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Der Tod des Philosophen und Literaturwissenschaftlers Werner Hamacher (1948 – 2017), der für viele eine prägende Figur war, macht betroffen und traurig. Sein Schüler Ingo Ebener erinnert an die Faszination und den Mut, der von ihm ausging.

Nachruf auf Werner Hamacher

Es braucht Mut

Il faut du courage (1) – Es braucht Mut/Es wird Mut vonnöten sein – mit diesem schlichten Satz schließt Werner Hamacher den Nachruf auf den verstorbenen Freund Jacques Derrida. Haben Sie Mut, ruft mir Werner Hamacher zu, und ich bin sicher, ich bin nicht der Einzige, dem er meinte, Mut zusprechen zu müssen und dem er Mut zugesprochen hat. Mut haben, um sprechen zu können, um erst und um weitersprechen zu können, auch – und vielleicht gerade – über das Vergangene. Und Vergangenes heißt natürlich auch, an den Spruch des Horaz zu erinnern, den Kant, bekanntlich etwas eigen, mit Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen (2) übersetzt hat: Sapere aude.

Der Tod war Werner Hamacher ein unbequemer Begleiter, nicht nur, weil er uns Menschen entreißt und dahin fortreißt, wo wir nicht folgen können, sondern auch, weil die allerwenigsten Denker in einer Weise über den Tod nachdachten, die ihn zufriedenstellte. Aber ohnehin kaum ein Gedanke, Theorem oder Ausdruck, der ihn restlos zufriedengestellt hätte, kaum etwas – auch das eigene Geschriebene oder Vorgetragene –, das er nicht gezwungen war, vor sich selbst in Schutz zu nehmen. Dieser enorme Anspruch war auch in seinen Seminaren so präsent, und seine Kritik konnte vernichtend sein, dass man überrascht war wie milde und wohlwollend sie zumeist ausfiel…

Contra vim mortis non est medicamen in hortis – ja, gibt es denn kein Ankommen gegen den Tod, und wenn man nicht gegen ihn ankommt, wie kann und wie muss man dann mit ihm umgehen? Der Tod – mit der Kraft (alles) zu beenden, außer Kraft zu setzen, die Sprache zu verschlagen und zu nehmen – hat Hamacher fasziniert und ihn vielleicht umso stärker angetrieben, um all das zu verlebendigen, was ohne Lektüre, ohne Vortrag, Übersetzung und Gespräch stumm bleiben und als Stummes leblos bleiben muss.

Wer Hamachers zahlreiche Aufsätze liest – und wer sie liest, entdeckt darin nicht nur das Aufeinanderprallen einer strengen und einer schwärmerischen Stimme, sondern immer auch Unerwartetes, Unentdecktes –, kann nicht übersehen, dass er, der so gut im Verlebendigen war, viel größeres Interesse an allem hatte, was den Verlust, den Abschied, das Aussetzen, den Entzug und alle Formen des Misslingens (vor allem der Formen selbst) bedeutete. Er, der die Mathematik liebte, hat ihr dann doch das Unberechenbare vorgezogen. Den Begriff (if it is one), den Hamacher hierfür prägte, um en passant der sogenannten Sprechakttheorie den Boden zu entziehen, der Afformativ (3), verbindet nicht ohne Grund die Anrede mit dem Abschied (und alles, was geschieht, ist Abschied (4)).

Werner Hamacher empfand die Menschen um ihn herum, die Studentengenerationen, die er so viele Jahre unterrichte, aber auch die Mitmenschen, die den Ausverkauf der Universitäten zuließen, als zu konventionell, uniform und unfrei, trotzdem schaffte er es, nicht zum Nostalgiker oder zum Zyniker zu werden, auch weil er sich die Offenheit für Anderes bewahren konnte. Das Krumme vor jedem Geraden (5), so der Titel eines Gespräches aus den letzten Jahren, war bei ihm Programm. Einer der vielen Ratschläge aus seinen Seminaren war daher: Misstrauen Sie allem Glatten, Misstrauen Sie allem ohne Ecken und Kanten, denn daran perlt alles ab.

