Wahrlich ist das ein Kunstsommer! Athen, Venedig, Kassel, Münster, Basel: Der Kunstreisende ist in diesem Jahr viel unterwegs. Den größten Kontrast boten nun innerhalb einer Woche die Vorbesichtigungen der documenta 14 in Kassel und die Kunstmessen in Basel. Während die documenta-Macher sich deutlich vom Kunstmarkt distanzierten und für die Schau sehr viele unbekannte Namen aufspürten, setzt der Kunsthandel nach wie vor auf das Bewährte, Auffällige oder Einnehmende.

Kunstmessen

Marktmacht in Basel

Die Folge von Kunst-Großevents ist auf den Basler Kunstmessen immer sichtbar: Auf den Tischen in den Galeriekojen liegen Hinweise, dass ein Künstler oder eine Künstlerin des Galerieprogramms Teilnehmer einer dieser Großveranstaltungen ist, ein Documenta-Katalog, der Biennale-Kurzführer usw. Das verspricht den Sammlern Nachhaltigkeit beim möglichen Erwerb der Werke. Die documenta 14 erweist sich dabei als ziemlich spröde, hat sie doch auf eher marktungängige Positionen und viele unbekannte Namen gesetzt. Doch dieser Eindruck täuscht. Schaut man in das Booklet der documenta 14, sind auf der letzten Seite etliche Galerien aufgeführt, die auch an den Baseler Messen teilnahmen und wahrlich keine Unbekannten sind: Aurel Scheibler, Berlin, der “Megagalerist” Gagosian, New York (mitsamt seiner neun weiteren Standorte), Eva Presenhuber, Zürich, Gladstone Gallery Brüssel/New York, greengrassi, London, Stampa, Basel – man kann sie gar nicht alle aufzählen. Künstler ohne Galerie haben nun mal nur geringe Chancen, von Kuratoren entdeckt zu werden. Ob sich dieses irgendwann ändern wird? Dazu müsste sich wohl das ganze System verwandeln.

Liste Basel im Werkraum Warteck, Courtesy LISTE – Art Fair Basel. Foto: Daniel Spehr

Kaum hatte man die Liste Basel betreten, die immer noch den Ruf einer “Entdeckermesse” hat, stolperte man am Stand von Grey Noise aus Dubai über Lala Rukh, die auf der documenta 14 vertreten ist, und kurz danach bei KOW, Berlin, über einen „Sandkasten“ von Hiwa K, dessen Röhrenbehausungen in Kassel ein beliebtes Fotomotiv sind.
Koki Tanaka (Galerie Aoyama/Meguro, Tokyo) den man unbedingt einmal in Deutschland in einer Einzelausstellung sehen möchte, begeisterte mit einer Videoarbeit, in der er sich mittels verschiedener performativer Aktionen dem Inneren eines alten Hauses annähert („Approaches to an old house“, 2008). Er ist sowohl Teilnehmer der diesjährigen Biennale in Venedig als auch der Skulptur Projekte Münster.

Wilde Masken und Make-up

Bei der Fülle an Gesehenem – allein auf der Hauptmesse, der Art Basel, wie immer mit hoher amerikanischer Millionärsdichte, stellten 291 Galerien aus – wiederholte sich so manches, und das bleibt dann tatsächlich im Gedächtnis.
Beliebt waren in Basel maskenartige Objekte, die Skulptur und Bild in sich vereinen. Hier eine Abbildung von Anne Samat (1973, Malaysia) bei Richard Koh Fine Art, Kuala Lumpur. Ihr Händler ist Teilnehmer auf der Volta 13 – wo Galerien mit entzückenden Namen ausstellen, wie „Green on Red“ oder „Pablo’s Birthday“ – und Koh eines der wenigen überzeugenden Programme der mit 70 Kojen geradezu kleinen Messe präsentierte.

