Alle zwei Jahre trifft sich die Kunstwelt in Venedig zur Biennale. In den Giardini, dem Arsenale sowie im gesamten Stadtgebiet sind diesmal 86 Länderpavillons zu sehen, überdies die von Christine Macel kuratierte Hauptausstellung „Viva Arte Viva“. Thomas Rothschild begegnete in Venedig erschöpften lebenden Kunstwerken, teils Sehenswertem, teils Redundantem.

Kunstbiennale in Venedig

Die Folgen der Erschöpfung

Saison für den Biennale-Jargon. „Spiegel Online“ titelt: „86 Länder zeigen in ihren Pavillons das Beste, was sie zu bieten haben.” Dahinter steht die übliche Verwechslung, die ein denkfauler Journalismus beständig bedient: Was groß ist, muss auch gut sein. Allenfalls ließe sich behaupten: die Länder zeigen, was die (wechselnden) Kuratoren für das Beste halten. Und nicht einmal das stimmt, weil viele Künstler aus unterschiedlichen Gründen an einer Teilnahme in Venedig verhindert sind, unter anderem, weil sie die erforderlichen Eigenkosten nicht aufbringen können. Die Vorstellung, auf der Biennale wäre „das Beste“ zu sehen, ist so absurd wie die Suggestion, in Cannes (oder in Berlin? in Venedig? in Toronto?) würden die besten Filme gezeigt, beim Internationalen Literaturfestival Berlin würden die besten Autoren lesen. Für jeden Künstler, der bei der Biennale ausstellt, ließe sich ein ebenso guter anderer Künstler nennen, der fehlt. Aber nur durch solche superlativische Aufwertung rechtfertigt sich die Lautstärke, mit der die konkurrierenden Medien aus Venedig berichten.

Journalisten dürfen, wie bei der Frankfurter Buchmesse, schon drei Tage vor der Öffnung für das „gemeine“ Publikum aufs Gelände des Arsenals und der Giardini. Die Kulturredakteurin des österreichischen „Standard“ schaffte es, sich eine Vorschau vor der Vorschau auszuhandeln. Aber auch ihr fällt angesichts des Besten aus 86 Ländern nur ein Vergleich mit heimischen Künstlern ein, mit denen sie wahrscheinlich befreundet ist: „Manches ähnelt Bekanntem, wie etwa die Selbstinspektionen des Syrers Marwan jenen Maria Lassnigs; die Fotos des 1980 verstorbenen Ungarn Tibor Hajas erinnern an Brus und Schwarzkogler.“ Patriotische Borniertheit, oder doch das Eingeständnis, dass man für das Beste aus aller Welt nicht nach Venedig fahren muss? Eine Galerie in der Wiener Innenstadt tut's auch.

Und weil ohne Lokalpatriotismus und Wettbewerb in unserer Gesellschaft nichts mehr geht, muss sich der Deutsche darüber freuen, dass der deutsche als bester nationaler Beitrag und ein Deutscher, Franz Erhard Walther, als bester Künstler der von Biennaleleiterin Christine Macel kuratierten Kollektivausstellung „Viva Arte Viva“ ausgezeichnet wurden, wie sich noch der lahmste Dortmunder über einen Sieg des BVB freuen muss.

Eliza Douglas und Franziska Aigner in: Anne Imhof, Faust, 2017, Deutscher Pavillon, 57. Venedig-Biennale © Foto: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin
Eliza Douglas und Franziska Aigner in: Anne Imhof, Faust, 2017, Deutscher Pavillon, 57. Venedig-Biennale © Foto: Nadine Fraczkowski Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Die verschwiegene Kehrseite lautet: Bereits zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung waren die lebenden Kunstwerke um Anne Imhof dermaßen erschöpft, dass sie abreisten. Die Besucher, die gekommen waren, um die preisgekrönte Performance zu sehen, standen vor einem leeren Pavillon. Unfreundlich könnte man sagen: das ist Betrug am Publikum. Weniger unfreundlich darf man konstatieren, dass es ein Symptom ist für eine Kunstauffassung, die sich um die Rezeption nicht schert, der es reicht, von der Presse und einer Jury gelobt worden zu sein.

