Ein schwer zu fassender, umkämpfter Begriff hat derzeit wieder Konjunktur: Heimat. Ist Heimat ein Gefühl? Kann die (deutsche) Sprache Heimat sein? Oder ist vielmehr Europa unsere gemeinsame Heimat? Diesen Fragen spürt die 1981 in Sankt Petersburg geborene Schriftstellerin Lena Gorelik in ihrem Essay nach.

Essay

Was ist Heimat?

Von Lena Gorelik

Heimat ist Schwarz-Weiß, und sie ist grau, aber sie ist nicht dieses Grau, das aus der Mischung von Schwarz und Weiß entsteht. Sie ist subjektiv, sie ist die meine, und sie braucht keine Definition, weil sie kein Begriff ist; sie ist ein Gefühl. Das Schwarz-Weiß ist die Birkenrinde, ein schlechtes Klischee, das die russische Seele zu erzählen versucht. Das Grau ist das der Beton-Hochhäuser, ein Symbolbild der inhumanen Städteplanung im Osten. Um die Bedeutung dieser Bilder weiß ich, aber ich fühle sie nicht. Ich fühle Heimat, ist ein großer Satz, den lasse ich also beinahe weg. Heimat ist Gefühl, das darf man sagen, das Gefühl ist subjektiv, es ist privat wie intim, individuell ist es auch. Es hat eine Farbe, einen Geruch, es hat Bilder, die keines Retro-Filters bedürfen, und einen Streitwert hat es aufgrund des Persönlichen nicht.

Heimat – auch wenn der Begriff in der deutschen Sprache den etymologischen Hintergrund hat – muss mit Heim nichts zu tun haben, mehr noch, Heimat und Heim können und dürfen geradezu Antonyme sein. In meiner Heimat waren graue Hochhäuser Geborgenheit, Gemeinschaft und Gefühl, und da, wo ich sie zuhause bin, werden ihnen sozialer Abstieg, Kriminalität und Trostlosigkeit angedichtet. Dass Heimat und Heim buchstäblich wie im übertragenen Sinne einander fern wie fremd sein können, ist eine ebenso persönliche These wie jede Definition dieses Begriffs – auf eine konnte man sich im Übrigens bisher nicht einigen – seit jeher war. Die Definition verfasse wie fühle ich gleichermaßen in der deutschen Sprache, einer Sprache, die nicht die meine Muttersprache, aber mein Zuhause ist. Die Sprache gehört mir: Die Worte geben sich mir hin. Wenn sie es nicht tun, so zwinge ich sie. Sie verzweifeln an mir, wie ich auch an ihnen verzweifle. Man könnte sagen, wir stehen miteinander in einer Beziehung, in einer, in der ich fliegen und fallen kann, und man könnte fragen: Ist Sprache nicht deine Heimat? Und ich würde innehalten, bestimmt. Ich würde innehalten und den Kopf schließen als Erkenntnis: Zuhause ist, wo ich mich frei und nackt und mit allem, was ich bin, bewege. Aber Zuhause muss nicht zwingend in der Heimat liegen, und Heimat kann manchmal ganz fremd sein. Wenn ich nach Russland fahre, so fahre ich mit den Fingern über schwarz-weiße Rinde, und ich spüre Geborgenheit, wenn ich gen Himmel schaue und graue Hochhäuser mir den Blick verdecken, aber ich beschreibe beides in einer fremden Sprache, und die Art, wie ich denke, verstehen die Menschen dort nicht. Diese Ambivalenz ist, was Menschen auf Reisen schickt, denen man nachsagt, jemand begebe sich zu seinen Wurzeln. Ich weiß nicht, ob man das kann, Wurzeln verpflanzen.

Wenn etwas schwer zu fassen ist, versucht man, das Ganze gemeinhin in Einzelteile zu zerlegen. Heimat hat, wenn man diesen Versuch unternimmt, eine räumliche, eine zeitliche, eine soziale, eine emotionale und eine kulturelle Dimension. Das wirft Fragen auf: Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Land? Hat Heimat somit auch Grenzen, die wer? jemand anders? gezogen hat? Ist Heimat, da wo alle die humorvollen Feinheiten meiner Sprache verstehen, ist Heimat da, wo ein Lied das Herz zur Rührung bringt? Ist Heimat, wenn Erinnerungen das Jetzt überlagern, oder ist es da, wo die wichtigen Menschen sind? Ist all diesen Dimensionen die Geborgenheit – die der Familie, der Freunde, der Sprache, der Gerüche, der Niederschlagsstärke, der Blätterfarbe an den Bäumen, der Witze, der Höflichkeitsfloskeln – immanent? Lässt sich diese Geborgenheit – wenn sie denn das verbindende Element sein sollte – regional begrenzen, einordnen oder definieren?

