In Frankfurt widmeten sich kürzlich zwei Veranstaltungen der russischsprachigen Lyrik. In der Romanfabrik lasen Mitglieder des Dichterkollektivs „Salon Fluchtentier“. Im Museum Angewandte Kunst waren die russisch-amerikanische Autorin Polina Barskova und der Petersburger Lyriker Valery Schubinsky zu Gast. Eugen El war an beiden Abenden dabei.

Russischsprachige Lyrik in Frankfurt

Zusammenspiel der Gegensätze

I

Der „vielzitierten sowjetischen Seele“ widmete das Dichterkollektiv „Salon Fluchtentier“ einen besonderen Lyrikabend in der Frankfurter Romanfabrik. Mit Yevgeniy Breyger, Olga Galicka, Julia Grinberg und Daniel Jurjew sind mehrere ursprünglich russischsprachige Dichter Mitglieder des Kollektivs. Ihre Texte schreiben sie hauptsächlich auf Deutsch. Moderator Yevgeniy Breyger kündigte zum Auftakt „Cabaret, Musik, Gedichte, Tanz und vieles weitere“ an. Erster Gast auf der Bühne war der Schriftsteller Oleg Jurjew. Er trug (auf Deutsch) einige autobiographisch gefärbte Prosastücke vor, die im sowjetischen Leningrad (heute: St. Petersburg) spielen. „Die Tram Nr. 9 in Leningrad“ war beispielsweise Gegenstand von Jurjews Betrachtung. Grotesk muten manche dieser Geschichten an, so grotesk, wie wohl nur der sowjetische Alltag sein konnte.

Julia Grinberg las anschließend mehrere deutschsprachige Gedichte, die man als philosophisch-poetische Miniaturen bezeichnen könnte. Im Mittelpunkt der lakonischen Texte stehen zuweilen kleine Beobachtungen, aber auch große Fragen und Ideen wie „Paradies“ oder „Heimat“. „Ich bin von der Gattung der Heimatlosen“, heißt es in einem der Texte. Nils Brunschede, ebenfalls Mitglied des „Salon Fluchtentier“, sang und spielte am Klavier satirisch-politische Lieder. Die bisweilen bitterbösen Texte handeln von außerparlamentarischer Opposition, von der Jungen Union sowie vom „Dschihad auf dem Fahrrad“. Darauf reimte Brunschede „Von Magdeburg in den Islamischen Staat“. Das Publikum lachte ausgiebig.

Ein sehr sowjetischer Teil des Programms folgte in der Pause. An der Bar wurde kostenlos Wodka ausgegeben, der seinen Schrecken dank der bereitliegenden Salzgurken verlor. Schon stand Yevgeniy Breyger in einem eng anliegenden Kleid auf der Bühne. Er tanzte und performte erst einen Song der sowjetischen Kultband „Kino“ und trug dann eigene lyrische Texte vor. Es folgte ein erster russischsprachiger Beitrag. Julia Grinberg las bildstarke Texte auf Russisch und Deutsch, die ihre Sicherheit in beiden Sprachen verrieten. Frenetischen Applaus erntete Nils Brunschede mit weiteren Liedern und einer Udo-Lindenberg-Parodie.

Nun lasen Oleg Jurjew und sein Sohn Daniel. Es war, falls es so etwas überhaupt gibt, ein Zusammenspiel von Gegensätzen. Während Oleg Jurjew seine Gedichte auf Russisch und im Stehen vortrug, las Daniel Jurjew die (teilweise von ihm stammenden) deutschen Übersetzungen sitzend vor. Oleg Jurjews Vortrag war wuchtig, Daniel Jurjew blieb hingegen sachlich. Das erschien den deutschsprachigen Texten gegenüber angemessen. Die Jurjews schlossen mit einem Gedicht über den jüdischen Friedhof in St. Petersburg, das Leichtigkeit in der Totentrauer beschwor. Der Abend, eine gelungene Melange aus Kunst und Unterhaltung, klang sentimental mit einem Lied aus einem sowjetischen Trickfilm der Siebziger aus.

