„Ich bin Diebin gewesen, ich will Schriftstellerin werden: jede andere Tätigkeit scheint mir indiskutabel“, sagte Albertine Sarrazin, die in acht Jahren neunmal ins Gefängnis kam, in einem Interview. Wie ernst sie das Schreiben nahm, beweisen ihre Bücher „Der Astragal“, „Kassiber“ und „Stufen“, die der Pariser Literaturszene ab 1965 eine Art existentialistische Sensation bescherten. Zum 50. Todestag erinnert Ria Endres an das kurze Leben und Schreiben der Albertine Sarrazin.

Albertine Sarrazin (1937-1967)

Schreiben in Aufruhr

Albertine wurde 1937 in Algier geboren und bei der öffentlichen Wohlfahrt abgegeben. Ein Militärarzt und seine Frau, griesgrämige, verbrauchte Leute adoptierten das zwanzig Monate alte Baby. 1947 übersiedelte die Familie nach Aix-en-Provence. Bei einem Streit hört Albertine, dass sie aus der Gosse geholt worden war. Sie ist schockiert. Allmählich versteht sie, dass sie niemandem gehört und dass ihr nichts gehört. Später erinnert sie sich in ihrem Roman „Stufen“ an die Wohnung der Adoptiveltern als Gefängnis, fühlt sich aber auch „in der engen Zelle ihres Ich“ wie eine Gefangene. Sie fängt an, sich mit kleinen Diebstählen irgendetwas zu nehmen und sie beginnt mit dem Tagebuchschreiben. Zwar besucht sie die höhere Schule und ist eine ausgezeichnete Schülerin, aber sie schwänzt den Unterricht. Die Auseinandersetzungen mit den Adoptiveltern spitzen sich so zu, dass jene sie von zwei Polizisten in ein Erziehungsheim nach Marseille bringen lassen und die Schritte für die Aufhebung der Adoption einleiten. Albertine ist 15 Jahre alt, in sich verschlossen, eine Einzelgängerin und empfindlich gegen Kränkungen. Sie entwischt aus dem Heim und geht 1953 nach Paris.

Da sie nicht arbeiten will, werden Diebstahl und Prostitution ihre Jobs. Bei einem absurden Raubüberfall auf eine Boutique wird sie mit ihrer Freundin, die die Besitzerin mit einem Streifschuss an der Schulter verletzte, geschnappt und ins Gefängnis gebracht. Zum Untersuchungsrichter sagt sie nach ihrer Festnahme: „Ich habe noch keine Zeit gehabt, meine Tat zu bereuen, aber wenn ich es eines Tages tue, werde ich Sie davon in Kenntnis setzen.“ Die kleine Ganovin ist inzwischen 18 Jahre alt, wird verurteilt und soll nun 7 Jahre Haft absitzen. Die Schuld für den Diebstahl akzeptiert sie nicht. Im Gefängnis verfasst sie für ihre Mitgefangenen Briefe an Behörden und schreibt deren Liebesbriefe. Das Formulieren geht ihr leicht von der Hand. Vor allem aber schreibt sie für sich selbst. Heimlich hält sie ihre eigenen Beobachtungen und Gedanken so genau wie möglich auf Schulheftpapier fest. Eine Art Gefängnistagebuch, in dem sie ihre besondere Sehnsucht nach Freiheit atemlos umkreist, entsteht. Jeden Tag will sie aus dem „Eisland des Zuchthauses“ fliehen.

Die Flucht als Triumph

Wie ernst es ihr mit der Flucht ist, zeigt später ihr Buch „Der Astragal“, das sie während ihres letzten Gefängnisaufenthalts verfasste. Draußen ist sie viel unvorsichtiger als im Gefängnis. Hier gibt es Fixpunkte der Autorität, gegen die sie kämpfen kann; draußen entfällt dieses Aufbegehren, die Diebstähle ergeben sich beinahe zufällig und geradezu planlos. Sie stiehlt in einem Warenhaus ein Flasche Whisky und muss für sechs Monate wieder ins Gefängnis zurück. Und immer wieder ist die Flucht eine Art Triumph ihres Freiheitsdrangs. In einer kalten Karfreitagsnacht springt Albertine, die nur 1.49 Meter groß ist, von einer zehn Meter hohen Gefängnismauer und verletzt sich dabei das Sprungbein, den Astragalus. In ihrem Roman sagt Anne, ihr alter ego über die Erfahrung des Sprungs: „Ich bin geflogen, geschwebt und gekreiselt, eine Sekunde, die lang war und gut, ein Jahrhundert.“ Aber nach dem Sturz kann sie nicht mehr gehen und wird von dem 34jährigen Ganoven Julien Sarrazin von der Straße weggeholt.