Anne Samat auf dem Messestand von Richard Koh Fine Art, Kuala Lumpur, Foto: Isa Bickmann
Anne Samat auf dem Messestand von Richard Koh Fine Art, Kuala Lumpur, Foto: Isa Bickmann

Wie immer hat sich die Art Unlimited als Teil der Art Basel gelohnt. Hier werden Malerei, Videos, Installationen, Skulpturen präsentiert, die aufgrund ihrer Größe nicht in herkömmliche Messekojen passen und – sie ist kuratiert. Zu sehen waren fesselnde, ja, auch ab und an belanglose, neu produzierte als auch kunsthistorisch bedeutsame Werke von Künstler und Künstlerinnen. Manche Namen hat man dort in den vergangen Jahren schon angetroffen, wie den Minimal-Art-Künstler Carl Andre zum Beispiel.

Subodh Gupta kochte indisch in einer Art Behausung aus Töpfen für die Besucher, die Plätze mussten reserviert werden und waren sehr begehrt. Doug Aitken sorgte für mentale Beruhigung mit seinem neuen, auf drei Kanälen präsentierten Film „Underwater Pavilions“ (2017), der jedoch nichts mehr bot als den Blick in eine durch futuristische Architekturelemente belebte Unterwasserwelt mit Fischen, freilich auf Aitkensche Art überhöhend.

Von der 56. Venedig-Biennale 2015 kennt man den Ghanaer John Akomfrah (*1957). Sein Drei-Kanal-Video „The Airport“ spielt auf dem alten verlassenen Athener Flughafen und übersetzt die Finanzkrise Griechenlands in Bilder, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpfen. Man hätte sich dieses Werk, dass wie Aitkens Film viel von Stanley Kubrick hat, glatt auf der documenta 14 gewünscht.

John Akomfrah, The Airport, 2016, (Lisson Gallery, London), Foto: Isa Bickmann

Während in filmischen Zusammenschnitten bei Arthur Jafa und Mickalene Thomas schwarze Kultur einen kleinen Sonderauftritt hat und politisches Gewicht bringt, erinnern dann wieder Accessoires an das eigentliche Zielpublikum dieser Präsentation. Spiegelnde und polierte Oberflächen fallen immer wieder ins Auge, Make-up, wie hier bei Sylvie Fleury in Form von Chanel-Rouge auf dem Boden liegend, thematisiert zwar die Konsumwelt, spricht jedoch in erster Linie mit dem potenten Käufer und der Käuferin eine verständliche Sprache.

Sylvie Fleury, Skylark, 1992, Galerie Thaddaeus Ropac, Salon 94 © Art Basel

Entdeckt man allerdings in der Feature-Sektion der Art Basel Solo-Präsentationen der Fotografen Robert Frank (bei Hamiltons, London) oder Gordon Parks (Jenkins Johnson, San Francisco) oder findet sich unversehens vor einem Gemälde des Griechen Apostolos Georgiou (Rodeo, London) wieder, der einem seit dem Besuch des so genannten Leder-Meid-Apartments auf der documenta 14 noch im Kopf ist, dann hat sich der Marathon durch über 400 Galeriestände gelohnt.

Der Abstecher zu der Fondation Beyeler ist bei einem Basel-Besuch auch außerhalb der Messezeit ein unbedingtes Muss. Dort sind noch bis Anfang Oktober Arbeiten von Wolfgang Tillmans zu sehen, und jede dieser Fotografien ist etwas Besonderes. Die auf den ersten Blick planlos wirkende Hängung erweist sich als höchst raffiniert: Sie macht es erforderlich, sich auf jedes Bild neu einzulassen.

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erstellt am 17.6.2017

„Sandkasten“-Installation des documenta-Künstlers Hiwa K: What the Barbarians did not do, did the Barberini, 2012, Kunstmesse Liste Basel, Galerie KOW, Berlin, Foto: Isa Bickmann

Ausstellungstipp

Wolfgang Tillmans

28. Mai – 1. Oktober 2017

Fondation Beyeler