Im Frankfurter Museum Giersch ist noch bis zum 9. Juli 2017 eine Ausstellung zu sehen, die unter dem Titel „Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren“ einen „neuen Blick“ auf die wichtige Kunstströmung nach dem Zweiten Weltkrieg werfen will. Ob sie das wirklich einlöst, berichtet Isa Bickmann.

Abstrakte Kunst der 1950er Jahre

Radikaler Neuanfang

Die abstrakte Kunst in Deutschland steht für einen Neubeginn nach den repressiven Jahren des Nationalsozialismus, der in vielfacher Hinsicht eine Lücke geschlagen hatte: Eine ganze Generation war von der modernen Kunst abgeschnitten. An den Besuch einer Akademie war für viele nicht mehr zu denken, die finanzielle Situation der jungen Künstler durchweg prekär. Aus den Köpfen der Deutschen musste erst noch das verschwinden, was die Kulturpolitik der Diktatur eingepflanzt hatte. In der bildenden Kunst hieß das: radikaler Neuanfang! Rupprecht Geiger begründete: „Uns war damals die abstrakte Malerei am geeignetsten, um die zerstörte deutsche Kultur wieder aufzubauen. Die Scheußlichkeiten zu erkennen, um sie dann bildlich zu wiederholen und sie damit zu verdammen und zu sagen: Nicht weiter so!, war nicht Thema für uns.“(1)

Die Abstraktion ist die erste internationale Avantgarde-Bewegung, die auch die USA mit einbezog bzw. von dort ausging. Viele der jungen amerikanischen Abstrakten waren in die Lehre des mit der Moderne Frankreichs gut vernetzten Deutschen Hans Hofmann (1880-1966) an Ausbildungsstätten in New York, Berkeley oder Provincetown gegangen. 1943 hatte dessen Schüler Jackson Pollock seine erste Einzelausstellung, worauf ihn Peggy Guggenheim exklusiv unter Vertrag nahm. Schon im Juli 1945, weniger als ein Jahr nach der Befreiung von Paris, gab Jean Dubuffet seine erste Einzelausstellung in der Galerie René Drouin. Danach ging es Schlag auf Schlag in Paris: Gruppenausstellungen mit Wols, Riopelle, Francis Bott, Soulages, Ubac, Hartung u.a. fanden statt. Alle Strömungen der Abstraktion, ob Abstrakter Expressionismus, Action Painting, wie man sie in den USA nannte, oder Informel, Lyrischer Expressionismus, Tachismus, Art autre, wie sie in Europa hießen, fußten auf den Errungenschaften des Expressionismus und des Surrealismus. In Deutschland waren diese unter den Nazis verfemten Richtungen der „Missing Link“, der neu zu entdecken war. Doch noch orientierte man sich hier an der Vergangenheit, zuerst herrschte der Gegenstand vor: Willi Baumeister war 1950 der einzige deutsche Akademieprofessor, der ungegenständlich malte. Über den Austausch mit Frankreich, das selbst zerrissen war zwischen geometrischer Malerei, surrealer Gegenständlichkeit und dem neuen Tachismus (von frz. „tache“ = „Fleck“), kam dann die letztgenannte Bewegung der Abstraktion nach Deutschland: Die Sehnsucht nach Freiheit schaffte sich Raum mit der freien malerischen Geste.

Die 74 Werke umfassende Schau im Frankfurter Museum Giersch der Goethe-Universität steigt ein mit dem berühmten „Darmstädter Gespräch“, das im Juli 1950 Kunsthistoriker, Künstler, Kritiker und Autoren verschiedener Disziplinen zusammenbrachte und für höchst kontroverse Diskussionen sorgte. Hans Sedlmayr, Autor des Bestsellers „Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit“, das 1948 erschienen war, stellte die Kunst der Moderne als „Krankheitsgeschichte“ dar, die sich zunehmend von der „klare[n] Ordnung der Welt in Unten und Oben“, d.h. der christlichen Kunst entferne. Hier lohnt die Lektüre des Katalogbeitrags von Regine Prange, der auch Adornos Reaktion einbezieht und deutlich macht, wie wenig man damals argumentativ aufeinander einging. Hörstationen in der Ausstellung lassen in die Darmstädter Beiträge eintauchen, Gegenüberstellungen abstrakter und gegenständlicher Werke vermitteln das bildliche Umfeld der Diskussion in Deutschland.

