die Narbe im Gesicht des Vaters nicht dem Opfer, sondern dem einstigen Täter zugefügt worden ist. Ihr Vater ist nicht als Verfolgter aus Haiti geflohen, sondern war Folterer des im Buch nicht mit Namen bezeichneten Diktators Duvalier. Das Bekenntnis des inzwischen wieder gefundenen Vaters erschüttert die vorbehaltlose Tochterliebe tief und es braucht kaum weiterer Worte, um die Tragik dieses Augenblicks spürbar zu machen.
Dieser Schreck zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten. Schritt für Schritt zeigen sie, wie nah sich in der Gegenwart Opfer und Täter kommen. Dies geschieht nicht nur in Haiti, sondern vor allem auch in der scheinbaren Sicherheit New Yorks. Hier arbeitet der Vater der Ich-Erzählerin jetzt als Friseur, hierhin flieht auch der Junge, dessen Eltern er einst erschossen hatte. Jahrzehnte später erkennt der nun erwachsene Mann den Mörder, mietet sich in seinem Haus ein und schleicht in der Nacht in dessen Schlafzimmer, um ihn zu töten. Nur die Sorge, sich in der Person zu irren, lässt ihn zögern.

In unterschiedlichen Konstellationen schildert die Autorin die Folgen der grausamen Geschichte Haitis. Nahezu beiläufig werden diese Traumata, die „in jede Nische des Lebens dringen“ sichtbar. Schon ein Kirchenbesuch am Weihnachtsabend kann sie wach rufen. Inmitten der Betenden meint die Tochter des Friseurs einen Mann erkannt zu haben, der steckbrieflich wegen „Verbrechen am haitianischen Volk“ gesucht wird. Der Gesuchte wird, anders als Personen der offiziellen Geschichte Haitis, in der Erzählung mit Namen genannt: Emmanuel Constant. Wer die aktuelle Geschichte Haitis kennt, weiß, dass sich mit diesem Namen die Fortdauer von Unheil bis in die Gegenwart verbindet. Constant gilt als Gründer einer paramilitärischen Organisation, in deren Namen in den 90iger Jahren zahlreiche Mordtaten geschehen sind. In dieser Phase war Constant zugleich als Beauftragter der CIA in Haiti tätig. Er kehrte am 24. Dezember 1994 in die USA zurück und ist bis heute für die ihm zu Last gelegten Taten nicht zur Verantwortung gezogen worden.

Erstveröffentlichung in LiteraturNachrichten 107
Litprom

erstellt am 01.6.2011

Edwidge Danticat
Edwidge Danticat

Edwidge Danticat
Der verlorene Vater
Erzählungen.
The Dew Breker, 2004
Aus dem Englischen von Susanne Urban
Edition Büchergilde, Frankfurt 2010
Reihe Weltlese, hrsg. Von Ilija Trojanow,
239 S.; EUR 18,43 ; sFr.30,50
ISBN 978-3-940111-76-0
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