Es gehörte zu seinem Wesen, quasi zu seinen Ecken und Kanten, dass er vieles – und wie so viele vieles zu viel – wollte, aus einem Denken und Verstehen heraus, das sich stets selbst im Blick hatte und damit wie selbstverständlich all die verbundenen Schwierigkeiten und Paradoxien in der Sprache als Selbst-Fernes spiegelte. Einiges davon konnte er entfalten, darunter die längst totgesagte Philologie wieder auferstehen lassen, doch auch dieser Aussage hätte er wohl misstraut, denn die Philologie betrachtete er sowohl als prinziplosen Anfang (6) als auch als Nekyia, als Abstieg zu den Toten (7).

Erinnerungen, sagte Hamacher in seiner Trauerrede auf Cornelia Vismann, die so jung verstorbene Freundin, sind eine Weise, Gespräche mit denen fortzusetzen, die nicht mehr da sind. Es sind Ferngespräche über die Leitung von Ferngefühlen, Telepathien und, schlimmerenfalls, Telepathologien. Sie trösten über die Ferne oder die Abwesenheit hinweg, aber auch über das in Gesprächen Versäumte, indem sie das Ungesagte aus den erinnerten Gesprächen ergänzen und die nicht zu Ende gebrachten weiterführen. Zu unserem Trost sprechen wir mit den Toten, und deshalb sprechen wir mit ihnen – manchmal über viele Jahre hinweg – auch über andere Tote und über den Tod und das Sterben. (8)

Werner Hamacher hinterlässt ein Lücke, nicht nur bei denen, die ihn kannten, die seine Nächsten waren, die bei ihm studierten, die ihn lasen oder hörten, bei seinen Kollegen in der Komparatistik und der Philosophie, seinen Freunden in der Literatur, seinen Verlegern und Übersetzern, sondern auch bei denen, die etwas mutlos auf das Gegenwärtige und noch mutloser auf das Vergangene schauen. Seine Leser, er hat immer damit gerechnet, dass sie anders ausschauen werden als vermutet, werden nicht aufhören, mit ihm zu sprechen. Sie werden ihm zustimmen, ihn zu schnell und zu langsam lesen, mit ihm hadern, (hoffentlich) den Mut finden, ihm zu widersprechen (vielleicht um ihm später doch Recht zu geben), Gespräche beginnen oder fortführen, die bei ihm begonnen, fortgeführt oder beendet werden. Erinnerungen werden gewiss folgen, und immer / Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist zu behalten (9), so Hölderlin in der dritten Fassung von „Mnemosyne“.

(1) WH, „Pour dire un mot, à la fin, pour commencer“ (übers. von Martin Ziegler), in: Salut à Jacques Derrida, Rue Descartes (Revue du Collège Internationale de Philosophie, No 48), Paris: April 2005, S. 61.

(2) Immanuel Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: ders. Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften, Hamburg 1999, S. 20.

(3) Siehe vor allem: WH, „Afformativ, Streik“, in: Was heißt ‚Darstellen‘?, hrsg. von Christiaan Hart-Nibbrig, Frankfurt am Main 1994, S. 340-374.

(4) Siehe die 34. These in 95 Thesen zur Philologie, hrsg. von Urs Engeler, roughbook 008, Frankfurt a. M. und Holderbank 2010, S. 35.

(5) „Das Krumme vor jedem Geraden“, in: Kulcsár-Szabó/Lörincz (Hgg.), Signaturen des Geschehens. Ereignisse zwischen Öffentlichkeit und Latenz, Bielefeld 2014, S. 21-35.

(6) Siehe die 88. These in 95 Thesen zur Philologie, S. 95.

(7) Siehe die 71. These in Ebd., S. 74.

(8) WH, „Cornelia Severine Bianca Marquise de Lansiac et Vismann“, in: Cornelia Vismann, Das Schöne am Recht, Berlin 2012, S. 54 f.

(9) Hölderlin, „Mnemosyne“, in: Werke in einem Band, München, Wien 1990, S. 213.

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erstellt am 09.7.2017

Werner Hamacher
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