Karl Otto Götz: Hommage à Melville, 1960, Mischtechnik auf Leinwand, 145 × 175 cm, Museum Kunstpalast, Düsseldorf – Stiftung Sammlung Kemp, Foto: © Museum Kunstpalast – Horst Kolberg – ARTOTHEK © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Ausstellung stellt dann drei Künstlerkreise aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet, München und – da das Museum im Schwerpunkt der Rhein-Main-Region verpflichtet ist – Frankfurt vor: junger westen startete 1947 in Recklinghausen. Das bekannteste Mitglied war sicherlich Emil Schumacher. 1948 Verein geworden, richteten sie fortan den „Kunstpreis junger westen“ aus, 1962 lösten sie sich auf. ZEN 49 begann mit einer Ausstellung von 75 Werken im Central Art Collecting Point in München. Christoph Zuschlag stellt im Katalog die These auf, dass sie, „die bedeutendste und im Hinblick auf die Durchsetzung ihrer erklärten Ziele erfolgreichste Künstlergruppe im Deutschland der Adenauer-Ära“ gewesen sei. Anstoß zu ZEN 49 gaben der britische Kunstkritiker John Anthony Thwaites und der Maler Rupprecht Geiger. Die Gründungsmitglieder waren Willi Baumeister als „überragende Integrationsfigur, Altmeister der Abstraktion und zugleich Mentor der gegenstandslos arbeitenden Künstler in den kunsttheoretischen Kontroversen der Nachkriegszeit“, wie Zuschlag treffend schreibt (Kat. S. 78), Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willi Hempel, Brigitte Meier Denninghoff (spätere Matschinsky-Denninghoff) und Fritz Winter. Ehrenmitglieder wie Hilla von Rebay, Gründungsdirektorin des Guggenheim-Museum, und die im Ausland tätigen Künstler Hans Hartung, Pierre Soulanges und Gérard Schneider verhalfen zum Erfolg. ZEN 49 endete 1957 mit einer Ausstellungstournee durch die USA.

Die Geburt des deutschen Informel fand in Frankfurt statt. Am 11. Dezember 1952 stellte Klaus Franck in seiner Zimmergalerie, die er 1949 in der Böhmerstraße 7 eröffnete, unter dem Titel „Neoexpressionisten“ die Quadriga-Gruppe aus: K.O. Götz, Bernard Schultze, Heinz Kreutz und Otto Greis. Sie waren keine eigentliche Gruppe und stilistisch entfernten sie sich zunehmend voneinander. Aber sie schrieben Kunstgeschichte. K. O. Götz war einer der Vermittler zum französischen Kunstraum, durfte er doch dank eines Reiseausweises schon 1947 nach Paris reisen (2). Dass es ohne den Austausch über die Besatzungszonen und Landesgrenzen hinweg nicht ging, machte 2010 schon die Düsseldorfer Ausstellung „Le grand geste! Informel und Abstrakter Expressionismus 1946-1964” im Museum Kunst Palast deutlich. „Dankbar bleibe indes anerkannt, dass die Maler des Abstrakten, die Avantgardisten in allen Ländern, weit stärker als ihre konservativen Kollegen gewillt sind, sich brüderlich über Ländergrenzen hinweg die Hand zu reichen.“, kommentierte Anna Klapheck 1949 diesen bemerkenswerten Kunsttransfer. (3) Die Zimmergalerie Franck, die vieles der neuen französischen Kunst zeigte, blieb indes ein Zuschussbetrieb. Sie schloss 1961.

