Gedichte verschaffen sich allmählich Zugang zur Jugendkultur, erzählen die jungen Lyrikerinnen und Lyriker. Wenn das wahr wäre! Die Frankfurter Lyriktage 2017 mit einem breit gestreuten Angebot hinterlassen starke Eindrücke, längeres Nachdenken und Bemerkungen von Bernd Leukert.

Frankfurter Lyriktage 2017

O Wunder

„Gedichte sind Wunderwerke“. So beginnt die Leiterin der Frankfurter Lyriktage 2017, Sonja Vandenrath, ihr Vorwort zum Programmheft. Doch wer traut dem Wunder? Gewiss, ein Wunder allein ist es, dass die Stadt Frankfurt am Main so eine ambitionierte und umfangreiche Poesiebiennale ermöglicht und ausgezeichnet organisiert, zählt sie doch im Vergleich mit den Millionenstädten Berlin, Hamburg, München und Köln nicht einmal 800.000 Einwohner. Ein anderes ist es mit der Zeitgenossenschaft, der ein solches Festival sich auch verpflichtet sieht.

Wunder mit Musik

Wer mit Empfindlichkeiten gegenüber der Musik einerseits und der Dichtung andererseits geschlagen ist, dem fährt bei dem Gedanken, beide Künste vereint zu sehen, der Schreck in die Glieder: zu ähnlich ist beider Beschreibungsvokabular, zu unterschiedlich sind die Ziele und Wirkungsbereiche. Jeder Liedkomponist kennt die Probleme, die sich aus der Vermengung des Sprachähnlichen in der Musik und dem Musikalischen in der Sprache ergeben. Dennoch entstehen ab und an überraschend glückliche Verbindungen, etwa, als bei den 4. Frankfurter Lyriktagen (2015) zu den Gedichten Marcel Beyers das Ensemble Modern von Hermann Kretzschmar komponierte Klangmodule spielte, die sich auf wundersame Weise mit den Texten verflochten. Doch meistens behält der Schreck recht. Und so ist der Mut zu bewundern, mit dem die Frankfurter Lyriktage 2017 das Gedicht in Zusammenhänge stellte, auf die hin es sich selbst zu erweitern aufgefordert sieht. Das gehört nun zur Signatur der Gegenwart, dass die Künste möglichst viel sein möchten, nur nicht sie selbst.

Jan Wagner beim Lesungskonzert zur Eröffnung der Frankfurter Lyriktage 2017, Foto: Alexander Paul Englert

Jan Wagner, dem wenig vorher der Georg-Büchner-Preis 2017 versprochen wurde, hatte zweimal Gelegenheit, seine Dichtung mit Musik konfrontiert zu hören. Im Lesungskonzert zur Eröffnung trug er seine Verse aus den „Regentonnenvariationen“ und dem „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, wie immer, makellos und eingängig vor. Acht Musiker des Ensemble Modern unter der Leitung von Pablo Druker spielten dazu Kammermusik, die die Komponistin Carola Bauckholt aus über zwanzig Schaffensjahren ausgesucht hatte. Die Trios und Oktette traten mit ihren mechanischen oder gestischen Reibeklängen, Glissandi und instrumentalen Arbeitsgeräuschen manchmal in illustrierenden Bezug zu den Gedichten oder folgten autonom und zuweilen das Verstehen störend ihren Verlaufsformen. Zudem überdeckte die Musik nicht nur einmal Wagners Stimme. Prima la musica.

„Gold. Revue“ war die zweite Gelegenheit, Jan Wagners Arbeit in Verbindung mit Musik zu erleben, diesmal auf den Text komponiert von Sven Ingo Koch, den Wagner von einem gemeinsamen Aufenthalt in der Villa Massimo kennt. Es handelt sich um das erste Hörspiel Wagners, das unter der Regie von Leonhard Koppelmann live im Frankfurter Gallus Theater aufgeführt wurde und kompetente Schauspieler-Sprecher aufbot: Sonja Beißwenger, Heikko Deutschmann, Mechthild Grossmann, Jan Maak, Henning Nöhren und Yohanna Schwertfeger. Über eine Montage typisierender Miniaturen hat Wagner die kollektive Sehnsucht nach dem besseren Leben gefasst, das über das Versprechen mühsam zu entbergenden Goldes in zeitliche Nähe zu rücken scheint. Die unterschiedlichen Textsorten – einfühlsame Beschreibungen, stilisierte Dialoge und Songs – erschienen selbst wie ein großes, geschickt arrangiertes Gedicht, das durch wechselnde Dichte und Tempo seine Form verändert. Doch getragen wird das Hörspiel von den poetischen Sprachbildern Wagners. Und das zeichnet Hörspiele sonst seltener aus. Und was tat die Musik?

