Als letzte Neuproduktion der Spielzeit 2016/17 feierte Peter Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ nach Alexander Puschkins Erzählung in Stuttgart Premiere. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben den Stoff in die Gegenwart verlegt. Anna Viebrock hat eins ihrer charakteristischen Bühnenbilder entworfen. Mit dieser Produktion könnte sich jede führende Bühne der Welt schmücken, meint Thomas Rothschild.

Oper

Ein Bühnenereignis

„Pique Dame“ in Stuttgart: das Team Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock demonstriert all die Qualitäten, für die es zu Recht gerühmt wird. Mit dieser Produktion könnte sich jede führende Bühne der Welt, jedes Opernfestival schmücken. Sie blieb dem Opernhaus des Jahres vorbehalten und bestätigt einmal mehr das Erfolgsrezept einer Ensemblearbeit, die in einem Jahr zu ende gehen wird, wenn das Team sich, jedenfalls mit Bindung an ein Haus, aus freien Stücken trennt. Es wird nicht leicht zu ersetzen sein.

Anna Viebrock hat eins ihrer charakteristischen Bühnenbilder entworfen und sich dabei selbst übertroffen. Es zeigt wie so oft simultan einen Innen- und einen Außenraum. Auf der unteren Etage erkennt man die abblätternden Tapeten eines russischen Salons, der den Stil von Palästen der Aristokratie nachahmt. Davor stehen schäbige Reste von Kinostuhlreihen, die in unterschiedlicher Funktion Verwendung finden. Darüber ragen die kahlen Außenwände von Mietshäusern hoch, umgeben von Galerien – in Österreich spräche man von Pawlatschen – und Treppen. Sie fungieren als Sinnbild für den Zugang zu verbotenen Räumen, für das unzulässige Eindringen in private Bereiche. Während der dreiaktigen Handlung dreht sich die Bühne und eröffnet dem Blick nicht etwa Kontraste, sondern Varianten des Immergleichen. Nichts deutet hin auf das Adelsmilieu, in dem Tschaikowskis Oper eigentlich spielt.

Damit entspricht das Bühnenbild vollkommen der Konzeption von Wieler und Morabito. Sie haben, wie sie es gerne tun, den Stoff in die Gegenwart verlegt. Das kostet seinen Preis. Mit der Verwischung der sozialen Gegensätze des späten 18. Jahrhunderts, in dem Alexander Puschkins Erzählung spielt, die Tschaikowski als Vorlage für das Libretto diente, ergeben sich Brüche in der Plausibilität. Wenn etwa die Gouvernante Polina und die Freundinnen von Lisa mahnt, sie sollten nicht „russisch tanzen“ und den „bon ton“ nicht vergessen, dann verliert das seinen Sinn, wo der Chor nicht die französisch sprechende aristokratische Schicht der Russen repräsentiert, sondern unübersehbar Menschen aus dem „Volk“, zu einer Zeit, da der Adel keine sichtbare Rolle mehr spielt. Um diesen Widerspruch aufzulösen, rettet sich das Dramaturgie- und Regieduo in Ironie. Die Szene wird gleichsam als Spiel im Spiel interpretiert wie, schon bei Tschaikowski, das Mozart zitierende Schäferspiel im zweiten Akt.

Szenenfoto „Pique Dame“, Oper Stuttgart © A. T. Schaefer

Unter der Aufhebung der sozialen Differenzierungen hat auch der Offizier German zu leiden, der bei Wieler und Morabito, mit T-Shirt und Rucksack, auf der gleichen Stufe zu stehen scheint wie die flotte Lisa und selbst wie die Gräfin, die sich nicht grundlegend von Bette Davis als Apple Annie oder auch der Zigeunerin aus „Michael Kohlhaas“ unterscheidet. Bei Puschkin und Tschaikowski verhält sich der Sohn deutscher Vorfahren zu den Aristokraten ähnlich wie später der Leutnant Wilhelm Kasda zu dem heruntergekommenen Konsul. Puschkins „Helden“ verbindet übrigens mit Schnitzlers tragischer Figur, dass sie beide der Spielleidenschaft verfallen, die ihnen zum Verhängnis wird. Klar, dass man in diesem Zusammenhang auch an Dostojewskis „Spieler“ denkt, den sich Prokofjew ein Vierteljahrhundert nach „Pique Dame“ als Opernstoff vornahm.

Nimmt man diese Irritationen freilich in Kauf, entsteht ein Bühnenereignis, das auf erstaunliche Weise sowohl die realistischen, wie auch die romantischen Elemente des Stoffes in die Gegenwart zu transportieren vermag. Puschkins Erzählung fasziniert bis heute durch ihre Doppelbödigkeit, ihre schillernde Ambiguität. German – und in diesem Zusammenhang ist es doch von Bedeutung, dass er in die Reihe der Deutschen in der russischen Literatur gehört – will dem Geheimnis der Gräfin, den „drei Karten“, auf die Spur kommen, um reich und damit sozial ebenbürtig zu werden wie Lopachin im „Kirschgarten“, aber auch aus einer Besessenheit heraus, die der Spielleidenschaft verwandt ist, und auch als Antwort auf die Herausforderung des vornehmen Fürsten Jeletzki, in dem sich wiederum Bescheidenheit und Arroganz, Rücksichtnahme und Rachsucht vereinen.

Mit dem Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling, auch er nur noch auf Abruf in Stuttgart, haben Wieler und Morabito einen kongenialen Partner für dieses letzte Projekt der Spielzeit gefunden. Er scheut vor den süffigen Tschaikowski-Klängen, die diese Oper nun einmal benötigt, nicht zurück, und das Orchester wie der immer wieder im wörtlichen Sinne ausgezeichnete Chor unterstützen ihn dabei mit voller Kraft. Apropos Chor: Die Regie setzt konsequent auf Bewegung. Starre Posen lehnt sie ab. Das geht über weite Strecken gut. Manchmal freilich wünscht man sich, dass den Chorsängern etwas Zurückhaltung abverlangt würde. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einzelne Mitglieder unbedingt wahrgenommen werden wollen und sich allzu „bewegt“ in den Vordergrund drängen.

Sängerisch war ohne Zweifel Rebecca von Lipinski als Lisa der Höhepunkt des Premierenabends. Als Gräfin durfte Stuttgarts Liebling Helene Schneidermann ihr Rollendebüt geben. Auffallend auch die beiden Baritonrollen, Vladislav Sulimsky als Tomski und Shigeo Ishino als Jeletzki. Ein wenig enttäuschte lediglich Erin Caves als German. Er hatte erkennbare Intonationsprobleme und schwächelte in den Höhen. Hoffen wir, dass das am Premierenfieber lag.

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erstellt am 16.6.2017

Szenenfoto „Pique Dame“, Oper Stuttgart © A. T. Schaefer

Oper

Pique Dame

von Peter Tschaikowski

In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung
Sylvain Cambreling, Frank Beermann
Regie und Dramaturgie
Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme Anna Viebrock

Oper Stuttgart