Noch im Herbst letzten Jahres legte Gerd-Peter Eigner einen Gedichtband vor: „Mammut“. Am 13. April 2017 ist Eigner in Berlin gestorben. Alban Nikolai Herbst erinnert an Leben und Werk des 1942 im oberschlesischen Malapane geborenen Schriftstellers.

Nekrolog für Gerd-Peter Eigner

Der Unübersehbare

„Ich habe mit meinem Kugelschreiber gespielt und Zahlen gemalt wie seit Jahren.“

So beginnt „Golli“, Gerd-Peter Eigners im Jahr 1978 erstveröffentlichter Roman. Er machte ihn bekannt, seine Streitbarkeit bekannt, seine Unbeugsamkeit, seine ästhetische Unbedingtheit. Folgendermaßen endet der Roman: „Die Schreie der Möwen vor meiner Tür. Sie kriegen mich nicht. Ich habe einen Hut. Ich ziehe mir meinen Hut über die Ohren, da höre ich sie nicht. Ich ziehe mir den Hut über die Augen, da finden sie mich nicht.“

Eigner, wenn da, war unübersehbar, unüberfühlbar, unabweisbar. Das hat ihm wenig Freunde gemacht. Er gehörte zu keiner Gruppierung, keiner, wie heute gesagt wird, ‚Community‘; er beugte sich keiner Parteiräson. Seit ich ihn kennenlernte, vertrat er Meinungen, die mit denen ihrer Zeit nur an den Rändern konform waren. Seine Lehrer im romanpoetischen Geiste waren Dostojewski, Flaubert, Thomas Mann. Sein, in seiner Lebensspanne, verehrtester Freund war Juan Goytisolo.

Eigners Sätze sind durchweg hypotaktisch, bisweilen von kleistischem Ausmaß. Seine Stoffe bezog er unmittelbar aus seinem vor allem in den frühen Jahren wilden Leben. Er vögelte so, wie er trank. Betrat er einen literarischen Salon, war der Skandal vorprogrammiert. Er war, ganz wie die Wahrheit selbst, ein Querkopf. Ihr allein sah er sich verpflichtet.

Das kam nicht an. Man nehme das Wort in metaphorischem Sinn. Er zog sich auf einen Olivberg südlich Roms zurück. Dort setzte er sich hin und dachte nach. So hielt er es meist. Dachte ein, zwei Jahre nach. Sonst tat er nichts. Dann schrieb er sein Buch in zwei Monaten runter; gestochen jeder Satz.

Doch schon sein zweiter Roman, „Brandig“ von 1988, kam in den Feuilletons nicht vor. Der beginnt so: „Was mich am meisten stört, ist der Tennisplatz. Die Schreie.“ Danach ein betörend exakter Satz über sieben Zeilen; es folgt ein noch betörenderer über neun. „Schuldig sind wir und werden es bleiben. Kinder und Kindeskinder, die löffeln die Suppe, eingebrockt, wir.“ Damit endet das über vierhundertseitige Buch. Achten Sie auf die Rhythmik!

Er heiratete. Bitter ging die Ehe schief. Ein Kind war da, von denen die Moiren ihn trennten. Darüber kam er nie hinweg. Die „Lichterfahrt mit Gesualdo“, aus dem Jahr 1996, ahnte es voraus. „Er winkt, das Kind winkt. Und weg sind sie.“ So endet es.

Lange, lange Pause. Erst acht Jahre später der nächste Roman, „Die italienische Begeisterung“.

Zu dreiviertel Rückkehr nach Deutschland. Trotz zweier großer Preise will ihn Kiepenheuer & Witsch aber nicht weiterbetreuen. Namen zu nennen, ist nötig. Suhrkamp sagt begeistert zu, sagt kurzfristigst ab. Miesester Stil. Das Buch bleibt verwaist. Es heißt „Der blaue Koffer“.

Lange, lange Pause. Dann, Herbst letzten Jahres, erscheint ein, völlig überraschend, Gedichtband. 367 Seiten dick, ist er ein „Mammut“ wie er heißt. Das vorletzte Gedicht darin endet so: „Und verharren/verharren/verharren“.

Gerd-Peter Eigner, einer der Meister der deutschsprachigen Romankunst, ist am 13. April dieses Jahres verstorben. Am 21. April 1942 kam er in Malapane als Gerd-Peter Sobczyk zur Welt. Und musste auch schon fliehen.

Lange, lange Pause.

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erstellt am 23.6.2017

Gerd-Peter Eigner
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