In seinem neuen Buch erzählt der Kunstkritiker und Essayist Daniel Schreiber von der Suche nach einem Zuhause. Schreiber changiert dabei zwischen autobiografisch gefärbten Betrachtungen und Paraphrasen aus Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse. „Zuhause“ ist eine angenehme, nur selten schwergewichtige Lektüre, meint Eugen El.

Buchkritik

Wo geht es nach Hause?

Wie kann er aussehen, ein Ort, an dem man sich heimisch fühlt, in dieser globalisierten, flexiblen, mobilen Welt? Migration, ob erzwungen oder freiwillig, ob dauerhaft oder temporär, wird selbst in Deutschland zunehmend als gesellschaftliche Realität akzeptiert. Ist Heimat heute noch ein fester geografischer Ort? Oder gibt es eine lokal ungebundene, „portative“ Heimat, von der schon Heinrich Heine sprach? In seinem neuen Essay erzählt Daniel Schreiber von der Suche nach einem Zuhause. Das Buch sei „eine Auseinandersetzung mit dem Gefühl kollektiver Entwurzelung“, sagt Schreiber. Der sehr romantische, sehr deutsche, kaum übersetzbare Begriff „Heimat“ war der ursprüngliche Arbeitstitel seines Essays. Schreiber kam davon ab und betitelte den Band lakonisch: „Zuhause“.

Bekannt wurde Daniel Schreiber mit seiner 2007 erschienenen Susan-Sontag-Biografie „Geist und Glamour“. 2014 verarbeitete der Kunstkritiker und Essayist seine Alkoholerfahrungen im Band „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“. Formal knüpft er nun an den Vorgängeressay an. Schreiber changiert in „Zuhause“ zwischen persönlich gefärbten Betrachtungen und Paraphrasen aus Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse. Er erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Präzision. Die Zitate wirken bisweilen, als müssten sie etwas Solidität in die essayistische Erzählung hineinbringen. Sprachlich muten diese Passagen etwas hölzern und technisch an.

Daniel Schreibers Essay ist vor allem autobiografisch. „Ich glaube, dass die Suche nach einem Zuhause etwas grundsätzlich Individuelles ist“, sagt Schreiber. Eine kollektive Antwort auf die Ausgangsfrage des Buches könne es nicht geben. Schreiber erzählt von seiner Kindheit in einem mecklenburgischen Dorf, von Misshandlungen in der Schule. Sein Ringen mit dem Anderssein als schwuler Mann und seine Liebesbeziehungen flicht Schreiber ebenfalls in die Erzählung ein. Überhaupt macht er eine Trennung und die darauffolgende Lebenskrise zum Ausgangspunkt der Erzählung: „Ich spürte, dass die Zeit gekommen war für eine Entscheidung, für eine Suche.“

„Zuhause“ ist ein Entwicklungsroman, Zeugnis eines Reifeprozesses. Der Autor beginnt sich im Alter von vierzig Jahren einzurichten – und das buchstäblich. Einige Seiten verwendet Schreiber für die Beschreibung eines für ihn befreienden Erlebnisses: der Neueinrichtung seiner Berliner Wohnung. Sein Essay handelt vom Ankommen. Daniel Schreiber lebte über Jahre in New York und London. Vor einigen Jahren kehrte er nach Berlin zurück. Lange betrachtete Schreiber die Stadt als eine Zwischenstation. So gehe es nicht nur ihm, sagt Schreiber: „Viele Menschen führen ein provisorisches Leben.“ Er erzählt vom anfänglichen Fremdeln mit der Zudringlichkeit Berlins und seiner allmählichen Annäherung, vor allem an den Kiez Neukölln.

Etwas hilflos wirkt es, wenn Daniel Schreiber ausführlich die Lebens- und Fluchtgeschichte seiner Urgroßmutter rekonstruiert und diese mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte vermengt. Seine Stärke sind die großen historischen Themen nicht. Er vermag es hingegen, Situationen und Orte anschaulich und sinnlich zu schildern. „Zuhause“ ist eine im besten Sinne angenehme, nur selten schwergewichtige Lektüre. Ein wenig fühlt sich der Leser an einen ausgedehnten Sonntagnachmittag mit guten Freunden erinnert. Daniel Schreiber betrachtet seine Suche indes als work in progress: „Ich glaube nicht, dass man ein Zuhause abschließend finden kann. Aber es heißt nicht, dass man es nicht suchen muss.“

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erstellt am 26.5.2017

Daniel Schreiber  © Amy Patton
Daniel Schreiber © Amy Patton

Daniel Schreiber
Zuhause
Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen
Fester Einband, 144 Seiten
ISBN 978-3-446-25474-9
Hanser Berlin, 2017

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