„Glanz und Schatten“ ist die dritte Buchveröffentlichung des 1982 geborenen Berner Autors Michael Fehr. Die Erzählungen sind keine linearen Geschichten, sie verweigern sich ihrem Genre. Man liest Verse ohne Versmaß. Karin Betz hat sich auf Fehrs verlockend-schauerliche Bilderwelt eingelassen.

Buchkritik

Glänzende Schattengewächse

Michael Fehrs Tonart ist Moll. Wie ein Komponist gibt er Motive vor, die er variiert, wiederholt, kontrapunktiert. Sein Text ist Ton, er tönt, wie die Schweizer sagen, und er tönt tief und rau. Wie Michael Fehrs Stimme. Fehr ist als Sprachkomponist und Performer kein Schubert, er ist ein Rocker. Das weiß man spätestens, wenn man den Schweizer einmal live erlebt hat, wenn er mit tiefem und rauchigem Heavy-Metal-Bass seine Texte vorträgt und singt. Deshalb ist er bei Auftritten inzwischen häufig in Begleitung des Gitarristen Manuel Troller unterwegs. Auch ohne seine Stimme hört man seinen Erzählungen diesen Bass an. Polyphonie entsteht erst durch die Tänze, die seine ungebändigte Wortwahl auf dem tiefen Grundakkord vollführt.

Glanz und Schatten ist nach Kurz vor der Erlösung (2013) und Simeliberg (2015) erst die dritte Buchveröffentlichung eines jungen Schriftstellers, der nicht schreibt – und auch nicht erzählt. Aber damit schon eine Menge Literaturpreise gewonnen hat, wie den Federwelt-Preis der Automatischen Literaturkritik in Klagenfurt 2014.

Wollte man eine Schublade finden für den Berner Autor, so wäre das „Spoken Word“ und mit Spoken Word assoziiert man gemeinhin Lyrik. Nun ist Lyrik schon immer auch Lied und daher schon immer auch Klang, doch bei Fehr wird dieser Klang nicht auf dem Blatt notiert – die saftige, vitale, sehr unmittelbare Wirkung seiner Texte ist untrennbar mit dem Menschen Michael Fehr verbunden, der seine Texte aufgrund einer starken Sehschwäche diktiert und auch nur hörend korrigiert. Durch die fehlende Vermittlung über das Aufschreiben entfalten die Bilder, die in Fehrs Kopf entstehen, ihre Wucht. Und ihr Chaos.

Mit schonungslosem Vokabular bebildert

Die Erzählungen von Glanz und Schatten verweigern sich ihrem Genre, der Syntax nach liest man Verse ohne Versmaß, gleichwohl strukturiert und hin und wieder beiläufig, aber nicht zufällig, reimend und gern mit den Klangfarben der Vokale spielend. Wer mit bestimmten Erwartungen hier hineinliest, ist beim falschen Autor. Richtig liegt, wer sich gerne überraschen lässt. Fehr erzählt keine linearen Geschichten, selten haben sie wirklich Anfang und Ende, sie geben eher ein Thema vor, das mit sehr körperlichem, schonungslosem Vokabular eindringlich bebildert wird. Schonungslos wie die bereits zu einem Hörspiel verarbeitete Episode Ein Rebhuhn auseinandernehmen, in der Leser oder Zuhörer so detailliert erfahren, wie man das macht („dann sticht man ihm von beiden Seiten die Augen aus“), wie sie es gar nicht wissen wollen. Und doch liest man die Anweisung fasziniert bis zum Ende, wo dem Rebhuhn endlich gnädig der Hals umgedreht wird: „Zack“.

Das ist nichts für Feiglinge. Denn ein wenig graust es zarte Gemüter manchmal vor dem Weiterlesen. Wenn eine dieser Erzählungen beginnt mit „Der andere hat zwei Messer und ich habe auch zwei …“ zum Beispiel. Dieser Einstieg ist typisch für viele der 18 Erzählungen, denn hier wird immer wieder verdroschen, mit und ohne Waffen, ein ständiges Kräftemessen in Dialogen, nicht unbedingt zwischen Menschen, oft auch zwischen Mensch und Tier, Mensch und Teufel, Mensch und Natur, Natur und Technik. Diese Machtkämpfe sind nicht erbittert, sie sind eher aberwitzig und mit ihrem beiläufigen Spott auch amüsant. Witz entsteht manchmal einfach durch derbe, dialektgefärbte Worte und Wortschöpfungen. „Kurz und pfündig“ steht der Erbauer von Babel im Staub, oder die Mücken Im Schwarm nennen ihr Opfer einen „alten Schlarpi“.