Birgit Sander beleuchtet im Katalog das Umfeld im Rhein-Main-Gebiet, und im Besonderen die Unterstützer des Informel, z.B. die Sammler, vom Rechtsanwalt Heinz Goerke bis hin zu Karl Ströher. Wichtiger Unterstützer der jungen abstrakten Avantgarde war die Bank Deutscher Länder, Vorgänger der späteren Deutschen Bundesbank, die eine aufgeschlossene Ankaufspolitik fuhr. Letzteres kann man von den Museen und Kunstvereinen mit Ausnahme des Museums Wiesbaden nicht sagen. Auch die Städelschule versagte sich der Abstraktion.

Der „neue Blick“, den das Museum Giersch ankündigt, ist vielleicht etwas vollmundig verkündet – das Aufgreifen des Themas ist indes wichtig und in der Fokussierung auf die Persönlichkeiten – Vermittler, Künstler und Künstlerinnen, Privatinitiativen, Händler und Sammler – ein frischer Ansatz. Die gelungene Präsentation greift eine Phase der Kunstgeschichte auf, die umso bemerkenswerter ist, da sie völlig heterogen daherkommt. Die Ausstellung endet mit der documenta II im Jahre 1959. Hans Haacke, heute bekanntlich ein renommierter Konzeptkünstler, jobbte als studentische Hilfskraft auf der Kasseler Großausstellung, wo er Besucher und Besucherinnen festhielt, die hilflos rätselnd vor den abstrakten Bildern standen. Dies schließt den Kreis zum ersten Ausstellungsraum, der die Vorbehalte der Intellektuellen gegenüber der neuen Kunst thematisierte. Ein knapper Ausblick auf die ZERO-Bewegung, die die zehnjährige abstrakte Phase ablöste, mit Künstlern wie Hermann Goepfert, Franz Erhard Walther und Peter Roehr, schließt die Schau. Tatsächlich wäre es auch an der Zeit, die Kunst der sechziger Jahre in Frankfurt mit einer ähnlich konzentrierten Ausstellung zu beleuchten.

(1) Rupprecht Geiger in einem Gespräch mit Jochen Poetter, März 1986, in. Kat. Die ersten zehn Jahren – Orientierungen. ZEN 49, hg. v. Jochen Poetter, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden 1986, S. 154.

(2) Weiterführend vgl. die Verf. „Der Neubeginn nach 1945. Informel und Quadriga, in: Wegbereiter – Wegbegleiter. Kunst der letzten 60 Jahre, Sammlung Hurrle Durbach, Museum für Aktuelle Kunst, Karlsruhe 2010, S. 34ff.

(3) Anna Klapheck in einer Zeitungskritik vom 15.1.1949, zit. nach Günter Herzog, Die Kunstkritik zum Informel, in: „Am Anfang war das Informel, sediment. Mitteilungen zur Geschichte des Kunsthandels, Heft 18, 2010, S. 91.

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erstellt am 26.5.2017

Willi Baumeister: Phantom mit roter Figur, 1953, Öl mit Kunstharz auf Hartfaserplatte, 100 × 130 cm, Privatsammlung, Foto: Archiv Baumeister © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Ausstellung in Frankfurt

Ersehnte Freiheit.

Abstraktion in den 1950er Jahren

19. März – 9. Juli 2017

Museum Giersch der Goethe-Universität

Otto Greis: Blauer Aufbruch, 1952, Mischtechnik auf Leinwand, 130 × 115 cm, GDKE – Direktion Landesmuseum Mainz, Foto: © GDKE_Ursula Rudischer (Landesmuseum Mainz)

Ausstellungskatalog:

Birgit Sander, Christian Spies (Hg.)
Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren
Leineneinband, 192 Seiten
119 Farb- und 54 S/W-Abbildungen
ISBN: 978-3-7319-0489-2
Michael Imhof Verlag, im Auftrag des Museum Giersch der Goethe-Universität, Frankfurt 2017

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