Die eingespielte Kontrabassstimme Mechthild Grossmanns trug, in der Rolle des Goldes, die zeitraffende, erdgeschichtliche Hinführung zur Goldgräbercampszene gleichsam in schwarzen Lettern vor, bevor Heikko Deutschmann den Reigen expressiv-explosiver Zeugnisse der Goldgier eröffnete, – ein Fest für Schauspieler.

Sven Ingo Koch hatte für den Perkussionisten Dirk Rothbrust, Mitglied des Ensembles MusikFabrik, und den finnischen, in Berlin lebenden Gitarristen Kalle Kalima eine illustrative Musik geschrieben, die weite Teile des Textes verdoppelnd begleitete, und mit Songs bestückt, die von Ferne und mit gutem Grund auf „Mahagonny“ verweisen, also gut aus der Schule des Brecht-Komponisten Kurt Weill stammen könnten.

Eine ganz andere Wort-Musik-Konstellation war mit Michael Fehr und Manuel Troller im Literaturhaus zu erleben. Allerdings waren da Zuständigkeit und Arbeitsteilung weniger kompliziert. Der Schweizer Schriftsteller Fehr, der in Bern lebt und wegen einer Sehschwäche seine Werke nur diktieren kann, ist ein Bühnenkünstler, der mit dem Vortrag seiner skurrilen Erzählungen das Publikum beherrscht. Er ist ein Meister des Timings, der Pausen und hatte an seiner Seite den erfahrenen Luzerner Gitarristen Manuel Troller, der dem Wortkünstler flexibel bis in die Atemzüge folgte. Denn den überwiegenden Teil seiner ruralen Texte trug Fehr mit kratziger Stimme im Soul-Gewand vor, so überzeugend wie ein weißer James Brown, der sich seinen Kummer in deutscher Sprache von der Seele schreit.

Wunder der Auflösung

Der Lyriker Max Czollek, Initiator des internationalen Projekts „Babelsprech“ und Mitbegründer des Lyrikkollektivs G13, wurde von der Literaturkritikerin Beate Tröger auf die Renaissance der Lyrik angesprochen. Er sehe eher keine Renaissance, antwortete er, und wenn, dann bestehe sie in der Überschreitung der Genres. Wenn man davon absieht, dass der Begriff der Renaissance die angestrebte Wiedergeburt der antiken, klassischen Künste beinhaltet (durch die freilich Neues entstand), also das Gegenteil einer Genre-Überschreitung, war letztere während der 5. Lyriktage gut zu beobachten. Czollek selbst konzentrierte seine Sprachkunst in einsätzigen Aphorismen: Können Fische schwitzen oder warum ist das Meer so salzig?/ Warum landen Meteoriten immer in Kratern?/ Ich wäre gern die Lunte, die in eure Herzen reicht.

Tristan Marquardt und Daniela Seel, Frankfurter Lyriktage 2017, Foto: Alexander Paul Englert

Die Generation Hip-Hop zeige Interesse an Lyrik, so Czollek und die Lyrikerin Daniela Seel, die auch als Verlegerin zeitgenössischer Dichtkunst (kookbooks) Enormes geleistet hat. Aber die Lyrik zeigt zweifellos auch Interesse am Hip-Hop. Und indem sie sich diesem populären Wortverarbeitungs- und Rhythmusprogramm anschmiegt, überschreitet sie tatsächlich die Grenze eines industriell präformierten Spielfelds.

