Die Finnin Verna, Protagonistin in Katja Kettus Roman „Feuerherz“, kommt ins nordrussische Dorf Lawra, um den Leichnam des Vaters zu identifizieren. Es ist das Jahr 2015, und Verna gerät in einen Politthriller, in dem sich die rätselhaften Lücken in ihrer Familiengeschichte schließen lassen. Gudrun Braunsperger empfiehlt das Buch.

Buchkritik

Ein genialer Roman

Den einzelnen Abschnitten dieses Romans sind zeichnerische Abbildungen vorangestellt, die die finnische Autorin Katja Kettu selbst angefertigt hat: Den Prolog der Romankomposition ziert das Bild einer Schachfigur, ein schwarzer Springer, jeden der vier Teile schmückt die Vignette eines Schmetterlings. Der Falter, russisch „motyljok“, ist ein Leitsymbol in diesem symbolisch hochaufgeladenen Text, in dem der strategische Kampf einer Schachpartie nachgestellt wird. Ein Nachtfalter ist das Indiz zu einer kriminalistischen Spur gleich zu Beginn der Handlung. Motyljok ist aber auch der Name eines geheimnisvollen Unbekannten, der auf das Schicksal der Protagonisten eine Weile lang äußerst vorteilhaft einwirkt, der Läufer, der dem König Schach bietet in dieser erbarmungslosen Partie auf Leben und Tod,
„ein Wesen, das im Dunkeln geboren wird, im Dunkeln lebt, aber bereit ist, sich die Flügel zu verbrennen, um näher ans Licht der Laterne heranzukommen.“

Der Fund eines verschluckten Nachtfalters bringt eine der beiden Hauptakteurinnen, die Finnin Verna, auf die Spur eines Verbrechens, das an ihrem Vater Henrik verübt wurde, als dieser auf die Suche nach den Spuren seiner Familiengeschichte ins nordrussische Mari-Dorf Lawra geraten ist. Verna ist gekommen, um den Leichnam des Vaters zu identifizieren. Es ist das Jahr 2015, das politische Geschick Russlands ruht in den Händen eines allmächtigen Herrschers, der sich in der Nachfolge Iwans des Schrecklichen sieht, und Verna gerät in einen Politthriller, in dem sich auf unvermutete Weise die rätselhaften Lücken in ihrer Familiengeschichte schließen lassen.

Wirkmacht der sowjetischen Geschichte

Irga, Vernas Großmutter, ist die andere weibliche Hauptdarstellerin in diesem Krimiplot. Im Jahr 1937 eröffnet sie die Schachpartie ihres Lebens mit dem schwarzen Springer, der den Prolog als figurales Emblem symbolisch begleitet und der am Ende dieser erbarmungslosen Partie auf Leben und Tod noch eine wichtige Funktion erfüllen wird, um eine Wende hin zu einer Auflösung herbeizuführen. Zunächst, 1937 also, entwendet die Finnin Irga die aus einem Walknochen geschnitzte Figur aus dem Schachspiel des Vaters, des gefürchteten „Weißen Generals“ im faschistisch regierten Finnland, und nimmt sie mit auf die Flucht über die Grenze. Auf Skiern macht sie sich auf den Weg in die Sowjetunion, in das Paradies des Kommunismus, um dort ihren Geliebten zu suchen. Der sowjetische Agitator Wolfszahn, der Vater ihres ungeborenen Kindes, hat sie eingeladen, sich dem Aufbau der neuen Welt zur Verfügung zu stellen. Aber anstatt Papiere zu erhalten, lässt er sie im Stich und sie wird als Spionin und Vaterlandsverräterin in eines der fürchterlichsten Zwangsarbeitslager abtransportiert, nach Workuta am Ende des Uralgebirges. Unter menschenunwürdigen Bedingungen finden die Häftlinge in dieser unwirtlichen Region nördlich des Polarkreises bei der Arbeit in den Kohlengruben den Tod. Auch der Tod der Schwangeren scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Auf dem Transport hat sie sich mit Elna angefreundet, von der sie als Schwester adoptiert wird. Elna ist glühende Kommunistin und kann es nicht fassen, als sie herausfindet, dass auch sie nicht als Freiwillige ankommt, als die sie sich zum Arbeitsdienst gemeldet hat, sondern als Verurteilte, für ein Verbrechen, das sie nicht kennt.

Mit diesem Buch ist der finnischen Bestsellerautorin Katja Kettu zum wiederholten Mal ein genialer Roman gelungen. Nicht nur der poetische Erzählstil schlägt in Bann, auch die Komposition ist überzeugend: Kettus Erzähltechnik unterläuft das chronologische Erzählen, indem sie zwei Zeitebenen miteinander verflicht und die Technik des Cliffhangers benutzt, um die Spannung zu steigern. Zwischen den beiden Geschichten von Irga und Verna wird ständig hin- und her gewechselt. Wie eng die beiden Erzählstränge miteinander verflochten sind, stellt sich allerdings erst nach und nach in überraschender Weise heraus.