Der unersprießliche Vorfall wird erst ermöglicht durch die auffälligste neuere Entwicklung in den Künsten. Simon Strauss schreibt in der F.A.Z. vom 14.5.2017, allerdings um ein positives Gegenbeispiel vorzustellen, aber dennoch zutreffend: „'Trans', 'inter' und 'cross' sind Lieblingspräfixe der internationalen Antragsprosa, denn wenn ein Wort damit anfängt, dann kann es eigentlich nur gut enden: mit Formauflösung zum Beispiel oder wechselseitiger Einflussnahme. Was in der Wissenschaft nicht zumindest eine leicht 'interdisziplinäre' Duftmarke trägt, kann sich mittlerweile keine allzu großen Förderchancen ausrechnen. Und auch in den Künsten ist der Prestigewert des Crossover gestiegen. Irgendwie hat man sich darauf geeinigt, dass Avantgarde da ist, wo 'trans' draufsteht. Damit wird auch in Kauf genommen, dass künstlerische Arbeiten, die unter dieser Flagge segeln, die Kategorien, mit denen navigiert wird, verwässern, statt sie zu schärfen.“

Als man noch zwischen Raum- und Zeitkünsten unterschied, konnte man sich darauf verlassen, dass die bildenden Künste jederzeit vorhanden waren, wenn sie ausgestellt wurden, oder zumindest, wie die Concept Art oder die Land Art, hinreichend dokumentiert waren, wenn man ihnen einen Besuch abstattete. Bei Zeitkünsten hingegen wie dem Theater, dem Film, der Musik musste man zu einem vereinbarten Termin eintreffen, um etwas zu erleben. Jetzt scheint, was immer noch unter dem Etikett der bildenden Kunst firmiert, als stark verspäteter Nachfolger des Happenings jene Lücken füllen zu wollen, die ein sich selbst in Frage stellendes Theater hinterlässt, und anzubieten, was einem Cézanne oder einem Rodin noch unerreichbar schien: den Handlungsablauf in der Zeit, das Beharren auf Kontinuität.

Video siegt über Tafelbild

In diese Richtung weisen auch die kleinen Filmerzählungen des Japaners Shimabuku. Dass er Witz hat, beweist er mit Objekten wie den „Ältesten und neuesten Werkzeugen des Menschen“: Faustkeilen und Handys. In diese Richtung weist die von Rundbildern des 19. Jahrhunderts angeregte Projektion „Emissaries“ von Lisa Reihanna aus Neuseeland, in der das sich langsam nach links bewegende Bild mit Mitteln des Animationsfilms von der Geschichte des Kolonialismus erzählt. Im ägyptischen Pavillon wird eine Filmerzählung simultan auf fünf aneinander gefügten Leinwänden vorgetragen. Überhaupt: Film oder vielmehr Video, mittlerweile in die Jahre gekommen, scheint seine Verführungskraft nicht verloren zu haben und setzt seinen Siegeszug über das Tafelbild fort. Nicht nur das Theater, auch das Kino und der DVD-Player wecken den Ehrgeiz der bildenden Künstler.

Auf ganz andere Weise an einen konstitutiven Aspekt des Theaters erinnert der Chilene Bernardo Oyarzún mit seiner engen Anordnung unzähliger Masken. Und im chinesischen Pavillon werden, wenn man nur lang genug wartet, Schattenspiele vorgeführt – gewiss sehr faszinierend, aber ein Beispiel für „Arte Viva“?

Apropos gut und groß: Eine ganze Reihe von Exponaten ist wohl deshalb eingeladen worden, weil ihre Dimensionen eine Präsentation anderswo als in den riesigen Hallen des Arsenals kaum möglich machen. Dazu gehören auch die Objekte des Preisträgers Franz Erhard Walther oder das „Warenhaus“ des kürzlich verstorbenen Hassan Sharif aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, das sich ausmacht wie eine Reminiszenz an Claes Oldenburg. Vergrößerung als Verfremdung – ein bewährtes und offenbar unerschöpfliches Kunstrezept.

Venedig-Biennale 2017: Atelierbesuch bei Franz Erhard Walther

Zu den Trends der aktuellen Kunst zählt auch die Tatsache, dass viele Arbeiten nicht selbstevident sind, sondern der Erläuterung bedürfen – so etwa die raumgreifende Installation „The horse problem“ aus Argentinien oder die Assemblage von verschiedenfarbigen Tonbandkassetten unter dem Titel „Food for Thought 'Amma Baad'“ von Maha Malluh aus Saudi-Arabien.