Es gibt allerdings auch Stimmen, die sich gegen die Verliedlichung der Dichtung wenden, wie der Berliner Autor Konstantin Ames, der sich in der Frankfurter Lyriknacht sogar gegen den Begriff Lyrik wandte: Lyrik sei Musik, die man mit Sprache veranstalte. Die Sprache werde instrumentalisiert. Das klingt stark, unterschlägt aber, dass die gebundene Form des Gedichts ohne ihre – mehr oder weniger – klangliche Komponente gar nicht existierte. Zu überlegen wäre allerdings, ob das inzwischen gebräuchliche Wort ‚Lyrik’ für alle Gedichtformen sinnvoll ist. Bezeichnete es doch einst (da die Verse ursprünglich zur Lyra vorgetragen wurden) die Sanglichkeit poetischer Texte. Meidet man diese Sanglichkeit, wie Ames in seiner Sonetten Suite (Sonett war einst ein kleines Tonstück, später ein ‚Klinggedicht’), so ist eine neue, sich davon absetzende Bezeichnung dafür zu finden. Ames fügt in seine Texte imitierte Kinderstimmen, verschiedene Mundarten, auch englische Zeilen ein, die er exaltiert vortrug. Auch bei anderen Vortragenden fielen wieder die sich mehrenden Manierismen auf, Manierismen, wie die obligatorisch in die Sekunde oder gar in die Kuckucksterz herabsinkende letzte Zeilensilbe oder Silbenkontraktionen und –dehnungen, wie man sie von den Barden Väterchen Franz oder Herbert Grönemeyer noch im Ohr hat, oder die kurzen Pausen nach Pronomen und vor bedeutungsvoll gesprochenen Worten. So etwas verselbständigt sich und lenkt von den Inhalten ab.

Es ist eine große Palette von poetischen Möglichkeiten, die die Frankfurter Lyriktage bereithielten. Sie reichte von Hendrik Jackson, der in ‚Lyrik an der Theke’ im Elfer Club von Marcus Roloff vorgestellt wurde (und umgekehrt) und dem mit seinen Aufzeichnungen „Sein gelassen“ ein erstaunliches Buch gelungen ist: Ein beharrliches Ausgreifen in eine unerprobte lyrische Prosa, eine meditative Arbeit, die sich von den dunklen Hinterlassenschaften des Parmenides von Elea inspirieren ließ. Es gab aber auch sehr Feinsinniges, wie die von Landschaften und Licht handelnden Gedichte der britischen Autorin Lavinia Greenlaw. In der souveränen Übersetzung von Jan Wilm, der auch das Gespräch mit Greenlaw führte, ließ sich erfahren, was es bedeutet, eine Tradition weiterzuführen. Geoffrey Chaucer, Samuel Taylor Coleridge, William Wordsworth, T.S. Eliot – es gehört sich einfach nicht, sich als Dichterin von solchen Leuten loszusagen. In der darauffolgenden Runde hörte man die Deutsche Barbara Köhler, die in Istanbul schrieb, die Türkin Gonca Özmen und den palästinensischen Syrer Ghayath Almadhoun, der als zorniger Flüchtling dringlich den israelischen Staat und die kriegführenden Kräfte in Syrien anklagte. Angesichts dieser Katastrophen wird es schwer, mit Sanglichkeit zu argumentieren. Aber auch Steffen Popp, der in dieser letzten langen Nacht mit Ilma Rakusa, Nico Bleutge, Mara-Daria Cojocaru, Norbert Hummelt, Ron Winkler, Ursula Krechel und Dagmara Kraus las, wäre einem mit seinem persönlichen Periodensystem „118“, in dem er „Wortmaterial“ (Leichengeschmack deiner Prothesen im Denken) verarbeitet, als Luxusgeschöpf erschienen. Aber, es ist zu unterstreichen, was die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig zur Begrüßung sagte: Lyrik hat keine Veranlassung, sich rechtfertigen zu müssen.

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erstellt am 05.7.2017

Ilma Rakusa und Michael Braun, Frankfurter Lyriknacht zum Abschluss der Frankfurter Lyriktage 2017, Foto: Alexander Paul Englert