Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick hat aufgeräumt. Seine Protokolle und Erinnerungen aus aller Welt und aus jeder Zeit haben sich zu einer unordentlichen Szenen-Folge mit dem Titel »Hessenmeister« zusammengefunden, die schräg und witzig ins Textland auf Faust-Kultur fließt.

Textland von Jamal Tuschick

Hessenmeister

16. August 2017

Hessenmeister

Der Frevel von Geismar

Nachdem Bonifatius die Geismarer Donareiche umgelegt hatte, schickten die Götter zwei Unsterbliche unter die Menschen, um das irdische Pack in die Schranken zu weisen. Als Hessenmeister wurden die Zwillinge weltberühmt.

Die hessische Elbe fließt durch den Landkreis Waldeck-Frankenberg zur Eder. Ihre Quelle tritt im Alten Wald aus. Sie führt den überirdischen Kreisläufen juveniles Wasser aus einem Magmareservoir zu. Der Fluss passiert den Rabenkopf im Langen Rod, ertüchtigt sich im Habichtswald, grüßt bei Einmünden die Hasen- und beim Weidelsberg die Mondscheinmühle. Der singuläre Basaltbrocken trägt die Weidelsburg. Sie erfüllte grenzsichernde Aufgaben. Entlang ihrer Kriechgänge und vorgelagerten Schanzen verlief die Stammesgrenze zwischen Katten (Chatten)/Franken und Sachsen. Da endete das Christentum, solange sich die Sachsen wehrten. Aus der germanischen Angelegenheit wurde eine europäische. Schließlich bestimmten Demarkationslinien zwischen der Landgrafschaft Hessen, der Grafschaft Waldeck und dem Kurmainzer Eigen Naumburg das Geschehen. In fortdauernder Fehde kam es zu zig ruinösen Bedrängungen der Burg und umstrittenen Instandsetzungen. Sogar das Reparieren war politisch. An der Mahlmühle erreicht die Elbe nun Geismar, einem Schicksalsort der Katten und heute ein Stadtteil von Fritzlar. Südlich von Geismar mündet die Elbe in der Porta Hassiaca. An der Hessischen Pforte bricht die Eder aus der Wildunger Senke.

Der Frevel von Geismar – Nachdem Bonifatius die Geismarer Donareiche umgelegt hatte, schickten die Götter zwei Unsterbliche unter die Menschen, um das irdische Pack in die Schranken zu weisen. Heute erscheinen uns die beiden als auch ethnisch interessante Halbbrüder in Kaltental an der Eder. Der eine, Goya-Tecumseh Hesselbach heißt er, die meisten sagen einfach Texas, spielt Koch im Schlundheimer Saukopf, wo das Aschenputtel und die Wirtstochter Saukopf-Erna von seiner unerklärlichen Ausstrahlung betroffen sind, der andere, Hannes Fleckenstein, macht einen auf Lebemann und Erbe und genießt das sexuelle Dauerfeuer von Frau Singer aka Frau Holle, die ihren Gatten nicht mehr ins Haus lässt, seit Hannes ihm so gut Hörner aufsetzt.

Auch Geismar hat seinen Eckerich, einen Wartturm, der ganz allein im Wald steht. 723 zerstörte Bonifatius da ein kattisches Heiligtum, er ließ eine unserem Donar gewidmete Eiche fällen. Seither liegt auf Geismar ein Fluch.

Bonifatius agitierte im Auftrag der fränkischen Besatzungsmacht, die zur Durchsetzung ihrer Interessen im Waldecker Land die stark befestigte Büraburg besetzt hielt. Grundsätzlich christianisierten die Franken mit dem Schwert. Jede Taufe war eine Unterwerfung und ergab sich aus Forderungen eines institutionalisierten Expansionswillens in Nachfolge römischer Herrschaftsmanier. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nahm im Kernland der Katten Gestalt an. Bonifatius beschrieb die in Massentaufen Bekehrten als Hessen. Die von erzürnten Göttern sogleich gesandten und seither unter euch wandelnden Zwillingsbrüder erschienen der Welt als Hessenmeister. Im ewigen Sommer Neunundneunzig ergänzen sie sich als Halbbrüder. Ihr gemeinsamer Vater war Wayne The Bear Raymond, ein Wyoming Killer der Typhoon Klasse schon mit multiplem Dry Vex und integriertem Soundsystem. Für die NSA hatte er in den Siebzigern die Frankfurter Häuserkampfszene infiltriert und mit Marian O’Reilly, einer 1970 in Deutschland abgetauchten IRA-Terroristen, Texas gezeugt. Der Agent erschien den Straßenkämpfern um Joschka Fischer und Dany le Rouge als Deserteur der amerikanischen Streitkräfte. Marian verließ den „politischen Rohling“ (und Versager in der Vaterrolle) für den Sponti-Beau Simon Hesselbach, heute Seniorchef der Häuser Hesselbach-Fleckenstein und Hesselbach-Ochsenheim zur Taubenbleiche. Von jeher betrachtet der millionenschwere Salonkommunist den Ziehsohn als Prüfung.

Die Entstehung des Hannes wird nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitererzählt. Angeblich soll Eva Scharniko, Tochter der Volkstheaterlegende Monika Scharniko-Wagner, Wayne ohne Vorgespräch zu den Mülltonnen auf einen Eschersheimer Hinterhof gefolgt und unter alkoholdementem Zuspruch von einem Balkon befruchtet worden sein. Danach kannte man sich nicht mehr. Schwanger heiratete Eva den Regel- und Messtechniker Hannes Fleckenstein. Das stimmt in wesentlichen Aspekten der Darstellung nicht. Hannes‘ Zeugung fand statt zwar in einer betrunkenen Nacht zu Eschersheim an der Nidda, aber beteiligt daran war neben Wayne eine Tochter des Kaltentaler Magnaten Johann „Hannes“ Conrady und seiner Frau, der Mutti. Ich spreche von Marilyn Conrady, die das schwarze Baby Hannes dem weißen Fleckenstein unterjubeln wollte. Fleckenstein, damals ein steifer junger Mann ohne große Erwartungen und frei von jeder Attitüde, nahm das Kind und gab ihm seinen Namen. Er erzog Hannes in seiner umständlichen und abständigen Art, stets auf Gerechtigkeit bedacht. Wäre Hannes nicht göttlichen Ursprungs, hätte er gewiss der Problembolzenkollektion des nordöstlichen Frankfurts einen in Generationen unerreichten Maßstab geliefert. Als Halbgott gewährte Hannes seinen einfachen Eltern die Gnade stolz auf ihn sein zu dürfen. Er ist Hessischer Filmpreisträger und Erfinder der Serie „Der Bembel des Todes” (mit seiner Cousine Valerie Constanze Hesselbach als ermittelnder Pathologin Emma Marie Stein und Cousin Babu als Wasserhäuschenexistenz Strunkheinz in den Hauptrollen.)

Und wieder einmal ist Heuteabend und alle sind im Schlundheimer Saukopf wie zum Beispiel die im Engelswerk Kaltental-Marschbach inkorporierte niederhessische Ritterschaft. Geschlechter die seit neunhundert Jahren allein in Annalen vorkommen, treten im Saukopf auf als Bürgermeister oder Sportdirektoren oder Eselsköpfe oder Gozmare (vertreten vom alten Grafen Ziegenhain). Zu Gast ist ferner Kannibale Holger M. Wir bemerken ihn im Gespräch mit dem Hobbyfotografen und Modelleisenbahner Olm, gebürtig aus Wabern, der Keimzelle des kattischen Kerns.

Wabern, oh, Wabern …

… oh Olm du

oh no

Olm ist. Es spreizt der Feder den Kiel als Werkzeug herhalten zu müssen für die folgende Feststellung. Olm ist der amtlich akkreditierte Stecher unseres Aschenputtels. Das kriegen Sie schriftlich und wenn es das letzte sein sollte, was Sie kriegen. Das unter einer zentimeterdicken Russschicht bildschöne, irgendwie russisch aussehende, bereits wieder schnapsblaue Aschenputtel, kurz Putti, später Mutti, von Beruf Göttin, Königin, Küchenhelferin, erhebt keine Einwände gegen die Unterstellung einer intimen Bekanntschaft mit dem Modelleisenbahner Olm aus Wabern in der Senke. Die Waberner Bahnhofsgaststätte war in den Siebzigern eine von amerikanischen Soldaten und Kasseler Schülern als Geheimtipp gehandelte Drehscheibe für Eraserhead & World’s end Stimmungen im Vorgriff auf David Lynch und Jim Jarmusch. To get lost in Wabern and find something interesting – das war die große Party im kleinen Kreis. Holger dröhnte als Kannibale in der Pubertät mit. Man war freundlich zu ihm in der Jim Beam Höhle. Korbacher Boxer und Elgershäuser Ringer übten den pimp roll unter Aufsicht von Experten. Felsberger, die nachweislich Karate konnten, stellten sich gefährlich dicht an den Tresen. Die lokalen Schluckspechte und Süffels ignorierten den Ehrgeiz in ihrem Revier. Ihnen war alles recht, solange die Spritpreise nicht stiegen. Durch die Suchttür Ausgestiegene verwandelten sich und gingen durch andere Türen weiter, manche heiter. Der Bahnhof war ein Knotenpunkt, es verkehrten ferner Eisenbahner im Turntable und wurden da schüchtern oder forsch. Ihre Brotdosen passten nicht ins Bild.

Die Amerikaner verbesserten die Performance deutscher Rocker. Sie gaben Nachhilfeunterricht in Lässigkeit. Viele waren in Fulda stationiert und jederzeit bereit, Deutschland von der Karte zu streichen. Niemand unterrichtete sie in hessischer Landesgeschichte. Sie wussten nicht, wo sie gerade verloren gingen oder anderen rieten, zügig abzuhauen. Get lost or die. Kein Amerikaner verstand, dass er am Ursprung des kattischen Siedlungswesen seinem Heimweh Opfer brachte und einen Lebensstil in Form hielt. Katten bevölkerten die Senke zwischen Fritzlar und Wabern, als christliche Franken unterstanden sie ab 744 dem Kloster Fulda und dem Fritzlarer Petersdombetrieb. Später zog auch der ewige Widersacher Kurmainz seinen Nutzen aus Wabern.

Unter Kannibalen im Schlundheimer Saukopf

Jahre, in denen das Leben geschlossen hatte, wie ein Edeka am Sonntag. In den Heftchenromanen vom Bahnhofskiosk kamen Holgers Vorlieben nicht vor. Ihm fehlte die Phantasie, die hilft, sich zu orientieren. … Rausch als Antwort auf den roten Vogel Einsamkeit. Der Kneipenklospruch, Auch Arschgeigen können zart besaitet sein, als Gratiseinsicht. Auch Holger sehnt sich nach Liebe, wenn er an Messer denkt, die einem Bekannten satt ins Fleisch gehen. Für mehr als eine Bekanntschaft reicht es nie. Holger steht noch nicht einmal das Volkshochschulvokabular für seine Abweichung zur Verfügung.

„Ich weiß, dass ich nicht normal bin.“

Sitzt er mit der Mutter vor dem Fernseher, denkt es mörderisch in ihm: die Alte hat Schuld. Sie hat das Monster zur Welt gebracht. Sie soll verrecken.

Alles ist alt. Die Decken, das Sofa, der Fernseher. Das ist doch nicht normal, dass alles alt ist. Das Haus, die Fensterläden, der Aufgang. Alles sieht so aus, als wäre es schon immer alt gewesen. Auch die Mutter sieht so aus. Ihre Liebe gibt sich nicht zu erkennen. Dabei müsste einen die Mutter doch wenigstens lieben, wenn sie sonst schon nichts für einen tun kann.

Holger kehrt von einem Gedankenausflug zurück in die Wirtshausrealität. Ihm gegenüber sitzt dieser Olm aus Wabern. Er informiert den Landkreis über seine Vorlieben, die legal sind. Der Wunsch nach einem Schmuckband am Frauenbein zieht keine strafrechtliche Verfolgung nach sich. Das ganze Jahr durchforstet Olm den Landkreis auf der Suche nach Modellen für den Landliebe Kalender. Ausgerechnet der blöde Olm hat seiner Obsession ein perfekt sitzendes Kleid angepasst. Sich vor ihm erst auszuziehen und dann erotisch zu verkleiden, wird als Auszeichnung und Wertschätzungsbeweis erlebt. Aschenputtel kann doch froh sein, so einen Olm (eins siebenundachtzig in Schuhen) mit Dingsspeiderfuk, ich meine Alfa Romeo Spider der zweiten Generation und solide geerbtem Knusperhäuschen als Liebhaber deklarieren zu dürfen.

Ich glaube, ich habe Olm vorhin falsch geschildert. Der innere Schmierlappen verbirgt sich. Man riecht Molton Brown, die Frisur ist von Meisterinnenhand. Molina Beretta, Enkelin eines Geschäftsfreundes von Lucino Montana, dem Paten von Kaltental, beweist, dass Integration glücken kann. Sie führt den Salon Latin Lover in der Kasseler Straße. Ohne Voranmeldung geht nichts. Als Kundin muss man sich hochdienen, Geduld haben und Zeit mitbringen. Wer bei Molina ein Stein im Brett hat, wie Alwin, der Bürgermeister, Rotkäppchen, das/die Fremdenverkehrskoordinatorin oder Schneewittchen, das/die sich selbst rätselhafte Straßenbahnführerin (Küchenhilfe Aschenputtel schneidet sich selbst das Haar, Riotqueen Rapunzel, untergebracht nach §§11 PsychKG NW iVm FamFG im Kız Kulesi bei Ravenshook am Marschbacher Sund von Hessisch-Texas, musste es bei einer fernmündlichen Extensionsberatung belassen) oder wie dieser Olm, darf vorbeischneien, sich nach dem Befinden der Familie erkunden, einen Espresso trinken, der Kaffee heißt, Zigaretten anbieten und sich endlich mit Haut und Haar Molinas Gestaltungswillen ergeben.

9. August 2017

Hessenmeister

Krav Maga in Kaltental

Im ewigen Sommer Neunundneunzig, die Zeit stockt unbemerkt seit drei Jahren, manche sprechen schon von Europas längstem Sommer, erscheinen in Kaltental an der Eder die Schwarzen Hessenmeister Goya-Tecumseh Hesselbach und Hannes Fleckenstein wie Kometen am Himmel. Auf ihren Geburtsurkunden steht unter Beruf social justice premium warrior. Alldieweil sieht man sie nur als Journalisten oder Köche oder Liebhaber ihren Agententätigkeiten nachgehen. Sie sind natürlich extrem stark und super waffenkundig, meersprachig und vielschwänzig.

Liebe & Frieden. Drei Tage voller Spaß und Musik. Das erste Woodstock der Weltgeschichte fand im 7. Jahrhundert an der Eder statt. Eine irische Gruppe um den Barden Kilian O’Connor animierte Hunderte von Leuten, die schon lange nicht mehr wussten, wer sie waren, aber zweifellos nach fränkischem Recht rechtlos waren, mit dem Kopf zuerst in den Fluss zu tauchen. Das war der Auftakt einer Reihe von Massentaufen in irischer Regie. Diese Festivals zogen in der Konsequenz heiß diskutierter Formfehler Wiederholungen nach sich. Mit den Wiederholungen kritisierten schottische Missionare das Prozedere ihrer irischen Kollegen, die oft nicht richtig Latein konnten und ihre eigenen sinnverdunkelnden Taufformeln hatten. Als Mönche maskierte Wissende folgten den Regeln jeder Taqīyya – der Verheimlichung des wahren Glaubens in Gefahr. Sie lehrten kultische Reinheitsfloskeln zum Zweck der Selbstheilung. Sie verbreiteten ihre Druidenlektionen und Diätpläne unter christlichen Vorspiegelungen. Sie errichteten Wegmarken, die sich deuten ließen. Für den an die Scholle gebundenen Bauern gab es keine Einbahnstraßen. Er kam nie weiter, als sein Heimweg reichte. Eine Tagesreise brachte ihn ans Ende der Welt. Seinen täglichen Radius teilte er mit dem Vieh. Seine Stellung im Universum war ihm schleierhaft geworden. Die ihn unterworfen hatten, erschienen wenig informierter. Den Bauern begriffen sie als Appendix des königlichen Eigen. Als Überwinder Roms waren sie emporgekommene Renegaten. – Unfähig, die Technologie des Imperiums auch nur zu bewahren. Ein paar Floskeln, ein Schwert und das Fleisch auf dem Teller machten den Unterschied. Die fränkischen Könige waren zu Kilians Zeit gerade mal über den Punkt, notorisch zivilisationszerstörend zu wirken. Hat je jemand etwas über eine Merowinger Renaissance geschrieben? Die Verwalter der Königsgüter vertrieben sich die Zeit mit Bloodsport. Heimstätten in Herrschaftsnähe lagen der Gemeinheit manchmal allzu nah.