Von einer Nähe der Gesamtkuratorin zum Irrationalen zeugt ein eigener „Pavillon der Schamanen“. Dem opponiert nur scheinbar die Abteilung „Unpacking My Library“, in der sich Künstler, mit Anspielung auf Walter Benjamin, von ihrer wirklichen oder angeblichen Lieblingslektüre zu Kunstwerken anregen ließen. Dem Irrationalen nähern sich, eher unfreiwillig, auch die prätentiösen Ausführungen auf einigen Schrifttafeln, die weniger erklären als verbal hochstapeln.

Manche Exponate kommen über den Kalauer nicht hinaus. Bei manchen – etwa bei Grischa Bruskins „Theatrum Orbis“ oder bei „Under One Sun“ im Aserbaidschanischen Pavillon, dessen Eingangsraum jedem Dokumentarfilmfestival, aber auch Rimini Protokoll als Installation, wie man das heute eben nennt, gut zu Gesicht stünde – reicht die Durchführung an die erkennbare (politische) Intention nicht heran. Und bei manchen – etwa bei Jana Želibskás „Swan Song Now“ – will einen die Vermutung, dass das Absicht sei, nicht über den Eindruck hinwegtrösten, dass hier weniger Kunst als Kitsch erfreuen soll.

Kunst ist, was jemand Kunst nennt

56 Jahre ist es her, seit Timm Ulrichs sich selbst zum Kunstwerk erklärt hat. Das war damals neu und auch erhellend. Es reduzierte die dämliche Frage, ob etwas „noch“ Kunst sei, zu einer terminologischen Frage, die sich als ontologische ausgibt. Kunst ist, was jemand Kunst nennt, worauf sich ein Kollektiv oder der Duden zwecks Verständigung einigt. Auf der Biennale stellt man mit Staunen fest, dass viele Repräsentanten der angeblich lebendigen Kunst, die „Besten“ ihrer Länder, keinen Schritt weiter gekommen sind. Mehrere auch historische Exponate zeigen schlafende Künstler von Mladen Stilinović bis Franz West, die sich freilich längst durch ein Foto oder eine Puppe vertreten lassen. Auch schlafende Künstler sind offenbar erschöpft und abgereist, wenn nicht gar gestorben. Das ist doch ein wenig ernüchternd.

Was also bleibt? Eine umfangreiche Kunstschau in schöner Umgebung, eine Ballung von teils sehenswerten, teils redundanten Werken, die man sich das Jahr über nur mit etwas Mühe an mehreren, teils entlegenen Orten gönnen kann. Wer nicht dem Irrtum erliegt, er habe nun die Spitze der Hitliste kennengelernt, mit der man auf den Partys der Snobs Konversation machen kann, kommt auf seine Rechnung. Auch empfiehlt sich Demut angesichts der vielen Namen, die man zuvor nie gehört hat.

Eindrücke, die sich eingeprägt haben: die bepflanzten Sneakers von Michel Blazy aus Monaco; die Zeichnungen zwischen Naivität und Selbstreflexion des 2010 verstorbenen kanadischen Inuit Kananginak Pootoogook; Rodins „Denker“, von dem Koreaner Cody Choi aus rosa Toilettenpapier kopiert; der hyperrealistische Nachbau eines Holzhauses, in das es hineinregnet, durch den Georgier Vajiko Chachkhiani.

Dafür lohnt sich durchaus eine Reise nach Venedig. Ob es sich nur um mehr der weniger originelle Einfälle handelt, oder ob die Kunstwerke einmal den Status der Bilder und Skulpturen der Klassischen Moderne in der Peggy Guggenheim Collection erlangen werden, wird die Zukunft weisen. Sie wird uns verraten, ob es sich um Zeugnisse unserer Zeit mit ästhetischer Relevanz handelt oder um Sensationen, die kommen und verschwinden wie das Team von Anne Imhof.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 24.5.2017

Bernardo Oyarzún, Chilenischer Pavillon, Venedig-Biennale 2017

57. Internationale Kunstausstellung

La Biennale di Venezia

13. Mai – 26. November 2017

Informationen und Fototouren
Deutscher Pavillon