Europa ist – ähnlich wie Heimat – ein lautes Wort. Zu meiner Kindheit war Europa ein Ort, ein Kontinent, um genau zu sein, ein Begriff, den ich auswendig lernte zwischen Australien und Nordamerika, einer, der übrigens nach weniger Einheit klang als die beiden anderen genannten, weil er so viele Länder unter seinem Namen versammelte. Zu den Ländern gehörten meines, in dem ich das Schwarz-Weiß der Birkenrinde und das Grau meines Zuhauses hinnahm und nicht als Heimat definieren musste, und all die anderen Länder, die unerreichbar schienen, und die ich mit Reichtum und – unerklärlicherweise – mit Erdbeben verband. Ich hatte offensichtlich ein sehr vages und sehr falsches Wissen über Seismologie, aber eine deutlich schmerzende Ahnung, wie sich politisch gezogene Grenzen anfühlen können.

Die geografischen Grenzen Europas haben sich seit meiner Kindheit nicht ein bisschen verschoben, aber umso mehr das, was der Begriff zu einen oder zu trennen meint. Wenn man von Europa spricht, so meint man eine weltweit agierende politische Kraft, eine, die zum Beispiel wahlweise als Partner oder Gegenakteur den USA an die Seite oder entgegen gesetzt wird. Man spricht von Europa als Macht und als Kraft, meint aber nur einen Teil des geografischen Konstrukts: Den, der der politischen wie wirtschaftlichen Interessengemeinschaft der EU zugerechnet werden darf. Der Graben, der meine Kindheit – und somit meinen Heimatbegriff prägte – wurde vielleicht um einige hundert Kilometer östlich verschoben, ist nach wie vor existent und trennt auch nach wie vor das geografische Europa. Wenn jemand von der anderen Seite Europas, man könnte beinahe sagen und meinen „vom anderen Ufer“ „Europa“ sagt, der prominenteste Vertreter dieser anderen Seite, ein gewisser Wladimir Putin beispielsweise, dann hat er aber etwas anderes im Sinn: Europa, das kann auch klingen nach Feind. Wenn Politiker aus der Gemeinschaft der Europäischen Union heraus agierend, Europa sagen, dann hat das oft auch einen normativen Klang: Als habe die Union ein Gefühl zu sein. Wir sind jetzt alle Europäer, und diejenigen, die sich lieber als Deutsche, Ungarn, Italiener bezeichnen, spüren, sie müssten, aber erspüren nicht dieses Gefühl: Das Europäische. Sie müssten Europäer sein. Erspüren es nicht, weil die Verbindung zwischen Kroatien und Frankreich eine wirtschaftliche, eine politische, eine rationale, eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte ist, aber keine emotionale. Europa als Heimat ist, seien wir mal ehrlich, für die meisten Europäer ein Gedanke, bis sie diese Heimat verlassen. Bis sie sich tatsächlich auf einem anderen Kontinent befinden und die Heimat, die wie-auch-immer-riechende-schmeckende-geartete so weit weg erscheint, dass sie in den eigenen Augen wächst. Ich bin Europäer, sagt man eher in Afrika oder Südamerika, als wenn man sich hier befindet.

Die Erwartungshaltung, die in der Begriffsbezeichnung mitunter steckt, kann auch als emotional-erpresserischer Anspruch, übergriffige Fremddefinition und erzwungene Vergemeinschaftung aufgefasst werden. Wie Pubertierende, die gegen alles kämpfen müssen, was das Elternhaus ihnen vorlebt, um sich selbst zu spüren, halten große Teile aller Europäer – beängstigenderweise in zunehmenden Zahlen – an dem fest, das dem Gefühl der europäischen Heimat widerspricht: An regionalen Traditionen, nationalen Identitäten und jeder einzelnen noch real oder im Kopf existierender Grenze. Europäische Einigkeit wird immer mehr zum Schimpfwort, lange bevor sie zur Farce verkommen kann. Man sucht nach Erklärungen für diese Entwicklung, sammelt sie mit Strichlisten und in klugen Essays und findet sich in de Verzweiflung wieder. In diesen Zeiten wird die Heimat für so viele zu einer, die gegen andere Heimaten kämpft, eine, die nicht betreten werden darf von Fremden. Meins, schreien die Menschen, als würden sie im Sandkasten sitzen. Und sie wünschen sich eine Mauer um diesen. Heimat wird zum Kampfbegriff, zu einer dunklen Stimmung, zu einer gegen andere gerichteten Kraft. Sie hat alles Kindliche, das Gefühl der Unschuld, ihre Farben verloren. Schwarz-Weiß. Grau.

Der Essay ist zuerst bei ZEIT Online / FREITEXT erschienen.

Lena Gorelik, geboren 1981 in Leningrad (heute Sankt Petersburg), kam 1992 zusammen mit ihrer russisch-jüdischen Familie als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. Sie lebt als freie Autorin in München. 2017 erschien ihr Roman „Mehr Schwarz als Lila“ bei Rowohlt Berlin.

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erstellt am 09.6.2017

Lena Gorelik
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