Er hält sie versteckt, bezahlt die teuren Operationen, besucht sie im Krankenhaus. 15 Jahre seines Lebens hat er selbst wegen diverser Einbrüche im Knast verbracht. Sie verlieben sich ineinander. Der schwere Junge ist für sie wie ein Prinz aufgetaucht und bringt sie von einem Unterschlupf in den anderen. Albertine ist nun 20 Jahre alt, hinkt, geht humpelnd auf den Strich und flüchtet trotzdem in eine Art Märchen. Nach einem Jahr heiraten sie, gehen zusammen auf Tour. Bald verschwinden sie abwechselnd wieder hinter Gittern, schreiben sich, wollen die Sehnsucht nach einem schönen Leben zu zweit nicht aufgeben. Beinahe sah es so aus, als hätte diese Sehnsucht Aussicht auf Erfüllung haben können. Albertine, die freche Göre mit den schwarz umrandeten Augen und dem Kurzhaarschnitt schreibt sorgfältig in Miniaturschrift, wie sie ihre unruhige Existenz wahrnimmt. Es ist ein authentisches Schreiben in ständigem Aufruhr und geradezu panischer Zeitnot. „Das Ausruhen rückt in weite Ferne“, heißt es im Roman.

Das Leben als reines Kino

Der Verleger Jean-Jacques Pauvert, der unter anderem Schriften des Marquis de Sade druckte, bekam Albertines Manuskript von ihrer Gefängnispsychiaterin zugeschickt und roch eine mögliche Sensation. Zur gleichen Zeit setzte sich Simone de Beauvoir für Albertine Sarrazin bei Pauvert für sie ein. Sie sagt: „Zum ersten Mal spricht eine Frau über ihre Gefängnisaufenthalte.“ Plötzlich wird aus dem Gefängnistagebuch ihr Roman „Der Astragal“. Als Kultbuch wird er über eine Million mal verkauft und in 16 Sprachen übersetzt. Kein Wunder, dass das Buch mit Marlene Jobert und Horst Buchholz verfilmt worden ist, denn Albertine erschreibt sich ihr Leben als reines Kino. Über Nacht ist sie also Bestsellerautorin, prominent und wohlhabend geworden. Im gleichen Jahr erscheint ihr Roman „Cavale“(deutsch: „Kassiber“). Nun wird sie mit Jean Genet verglichen. Das ist jedoch nicht richtig. Genet verwandelt das Gefängnis in einer Art poetischer Vision; es wird zum Palast mit Blumen an den Wänden. Diebstahl und Schreiben sind Metaphern, um die Realität zu überschreiten. Albertine stahl und schrieb, um der Realität zu entfliehen.

Sie hat keine literarischen Vorbilder, will an keine Tradition anknüpfen. Geschrieben hat sie vor allem, um von ihrem Leben sprechen zu können und es festzuhalten. Sie ist eine Existentialistin, die nichts von den Existentialisten wissen will. Es genügt ihr, um sich selbst zu kreisen wie um einen einzigartigen Mittelpunkt. „Egal, ich laufe“, heißt es oft im Roman. 1966 kauft sich das Ehepaar, das zusammengerechnet insgesamt 26 Jahre hinter Gittern verbracht hatte, einen alten Schafstall in der Nähe von Montpellier. Sie wollen ihn ausbauen und darin leben. Neben Albertines Schreibmaschine steht auf dem Tisch eine viereckige Spardose, darauf liegt ihr Fußknochen, der Astragal, ihre Siegestrophäe. Zum Zusammenleben in aller Ruhe ist es aber nicht mehr gekommen. In ihrem autobiografischen Roman „Stufen“ spricht sie „von der gestohlenen Zeit, die es schleunigst einzuholen gilt.“ Eine medizinische Schlamperei während einer banalen Operation beendet vor 50 Jahren ihr Leben, für das sie so willensstark gekämpft hatte. Für ihren Mann Julien, der inzwischen Geologe geworden ist, wird sie eine Heldin. Er lässt ihren Körper einbalsamieren und errichtet im Garten ein Mausoleum.

Längst vergessen, ist vor kurzem der Roman „Astragalus“ („Der Astragal“) von Claudia Steinitz wieder für den Hanser Verlag übersetzt worden. Knastjargon und poetische Hochsprache verbinden sich in der Neuübersetzung sehr gelungen. Es entsteht ein moderner „Sound“. Für ein Nachwort konnte man die Punk-Ikone Patti Smith gewinnen, die etwas zu pathetisch ihre Identifikation mit Albertine Sarrazin und deren Überlebenswillen hervorhebt. Trotzdem: Die junge Patti Smith lebte damals ganz in ihrer Sphäre, für sie war die Autorin die „heilige Albertine“. Der erste Satz des Romans heißt: „Der Himmel war mindestens zehn Meter weit weg.“ Die kleine Existentialistin Albertine Sarrazin wurde nur 29 Jahre alt.

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erstellt am 09.7.2017

Albertine Sarrazin
Albertine Sarrazin
Neu übersetzt:

Albertine Sarrazin
Astragalus
Roman, übersetzt von Claudia Steinitz
Fester Einband, 240 Seiten
ISBN 978-3-446-24148-0
Hanser Berlin, 2013

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