Die neue Religion wurde in einer magischen Praxis begriffen. Der Weinberg des Herren konkretisierte sich im königlichen Weinberg, der strafende Gott im strafenden Amtsinhaber. Vorsichtshalber sagte man alle Schutzformeln auf, die man kannte. Der christliche Text ergänzte ältere Informationen auf einer mythologischen Grundlage. Noch lange nach der ersten Jahrtausendwende beschwerten sich Geistliche über Andachtseinsprengsel aus dem altgläubigen Themenkreis.

Die irische Mission hielt einen Vorsprung gegenüber Bonifatius. Das interessiert Hannes auch deshalb, weil es im Kasseler Raum eine Kirchengründung gab, St. Martin zu Ditmold (heute Kirchditmold), die vor Bonifatius verbrochen wurde. Wer, wenn nicht ein Ire, wie schließlich Beckett, der wegen Peggy jahrelang lieber nach Kassel als nach Paris fuhr und in seiner Lieblingsstadt die unsterbliche Zeile don’t bother me with such Quatsch zur Welt brachte, könnte die Kasseler beeindruckt haben? Ditmold (Ditmelle) war eine Gerichtsstelle in der Grafschaft Schauenburg. Heute noch lassen sich die Koordinaten des Thingplatzes an der kirchenunweiten Hessenschanze ermitteln, dem die Ditmelle sächsisch nachkam. Die iro-schottischen Missionare okkupierten die natürlichen Götterminne Hotspots und Freiluftgerichte der Hessen, indem sie feste Häuser darauf setzten.

Kilian wurde der erste Bischof von Würzburg. Seine Nachfolger waren bald auch Herzöge von Franken. Zuerst konzentrierte Barbarossa weltliche und geistliche Macht in einem Würzburger Amt. Wohl nur, weil dem Kaiser von allen Städten des Reiches Würzburg die liebste war. Der Staufer heiratete da, als nebenan in Nürnberg die Zollern anfingen nach den Sternen des Reiches zu greifen.

Frau Singer und Hannes sehen Achim Lilienthal zu, wie er in einer Wiederholung von 1980 seinen Kleister im TV-Tiegel selbst anrührt. Die Suggestion von Handarbeit als Herzensangelegenheit macht Frau Singer scharf. Zehn Mal hat sie im Reich der Sinne und zwölf Mal 9½ Wochen gesehen. Sexuell existiert sie in einem visuellen Echoraum. Sie surft Reizwellen ab. Sie braucht einen Mann für gewisse Stunden und nimmt dafür ihren Untermieter Pierre Gustave Toutant Beauregard, von seinem Dienst geführt als Hannes Fleckenstein. Ab und zu nennt Frau Singer ihn mein Gott. Das Paar flüstert im Bett und verspricht sich Sachen ohne jede ernsthafte Absicht. Es wird gelogen, bis der Balkon abbricht. Die millionenschweren Kolonialwaren im Keller erhöhen den Sexdrive. Frau Singer widmet ihren ersten Orgasmus dem abwesenden Gottfried Singer.

Das lebhaft wirkende Präparat einer Wildkatze auf dem Katheder im Antichambre, die geräumige Abgeschiedenheit des Dachgeschosses, das Kattenzeichen im Holzdruck, von dem Frau Singer vielleicht doch eher listig als dumm behauptet, es sei nur ein Warägersymbol und das Relikt einer großväterlichen Mode. Doch kann sie Hannes nicht hinters Licht führen. Der alte Kattenfürst in der Leiblichkeit des Junggesellen (eiskalten Killers/ständig betrunkenen Mythomanen/hundeäugigen Autisten/völkischen Froschkönigs/verfetteten Krav Maga Experten) erkennt wohl seine Stammeszeichen. Er greift in die Träume von Frau Singer ein, Hannes weiß nichts davon. Ihm leuchtet nicht ein, wie unentbehrlich er der Hauswirtin schon ist. Da er längst Roni den Hof zu machen begonnen hat und sie den Flirt genießt in der Kaltentaler Zeitfalte als loses Ding.

Eine Tanne vor dem Fenster verdunkelt den Raum. Eine Tageule spannt ins Schlafzimmer. Hannes geht darin fremder als Frau Singer, insofern seine Beziehung zu Abigail lebhaft ist. Während Frau Singers Ehe ruht. Hannes kann sich Herrn Singer ohnehin nicht als Geschlechtsaktivisten vorstellen. Das hat Hannes gut erkannt. Gottfrieds Begehren ist tatsächlich nur noch Aufbegehren und heißes Luftkissen. Frau Holle schaut vorbei in einem Wolkenhemd aus reiner Luft. Hello again. Frau Holle ist ein Aliasname für Frea aka Frau Singer. Sie ist unsere vielgestaltige Göttin der Frühjahrsmüdigkeit. Sie führt unsere NKLL-Walküren im Kampf gegen die Berliner Stimmenrauscher*innen an. Alle gefallenen Stimmenrauscher*innen gehören ihr. Sie werden routinemäßig in Schleim verwandelt und dienen unbeschreiblich hässlichen Geschöpfen als Nahrung. Zum Dank werden sie im nächsten Leben zu unbeschreiblich hässlichen Dingern, deren größter Wunsch, eine Pizza für drei Mark mit viel Käse, niemals in Erfüllung geht. Dazu später mehr.

Die Sparbeleuchtung im Treppenhaus erinnert Hannes an giftig grün schimmernde Gänge in einem Madrider Apartmentbunker. Einer, der sich lange versteckt halten konnte, hatte sich dem hessischen Texas Ranger Pierre Gustave Toutant Beauregard aka Robert E. Lee-Burroughs aka The Hessian Hannes förmlich übergeben, um seinen Frieden in einer anderen Welt zu finden.

Sexy Countryside – In Zusammenarbeit mit dem Hobbyfotografen Olm gestaltete Rotkäppchen den Landliebekalender für 1998. Er zeigt Leute aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg zutraulich zwischen Tür und Angel einer restaurierten Backstube und rockig-lasziv auf dem Traktor oder vor einem Misthaufen so handsome mit Forke.

Roni, wegen ihres politischen Ungestüms Rotkäppchen genannt, ist wieder aufgetaucht mit einem Riemen, der ihre Unglaubwürdigkeit erhärtet. Vermutlich hat sie in der Anonymität der Großstadt Kassel Schmierlappen liebkost anstatt sich im Kellerwald einen Wolf zu laufen. In Zusammenarbeit mit dem Modelleisenbahner und Hobbyfotografen Olm gestaltet sie den Landliebekalender für Zweitausend. Heute spielt sie selbst Modell mit ständig rutschendem Spaghettiträger auf Resten einer Kalksteinmauer, die einst einen Geländesporn befriedete. Vor dreitausend Jahren könnte die Spornspitze Tag und Nacht bemannt gewesen sein. In einem mauernahen Schacht fand man steinalte Knochen und Flintspitzen. Roni promoviert über Militärarchitektur in Niederhessen. Ich zitiere: „Die fortifikatorischen und kultischen Funktionen der Anlage koinzidieren mit wehrturmartig, einer besonderen Konzentration zuträglich gerahmten Landschaftshochpunkten in Sichtweite und knapp außerhalb. Die strategisch günstige Lage provozierte durch die Jahrtausende Festungsbauten. In der Eisenzeit verschanzte man sich auf schroffer Höhe in einem Ringwall. Ein landschaftsbeherrschend-hochliegender Quellhorizont wurde bis ins Mittelalter als Standort nicht aufgegeben. Eine von Muschelkalk überdachte Basalt- und Tuffsteinformation gibt dem Areal ein trutziges Reliefformat. Das erdgeschichtliche Souvenir charakterisiert das Kaltentaler Hinterland. Es regt die Fantasie an. Der Kaltentaler hat für das Minimassiv aber nur das Wort Ochsenkopf.“

Olm verflüssigt sich vor Aufregung angesichts der sich naturkindlich unbefangen gebenden Wissenschaftlerin. Roni verschwendet keinen Gedanken an die Situation. Ein Stoß vom Wind empfängt sie im Jetzt des Geschehens. Nun alarmiert ein Specht die Gemeinde, Pferde nähern sich im Galopp. Roni zieht den Gasdrucklader aus dem Rucksack. Sie nimmt die Mauer als Deckung und liegt bereits gespannt, als Olm wie ein Rollmops mit Rheuma neben ihr landet.

Ein Käfer träumt von Pistazieneis. Zwei Spechte spielen auf ihren Schnäbeln. Waschbären verfügen sich zu einer Chaconne, begleitet und ermutigt von den Scharaden des magischen Nebels. Manchmal durchkreuzt das „erfahrene Vermuten“ (Heidegger) die frische Absicht. Man will einen Hinz oder Kunz, egal ob als Fantasie, Gedanken oder Person zulassen und kommt doch nicht dahin, weil die Erfahrung, auf eine Vermutung reagierend, den Zugang verstellt und zu Hinz oder Kunz sagt: „Du kommst hier nicht rein.“ Die aufgesetzte Harmlosigkeit, mit der Olm bis eben über Stiftung Warentest Ergebnisse redete, erzählte dem Türsteher vor Ronis Gefühlsdisko eine Geschichte der emotionalen Unzulänglichkeit. Zwei blaue Reiter breschen vorüber zu ghost riders in the sky without diamonds … their faces gaunt, their eyes were blurred … nun ist der Herzschlag schon wieder lauter als der Hufschlag. Roni vernimmt Gerüche in ihrer Angst. Sie hört den Umpf aufgeschlagenen Holzes – eine starke Emission. Ein Reweballon und eine Drohne schweben unbemerkt über ihr.

„Ich schätze, das wars“, sagt sie.

Vor einem Brennnesseldom stellt sich Olm wieder her als Herr der Lage. Die Nesseln biegen sich hoch wie Farne in einem prähistorischen Wald. Erst jetzt bemerkt er die Desert Eagle mit gespanntem Schlagbolzen in Ronis schneller Hand. The hammer must be cocked before the trigger will work. Single-shot.

2. August 2017

Hessenmeister

Ausgedachte Grandezza

1939 wurde Kaltental in den Kreis der Eder aufgenommen und 1942 mit dem Ederkreis in den Landkreis Waldeck-Frankenberg (Regierungsbezirk Kassel) gezogen. Ab den Sechzigerjahren drohte der Gemeinde ein Zusammenschluss mit Nachbargemeinden. Johann Conrady kaufte spekulativ Äcker auf der falschen Seite von Kaltental. Sie kamen oder blieben in der Obhut von Pächtern, die selbst Grund genug besaßen, um stolz und halsstarrig zu sein. Unheimlich war Hannes (als Enkel auf Besuch bei den Großeltern in Kaltental) ein kleinwüchsig verwachsener krankhaft reizbarer Bauer, später Spross eines Geschlechts, das im Mittelalter seiner Vernichtung entgangen war, als die Pest Kaltental entvölkert und nur sechs Fortpflanzungsfähige übriggelassen hatte.
Hello again. Hannes Fleckensteins Opa mütterlicherseits ist ein zu Geld gekommener Elektriker mit ausgedachter Grandezza. Der Dortmunder Johann „Hannes“ Conrady hat eine Kaltentalerin namens Oma geheiratet. (Opa sagt Oma zu seiner Frau, seit Enkel da sind.)

Opa gab seinen Allmachtsanspruch an keiner Garderobe ab. Er herrschte auch da, wo er nichts zu bestellen hatte und es überhaupt nichts zu bestellen gab. Er erfand sich Bedeutung. Stets nahm er sich den Wichtigsten vor und schoss sich auf ihn ein. Das war der Richtschütze in ihm.
Opa hatte als Artillerist die nationalsozialistischen Feldzüge vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht und viel mehr als nötig getan. In einem besonderen Fach verwahrte er die Standarte seiner Abteilung gemeinsam mit den Orden und dem Soldbuch als Erbe, das einmal auf mich kommen würde. Er verpasste mir Antennen der Wertschätzung von Kriegertugenden. Ich absolvierte einen ballistischen Grundkurs in seiner Schule. Seinen Verstand musste man in Mathematik und Geschichte beweisen. Über Sport und Deutsch gab es kein Wort zu verlieren. Auch ein Mord und sei es bloß eine Hinrichtung vertrug sich nicht mit Gossensprache. Es kränkte mich beinah, dass Opas militärischer Rang, er versah schließlich seinen Dienst als Oberwachtmeister, so eingeschlafen zivil klang. Ein Oberwachtmeister hatte einem Leutnant als Batterieoffizier angeblich nur formell unterstanden. Jedenfalls war Opa unentwegt der wichtigste Mann an den Haubitzen seiner Staffel gewesen. Solche Schilderungen ließen Not und Elend aus und auch wieder nicht. Opa verherrlichte und verdammte in Abhängigkeit von der Tagesform. Davon hing ab, wie nah er Spitzenkräften der Wehrmacht gekommen war und was er von Guderian und Rommel hielt. Auch Generälen schien er sich überlegen zu fühlen.
Ich wurde aus Opa nicht schlau. Oma hatte vom Krieg einen kranken Mann zurückbekommen. Darüber sprach sie mit mir. Sie klagte. Die Klage weihte mich in Omas unerfülltes Liebesleben ein. Ich glaube, seit Dreiundvierzig hatte sie keinen Sex mehr gehabt. Die letzten Kriegsjahre überlebte sie mit drei kleinen, in einem Durchmarsch von drei Jahren geborenen Kinder im Haus ihrer Mutter. Ausgebombte Verwandte verdrängten den Verband und schoben ihn in eine Friedhofsbaracke ab. Oma und Uroma übernahmen die Notunterkunft von einem, der einmal Omas Professor an der höheren Schule gewesen war und als Totengräber überlebt hatte. Oma fand es gut, dass der Lehrer am Leben geblieben war. Er sei sich für nichts zu schade gewesen und habe Demut geübt. Wie zur Sühne einer Schuld. Nur welcher?
Oma gab mir das Essential der Sippe ein. Mir stand noch lange eine Uroma zur Verfügung, die mich gern bei sich schlafen ließ (man riss sich um mich) und den Omatext so ergänzte, als wäre ihr jede Stelle bekannt, an der ein Gespräch abgebrochen oder etwas nicht gesagt worden war. Jede Großtante zählte, so wie jedes handtuchbreite Flurstück in Familienbesitz. Opa und ich schritten über Felder und Wiesen, die ihm gehörten – in einem Winkel, der heute noch wie beiseite geschoben daliegt in seinem niederhessischen Knick. Kaltental stellt sich als Unterbrechung einer zwischen Frühjahr und Herbst strotzenden landwirtschaftlichen Nutzfläche dar, die außerdem unterbrochen wird von Grünstreifen, Wald- und Moorinseln – und Bachläufen, die zu Hochwasserzeiten aufrauschen und im Sommer manchmal versiegen. Die Gemeinde liegt nah der Eder am Fuß des Kellerwaldes in einem seit der Keltenzeit besiedelten Raum. Ihr topografischer Gipfelpunkt ist eine namenlose Erhebung knapp über den Bodenwellen.
Opa stammte als Kind armer Leute aus Dortmund. In diesen Informationen erschöpft sich die Herkunftsgeschichte, soweit man sie mir unterbreitete. Nach einer Darstellung wurden Abkömmlinge armer Leute wie Lose in einer Lotterietrommel verwirbelt und dann der zersetzenden Zerstreuung ausgesetzt. Dem gab es wenig hinzuzufügen. Als Enkel war ich für die westfälischen Rinnsteindetails ohnedies nicht auf Empfang eingestellt. Mir fehlte die Neugier für ein Leben jenseits meines Horizonts. Der Krieg lag nicht jenseits. Er hauste in Großvater. Er war da, wo ich war.
Natürlich hätte Opa einer Therapie bedurft, das weiß man heute. Vermutlich kommen viele Soldaten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Hause, doch zu Opas Zeit existierte das Krankheitsbild so wenig wie Erkenntnisse über die transgenerationelle Weitergabe traumatischer Erfahrungen. Opa hätte sich sowieso nicht die Blöße gegeben, Schwächen eines psychisch Angeschlagenen zuzugeben. Er wollte der Welt unbeugsam erscheinen. Nach seinen Begriffen verdiente man ein Leben mit Härte. Brachte man die Härte nicht auf, musste man sich vor einem Harten beugen. Das kam für Opa nicht in Frage. Er schickte sich und seine Nächsten in die dreifaltige Hölle von Verleugnung, Verachtung und Verdrängung. Er trat jedem auf die Füße, der sie nicht schnell genug wegzog. Nachbarn überzog er mit Prozessen; schäumend vor Selbstgerechtigkeit. Er setzte juristische Winkelzüge ein, wie Boxer Geraden schlagen. Seine Rechtshändel lenkten eine Neigung zur Tobsucht in geordnete Bahnen. Der Krieg ging in seinem Kopf weiter. Da lief ein Aufstiegsmotor. Opa hatte sich am Feldgeschütz von Herkunftsbeschränkungen gelöst und als Richtschütze unerwartete Freiheitsgrade erreicht.
Er war jähzornig und nachtragend – und konnte doch angenehm und großzügig sein.

