Kolumne

Nachdenken über A.

Von Shirin Kumm

Ein lauer Maiabend. Ich stehe missgelaunt in der Küche und spüle Geschirr. Der geplante gemeinsame Theaterbesuch für nächstes Wochenende ist geplatzt, weil Alfons zu seinem jährlichen Klassentreffen gehen will. Er behauptet, er habe mir schon vor zwei Wochen darüber berichtet. Hat er nicht. Schwören kann ich es aber nicht. Letzter Zeit schweifen meine Gedanken immer öfter beim Zuhören ab. Vielleicht hat er mir wirklich davon erzählt, und ich war wieder anderorts.

Das ist es aber nicht, was mich betrübt. Die Todesnachricht über Gunter Sachs ist es, die mich bedrückt. Er ist also nicht mehr unter uns. Freiwillig ist er gegangen, hat sich für das Nichtsein entschieden gegen das sinnlose Dasein. Es bedrückt mich, stimmt mich nachdenklich, macht mir Angst.

Auch ich bin zerstreut, suche dauernd irgendwas – meine Brille, den Schlüsselbund, mein Portemonnaie, ringe nach einem Namen, der mir partout nicht einfallen will, einem Wort, das sich heimlich aus meinem Wortschatz geschlichen hat.

Das Buch fällt mir ein, das ich vor Jahren gelesen habe. Es beunruhigte mich schon damals. Wie hieß es noch mal? Mensch!, komme nicht darauf. Der Autor hieß jedenfalls Herbert Genzmer, immerhin, das weiß ich noch. Es ging um einen Deutschen in New York, der allmählich sein Gedächtnis und schließlich seine Sprache verliert. „Man muss sich beeilen, alles verschwindet“, hieß es darin. Steht mir dasselbe bevor?

Eine Perserin in Frankfurt, sprachlos, verloren?
Gunter Sachs nannte es A. und schoss sich in den Kopf. Bedroht auch mich dieses A.? Wie gelange ich dann zu einer Waffe? Ist aber dieses A. wirklich eine Drohung? Wie froh und erleichtert wäre ich, so manches zu vergessen. All die Enttäuschungen, Verletzungen, Demütigungen. All die kleinen und großen Ungerechtigkeiten, Traurigkeit und Schmerz. Die unerbittliche Macht des Erinnerns gebrochen. Keine neuen Tränen für das Gewesene.
A., womöglich ein Geschenk, eine Gnade?

Wer werde ich aber sein ohne Erinnerung? Bleibt die Liebe auf der Strecke? Schmeckt die Erdbeere noch süß? Berauscht mich noch der Vogelgesang? Versetzt mich der Hof um den Mond noch in Erstaunen? Die neue Andere, ist sie ein Jemand? Ein Niemand?

Neulich sah ich eine Dokumentation im Fernsehen, die zeigte wie völlig unterschiedlich Menschen in so einer Situation reagieren. Manche depressiv, manche dagegen fröhlich. Einige verbittert und aggressiv, andere wiederum friedlich und zufrieden. Einige wie ein hilflos verlorenes Kind, andere dagegen souverän würdevoll.
Mit A. gehen oder Flüchten?

Ich kann mir nicht helfen, Gunter Sachs mutiger Entscheidung löst in mir tiefen Respekt und Bewunderung aus. Zu gut kann ich ihn verstehen. Wäre er nicht ein erfolgreicher Photograph und Kunstsammler, hätte er nicht das Leben eines Lebemannes gelebt, wäre er also kein Ästhet und Genießer, hätte er sich vielleicht mit dem Verlauf seiner Krankheit abgefunden. Unvorstellbar aber für ihn, den Romantiker, der einst seiner Angebeteten tausend rote Rosen aufs Dach regnen ließ, sinnlos dahinzuvegetieren. Wie hätten sich dann Neider und Spötter gefreut – Triumph des Kleingeists.

Und was denkt Alfons darüber? Wir hatten die Nachricht zusammen
gehört. Er sagte nichts. Kein Bedauern, kein Lobeswort, kein
zustimmender Kommentar.

Ich gehe ins Wohnzimmer und frage ihn dazu. „Naja“, sagt er. Wie bitte? Naja? Es ist doch keine Bagatelle, sich ins Hirn zu schießen. Es verdient wohl ein wenig mehr Leidenschaft. Alfons hat aber seine Prinzipien, die nicht mit Sympathie für Gunter Sachs kompatibel sind, nicht einmal mit seiner letzten Entscheidung. Unflexibilität im Denken versetzt mich wiederum in Rage. Ich nenne es Fanatismus.

„Warum kannst du nicht einmal über deinen Schatten springen, einfach sagen, Hut ab, Gunter Sachs, das war mutig von dir, gut hast du das gemacht?“, frage ich ihn verärgert.
Alfons hat sich gerade auf dem Sofa bequem gemacht, Sportschau im Fernseher. Mit einer Handbewegung gibt er Zeichen, ich solle mal ruhig sein – das Spielergebnis, worüber gerade berichtet wird, scheint ihn mehr zu interessieren. Dann macht er überraschend den Ton aus und fragt mich, was ich denn meine.

„Du hast genau gehört, was ich sagte? Warum kannst du denn Gunter Sachs dafür nicht würdigen, sich für den freiwilligen Tod zu entscheiden, anstatt dahinzusiechen?“, wiederhole ich mich.

„Kennst du die Adresse von Gunters Waffenhändler?“, sagt Alfons.

erstellt am 24.5.2011

Gunter Sachs
Gunter Sachs