Man kann diesen Roman auf mehreren Ebenen lesen, als Polit-Fantasy über das gegenwärtige und zukünftige Russland etwa: Über die Analogie zu Putin, die in der Figur des allmächtigen Despoten Wowa und dessen KGB-Linearität angedeutet wird, kann man geteilter Meinung sein – die Dystopie, die hier gezeichnet wird, vermag Verschwörungstheorien Vorschub zu leisten. Das Buch ist aber in jedem Fall ein hervorragend recherchierter historischer Roman, der die Wirkmacht der sowjetischen Geschichte als Ursache für die Krise der Gegenwart im Blick hat. In die Verirrungen eines totalitären Systems, das mit der Absicht angetreten ist, die Menschheit zu erlösen, vermag sich Katja Kettu mit einer Sensibilität hineinzuversetzen, der man höchste Anerkennung zollen muss. Kommunismus, das war für die Jugend von Irgas und Elnas Generation das Versprechen auf Alphabetisierung und Elektrifizierung, auf Bildung und Wohlstand für alle. Ein Versprechen, das sich für die beiden jungen Frauen als Betrug an ihrer Hoffnung auf ein besser gestaltetes Leben als das ihrer Vorfahren erwiesen hat. Stattdessen geraten sie in die Hölle des Gulags und werden dort mit den tiefsten Abgründen des Menschseins konfrontiert und von der Herrschaft krimineller Klans kontrolliert, die im Drogenrausch ihre sadistischen Phantasien ausleben.

Wo noch mit Bäumen gesprochen wird

Aus dieser Welt gibt es kein Entkommen, nicht einmal vor der Bekanntschaft mit den eigenen Abgründen, mit dem Bösen in uns selbst. Oder, im mythologischen Überbau des Romans, mit Keremet Lichtauge, dem Gott der Unterwelt aus der schamanistischen Naturreligion der Mari, einem finno-ugrischen Volk, dem Elna angehört. Die beiden Seelenschwestern Irga und Elna verbindet die Herkunft aus einer verwandten Volkstradition. Denn der Roman ist auch das: die Beschreibung einer ethnologischen Feldforschung in den entlegensten Winkeln der menschlichen Zivilisation. Dort, wo noch den Naturgöttern geopfert und mit Bäumen gesprochen wird, findet die Begegnung mit einer Welt statt, die der Kommunismus nicht gänzlich auszulöschen vermocht hat. Auch die spirituelle Seite dieser Naturreligion wird von Kettu in die Gegenwart gebracht und transzendiert: in der Liebe, die sich zwischen der Finnin Verna und dem Russen Kostja entwickelt. Wie seine Nährmutter Elna, der Verna im Dorf Lawra begegnet, gehört auch Kostja dem Volk der Mari an, war aber als Waise in den sowjetischen Erziehungsanstalten ein immer um Anpassung bemühter Außenseiter geblieben und hat deshalb im Herzen seine Herkunft verleugnet. So wie auch Verna die ihre nicht mehr kennt: ihre Urgroßmutter, Irgas Mutter, stammte aus dem Volk der Skoltsami, das in Finnland ähnliche heidnische Traditionen praktizierte. Gemeinsam mit Kostja würdigt sie die verdrängte Herkunft, in ihrer Liebe feiern sie die Naturreligion ihrer Vorfahren in einzigartiger Weise.

Kettu beherrscht die Poesie der Erotik, selten ist ein Geschlechtsakt in der Gegenwartsliteratur ergreifender beschrieben worden als dieser: als Konzert der sinnlichen Liebe im Einssein mit dem gesamten Kosmos, als Ekstase zweier menschlicher Solisten, zu der das Orchester der Natur ringsum einstimmt und sich zum überwältigenden Gesamtklang emporsteigert:

Seine gewaltigen Schenkel pressen sich gegen meine Flanken, sie lenken, schmiegen sich an mich, zuerst im Schritt, dann in langsamem Trab. Ich drücke den Mann in mich, sauge ihn ein in meine Enge. Zwei fremde Wesen verschmelzen in einer einzigen Bewegung. Mein Saft mischt sich mit dem Saft der Erde, die Feuerspuren fliehen irgendwo vor der untergehenden Sonne, die vom Abend geborenen Eidechsen reiben ihre pergamentdünnen Bäuche gegeneinander, der frisch geschlüpfte Feuerfalter öffnet seine Flügel und schiebt seinen schwanenweißen Rüssel zum ersten Mal in das trichterartige Innere der Glockenblume.
Die Grillen zirpen, die gefiederten Samenfallschirme schweben durch die Luft, die tiefen Gewölbe der Blaubeersträucher, die durchsichtigen Waldgeister, die sich an den Baumstämmen reiben. Im Schatten der Augentrost starrt uns ernst an, aber ich kümmere mich nicht um seine Blicke. Kraft durchströmt mich. Mein tonloser Orgasmus weht die Waldvögel in die Flucht. Lange pulsiere ich gegen den Mann, lange und jubelnd. Ich habe ein Recht darauf.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 14.7.2017

Katja Kettu, Foto: Anneli Salo / Wikimedia Commons
Katja Kettu, Foto: Anneli Salo / Wikimedia Commons

Katja Kettu
Feuerherz
Roman
Aus dem Finnischen von Angela Plöger
Hardcover mit Schutzumschlag, 432 Seiten
ISBN: 9783550081477
Ullstein, Berlin 2017

Buch bestellen