Im Kreis der Eder
Kaltental soll nicht nur schöner werden, die Gemeinde muss sich auch dem globalen Wettbewerb gewachsen zeigen. Ein Gespräch über den Zaun dreht sich wieder einmal um den Glücksfall der günstigen Lage. – Um die Mantra guter Verkehrsanbindungen auf der Nord-Süd-Achse. Kaum je, dass man noch einen Aschenrüssel sich neigen sieht. Es wird nicht mehr geraucht. Das bestätigt Frau Schubidu als Ausnahme von der Regel. Sie tritt im schimmernden Hosenanzug auf, Farbton Aubergine. Kaltental steht in einer, jede Ortschaft im Landkreis trimmende Infrastrukturkonkurrenz. Die Gemeinde punktet bei Neubürgern sowie als Standort für neue Arbeitsplätze mit zukunftsweisend ausgebauten Verbindungen im Straßen- und Schienenverkehr. Die Schifffahrt interessiert Gegenwärtige nicht so, obwohl sie das Siedlungsgeschehen lange bestimmte. Hannes unterhält sich aus Höflichkeit doch nicht nur. Unbewusst knetet er den Willen zur Gemeinschaft wie ein Physiotherapeut eine verhärtete Fußballerwade. Ansprache hält fit. Es kommt auf jeden an. Ausflüge ins nachbarschaftlich Ungefähre halten die Corporate Identity der Gemeinde in Form. Frau Schubidu redet mit einem Enkel des großen Conrady, das hebt sie an. Sie kann gar nicht genug Anerkennung kriegen in Anbetracht des Pensums ihres Mannes, der an jedem Wochentag nach Frankfurt pendelt und selten vor spät nach Hause kommt.
Kaltental unterstand ursprünglich dem Bezirksamt Niederwildungen. Die Gemeinde zählte lange zum Freistaat Waldeck, dann zu Hessen-Nassau, einer preußischen Provinz, wie der Name nicht sagt. Die Nazis zogen die Gemeinde in den Kreis der Eder. Umkreist man Kaltental, durchfährt man eine landschaftlich gleichmäßige Umgebung. Sie sieht aus wie von einem gewissenhaften Notar für Rechtens befunden. Die Gleichmäßigkeit geht über die Natur und ihre Kulturalisierung hinaus. Auch die Gemeinden gleichen sich, so als schriebe die Gegend ihnen einen Verwaltungsschlüssel und den Einheimischen eine Daseinsform vor. Alles scheint einer Größenordnung unterworfen. Man könnte dahin kommen: zu glauben, sich in einem Innen aufzuhalten, während man draußen ist.

Manchmal erinnert nur noch ein leeres, zur Litanei verkommenes Ritual an eine aufgegebene Lebensform. Das vergessene Wissen der häuslichen Steinbearbeitung. Viele Wörter für ein Ding, das nun belanglos erscheint, deuten auf verlorengegangene Bedeutungen hin. Hannes sucht bäurische Beschreibungen der Wirkungen des spitzkegeligen Kahlkopfs. Er träumt Beweise einer toxischen Produktion in der Nähe profaner Nahrungsherstellung. Kennt man in Kaltental Prozeduren, um Gifte als reine Naturprodukte zu gewinnen? Noch gehen Wilderer mit dem Bogen und der Armbrust auf die Jagd.
Hannes entdeckt in Feldnischen kolossalbäuchige Figuren, die prähistorischen Idolen nachempfunden sind. Das Christentum lastete auf dem Altglauben, es erschöpfte den germanischen Widerstand allmählich, schreibt Alwin von Löwenstein in seinen „Edertaler Notizen“.

Man sagt, Kaltental sei eine fränkische Gründung in der Reichsfrühzeit gewesen. In einer Schreibstube der Merowinger setzte ein Mönch den Ortsnamen auf eine Urkunde, als erste überlieferte Erwähnung einer Siedlung, die damals schon lange bestand. Ab der ersten christlichen Jahrtausendwende gehörte sie zu Kurmainz. Erst als die Poesiealben des Deutsche Reichs Römischer Nation, dass mit der fränkischen Übernahme römischer Staatsbegriffe seinen Anfang genommen hatte, schon Makulatur waren, trennten sich die Kaltentaler von den Mainzer Farben Silber und Rot. Die alte Verbundenheit zeigt bis heute das Mainzer Rad im Wappen.
Die alte Verbundenheit ließ Kaltental nie abfallen vom wahren Glauben. Irgendwann liquidierte eine Pest die Gemeinde bis auf ein paar, mit denen Oma verwandt war. Sie war stolz darauf, dass ihre Schwangerschaften bis zu den Entbindungen unbemerkt geblieben waren. Sie hatte sich eingeschnürt. Ich glaube, dass sie erst in der Beziehung zu mir, ihre Herzlichkeit kennenlernte. Ich erkannte eine mit den Fleckmustern der Hinfälligkeit getarnte, zerstörerische Kraft.
Vom Segen der Handarbeit – In Kaltental an der Eder verbirgt Frau Singer Millionenwerte in Hasch und Tabletten. Sie gibt sich den Anschein einer biederen Knusperhexe.
Verkaufen, was einem nicht gehört. Mit Gefühlen angeben, von denen man gehört hat. Hannes beschreibt dem Halbbruder Goya Frau Singer als aufgetakelte Lebenslüge. Bei ihr kommt Gott nach ich, schreibt Hannes aus Kaltental an der Eder. Der Verdruss wartet immer schon, um sich nach dem Vergnügen zu zeigen. Frau Singer hat ein Waschbecken im Schlafzimmer, das erinnert an früher. Kehrt sie nach dem Beischlaf zu ihrer angestammten Rolle als Gegnerin zurück, schnallt sie sich in den Harnisch des Selbstverständlichen. Ihr Dorf war keltisch, kattisch, fränkisch. Es liegt in einer heiteren Ordnung der Dinge am Fuß des Kellerwaldes, wo nun wieder Wölfe und Bären heimisch sind. So dass es sich nicht empfiehlt, ohne Askari in den Wald zu gehen so wie das seit zwei Wochen verschollene Rotkäppchen es in seiner Unvernunft getan hat. Das Rotkäppchen war mit Frau Singer verwandt. Es lebte mit der Oma zwei Häuser die Straße hinauf. Wir (der Landgraf von Gudenberg und Ritter von Löwenstein) setzen den Satz in die Vergangenheit, weil Wir davon ausgehen müssen, dass Rotkäppchen gefressen wurde von der Zwischenzeit der Wölfe.
Als Zauber gegen Anfechtungen der Schwäche trägt Hannes einen Siegelring des Großvaters. Der Alte predigte Härte. Er arrangierte eine Reihe von Treffen mit dem Tod der Kreatur – schlachten, ertränken, erschlagen, abschießen. Zwischendurch wurde Kaffee auf der Terrasse serviert. Roter und schwarzer Johannesbeersaft für den Jungen.

Frau Singer tut die großen Gefühle als eine Erfindung der Gazetten ab. Die Ehe sei bloß eine Domäne der Pflichterfüllung. Die Bewahrung der Haltung beweise den Charakter. Es geht Frau Singer darum, die Folgen falscher Entscheidungen nicht ins Kraut schießen zu lassen. Die Entscheidung für den Mann, dem Hannes Hörner aufsetzt, war auf jeden Fall falsch. Er floh vor der Geringschätzung seiner Frau zu den Eltern nach Kassel. Er verweigert jede Selbstbehauptung und ist als Dulder unausstehlich, wenn seine Mutter, auf ihrer Tischseite von Kassel verschanzt, noch lauter spricht als der Vater. Der Sohn zeigte sich dem Vater nie gewachsen. Er liefert Stillleben der Verzweiflung. Er verzieht sich abends ans Büdchen und ist da rohfroh. Das versteht ihr nicht, diese stillschweigende Entkopplung des Mannes vom Markt. Ein langes Und-Tschüss und dann ist auch gut.
Gottfried ist für die Ehe nicht begabt, sagt Frau Singer. Vielleicht kann man gar nicht ernsthaft Gatte sein, ohne zuvor als Vatermörder im eigenen Leben aufgeräumt zu haben. Frau Singer hat keinen Sinn für bürgerliche Stilfiguren, doch behält sie eine scharfe Witterung fürs Geschäftliche. Die gestapelten Haschplatten im Keller aromatisieren das Knusperhaus bis zum Dachboden. Ihren Nachbarn erzählt Frau Singer etwas von Lebkuchenavantgarde und ayurvedischer Hausmannskost. Der linksreaktionäre Hannes weiß nie, ist er jetzt israelischer Agent im besonderen Einsatz oder noch nur freiberuflich im Grunde nichts. Zumindest nichts, was man lernen kann. Er verschärft den Ton, um Frau Singer Unterhaltung zu bieten. Kaltental kann im Sommer so öde sein.

19. Juli 2017

Hessenmeister

Saukopf Saga

Too bad the Germans can’t shoot back. This won’t happen in Texas. Stonewall Thunderbolt

Sie saßen am einzigen Tisch, den Metzger Herkert der Laufkundschaft zum Verschnaufen gönnte.

„Bevor ich es vergesse“, sagte Valerie. „Babu hat die Proben abgebrochen“.

Zur Vergegenwärtigung. Die Geschwister Valerie und Babu (dem Babba sein goldischer Bubb) Hesselbach spielen auf Nafri Nasenschweißens Kleinkunstbühne Gernegroß seit zwölf Jahren Episoden aus der konstruktivistisch- realsozialistischen „Saukopf Saga“ von Jamal Tuschick. Babu ist ein „Ausrutscher“ seiner Mutter mit dem pseudohessischen Rheinländer Börsen-Winkler. Von daher gewinnt der Name seinen tragischen Witz. Wenn man sagt, so etwas kommt in den besten Familien vor, unterschlägt das jedenfalls den Großmut, mit dem Adolf Hesselbach einst eine vor Reue Vergehende in die Arme schloss. Es unterschlägt den Humor des Mannes. Dazu später mehr. In der Szene vor der in einem Blumenmeer ertrinkenden Metzgerei Herkert am Ufer des Hesselbach River erfährt Hannes Fleckenstein von einem Zusammenbruch seines ihm wie ein Bruder am Herzen liegenden Cousins. Hannes ist im Haushalt der Tante willkommen wie ein Sohn. Nun erzählt er.

Babu zu besuchen lag nah auf der anderen Seite des Flusses. Er klagte über Kopfschmerzen. Das war die neue Seuche, ich konnte mich nicht daran erinnern, dass es früher Kopfschmerzen gegeben hatte.

Babu litt in einer Verdunklung, weit weg vom Geschrei seiner Kinder.

„Ich kann keinen Gedanken fassen“, behauptete er.

Das war ihm doch noch nie möglich gewesen. Ich fand ihn langweilig wie er da lag, so aufgegeben und ohne Witz. Ich ließ ihn liegen und aß mit Schatzi Salzkartoffeln in Kohlrabigemüse an Schnitzel. Es schmeckte nach kompetenter Hausfrau. Die Kinder waren bei Schatzis Mutter. Schatzi konnte sich nicht erinnern, wann wir zum letzten Mal so traut zu zweit gewesen waren. Sie sagte: „Ich brauche einen Mann.“

Babus Ehefrau Schatzi ist Tochter von Leuten, die sich als junge Pioniere vor dreißig Jahren im Bus von Sarajewo nach Frankfurt kennenlernten. Gedanklich sind sie nie aus dem Bus gestiegen.

Ich hatte keinen Bedarf. Schatzi war entschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen und Babu augenblicklich Hörner aufzusetzen.

„Mach dir keine Gedanken, ich häng mich nicht an dich. Ich weiß doch am besten, dass du zum Ehemann nicht taugst.“

Das war mir neu als eine Erkenntnis meiner Umgebung. Dass man mich so sah, so eheuntauglich, kränkte mich. Wir aßen in einem Zimmer, das Valerie in ihrer Kindheit bewohnt hatte. Es diente als Arsenal für Möbel, die zu gut für den Sperrmüll waren. Ach was, in dieser Familie schmiss man nichts weg.

„Ich habe dazu gelernt“, verkündigte Schatzi. „Ich bin nicht mehr langweilig.“

„Wer hat dich denn je langweilig gefunden?“ fragte ich.

„Du musst kein Sperrholz kaspern. Du kannst mir nichts vormachen. Ich weiß doch, dass du mich dumm und vulgär findest. Du denkst, ich gehöre in ein vietnamesisches Nagelstudio, aber nicht in diese Familie.”

Schatzi hatte recht. Ich hielt sie für beschränkt, die bloße Tatsache, dass sie sich Schatzi nennen ließ, zwang mich dazu. Ihre Eltern lebten wie Gastarbeiter vor dreißig Jahren. Schatzi erzog ihre Kinder im Geist der Eltern. Sie hatte Jahre gebraucht, bis sie den Schwiegereltern gegenüber zum Du übergehen konnte. Sie nötigte Babu zu paternalistischem Verhalten. Wir drehten uns im Kreis, bis Tanja an der Reihe war.

„Wer wüsste nicht, dass dich die Hexe fickt.“

Wieso Hexe und nicht Hobbynutte oder doch wieder nur Schlampe? Schatzi zog sich aus. Sie zeigte mir ihre Schwangerschaftsstreifen und kniff den Bauchspeck zusammen.

„Die Leute haben schon Mitleid mit dir.“

Hätten die Leute Mitleid mit Tanja gehabt, wäre mir das richtiger erschienen.

Schatzi hatte Narben an den Knien, Schrammen an den Armen und malträtierte Zehen; der Bauch wölbte sich manierlich. Sie rieb sich den Busen unter die Nase, sie sog ihren Geruch ein. Sie war sehr stolz auf sich. Aufgestiegen in den Himmel über dem Hesselbach River. Großartig genug für eine Homestory im Bornheimer Landboten. Bekannt der OB und dem Reich-Ranicki. Zugegen bei Stadtschreiberamtsübergaben, den Verleihungen des Hessischen Filmpreises und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels so wie bei jeder Audifilialeröffnung. Als Mädchen war Schatzi von Apfelweinkönigen mit Frankfurter Stammbäumen bis zum Urknall in Autos und auf Kellertreppen gebumst und dann vor der Elternhaustür abgesetzt worden. Und Tschüss. Ich tat Schatzi nicht mehr als einen Gefallen, das schwöre ich beim heiligen Aschenbecher.

Es hätte nie passieren dürfen. Es war gegen das Gesetz. Meine Mutter entgeisterte sich, ich hatte ihr selten Schwierigkeiten gemacht.

„Die hohle Nuss tratscht“, donnerte Eva Fleckenstein, geborene Wagner, verwandt mit Sachsenhausen.

„Wir sind doch keine Davongekommenen aus Pirmasens im Jammertal“, empörte sie sich, „bei uns gibt es so was nicht.“

Sie selbst hatte à-trois mit Schwager Adolf und Schwester Franz überaus familiären Sex gehabt. Das war natürlich ganz was anderes und durfte von mir überhaupt nicht angesprochen werden. War doch nichts dabei gewesen, außer ein bisschen Travestie Richtung Eva Braun und Blondie in Dessous. Sonst hätte vielleicht sonst wer Abhilfe schaffen müssen, womöglich ein bosnischer Schlawiner aus Nordafrika.