Einmal fleht eine Schlange einen Koch, der er sie mit schon abgezogener Haut über den Suppentopf hält, um Gnade an, doch am Ende muss sie doch hinein in den Topf und anschließend in den Gast, den Ich-Erzähler, der den Schlangenkopf nur mit Mühe schluckt. Er sitzt an einem Tisch, „auf dem Tischtuch steht ein hoher Kerzenständer/und am Kerzenständer hängen kleine Plämpel aus Kristallglas/die in den Regenbogenfarben glitzern“. Immer wieder schenkt Fehr dem Leser wie zur Versöhnung nach reichlich Massaker ein poetisches Bild. Und damit Hoffnung inmitten von so viel Bösartigkeit. Gleich in der ersten Erzählung Die Königin im Wald spricht ebenfalls eine Schlange mit einem alten Mann, den sie fressen will, doch der Alte bleibt gelassen, heuchelt Interesse, macht ihr freundliche Komplimente: „deine Schuppen glänzen wie edelstes Metall/nur nicht so hart/im Gegenteil/sie glänzen geschmeidig/mir kommt es vor/als wäre jede ein einzelner Tautropfen/der das Morgenlicht in grünen und braunen Farben spiegelt“. Metaphern wie der Glanz der Schlangenhaut sind die eigentliche Geschichte. Sie sind sehr nah am (Schauer-) Märchenhaften und von daher reine Psychologie. Mit jeder neuen Geschichte lässt uns der Autor in menschliche Abgründe blicken und erschreckt uns mit der organischen, rohen Wucht archaischer Motive, die der bürgerlichen Welt des urbanen Lesers so fremd sind wie die Herkunft des Schnitzels auf seinem Tisch. Fehr selbst sagte einmal in einem Interview, er arbeite ohne ein Bewusstsein für die Leser. Doch wer sich einlässt auf seine verlockend-schauerliche Bilderwelt, kommt mit jedem Vers selbst ein klein wenig mehr zu Bewusstsein.

Menschen schinden Tiere – und umgekehrt

Der Menschenverstand ist alles andere als gesund (der schöne Name des Verlags erzählt hierzu auch eine Geschichte), und das wissen hier vor allem die durch den Menschen geschundenen Tiere. Schlangen, Katzen, Vögel … in der Eroberer und Emperor werden auf nur wenigen Seiten gleich eine ganze Reihe Tiere und „Gesindel“ nach einer Art verdroschen, enthauptet oder aufgespießt, dass es jedem Tier- und Menschenschützer gruseln würde, wäre es nicht so absurd in seiner krachenden Deftigkeit.

Die mit 22 Seiten längste und titelgebende Erzählung Glanz und Schatten ist eine typische Michael-Fehr-Sinfonie, permanente Variation eines Themas unter fröhlicher Inkaufnahme der Leserüberforderung. Dabei lässt sich das Drunter und Drüber und Vor und Zurück lesen und erleben wie muntere, taktische chinesische Kampfkunst. Da gibt es einen „er“, den die Leute immer wieder anstacheln, zu reden: „Rede über Katzen“, „Rede über Blätter“ , „Rede über Säbel“. Und er erzählt, von einem Hauen und Stechen zwischen ihm und der Säbelzahnkatze, der Steinkatze, zwischen Blättern und Steinen turnen sie durch irgendetwas Dschungelhaftes und die Sprache turnt mit: „sie reisst den Leib herum/senkt den Kopf/senkt den Leib hinzu/biegt den Leib weich zum Satz/satzt gestreckt zu mir her/und wieder hauen die Tatzen zu …“ Schon für Worte wie dieses schöne „satzt“ bleibt man dran an diesem mitreißenden Märchen. Es ist das Märchen von einem, der schlecht sieht, „sähe ich gut/ginge ich“, sagt er. Doch mit Fisch, Brot und Zitronen hält man ihn, „und er redet glänzend“. Nein, auch diese Erzählung hat keinen Anfang und kein Ende und stellt nur Fragen. Ist „er“ ein armer Tropf, der sich billig ködern lässt, um „die Leute“ zu unterhalten, mit Geschichten und Kämpfen, oder ist er ein Weiser, dem „die Leute“ ohnehin egal sind? „Die Leute“ sehen die Schatten in seinen Augen. „Er sieht mies.“ Es ist der Schatten, in dem Michael Fehrs Sprache wächst und glänzt.

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erstellt am 24.5.2017

Michael Fehr © Franco Tettamani
Michael Fehr © Franco Tettamani

Michael Fehr
Glanz und Schatten
Erzählungen
Taschenbuch, 144 Seiten
ISBN 978-3-03853-039-8
Verlag Der gesunde Menschenversand,
Luzern 2017

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