II

Eine knappe Woche später sah man sich im Museum Angewandte Kunst wieder. Die Mitglieder des „Salon Fluchtentier“ und Oleg Jurjew saßen diesmal im Publikum. Die russisch-amerikanische Autorin und Hochschullehrerin Polina Barskova und der vielbeachtete Petersburger Lyriker Valery Schubinsky waren bei den „Frankfurter Lyriktagen“ zu Gast. „Poetischer Widerstand“ lautete das Thema. Konzipiert und moderiert wurde der Abend von Matthias Göritz und Olga Martynova, die souverän zwischen Deutsch und Russisch vermittelte. Die Sprecherin Birgitta Assheuer las die deutschen Übersetzungen.

Zum Auftakt trug Polina Barskova ihre russischsprachigen Gedichte vor. Sie spielen, ähnlich wie bei Oleg Jurjew, an alltäglichen Orten wie der New Yorker U-Bahn oder der öffentlichen Bücherei in San Francisco. „Wenn man in Brooklyn lebt, verbringt man die ganze Zeit in der U-Bahn. Da bleibt einem nichts anderes übrig als Gedichte zu schreiben“, sagte Barskova zur Erklärung. Ihre Texte muten hart und rau an. Bisweilen entwirft Barskova Szenerien, in denen es vor grotesken Gestalten wimmelt. Da schminkt sich ein Mädchen „von der Eighth Avenue in Brooklyn bis zur Eighth Avenue in Manhattan“. Beim Vorlesen arbeitet Barskova sichtbar mit den Händen und mit ihrer Mimik. Manchmal scheint es, als würde sie sich über die eigenen Texte wundern, als wären sie ihrer Kontrolle entglitten. Auf Deutsch klingen die Gedichte hingegen eigentümlich glatt und flüssig. Zu ihrer Geburtsstadt pflegt Polina Barskova eine zwiespältige Beziehung: „Nicht in Petersburg zu leben, hat mich fast zerstört, aber es gibt mir eine große Freiheit.“

„Absolut andere Gedichte“ kündigte Olga Martynova nun an, und sie sollte recht behalten. Valery Schubinskys Texte wirken stellenweise hermetisch. Sie stecken voller historischer, literarischer und philosophischer Bezüge und Anspielungen. „Wenn man alles erklären würde, dann würden wir hier bis zum Morgengrauen sitzen“, kommentierte Martynova. In seinen Gedichten beschwört Schubinsky die buchstäbliche Weite und Leere der russischen Landschaft, illustriert den Ost-West-Gegensatz anhand einer Straße in New York und scheut auch nicht vor martialischen Bildern zurück. Die Vortragsweise erinnerte in ihrer Dramatik an Oleg Jurjew, klang aber auch routiniert. Auch hier ging der typische Duktus in der deutschen Übersetzung verloren, was Birgitta Assheuer aber gut ausgleichen konnte. Der Kontrast zwischen Schubinsky und Assheuer war nicht allzu groß.

Im Anschluss an die Lesungen ging es auf dem Podium um „poetischen Widerstand“, den man der inoffiziellen Lyrik Leningrads in der späten Sowjetzeit zuschrieb. Für Valery Schubinsky ist jede Lyrik Widerstand. „Fragt sich nur, wogegen.“ Polina Barskova verwahrte sich gegen die gängige Einteilung in „offizielle“ und „inoffizielle“ Literatur, in der sie eine Vereinfachung sieht. Es wurden Beispiele genannt für Lyriker, die zwischen beiden Systemen pendelten, dabei fiel der Name Daniil Charms. Barskova und Schubinsky diskutierten mit den Moderatoren dann über den Stellenwert der Lyrik nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Schubinsky erinnerte sich, dass in den frühen Neunzigern die bis dahin missachtete Lyrik in die Massenmedien kam. Nach einigen Jahren setzte indes die „natürliche“ Trennung in Massen- und Nischenkultur ein. Bevor auch dieser von gegensätzlichen Temperamenten geprägte Abend zu Ende ging, trug Birgitta Assheuer vier Gedichte aus den Kanon der inoffiziellen Petersburger Lyrik vor.

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erstellt am 30.6.2017

Oleg und Daniel Jurjew lesen in der Frankfurter Romanfabrik, Foto: Eugen El

Frankfurter Lyriktage: Matthias Göritz, Polina Barskova, Valery Schubinsky und Olga Martynova im Museum Angewandte Kunst, Foto: Kulturamt Frankfurt