Natürlichkeit unter Erwachsenen war für Heranwachsende schwer zu begreifen. Dieses Naturkindhafte im Greis. Keine Ahnung, warum Schatzi unsere Nummer zu einem Frankfurter Thema gemacht hatte. Besser verstand ich Babus Zurückhaltung mir gegenüber. Leider konnte man ihn nicht einfach austauschen im „Bembel des Todes“, die Gremien fanden Babus Kummer bedeutender als meine Drehbücher. Nur Valerie stand mir zur Seite, sie hatte das Desaster „erwartet“. Mitunter sei das Schreckliche unvermeidlich, sagte sie. Jedenfalls verstand sie es, mich in Erstaunen zu versetzen.

Ich vergaß zu sagen, dass mir Tanja für den Fall eines Betrugs versprochen hatte, mich fertig zu machen. Ich hielt das für eine stark übertriebene Ankündigung noch als sie auszog. Wo wollte sie überhaupt hin, fragte meine Überheblichkeit.

Das Viertel zerriss sich das Maul. Ich saß den Sturm am Stammtisch aus und betete heimlich zum heiligen Aschenbecher. Er war groß. Schön war er nicht. Nasenschweiß delektierte sich an meinem Elend, Goya kam über die Avenue und tat es Nasenschweiß gleich. Der König übertraf sein Volk auch beim Hämen.

Babu verschanzte sich auf seinem Grund und Boden, während Schatzi in ihrem Elternhaus so lange dann doch nicht bereute. Der glimpfliche Ausgang durfte allein der Kinder wegen nicht zugestellt werden. Die Schwestern fanden Schatzi endlich räudig genug, Babu gab sich geschlagen Es hatte zwar schon Scheidungsfälle in der Familie gegeben, doch mit nichts Gutem im Schlepp der Konsequenzen. Es musste alles zusammengehalten werden und deshalb mussten alle zusammenhalten.

„Der Bembel des Todes“ wurde abgesetzt. Geld blieb aus. Nasenschweiß dachte gern an etwas von Bedeutung, wenn ich die Wangen einspannte. Ich dachte mir bloß Ticks aus, zur Unterhaltung des laufenden Schwachsinns. Ich spannte wieder die Wangen ein und nahm das Fleisch zwischen die Zähne, Nasenschweiß ahmte mich nach: wie um eine Schwäche zu schmecken, die zu stark ist, um zurückgehalten werden zu können.

Ich stocherte in anderen Theatern, doch die Direktoren wollten Nasenschweiß nicht vor den Kopf stoßen. Von hinten durch die Faust ins Auge argumentierte ich mit meinem Namen und genau so wurde von hinten durch die Faust mit den Achseln gezuckt. Man kramte sogar meinen leiblichen Vater als Einwand und Vorwurf aus. Ich verstand die Welt nicht mehr, die so lange ungerecht gut zu mir gewesen war. Auch Schatzi wechselte kein Wort mehr mit mir, seid ihr großartiger Mann nicht mehr mit mir redete.

Der Hessische Rundfunk, kurz HR wie Hässlicher Rabe, setzte den Todesbembel ab. Mir wurde mulmig zumute, ich redete mit meiner Mutter.

Meine Positionen waren kassiert. Und dann nannte mich mein dämlicher Halbbruder schon wieder halbwegs spät im neuen Jahr am Burgstammtisch Großmaul. Der Nigger des Königs sagte Großmaul zu mir und als ich mir das nicht bieten lassen wollte, befand Nasenschweiß generös: Wo er recht hat.

Goya hatte seit Jahren nicht mehr recht gehabt, seit Menschengedenken nicht, wenn man jung genug war. Seit das Nordend aus einer kontinentalen Lachfalte geglitten war auf jeden Fall. Goya war erledigt, bedeutungsloser als ein Hartz IV-Niemand, der sich in Bescheidenheit übte.

„Warum fängst du nicht in der Burg an?“ fragte meine Mutter. Angeblich hatte ich mich mit dem König in der Schule gut verstanden.

Der König schob mich ins Theater ab. Ich war jetzt Leiharbeiter. Ich legte mir Funktionshosen und einen Leatherman zu. An den Gürtel setzte ich Karabinerhaken.

Man spricht von Kannen, auch wenn es Profiler sind.

Ich half beim Bühnenbau. Stelzenläufer mit Gasmasken stellten mir nach und hielten mich auf. Jedermann schien inspiriert von Stanley Kubrick. Jetzt musste ich Leuten klarmachen, dass pyromanischer Budenzauber auf jeden Fall zu hoch gegriffen war. Ich hatte meine Schwierigkeiten mit Kavalleriemusikvorschlägen, platzenden Attrappen von Fruchtblasen, dem ganzen Alarm und ich weiß nicht mehr was noch an artistischen Vorräten in den Speichern von sogenannten Regisseuren und sich selbst inszenierenden Darstellern. Ich wollte kein Spiel mit Ausnahmezuständen, keine Exzesse der Hinfälligkeit in der Manier von Sonstwem.

Jeden Sommer zog das Gernegroß mit Mann und Maus in den Grüneburgpark und belustigte wochenlang das Publikum mit Firlefanz. Ich hatte bei diesen Gelegenheiten schon einige Male auf der Bühne gestanden, nun schwitzte ich in der Wurst, wie man auf Gernegroß zur Grillstation sagte. Mein Abstieg schien keine Vorgeschichte zu haben. Ich war immer nur Hochstapler gewesen. Nasenschweiß nannte mich Halbwurst und hatte auch das immer schon gewusst. Ich kannte nun selbst Kopfschmerzen und litt in der Wurst an Atemnot. Paula schob einen Kinderwagen vor die Bude. Niemand zweifelte daran, dass Nasenschweiß der Vater war.

Ich hielt mich wie ein Arbeitsloser, der noch nicht aufgegeben hat. Manche Breitseite nahm ich mit dem kleinen Lächeln, das in der Mundwinkelbereitschaft von Männern Schatten sucht, die wissen, dass sie nicht gut ankommen in der Welt. Sie entschuldigen sich mit dem kleinen Lächeln, dass die Welt es mit ihnen aushalten muss – sie es aber nicht mit ihr aufnehmen können. Ich lernte die große Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht. In der Zwischenzeit erwarb Denis Scheck Allgegenwart. Er fand im Frühstücksfernsehen statt, man sah ihn in amerikanischen Serien. Er sprach mit Leichen über Literatur. Seine Ohren wurden zum Ereignis. Eines Tages präsentierte er die Geschichte eines schwarzen Jägers in der Wetterau. Er sprach über Stonewall Thunderbolt. Ich besann mich auf steinalte Angebote und fuhr zur Burg am Winterstein. Der Burgherr hatte gerade seine zweite Frau unter die Erde gebracht. Er war mit seinen Ehen zu einer unüberschaubaren, ihm dröhnend gewogenen Verwandtschaft gekommen. Er lebte in einem Strahlenkranz des Entgegenkommens und in häuslicher Gemeinschaft mit seiner jüngsten Tochter Carly. Sie hatte mir lange den Hof gemacht.

Stonewall Thunderbolt trauerte so indirekt, dass ich wenig davon mitkriegte. Carly und er nahmen mich in ihrer Mitte auf, als hätten sie auf mich gewartet. Um es einmal so wie mein Schwiegervater zu sagen: Das Leben im Wald gleicht just another great morning for a long walk with my dogs and a fine old rifle. I don't care how popular tactical weapons may be or become. Nothing can match the feel of a 90 year old Winchester thrown over ones shoulder on a cool morning …

Nachtrag

Wie einem das Personal im Gedächtnis bleibt. Doch stets so, wie es Taschen abstellt und sich den Raum erschließt mit kleinen Maßnahmen. Die Handcreme wird ausgepackt, dann kommt der Fettstift zum Vorschein. Sich erst einmal die Lippen schmieren, mit anschließender Lippenwalze. Gehört als Vorgang bestimmt zum Aggressionstrieb. Es muss noch was mit den Haaren geschehen.

Der König lockt Tanja in seine Wohnung, drückt ihr sofort zu viel Geld für den Streuselkuchen in die Hand, den sie auftragsgemäß vom Gelfuss mitgebracht hat, und zeigt, wie man in seinem Reich Kaffee kocht. Das soll Tanja als Gunst erleben. So weit das Vorgeplänkel zur Steigerung des Vergnügens. Tanja bleibt in lebhafter Zurückhaltung entspannt. Aber vormachen kann sie dem König nichts mehr. Denkt er.

Tanja denkt nicht schlecht von ihm. Sie beobachtet die Expeditionen der Streusel. Nie lernte der König manierlich zu essen. Auf seinem Kopf greift eine lichte Stelle um sich, ohne Einsicht in die Zusammenhänge verpasst er sein Vorhaben. Die Unterhaltung mit Tanja ist zu gewinnbringend, um sie mit einer Erpressung abzukürzen.

Immer geht Zeit ins Land. Das Allmähliche drückt dem sich Überstürzenden den Stempel seiner Vormacht auf. Wie der König zu Tanja steht, geht keinen was an. Noch einmal flammt Hoffnung auf.

12. Juli 2017

Hessenmeister

Phönizische Apotheosen

Astarte schwebt ein, eine phönizische Apotheose, die in der Levante als Baals Geliebte Karriere macht. Baal ist schwarz wie Goya und vom Hausherrn über Miethai bis Gott beruflich ein Tausendsassa. Priester huldigen ihm in unterirdischen Ritenräumen. Vorspiele vermählen Baal mit Idolen. Astartes Schenkel sind mächtig, ihr Becken ist eine Wucht. Der Busen liegt auf. Archaische Schönheit sieht so aus. Die Kraft zur Ausschweifung findet in Fülle ein Sinnbild.

