Text und Audio

Klaus Reichert liest seine Gedichte

Klaus Reichert, Foto: Wolfgang Becker
Klaus Reichert, Foto: Wolfgang Becker

Hörbeispiele

UNTERWEGS

Ein Tönen von erloschenen Gestirnen
Glänzt über der Wüste,
wo du im Steinbett liegst,
wo du die Träume herabsteigen siehst
und hinauf. Niemand
will sie mir deuten,
auch du Nicht,
und sie steigen
und steigen noch immer
im Maß mit den Tönen,
und du singst,
und singt es aus dir,
der helle Wahn,
bis du erwachst
und dir graut, Ein Stein
bezeichnet die Stelle.

(aus „Kehllaute“, Residenz Verlag 1992)

DAS GRAS,

der Duft von Heu,
die fast zerdrückten Blumen,

die Fliegen auf dem Pferdekopf,
die Luft, die sich nicht regt,

die Wolke, ungeheuer hoch,
von anderm Wind erleuchtet,

und dieses, einzeln weggewischt,
ist Unermesslichkeit.

(aus „Wär ich ein Seeheld“, Jung und Jung, 2001)

IN ANDERN

In andern magst du finden,
was du in diesen suchst,
den Zeilen, die verschwinden,
da du sie eben buchst.

Was ist denn da geblieben –
Du zählst und zählst es nicht
(die Ängste, Haltungen, Lieben
Sind Stoff fürs Jüngste Gericht):

Ein Blick, ein Satz, ein Scherben
Aus kleinasiatischem Sand –
Schon unlesbar die Kerben,
weil, was sie schlug, entschwand.

Von anderm ist die Rede
Als dem, was uns bewegt.
Die Zeilen: stumm. Und jede
Schreibt fort, was längst ausgelegt.

(aus „Wär ich ein Seeheld“, Jung und Jung, 2001)

HERBST

Unsere Wünsche sind Blätter gewesen,
zwei gelbe hängen noch am Baum oder drei.

Wie grün sie waren, fett und unendlich,
als sie die Äste unsichtbar machten.

Kein Wind riß sie ab, und der Sommerregen
Hat sie nur glänzender gemacht.

(aus „Das Gesicht in den Wolken“ Jung und Jung, 2009)

GEDICHT,

das nur vorüberhuscht,
als wäre nichts gewesen.
Der Sturz des Ikarus – ein Kräuseln
Im Meer, das sich gleich schließt.

(aus „Das Gesicht in den Wolken“ Jung und Jung, 2009)

FENSTERQUADRAT

Schnell notiert, wie sie fliegen
Mit den Unbegreiflichkeiten
Der Sofortkorrektur,
das Zickzack der Schwalben gegen Abend,

mit der Pfeilsicherheit,
daß es kein Ziel gibt
im Zeichengestrüpp.

Entwürfe
Flüchtiger Konstellationen,
gehuschte Einsprüche gegen die Sterne.

Erst zuviel und
Schon vorbei.

(aus „Wär ich ein Seeheld“, Jung und Jung, 2001)

Siehe auch:
LYRIKER LESEN

erstellt am 27.5.2011