Im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung war Pescennius Niger Statthalter der römischen Provinz Syria. Er residierte in Antiochia (heute Antakya) am Orontes. Tausend Jahre später ging der Fluss in fränkische Annalen als Pharphar ein. Kreuzfahrer erklärten Antiochia zum Fürstentum und machten es zum Zankapfel in einem Streit mit Byzanz. Pescennius Niger war populär genug, um Versteigerungen von Ergebenheit und Gewissen abzuhalten. Er verstrickte sich in die Feilscherei um Treue, die einen Kaiser machen konnte. Er wurde erhoben, so wie der Libyer Septimius Severus in Österreich und der Tunesier Clodius Albinus in England erhoben wurden. Im Kampf um den Augustustitel schied Pescennius Niger aus. Der Sieger verhängte über ihn den absoluten Ansehensverlust der Damnatio memoriae. Pescennius Niger war, was bis heute keiner sein sollte: ungeschickt in seinem Metier (als Heerführer). Der überlegene Gegenspieler Septimius Severus bestimmte die Syrerin Julia Domna zur Mutter von zwei Kaisern. Marcus Aurelius Severus Antoninus, berüchtigt als Caracalla, und Publius Septimius Geta lieferten dem Themenkreis des Brudermords ein merkwürdiges Beispiel. Caracalla zwang Julia der Ermordung ihres schwachen Sohnes beizuwohnen. Geschichtsschreibern gefiel es, die Sache samenhöllisch bis zum Inzest im Blutbad breit zu wälzen, während Getas Anhänger der Tod auf der Straße erwartete. Man ließ sich nicht gern gefangen nehmen. Lebende Verlierer wurden allmählich von ihren Geschlechtsteilen getrennt. Das qualvolle Verenden vollzog sich auf Märkten ohne Pietät. Deponien schlossen die wüsten Schwärmen ausgesetzten Plätze ein. Jede offene Wunde geriet sofort in einen Belagerungszustand. Ratten verwesten an den Stränden offener Kanäle. Flöhe sonnten sich auf ihren Plantagen. Die Müllabfuhr war noch nicht erfunden. Man buk Abfall in Kalk. Die städtischen Kohorten konspirierten in ihrer Kaserne am Stadtrand. Nachtwächter legten Brände und spielten Feuerwehr. Fuhrleute streikten und flochten ihren Eseln Kränze. Schwangerschaften ergaben sich auf den Wegen zu Latrinen. In einer Schwelgerei erscheint sich Goya als Gegner des Imperiums. Er nennt die Römer Blutsauger auf seinem Balkon, wo er Horst die vernichtenden Wirkungen der Damnatio memoriae erklärt, angestoßen von einer Bemerkung zu Boris Beckers unfeierlichem Karriereende. Goya will nicht, dass Beckers Spannen an Horsts Ellen gemessen werden. Lieber verfehlt er selbst das Wesentliche syrischer Kulte zuzeiten des Septimius Severus. Bevor Horst zu seinem Wohlstand kam, hat er überhaupt keinen Sport getrieben und von Boris Becker nichts gewusst, was seine Verachtung für Sport & Kommerz und für die einschlägige mediale Zubereitung kürzen konnte.
Der Wohlstand erzwingt Vorstellungen von Reichtum. Er verlangt einen banausischen Lebensstil. Horst sieht als Bildermakler liegengebliebene Bildzeitungen mit anderen Augen durch als in der arroganten Armut des selbst Malenden vor vierzehn Jahren. Damals gewann ein Siebzehnjähriger das weltweit prestigeträchtigste Tennisturnier. Becker war der erste ungesetzte, der erste deutsche und der jüngste Wimbledonsieger. Jetzt ist er am Ende – und Horst weit davon entfernt. An seiner Nase hängt noch der Schnee von gestern. Seine Frau bestätigt mit klagenden Koserufen eine gute Verbindung. In Goyas Küche lässt sich Heike von Stella und Lydia unterhalten. Natürlich hat sie die Füße auf den Stuhl gezogen. Die Stirn strebt zu den Achseln. Der Kopf geht zur Schulter. Er glüht noch vom Vollbad (nach den Richtlinien eines häuslichen Sonntags). Das Haar riecht nach Pflege. Heike kommt nicht umhin, es zu beschnuppern und fingerfertig auf Spliss zu prüfen. Trotzdem treibt das Kanu ihrer Aufmerksamkeit stetig über die unterirdischen Läufe des Ungesagten. Zur Debatte steht der Wert des Mannes Goya. Wie Zuhälterinnen besprechen Stella und Lydia das auf die harmloseste Weise.
Ihre Gier gipfelt nicht in der Verkostung eines eiskalt auf den Tisch geknallten Allegrini Amarone della Valpolicella Classico aus dem Jahr Neunzehnhundertzweiundneunzig. Sie haben die Nasen voll vom Kokain, das Stella noch schnell besorgt hat. Ihre richtigen Freundschaften erodieren seit Jahren. Sie distanzieren die Vertrauten der Kindheit und vergröbern den Abstand mit Ausreden. Nachts essen sie Frühstücksflocken. Im Wunderland der Zerealien werden sie fett, obwohl ihnen das Gegenteil auf einer Packungsseite versprochen wurde. Gleich drehen sie durch, in einer Trommel unerfüllter Wünsche.
War nur ein Kneipenspaß zuerst, sich auszumalen, wie es wäre, die eigenen Bilder und die der anderen Fantasten als Leihgaben anzubieten. Rent a picture zum Zweck der Abwechslung für kleines Geld. Für den Preis eines Mittagessens im Stehen. Was sollte da schiefgehen? Der Strauß auf dem Tresen des Empfangs war mit Lieferservice teurer als das Mietwerk eines Städelschülers, von dem man gehört haben konnte. Die Entflechtung von Kunst und Investition brachte das Geschäft in Gang. Foyerwände verliehen den Bildern Glanz. Die Renommierräume funktionierten wie Galerien. Agenturkunden wurden zu Kunstkäufern. Damit hatte das Sachsenhäuser Schnepfenpaar Heike & Horst nicht gerechnet. Nun nistet es im Nordend. Tranig bewegt es sich auf seine Beschleunigungsgrenze zu. Für den einunddreißigjährigen Supermann Becker ist aber Schluss, nach seinem Ausscheiden im Achtelfinale (in Wimbledon) gegen den Australier Patrick Rafter. Wie kann das sein?
Heike schickt Horst zur Cocktailbar in ihrem Wohnzimmer. Mach uns doch mal … und Horst macht ohne Anlauf Richtung Verzögerung oder Verweigerung einen Castro Cooler für Goya und einen extra sahnigen Maxwood für die eigene Frau. Er handelt großzügig und gleichgültig, spürt er doch Goyas Geringschätzung des späten Muskelaufbauprogramms, das Horst alt aussehen lässt im Vergleich zu unserem Finanzgenie Hartmut, das eben die Balkonbühne betritt. Hartmut verdient sein Geld spielend in frühen Morgenstunden und erfüllt ab neun zwanghaft den Trainingsplan eines Weltmeisters. Hello again. Goya zieht sich zurück, ohne seinen Platz aufzugeben. Schließlich ist er im Privatberuf Kurator eines einmaligen Wohnungsmuseums für hessische Heimatkunde. Er stellt sich Septimius Severus auf Freiersfüßen im Antilibanon vor. Eine Ebene trennt die Antiklinale vom Libanongebirge. Der Feldherr wirbt um Julia Domna in Apameia am Orontes. Unter der Geschenke Last erloschen Sklaven. Religiöse Vorschriften engen die Braut und ihr Verhältnis zu dem Werbenden ein. Man sieht sie in weihrauchenden Prozessionen zwischen Sonnen- und Mondtempeln. Orakel und Horoskope bestimmen den hellenistisch punktierten Alltag. Apameia gehörte zum Diadochenreich der Seleukiden, nachdem Alexander der Gegend seinen persönlichen Stempel aufgedrückt hatte.
Goya empfängt sein Getränk, Phalli an Erzwächtern erigieren vor den Tempeln. Hartmut räumt eine Zwergkiefer (aus dem Angebot der Gärtnerei Pflaume in der Tulpenstraße) von einem Barhocker (der Flohmarktkauf erhöht ganzjährig die winterharte Kübelpflanze), wirft einen skeptischen Blick auf die Sitzfläche und macht sich dann zur herausragenden Person. Seine Frau, die ehemals links-, jetzt rechtsradikale Silke, lässt sich wegen Parteigründungsvorbereitungen entschuldigen. Viele rechnen mit Verschonung nach Silkes Machtergreifung, obwohl sie allen schon ein blaues Wunder versprochen hat. Hartmut wählt weiter FDP
Phönizische Apotheosen
Sprotte erweitert den Kreis der Frauen in Goyas Küche. Sie trumpft mit schwedischen Süßigkeiten auf, die das Gespräch erst einmal aus der Kurve tragen. Eine schnuckelige Darreichung verdient extra Erwähnung. Die Lösgodis aus dem Angebot von Drago, der das alte Rexgildo in der Schopenhauer Straße neu aufgezogen hat als Herr Nilsson Godis, entfesseln eine bis eben gebändigte Unzufriedenheit und überführen den Missmut von Stella (Goyas Freundin), Lydia (Stimmenrauschspionin) und Heike (Nachbarin) in einen Sturm der Begeisterung. Die Frauen starten einen Ausgelassenheitswettbewerb. Das Versagen bei der Aussprache von Hallonbatar (Himbeerboote), Pastellfiskar (Pastellfische) Sura Sjöstjärnor (saure Seesterne), Sura Skallar (saure Totenköpfe), Lakkris Djöflar (Lakritz-Teufelchen) und Tyrkisk Peber (Salmiak-Pfeffer-Leckerlis) schickt sie zurück auf Los. Sie kreischen und prusten. Im Damenkranz weiß nur Sprotte, dass Goya als Kind so genannt wurde wie Pippi Langstrumpfs kleiner Affe Herr Nilsson. Nur sie kennt die Geschichte des Souterrains, in der Drago nun skandinavischen Schleck verhökert, nach Danielas Burnout. Daniela hatte das Rexgildo als Second Hand Boutique und Plattenbörse geführt, inspiriert von Vivienne Westwoods Verwandlungen. Sie war Avantgarde gewesen, bevor sie eine Trödeltussi wurde, die für den Feierabend lebte, den sie in Guidos Kristallpalast absaß, einer karg bewirtschafteten Ecke im Hinterland der Bornheimer Landwehr. Brezelbuben verkehren da. Sie bestreiten nicht zuletzt mit dem Verkauf von Frankfurter Haddekuche’ ihren Lebensunterhalt. Sie bieten Gebäck in Gaststätten an. Ihre Auftritte suggerieren eine Tradition von hundert Jahren. In Wahrheit stammt die Figur des fliegenden Backwarenbjörns aus Daseinssümpfen der Siebziger. Von der Pleite bedrohte Musiker und andere Kneipenexistenzen retteten sich zu einer erfundenen Folklore. Guidobjörn hatte ursprünglich nur auf die Einraumwohnung hinter dem Ausschank spekuliert. Der älteste Brezelbub(b) kam zu einer Wirtschaft (als zweitem Standbein) wie die Jungfrau zum Kind. Solche Glücksfälle kommen nicht mehr vor. Man könnte tagelang mit Goya über die Aufenthaltsorte des verschwundenen Glücks spekulieren, würde sein Hochmut es gestatten. Der Hausherr langweilt sich in der geladenen Gesellschaft von Horst und Hartmut auf dem Balkon. Hartmut erträgt kaum, dass Horst sich auf Augenhöhe mit ihm wähnt. Der triathletisch reduzierte Master of the Universe findet alles falsch am Schluri, einschließlich der eingefetteten Thoraxpanzerung im Zuge einer späten Körperbildung. Horst gestikuliert mit Zigarre und argumentiert mit freiem Rumpf. Er hat etwas über den Laizismus in der Türkei gehört, das bringt er an. Er hält sich für einen very well informierten Premiumliebhaber. Seine Frau Heike hat ihm den Floh ins Ohr gesetzt, er sei einfühlsamer als Männer im Allgemeinen. Kein Mensch kann noch oberflächlicher sein als Horst, der Hirntote, sagt der Allwissende, also ich. Das weiß auch Heike. Behauptet sie: Du bist kein emotionaler Parasit und Ausbeuter weiblicher Verschmelzungssehnsüchte so wie Goya/Hartmut/Hannes/King Mike/Nafri N. oder Mustafa der Sülemann-Banana energische Ausbeuter weiblicher Verschmelzungssehnsüchte sind, dann führt sie eine Berechnung im Schilde. Horstis Ergebenheit zwingt Heike die Not auf, das Begehren von Männern zu wecken, denen sie größere Widerstandskraft zutraut. Trotz einer Liebhaber_innenliste ist die Heike & Horst Liebe intakt und die Beziehung tiptop. Diese Ehe wird einmal der Tod scheiden.
Horst versteigt sich zu der wahnhaften Annahme, es habe vor dem türkischen Laizismus noch nie eine laizistische Ordnung gegeben. Die Vermutung rührt vom guten Verhältnis zum Gemüsehändler als noch einem nordendlichen Kurzschluss. Goya verscheucht einen Schatten auf der Netzhaut. Im Hof etabliert sich ein Konkurrenzbetrieb der guten Laune, angeführt von Maxim, dem vegan gehaltenen Windspiel des schwulen Steuerberaterpaars aus dem dritten Stock. Der Hund orientiert sich an den ballgewandten Söhnen des Isländers und ihren trossig mitlaufenden Freunden. Maxim bleibt stets bei der Clique, vielleicht erfüllt sie ihm heimlich seine Karnivorenträume. Goya opfert das Tier auf dem Altar eines syrischen Kultes. Astarte schwebt ein, eine phönizische Apotheose, die in der Levante als Baals Geliebte Karriere macht. Baal ist schwarz wie Goya und vom Hausherrn über Miethai bis Gott beruflich ein Tausendsassa. Priester huldigen ihm in unterirdischen Ritenräumen. Vorspiele vermählen Baal mit Idolen. Astartes Schenkel sind mächtig, ihr Becken ist eine Wucht. Der Busen liegt auf. Archaische Schönheit sieht so aus. Die Kraft zur Ausschweifung findet in der Korpulenz ein Sinnbild. Astarte ändert ihre Story und wird als Königstochter menschlich. Sie heiratet einen Thronanwärter, der ihre Erwartungen enttäuscht. Ehrgeiz legt sie der Gegenpartei ins Bett. Goya verliert den Faden, sein Blick bleibt an der Waschküche hängen, die keiner nutzt, seit Moef tot ist. Ob die Maschinen noch funktionieren? Auf dem Flachdach liegt ein Fahrradrahmen. Goya fragt sich, wie lange schon. Astarte erscheint als Heike. Sie war die Mutter ihres Mannes, bis der Zufall aus dem Paar Bewohner der Mittelschicht machte. Ich erinnere Nächte der Armut im Schwarzmarkt und nächtliche Gänge am Main. War eine schöne Zeit mit vielen Ringen und Ketten, die zu allen Verrichtungen klimperten. Heike setzt sich Horst auf den Schoss, umfasst seinen Hals. Horst heiapopeiat, Heike hoppelt, wenn er fällt, dann schreit er. Goya fühlt sich von Heikes unsäglichem Gehabe angesprochen. Deshalb versetzt er Horst einen Wissensschlag. Laizismus gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Die Trennung von Kirche und Staat führte erstmals Roger Williams (1603 – 1683) in einer neuenglischen Provinz ein.

In der letzten Stunde sprachen wir über die erste laizistische Gemeinschaft. Heute lernen wir, dass Uncas nicht der letzte, sondern der erste Mohikaner war. Ziehe Fenimore Coopers Lederstrumpf zum Vergleich heran.
Nach Jahren im Streit schickten die puritanischen Chefs der Plymouth Kolonie (später Massachusetts Bay Colony) den Geistlichen Roger Williams (1603 – 1683) in die Verbannung. Williams floh vor einer Gang unnachgiebiger, jähzorniger und zorressüchtiger Männer erst in die Vogelfreiheit und dann zu den Narraganset. Unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Miantonomoh fand er wohltätige Aufnahme. Williams erklärte sich zum Oberhaupt einer eigenen Niederlassung, die er Providence (heute Hauptstadt des Bundesstaates Rhode Island) nannte. In einer Gesellschaft von Versprengten, Verschleppten und Bekehrten praktizierte er die Trennung von Kirche und Staat. Dies geschah zu einer Zeit der Erhebungen. Die ursprüngliche Bevölkerung Amerikas beendete am Vormittag des 17. Jahrhunderts großflächig ihre fremdenfreundliche Politik. Anfang der Dreißigerjahre stellte sich ein Sohn des Versöhners Wahunsonacock an die Spitze des Widerstands. Opechancanough befehligte als Hochbetagter eine Union von vierundzwanzig Volksmilizen. Sein Befehlsstand war eine Trage. Seine Allianz ging in Virginia, auf dem Gebiet des heutigen Massachusetts und darüberhinaus am Connecticut, der freilich noch Fresh River hieß, bis zum Fort Saybrook am Long Island Sound gegen Kolonisten so massiv vor, dass die Zerstörung der Siedlungen fast vollständig war. Dann beschlossen auch die Narraganset in einem Aktionsbündnis mit den Pequot der Besatzungsmacht die Stirn zu bieten. Der arglos eingeweihte, von der neuenglischen Obrigkeit in Abwesenheit zum Tod verurteilte Williams hintertrieb die Einigkeit. Er spaltete die Narraganset ab und unterstellte sie seinem Kommando. Die Pequot blieben streitbereit. Williams schwärzte sie bei Captain John Mason an. Mason war ein Mann, der mit den Zähnen lächelte. Er hatte im Dreißigjährigen Krieg für Holland gekämpft, Neuengland im Geleit der Pilgrimväter erreicht, die erste amerikanische Naval Task Force gegründet und mit seiner Minimarine Dixie Bull zur Strecke gebracht. Dixie war wiederum der erste englische Pirat gewesen, der vor der amerikanischen Küste Schiffe aufgebracht hatte, selbstverständlich ohne Ansehen der Nation.
Mason stützte sich im Kampf gegen die Aufständigen auf indigene Kräfte. Besonders bemerkenswert ist die Pequot Sezession der Mohegan (Mohikaner) unter Uncas, einem Schwiegersohn des charismatische Sachem Sassacus, dem die Empörten folgten. Williams führte das von Ausrottungsabsichten motivierte Expeditioncorps 1637 zum Mystic River im Landkreis Neulondon (der Kolonie Connecticut). Der Fluss entwässert in den Long Island Sound, er trennt die Bezirke Groton (am westlichen Ufer) und Stonington der Hafenstadt Mystic. Fluss und Hafen trugen zu Williams Zeiten bereits ihren heutigen Namen. Mystic ist das Derivat des Pequot Wortes missi-tuk. Missi-tuk benennt einen Strom, in dem die Gezeiten wirken. Von jeher lebten Pequots am Westufer, bis Mason kam. Williams erwähnt in seinen Aufzeichnungen Groton. Da hatte sich Sassacus mit seinen Gefolgsleuten an einer erhöhten Stelle in befestigten Verhältnissen eingeigelt. Mason befahl einen nächtlichen Überraschungsangriff. Die Engländer schossen das Lager in Brand. Fliehende schickten sie zurück ins Feuer. Das Mystic Massacre forderte siebenhundert Opfer, die meisten verbrannten. Mason, der zwei Männer verlor, jagte die Überlebenden, bis sich Sassacus vollkommen bloßgestellt sah. Er floh zum Hudson, wo Mohawks ihn erst aufnahmen und dann erschlugen nach den Regeln der entweihten Gastfreundschaft. Sassacus’ Skalp (oder Kopf) ließen sie Mason zukommen. Die letzten Pequot wurden versklavt, ihr Territorium fiel der britischen Krone zu. Man erklärte das Volk für nicht mehr existent.
Williams wurde Gouverneur von Rhode Island. Ohne seine tätige Nächstenliebe und das Engagement des abtrünnigen Uncas wäre die Geschichte Neuenglands mit dem Blut der Weißen geschrieben worden. Es hängt immer an Einzelnen, denkt Goya auf seinem Balkon. Rauchsäulen steigen aus dem Hof auf. Der Grillzauber von Fleisch und Feuer entfaltet seine Wirkung. Die Hausgemeinschaft sinkt auf die Stufe einer Horde. Horst genießt ein von Heike vorbereitetes Erfrischungsfußbad. Das hält ihn fest an seinem Platz. Im Hinterhalt der Fürsorge verzehrt sich Heike nach einem männlichen Mann.
Ich fasse zusammen. Goya-Tecumseh Hesselbach bewirtet in seiner Wohnung (dem Museum) Nachbarn, Freunde und Bekannte. In der Küche tagen Stella (Goyas Geliebte), Lydia (Angehörige der Berliner Florianmerkel-Wankermax-Shitfartwood-Scummaxpfeifer-Bande) und Sprotte (Nachbarin). Der Tagung entzogen hat sich Heike (Nachbarin) vor dreißig Minuten. Sie unterbrach ein Gespräch auf dem Balkon. Da betrinkt sich unter Goyas Aufsicht Heikes Mann Horst seit Stunden. Der Sachsenhäuser Ex-Maler ist aus dem Leben seiner Frau nicht wegzudenken. Manchmal stört er aber. Heikes Interesse gehört im Augenblick dem Wertpapierhändler und Eisenbeißer Hartmut, der sich als angehender Greis das Trainingsprogramm eines Weltmeisters abverlangt und alle Virilitätsklischees erfüllt. Er ist solo am Start, seine bis zur Weißglut engagierte Frau Silke gründet gerade die Grünen in Braun.


Goya gleitet in die Larmoyanz.
Niemand erhebt hier Anspruch auf ein schweres Geschick, ohne in ein Unwetter zu geraten. Hartmut lächelt mit den Zähnen, wie einst Captain Mason am Mystic River. Die in Wohnzimmerschränken verendeten Goldhamster und bei Experimenten tödlich verunglückten Meerschweinchen wiegen als Leichen im Keller zu wenig. Was war denn noch? Maxim (der vegan gehaltene Hund der Steuerberater im dritten Stock) bellt verdrossen, die Söhne des Isländers haben ihn abgehängt. Sie sind noch mal um die Häuser. Ausgerückt ins Abenteuerland.
Goya beobachtet konkludente Vertragsabstimmungen. Verhandelt werden Modalitäten eines Quickies zum besseren Einschlafen. In der Zwischenzeit versucht Horst seine Existenz als von der Kunst ausgehend zu fassen. Er ist blau und halbnackt. Seine Füße stehen auf dem Boden einer Wanne. Heike berührt seine Stirn, sein Blick sucht hündisch die Herrin.

6. Juli 2017

Hessenmeister

Schwarzer Redneck

Wayne The Bear Raymond ist tot. Getarnt als Deserteur und verspäteter Vietnamkriegsverweigerer hatte sich der NSAgent in den Frankfurter Häuserkampf eingeschaltet. Er führte Joschka Fischers Putztruppe aus der Steinzeit in die Straßenkampfmoderne. Zugleich startete er eine hessenweit besungene Liebhaberkarriere. Er zeugte Goya-Tecumseh Hesselbach und Hannes Fleckenstein im Vorübergehen der Stäbe. Ihm war, als ob es tausend Stäbe gäbe. Auch als Liebhaber der deutschen Pilsstube erschien Wayne außerordentlich.

Der Tod stellt sich nicht mehr hinten an, er mischt jetzt vorn mit. Er ist einer von uns geworden. Wir kommen von Waynes Beerdigung an den Strand (im Günthersburgpark). Es könnte ein verschämter Selbstmord gewesen sein, Karateklara deutete so was an. Mich streift der Blitz einer Erinnerung. Wie erstaunt Oma Johann sein konnte, dass sie alt war, während ich das selbstverständlich fand. Alt zu sein, war ihr Schicksal, das würde einem Jungen nicht passieren. Klara hat in Waynes dunkelblauer Periode große Rollen gespielt. In Barockkostümen aus dem Gernegroßfundus machte sie ihm Szenen vom Bethmann- bis zum Huthpark. Er war dankbar, dass sie ihn noch so ernst nahm.

Kinder gehen mit Stöcken auf die Vegetation los, bis Khan ihnen Einfalt gebietet. Er duldet keine Gewalt am Strand, die nicht in seinem Namen stattfindet. Die Büsche sind ihm egal. Selbst ich weiß nicht mehr, was in der Bude neben den Spielplatzklos war, bevor Khan anfing, darin seinen Kram zu verkaufen. Vermutlich diente sie dem Grünflächenamt als Lager. Mäuse spuren den Sand, als Nächstes bringen Ratten eine neue Pest. Ich beobachte eine Geburtstagsgesellschaft in allmählicher Auflösung. Immer wieder kehren Leute zurück, die schon einmal Abschied genommen haben. Jeder verlangt seinen Krümel Aufmerksamkeit und noch einen extra. Diverse Wesen ernten ihren Teil mit den Dreschern der Niedlichkeit. In meinem Rachen entlädt sich zu viel Rauch, eine kurze Katastrophe.

Ich bin der Erzähler, mein Name ist Jamal Tuschick. Guten Abend. Seit fünfundzwanzig Jahren erforsche ich ein in seinem Verbreitungsgebiet, dem Frankfurter Nordend, bildbestimmendes, weitgehend indigenes Milieu. An seiner Spitze steht der König (bürgerl. Michael Wundersamen) fest. Er ist der fünfte Wundersamen im Rang eines Burgwirtes; ein müde geborener Feldherr im Kampf ums gastronomische Dasein. Keiner führte ihn auf seiner Liste der Großen Sieben, bis er den Tanzsaal der vom Viertel fast vergessenen, im Erbgang als Last auf ihn gekommenen Gaststätte „Zur Burg ohne Namen“ Nafri Nasenschweiß als Spielzimmer überließ. Nasenschweiß gründete das Gernegroß in der Burg. Sein Star sitzt zwei Tische weiter. Valerie Constanze Hesselbach ermittelt als Pathologin Emma M. Stein in der von ihrem Cousin Hannes Fleckenstein erfundenen Fernsehfortsetzungsgeschichte Der Bembel des Todes. Sie dient einer Gesellschaft als Mittelpunkt, in der die Schwarze Hand des Nordends (Buffet-Kurt), der braune Johnny, die Grüne Mamba so wie Waynes Söhne Goya und Hannes sich glücklich schätzen, mit Valerie auf so vertrautem Fuß zu stehen, dass sie der Quartiersgöttin hautnah kommen dürfen, sofern sie es nicht übertreiben. Zu ihrer Aufsicht bestellt ist Valeries Ehemann Rosahemd. Seine hypertrophe Erscheinung stellt alle in den Schatten. Er sieht aus wie Chief Bromden. Er war der effektivste Nordend Defender meiner Generation, hat sich aber nicht weiter gebildet. Valerie und Rosahemd sind unsere Maria (Shriver) und unser Arnold (Schwarzenegger).

„Der Neger ist – auf lange Sicht – kein Thema. Mit dem dummen August diskutiert man nicht.” Maxim Biller in Tempo im Februar 1989

Zum Schluss sah Wayne aus wie Charles Bronson als schwarze Squaw. Es hieß, er sei seit Vietnam nie mehr ganz nüchtern gewesen. In seinen letzten Jahren war er aber nur noch blau. Seinen Zuständen hatte er eine Narrenkappe aufgesetzt. Leute, die halb so alt waren wie er, duldeten ihn als Zaungast, während seine Generation überhaupt nichts mehr mit ihm anfangen konnte. Ich erinnere an seine Kindheit.

Die Liebhaber der Mutter belehren ihn über sein fadenscheiniges Wesen. Zur Not heuchelt er. Für einen alkoholhaltigen Tropfen Anerkennung täuscht Wayne Interesse an Tätowierungen, Werkzeugkisten und Kinderfotos vor, je nachdem, was die Kumpanei mit den Joes, Jims und Jakes, die seiner Mutter gerade gefallen, verlangt. Ständig muss er sich neu anpassen. Es wehrt sich gegen alle Zumutungen, indem es als Heimat verwirft, was die Mutter in ihrem eigenen Protest dafür nimmt. Unumstößliche Zugehörigkeit behauptet es zum Mountainmilieu der Großeltern. In der Wahrnehmung des Heranwachsenden sind Oma und Opa hagestolze Leute, unerschütterlich, bedürfnislos, hilfs- und gewaltbereit auf explosive Weise. In ihrer Obhut gewinnt Wayne eine Identität aus Bruchstücken und Klischees rund um Bergarbeiter- und Waldbauernarmut. In der Geburtsstadt seiner Mutter wurden Arbeiter zur Wiederherstellung der Ordnung zusammengeschossen. State troops were dispatched twice in the 1870s and again in 1903 – after the assassination of U.S. Commissioner James Mallon on the courthouse steps – to restore order. Zitiert nach Wikipedia.

Unbewusst verzichtet der Junge auf Welt, um wenigstens in der Sphäre seiner Großeltern randlos dazuzugehören. Er verherrlicht eine Armee autarker Großonkel als Garanten biblischer Rechtsbegriffe. Die taffen Tattergreise sind schwarze Rednecks. Sie ersetzen im Verein mit der alle überstrahlenden Oma den inexistenten Vater, der auch für die Mutter kaum mehr bedeutet haben dürfte als jeder andere Joe, Jim oder Jake.

Die Großeltern hatten sich in den Vierzigern den Torturen der Flexibilität ausgesetzt und waren in eine Industriestadt gezogen. Zwar erreichten sie finanziell beinah die Margen des Mittelstandes, doch scheiterten sie mit ihrem phantasmagorisch-eruptiven Lebensstil an urbanen Normen. Sie gingen durch die dreifaltige Hölle Ausgrenzung, Alkoholismus und häusliche Gewalt, wobei Oma wacker mithielt. Einmal zündete sie ihren Mann an. Schließlich kehrte das Paar zurück in die Berge, um sich fortan dem Nachwuchs seiner im permanenten Ehekrach taub gewordenen Kinder zu widmen.

Schleimbeutelsaugwurst

Viele Formen der Mimikry bleiben im Verborgenen. Wir übersehen Abläufe, die das Geschäft der Natur stetig vorantreiben so wie von Täuschungen stimulierte Bestäubungsakte in Interaktionen zwischen Pflanzen und Insekten. Essbare Arten imitieren die Signale ungenießbarer Arten, um Feinde zu täuschen. So erwerben sie einen ökonomischen Vorsprug gegenüber jenen Strategen, die auf Gift setzen, das erst einmal produziert werden muss als eine Leistung des Körpers. Die Anverwandlungen distanzieren sie von den Erscheinungsformen ihrer Verwandten: bis zu einer bizarren Unähnlichkeit. Sie tragen fremde Kleider, die sie wie gefälschte Pässe zu Pseudobürgerinnen gattungsferner Republiken machen. Die Koevolution der Imitatoren von Eigenschaften treibt in den Instanzen der Burg fantastische Blüten. Viele Frauen im Gernegroß Damenkranz führen gemeinsame Neigungen in eine Konformität, die Verwechslungen provoziert. Sie kopieren ein Erfolgsmodell und erscheinen dabei stets besonders authentisch.

Authentizität ist das Neppwort des Jahres, wiederbelebt und ins System gespeist von Nasenschweiß. Der Direktor bestäubt alle ohne Ansicht des Geschlechts. Aber was macht Goya, die alte Pflaume? Ich trete einen Schritt zurück. Das Hoftor zur Burg schwingt auf, mein Gott, was sind wir heruntergekommen in der Welt. Hannes besucht Tanja in der Kelter. Der König wirft ihm vor, mit leeren Händen gekommen zu sein. Zu gern würde er Hannes zum Metzger (und Partyservice Lieferanten) Herkert in die Hesselbach Allee (vormals Humboldt Straße) schicken, „der Fleckenstein hat doch sonst nichts zu tun“.

Goya überschwemmt die Bütte mit Äpfeln. Seinem Ruf als Kämpfernatur geht allmählich das Offensichtliche ab, man sieht Goya nur noch den Kürzeren ziehen und Anweisungen befolgen. Die Mamba nannte ihn ungestraft Königsmohr. Goya bietet sich an, das Vesper beim Herkert zu holen. Der König nickt abfällig. Er trägt Goya nach: „Humpelt der jetzt?“

Bloß nicht aus der Übung übler Nachrede kommen. Tanja sucht Hannes’ Nähe. Die letzte Nacht spielt sich in der Erinnerung auf. Es wurde wieder einmal tief in die Tüte gegriffen und ein Körperöffnungswunder vollbracht. War das mehr als recreational sex? Oder war es genau das? Ein narzisstisches Mündungsfeuer? Ein Entfremdungsfestival? Andere Erinnerungen und Fragen tanzen aus der Reihe und drängen vor. Der König hatte mal eine, die später im Bahnhofsviertel aus sich heraus ging. Hannes findet den Namen nicht in seinem Gedächtnis. Ich kann euch sagen, wie sie hieß. Das war unsere Doris, eine Nachthemdnarzisse und Pseudoschlafwandlerin. In jedem besonnten Augenblick reichte ihr ein Schlager zum Trällern. Doris kam mit der Himbeertorte oder einer Tüte Lakritz zum Dienst, zur Verbesserung des Betriebsklimas. Man fand sie bescheiden und kollegial. Man übersah den gekonnten Griff nach den Sternen auf der Pyjamajacke des Königs. Sie glich einem gefärbten Weißling (Dismorphia), der in einem Verband prächtiger Falter unter falscher Flagge fliegt. Bis sie auf(- und davon) flog, um uns im Bahnhofsviertel ganz anders (und total ungewohnt) zu erscheinen. Ich frage mich, wann Lydia auffliegt. Gerade kommt sie spaghettiträgerisch um die Ecke in die Kelter geschlappt. Goya ist immer noch beim Herkert, er hat Nasenschweiß getroffen. Die Männer philosophieren über Wurst. Nasenschweiß ist weltweit der berühmteste Wurstesser, seine Rede ist Wurstrede. Milchwurst. Erbswurst. Wurstscheiße und -schleim. Schleimwürstler rangieren unter ferner liefen. Goya hat ein altes Wort in einer Aufzählung landgräflicher Exponate entdeckt. Noahschulpe – daran beißt sich das Internet die Zähne aus.

„Weißt du Schleimbeutelsaugwurst überhaupt, was eine Noahschulpe ist?“

Auf der Liste der Exponate steht ferner das Creditiv eines persischen Gesandten, der 1600 am kurhessischen Hof vorstellig wurde. Wilhelm IX. besaß sechzigtausend Bücher, darunter zweihundert wertvolle Bibeln so wie „die arabische Geschichte eines Muhamed“. Creditiv ist ein Hammerwort, wenn man so gestrickt ist wie Goya der Einfältige.

In einem August voller Stürme zeigt sich Goya der großen Wiese. Er schnürt zu den Zelten des Burgtheaters, das jeden Sommer den Park bespielt. Er quert einen Kreis schwer gezeichneter Aussteller ihrer Bierbehäbigkeit aus dem Café läuft (an der Rohrbachstraße), die sich später im Feinstaub (an der Friedberger Landstraße) ganz bestimmt wieder treffen werden. Auf der Bühne zersägen die Bernemer Bembelblueser gerade „Why don´t we do it in the road“.

Die Sängerin kennt Goya. In einer betrunkenen Nacht war sie in ihn verliebt gewesen, erst vor der Batschkapp und später im Elfer. Das Weitere geschah zwischen Eschersheimer Mülltonnen. Goya streift die Erinnerung ab. Wie ein Verbündeter erscheint der Wind, der in die Schirme greift und mit allen Planen segelt. Goya verrät dem Wind eine Sehnsucht nach Sturm und nimmt den mächtig einsetzenden Regen als Geschenk des Himmels. Leute stinken Schutz suchend in der überdachten Ausschankzone. Goya fühlt sich losgelassen. Er widersteht dem Wunsch, ins Gras zu beißen.

Kinder krallen sich an Beine. Hunde überbieten sich in ihrer Erregung. Allgemein ist die Flucht auf Fahrrädern. Die Bembelblueser packen ein. Ein Kurzschluss verdunkelt die Szene.

Kurt steht im Wurstwagen. Der zum Bersten gut aufgelegte Fleischberg bietet Goya ein trockenes Plätzchen auf der Kappe einer Gasflasche an. Kurt hat Würste übrig, die er nur wegschmeißen oder verschenken kann. Die regulären Abnehmer sind ausgeblieben.

Zur Erinnerung. Die halbblütigen Halbbrüder Goya-Tecumseh Hesselbach und Hannes Fleckenstein kämpfen gegen die Berliner Florianmerkelbande aka Stimmenrauscher aka Leofischer*innen aka Arnofrankisten. Der Interessenverbund harmonisiert Durchmärsche im Establishment mit Straßenkampftouren. Die rassistischen Aktivist*innen besetzen Meinungsführerpositionen in Zeitungen und unterhalten ein russisch-deutsches Netzwerk. Sie haben Lydia Wladimirowna Kapanina nach Frankfurt geschickt. Lydia soll egal welchen Halbbruder mit frauenspezifischen Methoden bearbeiten.

Goya beobachtet sterile Paarprozessionen und Leute, die ihre Intimität aufforsten. Er kennt die Leute wie so ziemlich jeden im Gebiet. Ein fad in die Jahre gekommener Sohn verrät den Oberstudienrät*innen, die ihn in die Welt gesetzt haben, dass er den Schuldienst quittieren und seinen Beamtenstatus aufgeben will. Die Ankündigung löst Entsetzen aus. Nach einem Wort von Gottfried Benn, kommt das Beste in Deutschland aus Lehrer- und Pastorenhaushalten. Als Bastionen geordneten Daseins erschienen sie Königen vorbildlich. Das Programm steht noch. Es wird musiziert und Obacht praktiziert. Man lässt sich nicht gehen. Man geht nicht über seine Mittel hinaus. Man verwittert in gesunden Schuhen. Goya malt dem Genre Girlanden. Die Eltern verbergen ihr Entsetzen in Floskeln des Wohlwollens. Goya fragt sich, ob sie mit diesem Repertoire auch in Notstandsgebieten ihre Standpunkte für befestigt halten würden.
Jemand sagt: „Männer und Frauen gehören keiner gemeinsamen Welt an.“ Goya verharrt an einem Übergang zwischen Abwehr und verkapptem Rückzug. Am Ende des Jahrtausends begleitet Lydia ihn zur Weseler Werft. Obwohl sie die geringste Magd des Königs ist, gibt sie sich, als spräche sie für eine Regierung. Goya will Lydia nicht entgegen kommen, seit sie sich in Kurts Wurstwagen ausgewrungen hat. Sie hatte Hunger gehabt und war Goya unbeherrscht erschienen. Goya fragt sich, wie sich Väter fühlen, wenn sie entdecken, dass ihre Töchter in Pornofilmen mitspielen.
Das Dekor der Stadt geht in Flammen auf. Im Ostend wird nicht mehr das Vokabular für aufgegebene Gebiete unterrichtet. Inzwischen wirken die letzten Schrotthaufen am Hafen wie Installationen. Eine Promenade läuft darauf hinaus. Die Großartigkeit neuer Häuser am Main geht mit der Sonne unter. Die erste Schote, die auf den Kaffeehaustisch kommt, hat einen Hauptdarsteller, der nicht küssen kann. Aber nicht nur das. „Ich hab kurz nachgefasst, da war nichts. Gar nichts! Wie bei einem Mädchen. Kannst du dir das vorstellen? Das war ein bißchen schockierend für mich. Was sollte ich tun? Ich habe meine Gefühle in die Zigarettenpause geschickt. Es gab für sie nichts zu tun.“
Goya glaubt zu wissen, von wem die Rede ist. Das reicht ihm. Er und Lydia sitzen vor einem Trendding, in dem die Möbel das Gehabe der Leute angenommen haben. Ab und zu geht ein Raunen durch die Menge: dann tritt eine lokale Größe mit Helmkamera auf. Ein einsam abgeglittener Mann verweigert den letzten freien Tisch und setzt sich gewittrig zu Lydia und Goya. Er starrt Lydia an, die blinde Bedürftigkeit kriegt Stielaugen.

„Guck nicht so Scheiße“, sagt Lydia mehr oder weniger aus Mitgefühl. Die Abfuhr kommt als Gesprächsangebot an. Der Solist fühlt sich wahrgenommen. Es liegt etwas Anstößiges in der ungezügelten Bereitschaft: seinem Unglück Worte zu geben. Er prahlt mit einer Aufzählung grausamer Schicksalsspäße. „Fürwahr, einst hieß ich Max Wood, meine Freunde nannten mich Arthur Harris. In Berlin war ich ein bekannter Clown, die Leute drehten sich auf der Straße nach mir um.“
„Der lügt“, behauptet Lydia. „Ich kenne Max Wood als Arthur Harris persönlich und der ist ganz bestimmt nicht so ein Wrack.“

Lydia schlägt sich auf den Mund. Wie konnte sie nur. Doch Goya rät lediglich zum Aufbruch.

„Wir sind Überlebensmaschinen – Roboter, blind, programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden.“ Richard Dawkins

In Goyas Küche rivalisieren und rauchen Stella und Lydia. Die Ossischnepfen tragen kaum das Nötigste am Leib. Goya sitzt wie ausgeladen auf seinem Balkon. Seit einer Weile beobachtet er, wie das Fleisch nachgibt. Das Eigene so wie das der Frauen. Die Generationsbesten haben längst ihre zwei Kinder und noch immer den ersten Mann. Der Abbau geht als Lässigkeit durch, die Kleider werden kürzer. Zweiunddreißigjährige verkleinern die Maschen ihrer Netze und schmeißen nicht mehr jeden knurrenden Zwerggurami oder Erbsenkugelfisch oder Blutsalmler gleich zurück in eine Gelegenheitspfütze. Sie ergründen nun die Hierarchien in den Regierungsbezirken ihrer Stammitaliener und -griechen. Sie flirten mit dem Personal, lassen sich von Kellnern verwöhnen. Sie sind reif für die Schmiere und das Knallchargenprogramm. Ihre Männer kommen spät, im ewigen Sommer Neunundneunzig treffen sich die Familien abends komplett auf kochenden Gassen. Man prostet sich vor Jims irisch-kindgerechter Kneipe zu oder trifft sich auf einen Wein im unkonzessionierten kinderfreundlichen Biergarten des esoterischen Türken Halif. – Oder man begegnet sich vor der malerischen Pissrinne von Gretes Schwarzburg Zweiundachtzig. Das ist the place to be aka место быть der Saison. Der Hinterhof avancierte zur beliebtesten Gemütlichkeitszelle in unbegreiflichen Prozessen allgemeiner Zuwendung. Vor Jahren hat Grete die Pergola, den Rosenbogen und einen Zaun in den Raum gestellt, das Gitterwerk mit einer Hortensie basisbegrünt und mit einer durchblühenden Kletterrose gepimpt. Inzwischen dramatisieren Blaue Prunkwinden, Schwarzäugige Susannen (Thunbergia alata) und ostindische Kirschen das Arrangement. Die Kulisse dient vorläufig geklärten Verhältnissen mit Sandkasten, Hüpfburg, Schaukel, Windeltisch und Kinderwagenparkplatz als Hintergrund.
So weit sind Stella und Lydia nicht. Stella hat sich gestern einen Kuss von Goya abgewischt, während Lydia vorhin bei der Begrüßung Goyas Lippen knapp vermied. Von Dawkins weiß Goya, dass die „unsterblichen Spiralen“ der Doppelhelix den Schöpfungszweck erschöpfen. Die Gene kämpfen um ihr Überleben in Organismen namens Stella und Lydia. Die Frauen sind Sklavinnen ihrer Gene. Goya betrachtet seine bloßen Füße (Größe sechsundvierzig). Seine direkten Nachbarn Heike und Horst (beide im Sarong) tauchen mit Getränken auf. (Sämtliche Balkonbarrieren wurden niedergelegt, so dass ein durchgängiger Vorsprung voller Kübel und Sportkram zu Etagengeselligkeit einlädt.)
„Sláinte.“
Wieso sitzt Goya allein auf dem Balkon? Heike rauscht gleich weiter zu den anderen Frauen. Hello again. Heike und Horst vermieten Kunst an Agenturen. Das Geschäft läuft gut. Früher hat Horst brotlos gemalt und Heike war seine Ernährerin und Muse gewesen. Er steht in dem Ruf, liebesfähiger zu sein als die meisten Männer. Der Ruf reagiert auf den Umstand, dass Horst im Glück des unverhofften Erfolgs keiner jüngeren Frau erlag. Er besetzt die Rudermaschine und moniert das klanglose Karriereende von Boris Becker. Er bläht sich in einer Bemerkung zu Beckers Vorhand. Goya reagiert nicht. Keine Ahnung von Tennis zu haben ist nicht ganz so peinlich wie unzulängliches Fußballwissen. Es rangiert auf der Peinlichkeitsstufe, die erreicht wird, wenn Männer Führerscheine Lappen nennen und Hauptwörtern ein pubertäres Kack vorsetzen.

28. Juni 2017

Hessenmeister

Charmante Compagnien

Ich sage das jetzt noch mal. Seit Jahren erzähle ich die Geschichte einer Frankfurter Clique im Dunstkreis der Burg ohne Namen. Die Burg vereint eine Gaststätte (im Besitz von Michael Wundersamen, genannt der König) und die von Nafri Nasenschweiß gegründete Kleinkunstbühne Gernegroß. Hier tagt die von Nihan Jiménez stalinistisch geführte Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe (NKLL). Jiménez’ Vollstrecker sind die halbblütigen Halbbrüder Goya-Tecumseh Hesselbach und Hannes Fleckenstein. Sie kämpfen gegen die Berliner Merkelbande aka Stimmenrauscher aka Fischersfritzen. Der Interessenverbund harmonisiert Durchmärsche im Establishment mit Straßenkampftouren. Die rassistischen Aktivist_innen besetzen Meinungsführerpositionen in Zeitungen und unterhalten ein russisch-deutsches Netzwerk. Nun schicken sie Lydia Wladimirowna Kapanina, genannt Tiger-Lyd, nach Frankfurt. Sie soll einen Vollstrecker mit frauenspezifischen Methoden bearbeiten, egal welchen.

Walerjewna Andrejewna Jurjewa war mal schön und fidel. Jetzt ist sie tranig. Jetzt sind ihr die Treppen zu anstrengend und der Fahrstuhl macht ihr Angst. Sie verlässt ihre Wohnung nur noch, wenn sie zum Friseur oder zu einer Beerdigung muss. Dann allerdings schaut sie hier und da vorbei, sogar im Loch, wie die Kneipe zwischen den Blöcken genannt wird. Was die Jurjewa zum Vegetieren braucht, besorgt Olegs Mutter. Sie hat einen Schlüssel, den Schlüssel hat Oleg nachmachen lassen, deshalb kann er immer in die Wohnung. Die Alte kriegt das nicht mit, sie lebt vor einem dröhnenden Fernseher im Schlafzimmer. Seit ein paar Tagen kenne ich das kleine Zimmer der Wohnung, ein Kind ist darin gestorben, als wir alle noch Kontingentkinder waren. Ich glaube nicht, dass Oleg schon einmal eine andere in das Zimmer geführt hat.

*
Die neue Heimat der osteuropäischen Nomanden ist die Berliner Ubahn, sagt Flo. Er dreht sich Locken. Das sieht extrem albern aus. Flo glaubt, dass jede Frau ein authentisches Selbst besitzt, während Männer schlichte Kontingentwesen sind, die nach einem Revolutionsregierungsschlüssel unter den Frauen verteilt werden sollten. Wir sitzen in der U2, ich beobachte Rumänen bei der Arbeit. Ein Kind sammelt die Münzen der Implodierten in einem Becher. Flo gibt nichts. Er war Spitzensportler, bis er linksradikal wurde. Er verdient von allen am meisten als Onlineredakteur. Er nimmt jede erreichbare Ausnahme- und Chefstellung ein. Er kann nichts Erhebendes links liegen lassen. Er steht in der ersten Feuerlinie des Konsumismus, aber er widersteht nicht. Sobald seine Tochter in die Schule kommt, wählt Flo CDU. Darauf wette ich.

Auch als Feminist ist Flo Streber. Seit Kurzen dient unser Schreibtischaktivist und Erster Vorsitzender (Deckname Max Wood) Genossin Gerda als Gatte. Gerda behauptet, Flo habe seine Männlichkeit auf dem Weg zum Menschsein überwunden. Das ist schon ganz schön gemein und für Gerda auch zu smart. Vermutlich haben ihr Genossinnen die Formulierung eingeflösst. Schriebe Flo über rumänische Kreativbettler, käme auf jeden Fall „Existenzielle Unbehaustheit” als Überschrift in die engste Wahl. Wir steigen aus, Flo muss sich auffällig machen, um nicht so zu wirken wie ein Autochthoner mit hohem Status. Ich kaufe mir eine Butterbrezel, ohne Flo zu fragen, ob er auch.
„Du kannst immer noch nein sagen”, sagt er, während ich dem Schnittlauch auf der Brezel meine Aufmerksamkeit schenke.
Natürlich kann ich nein sagen und weiter im Café Acquis Schnösel bedienen, die ihre Karrieren geplant haben und nicht für die Nachlässigkeiten anderer Leute zur Verantwortung gezogen werden möchten. Ihnen schwebt eine Kennzeichnungspflicht für eingefleischte Gesundheitsverweigerer vor.
„Ich hab schon gepackt”, entgegne ich.
„Bitte, Lyd, denk immer dran, ihre Männlichkeit ist toxisch.”
Das Lied von der toxischen Männlichkeit höre ich seit Jahren. Seit wir die Frankfurter im Visier haben.

Noch mal zum Mitschreiben:

Die ethnisch gemixten Halbbrüder Goya-Tecumseh Hesselbach und Hannes Fleckenstein sind stellvertretende Kassen- und Spindwarte des sozialdemokratischen Kampfverbandes Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe (NKLL). Die waffenaffinen Chauvis betreiben eine Enttarnung der antideutschen Merkelbande, der Flo als Florian Merkel an erster Stelle zugehört.

We are more apt to mislay letters containing bills than checks. Stonewall Thunderbolt

Nach der französischen Revolution entdeckte man, dass Ansichten, die vorher den herausragenden, bei Hof zugelassenen Denker gemacht hatten, volkstümlich geworden waren. Die Revolution habe den menschlichen Geist beschleunigt, schrieb Joseph Görres. Andere Autoren reichten der Skepsis ihre Feder: Man treibe bei jedem Wetter Ideenkommerz. Aller Unfug vervielfältige sich wie ein Blitz im Spiegelsaal. Das beschreibt genauso gut die Verhältnisse im Gernegroß, der von Nafri Nasenschweiß 1794 im Kreißsaal der Burg gegründeten Suppenküche für privatinsolvente Kleindarsteller. Tanja, die wenig verdient und ihrer Selbständigkeit eine dramatische Bedeutung gibt, ist auch am Theatertresen eine vorauseilende Zahlerin. Sie hält ihr Portemonnaie ständig im Anschlag. Hannes darf ihre Zeche nur nach Absprache und mit der Aussicht auf verdoppelte Gegenleistung übernehmen. Apfelweinkönigin Toni, die auf dem Kissen eines Familienvermögens ruht und ihre Abhängigkeiten genießt, ist selten flüssig. Manchmal inszeniert sie sich als säumige, grundsätzlich jedoch zahlungswillige Verkehrsteilnehmerin, in der Erwartung, dass man mitspielt. Signale des väterlichen Reichtums beleuchten ihre dekolletierte Eigenliebe. Während Paula (die vor dem Arbeitsmarkt kapituliert hat) Nasenschweiß besetzt hält, Tanja sich Hannes zuneigt, Stella von Goya angezogen wird, Sprotte an Ricco hängt, Heike mit Horst, Silke mit Hartmut, Valerie mit Rosahemd und Babu mit Schatzi ins Eheepische ausgreifen, prüft Tanjas Ex Rocko Tonis Zugänglichkeit. Rocko markiert den stellvertretenden Geschäftsführer der Burggaststätte. Er macht gemeinsame Sache mit seinem Vorgesetzten Igor dem Schrecklichen (Geschäftsführer auf Lebenszeit). Er streckt sich auf einer langen Bank zwischen Kolonialwarenhandel für Bessergestellte und echter Kriminalität. Rocko geht die Dinge starkmäulig frontal an. Das macht sonst keiner im Gebiet. Wir sind lautlos und kommen hinten herum durch die Faust.

Toni kann über den Angelegenheiten der anderen im Tratsch die eigenen vergessen. Sie makelt ihre Bequemlichkeit. Sie drückt vorsichtig die Tube und trägt sanft auf. In Wahrheit ist sie so kalt, gleichgültig und roh wie die besten. Es genügt kaum fürs Erste, dass ihr Rocko den Pudding der neuen Köchin von Finja, die der König ausgeliehen hat, zum Probieren im Gernegroß servieren lässt und alle wissen wollen, wie der neue Pudding schmeckt. Rocko kümmert sich privat auch um Finja, nur jetzt nicht. Er scheucht sie aus dem Theatersaal zurück an die Front in der Gaststätte. Finja kennt ihren Platz im Leben. Ihr speichelnder Liebreiz möbliert höchstens ein Randgeschehen.

Am Hof Ludwig XVI. verstand man das Geschäft des Speichelleckers als Lehrberuf. Unterwürfigkeit spielte mit Gelenkigkeit zusammen in Allianzen, die euch zwar nichts mehr sagen, den Damaligen aber bis zur Gleichgültigkeit geläufig waren und natürlich erschienen – da sie soziale Stoffwechselfunktionen erfüllten. Als dann der Hof weggefegt wurde, ergaben sich für seine Milieus oft nur Rinnsteinlösungen, wenigstens im Vergleich mit einem beim Sonnenkönig akkreditierten Speichellecker.

Wer zum Fintieren erzogen worden war, konnte sich als Spieler und Rummelplatzfechter durchbringen. Dealer ging auch, zu einer Zeit, als Drogen in allen Boutiquen der Anschauungen rasend gepriesene Gebrauchsgegenstände waren. Nasenschweiß rückt den Alkohol in einen überzeitlichen Rahmen. Der Wein habe „Europa stärker verändert als das Schwert“. Er vermutet, dass die verflossenen Jahrtausende Wirkungen des Weins schwächten. Er erinnert an Weinfeste der Götter, die wie Kokainorgien über den Horizont gingen. Nasenschweiß betrachtet den gelinden Rausch als kultivierendes Moos auf den Findlingen der Gewalt, die zu Völkern und Staaten führen. Er stellt Wein als eine Sache hin, die Eroberungszüge überdauert. Stark schwitzend trinkt er Rheingauer Riesling aus einer Bindingtonne. Zur Ergänzung kippt er Tittenterror (kurz ToTiTe, vollständig Tonis Tittenterror). Der Brand lässt sich kaum korrekt bestellen. Toni wünscht zwar, dass ihr Busen zur Kenntnis genommen wird, doch nicht von jedem und von den wenigstens so unverblümt.

Die Burg ist ein Ganzjahres- und Allwetterziel, wie es in Reiseführern heißt. Nihan Jiménez erscheint mit Gilla Solange. Hello again. Der Brezelbubb spielt den Bembelblues in der Lederhose. Ein ewiger Komparse glaubt, es könne einmal wieder um ihn gehen. Hannes ignoriert den lebend verwesenden Don Mistmann konsequent seit zwanzig Jahren. Aus seinem Überleben (in der Branche, nicht etwa in einer Kneipenküche) leitet Mistmann einen Anspruch auf Achtung ab. Wie lächerlich ist das denn.
Plötzlich geht die Tür auf und eine Fremde erheischt die Aufmerksamkeit der Eingeschweißten. Ihre Toilette war eine Offenbarung, schrieb Rodger van Buren in seinen Memoiren. Ihr wisst Bescheid. Das ist Lydia Wladimirowna Kapanina, genannt Tiger-Lyd auf Brautschau, wie die Genossinnen sagen. Die Aktivistinnen verwenden Begriffe aus dem Grappling für den Geschlechterkampf. Dann wollte die Braut mich mounten.

Aus Wikipedia: The mount, or mounted position, is a dominant ground grappling position, where one combatant sits on the other combatants torso with the face pointing towards the opponent's head. This is very favourable for the top combatant in several ways. The top combatant can generate considerable momentum for strikes such as punches or elbows to the head of the opponent, while the bottom combatant is restricted by the ground and by the combatant on top.

Oben und hinten

Der König betritt das Reformatorium im Strampelanzug. Obwohl er lediglich Gevatter Nafri Nasenschweiß im Gernegroß, der kreativsten Kleinkunstbühne Deutschlands (Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau), einen Besuch abstattet, kommt er elementar rüber. Er betrachtet sich als Erzieher des Gesindes so wie aller Welt in ihrer Vorstelligkeit am Tresen im Gernegroß genauso wie in der Ewigkeit seiner Kommandobrücke (dem Burggaststättenbuffet). Tanja lässt es sich nicht nehmen, den König selbst zu bedienen. Ihre Zugangsberechtigungen gestatten (anderen bei Strafe verbotene) Überschreitungen. Tanja darf zu ihrem Vergnügen Gäste versorgen, Kollegen unterstützen, Not am Mann ausrufen, sich selbst und ihre Freunde zu Stoßzeiten mit komplizierten Getränken versorgen. Ich kehre zu die Feinheiten rechtzeitig zurück. Um seine Bedeutung herauszustreichen, verlangt der König zudem etwas von Oben. Oben liegt nicht höher als hinten. Kein anderer als der König sollte auf die Idee kommen, die königliche Gaststätte oben und Nafris Gernegroß hinten zu sehen. Nasenschweiß entschließt sich, den Widersacher momentan kindisch zu finden.

Na lauf schon, sagt der König generös. Doch sagt er das nicht zu Tanja, die von einem Anruf eingefangen wurde und geblendet wie ein Reh auf der Landstraße dasteht, sondern zu der Neuen, einer realsozialistisch weizenblonden Russlanddeutschen. Die falschen Papiere der Eltern machen aus Lydi, wie wir Hessen sagen, auch keine richtige Russin. Das ist aber egal. Hier kommt die Rote Armee, sagen wir und lachen. Die Rote Armee hat angeblich den Krieg gewonnen. Nur komisch das. Seit ihrer ersten Nacht in der Burg, hat Lydi keinen Fuß mehr vor das Tor gesetzt. Man gab sie Igor dem Schrecklichen. Der königliche Geschäftsführer hat lebenslänglich in der Burg. Sein Geschick erschöpft sich in der planvollen Unterdrückung von Köchen und Läufern. Besser stellt sein Regime Serviererinnen, die auf den Burgverdienst nicht angewiesen sind. Ihnen zahlt Igor mehr als den Bedürftigen. Doch werden alle als Sklaven geführt in der Registratur des Reformatoriums.

Igor nennt alle (außer dem König) Kurwa, das hat also nichts zu sagen. Lydi wohnt in der Kemal Atatürk Suite, einer Bruchbude unter dem Dach. Der Vater des Königs hatte darin auf den Vater der modernen Türkei eingeschworene Gastarbeiter untergebracht. Er sagte noch Fremdarbeiter und meinte das auch so. Der Unterschied zwischen einem Ausländer und einem Zwangsarbeiter erschien kaum der Rede wert. Untermensch sagte sich leicht. Das Burgfaktotum hatte eine Lagerkarriere absolviert, bevor der alte Wundersamen es unter seine Fittiche nahm. Von da an schob es keinen Kohldampf mehr.

Als Kind erschien dem König der Geist einer schwarzrotgoldenen Speckseite. Alles drehte sich um Sauerkraut, Kartoffelbrei, Speck und Tafelspitz. Wer der Mutter zur Hand ging, war Magd, ob nun dumm und dankbar wie Evchen (die Verniedlichung bezeugt ein Schicksal) oder verbittert von Flucht und Vertreibung wie jene heruntergekommene Gutsherrin, die mit geraffter Schürze den täglichen Kartoffelberg bezwang, ohne je laut zu klagen. Sie bewahrte sich im Ressentiment. Die Verachtung half zu überleben. Überlebt werden musste das Erloschene. In den Toten rumorte das Leben.

Viel geschieht zur Feier des Überflusses und im Kampf gegen den Überdruss. Im Abseits des Spielbetriebs ist das Gernegroß eine Honigfalle der Exogamie. Manche sagen einfach Frischfleischtheke. Im Angebot sind Tanja, Finja und Lydi. Ihre Rekognoszierungen tarnt ein Fleckmuster der übertourigen Hilfsbereitschaft.

Wer seine Grand Tour durch die Betten bereits absolviert hat, kann beim Kaffeekränzchen ein wissendes Lächeln aufsetzen. Er kennt die primitive Struktur dieses Frankfurter Stamms. Der Stamm ist in der Frühphase des Ackerbaus stehengeblieben. Er zeigt in den Gebietsgrenzen Merkmale einer nomadischen Jäger- und Sammlergemeinschaft. Man geht richtig von Rückbildungen aus, vom Verlust höherer Organisationsformen. – Von einer Vergröberung, die wie Bollwerk & Labyrinth gegen Infiltrations- und Übernahmeversuche wirkt. Was nach Prä aussieht, ist oft Post, ist Rückkehr im Vorwärts. Das gibt jeder Neuen Rätsel auf. Jede könnte woanders ihr Glück suchen. Alle sind frei. Auf dem Bock dieser Lüge erfolgen die Abrichtungen.
Hannes interessiert eine Pornografie der Erwartungen im zwanghaften Streben nach Optimierung und einem idealen Gebrauch der Fetische zur Zeit der Französischen Revolution. Lydi möchte dringend mehr wissen. Das nächtliche Nordend schließt sie auf. Lichtglasuren wie in Sankt Petersburg. Das späte Publikum behält den Agenturschick bei. Plaudereien auf Spielplatzbänken, die Flasche kommod im Kübel. Hannes verzichtet auf einen Kontrollbesuch im Schwarzburg Zweiundachtzig. Ein gemeinsamer Auftritt mit der Russin könnte falsch verstanden werden. Er lenkt Lydis Aufmerksamkeit auf walzernden Flieder. Für den sonderbaren Paarlauf wählt er einen Seitenweg, gesäumt von Gemeinem Schotendorn. Lydi bedenkt die Absonderung. Von der Französischen Revolution hatte man sich eine Entfesselung des Ackerbaus und die Erhebung des Eros versprochen. Spekuliert wurde auf Kühnheit im Gespräch. Das besser gekleidete Volk würde besser essen. Der strotzende Pächter sollte das gnädige Fräulein glücklicher machen als seine Indolenz, der Marquis. Die solcher Ehe entsprungenen Kinder wären gewiss tätig, einsichtig und frei (vom Rauchfass der Kirche). Bei gleicherer Verteilung der Glücksgüter erwartete man weniger schweflige Begierden und sklavische Kadenzen. Zugleich fürchteten Schriftsteller, dass erotischer Egoismus die Freiheit zugrunde richten könne. Hannes zitiert Heinrich Stahlheim, auf den sich Bataille beruft. Stahlheim war ein verfrühter Büchner, doch frei von Genie. Befreundet mit Lafayette. Lydi belächelt den Eifer ihres Begleiters.

Im nächtlichen Nordend beschreibt Hannes der eingeschleusten Russin das Migrantenmilieu zur Zeit der Französischen Revolution in Paris. Hatte man sich zu etwas hinreißen lassen, verschwand man auf sechs Wochen und kroch dann wieder zum Vorschein, um weiter zu poussieren mit adligen Randerscheinungen des Hofes, die überhaupt nicht erkannt wurden als totally plemplem. Ihnen war beigebracht worden bei jedem Wetter zu tirilieren. Um die Beute bemühten sich Aufgeklärte aus Deutschland und der Schweiz, Flüchtlinge, Spione, Journalisten. Während der Hof schlief. Die Kronzeuginnen in den Betten der Konspiration hätten Ludwig besser als jede Geheimpolizei informieren können. Die wie in einer Drehtür zwischen Macht und Verrat gefangenen Bräute ängstigten sich Tag und Nacht. Sie teilten mit der Krone die Furcht vor dem Volk, vor allem fürchteten sie den verleiteten Bauern. Der Bauer war an sich sein eigener Knecht. Ein Herr musste ihm bei der Unterschrift die Hand führen. Seine stiere Dummheit provozierte Befürchtungen wie bei afrikanischen Übernahmen; wenn der schwirrende Kopf einer vom Geisterglauben untergrabenen Desperadoarmee die Regierung eines längst gefallenen Staates übernimmt.

Bis zur Revolution hatten nur Schranzen das königliche Privileg zur Führung eines Freudenhaus erhalten. Damit sollte dann Schluss sein, trotzdem betrieben und besuchten diese Orte dieselben Leute wie zuvor. Damit befasste sich Hannes’ Gewährsmann Heinrich Stahlheim wochenlang. Er stiefelte durch Akademien der Liederlichkeit und berichtete von charmanten Compagnien mit Gefallenen aus der derangierten Oberschicht. Für einen Louisdor konnte man die Nacht durchtanzen und sein Elend vergessen. Parolen und Klopfzeichen dichteten das Geschehen gegen die Revolutionswächter ab. In den Verließen des Vergnügens kursierten noch die Titel des Ancien Régime. Gräfinnen trieben die Kuppelei soweit, dass sie ihre Töchter anboten. Stahlheim fand die entmachtete Aristokratie haltlos und ohne Würde. Dass sie so schlapp und verworfen die Revolution einfach überleben würde, um bei der nächsten Restauration förmlich wieder aufzuerstehen, überstieg das Vorstellungsvermögen des Chronisten.

Lydi fühlt sich zu Ergänzungen verpflichtet. Sie schildert ihren Vater und einen Onkel in der halb erfundenen, halb erahnten Charakterisierung eines Typus, der im Ostblock der Neunzehnhundertachtzigerjahre grassierte. Sie erinnert Zimmerpflanzenpersönlichkeiten, die sich mit Staub tarnten und so viel rauchten, bis man sie nicht mehr sah. Verheiratet waren sie mit einer Fraudoktor Kunstgeschichte oder Genossin Melkanlageningenierin. Doch sobald man im Kongresshotel eincheckte, ging das Geraschel mit Tagungsteilnehmerinnen und Reinigungskräften los. Nie wusste man, ob Dissident oder Agent. Oft waren die zwanghaften Fremdgänger (und Wurstfresser) beides.

Jede alte Kultur hat eine Poesie des Kampfes. Im ritterlichen Japan erwartete man wenig von einem Schwertführer, der nicht dichten konnte. Janitscharen hielten sich in der Nacht, die einer Schlacht den Tau gab, auf damit, den Gegner in Schmähschriften extra zu vernichten. Die Verunglimpfungslust beteiligte sich an der Kunst. Auf den alpinen Kämmen Mesopotamiens hatten tausende Jahre zuvor die Beatles der soeben sesshaft gewordenen Menschheit ihrem Lied von Fırat und Dicle Klingen eingeprägt.

„In Europa schwindet die Freiheit, während ein überwunden geglaubter Chauvinismus an die Tröge der Macht zurückkehrt. Die Zivilgesellschaft steht unter Druck”, erklärt Hannes einer traversen Skepsis. „Lass uns Europa für die Ideen der französischen Revolution wieder erobern, ganz so wie Garibaldi 1860 Sizilien den Bourbonen entriss.”

So flamboyant spricht der stellvertretende Kassen- und Spindwart der NKLL (Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe). Hannes ist auch Meister des Todesbembels, zweiter Vorsitzender der Hesselbach Fighter Assoziation und Fördermitglied im Freundeskreis der Nordend Defender. Er begleitet Lydi bei ihrem ersten Gebietsgang seit sie eines Nachts in der Burg aufschlug. Offenbar darf sie sich frei bewegen. Lydi fand noch keine Gelegenheit, ihrem Führer Florian Merkel Bescheid nach Berlin zu geben. Ihr Telefon verschwand zuerst, bevor sie den Verlust ihrer Papiere bemerkte. Sie meldete das Igor dem Schrecklichen, er speiste sie mit Haferkekesen ab. Lydi kriegte eine Dose zum Ersatz, so einfach und zweckmäßig wie ein russischer Traktor.

21. Juni 2017

Hessenmeister

Ein Lederstrumpf in der Wetterau

Im Abseits des Spielbetriebs ist das Gernegroß eine Honigfalle der Exogamie. Manche sagen einfach Frischfleischtheke. Tanjas Rekognoszierungen tarnt ein Fleckmuster der übertourigen Hilfsbereitschaft

Mit dreizehn verliebt er sich in ein älteres Mädchen, das gegen den Willen der allein zuständigen Mutter auf einem Hof im Wald von Lämmerspiel haust. Manche halten Sony für außerirdisch. Sie ist ein allegorisches Geschöpf, das vor lauter somnambuler Selbständigkeit selten in die Schule kommt. Sony singt die Weisen einer alten Jugendbewegung und begleitet sich dazu auf dem Akkordeon. Sie reitet ihr eigenes Pferd und badet vom Frühjahr bis zum Herbst in den Mühlheimer Steinbrüchen.
In einer eiskalten Nacht steigt Hannes aus dem Kinderzimmerfenster, schnappt sich sein Fahrrad und fährt in den Lämmerspieler Wald. Sony ist nicht da. Der Bauer, informiert vom Kettenhund, erlaubt Hannes nicht, im Haus auf Sony zu warten. Der Junge geht im Wald gegen die Kälte an, bis Sony erscheint. Sie zeigt sich weder erfreut noch verwundert. Später tritt Katja auf. Ihrer südafrikanischen Mutter gehört die Galerie Neuland in der Goethestraße. Katja trägt zum Unterhalt von Sonys Pferd bei. Sie hat alles für ein Frühstück dabei, abgesehen vom Kaffee. Sony borgt ein halbes Pfund vom Bauern. Der Junggeselle entbehrt nicht lange die Fürsorge seiner Mutter. Er hat dem Fachwerk seines Hauses eine Eternitfassade verpasst. Er unterhält einen Fuhrpark, der für den öffentlichen Verkehr nicht zugelassen ist. Er hängt am Tropf einer Geistesträgheit, die es ihm erlaubt, sich bei Sony Chancen auszurechnen.
Hannes leiht sich die Lederjacke von Katja, Katja zieht was von Sony über. Hannes bemerkt die Stockungen nicht, die den Vorgang begleiten. Die Jacke ist kostbar. Hannes läuft wochenlang darin rum, er vergisst, dass sie ihm nicht gehört. Ein Fleck kommt zum anderen. Zu ihrem Entsetzen muss Katja energisch werden. Sie eskaliert ob der Stieseligkeit des Jungen. Endlich stimmen die Besitz- mit den Eigentumsverhältnissen überein. Selbst die gründlichste Reinigung stellt den ursprünglichen Zustand der Sache nicht her. Jahrelang trägt Katja die nachlässige Behandlung ihrer Jacke und ihres Willens Hannes nach. Sie kann heute noch kein gutes Haar an ihm finden.

Gewinne aus Geduld, die sich nie eingestellt haben. Jahrzehnte hat Opa Johann mit Baulanderwartungen Äcker auf der falschen Seite von Kaltental gekauft. Sie kamen und blieben in der Obhut von Pächtern, die selbst Grund genug besitzen, um stolz und halsstarrig zu sind. Unheimlich ist Hannes ein kleinwüchsig verwachsener krankhaft reizbarer Landwirt, später Spross eines Geschlechts, das im Mittelalter seiner Vernichtung entging, als die Pest Kaltental entvölkerte und nur sechs Fortpflanzungsfähige übrigließ. Eines Tages kommt der im Müßiggang fleißige, für jeden Schaffer unbegreifbar durchs Leben schlendernde Hannes dem Bauern in die Quere. Der kann sich den Jungen, so oft er ihn gesehen hat und so geläufig ihm auch die Mutter war, nur auf einer Diebestour oder sonst einem krummen Weg vorstellen, weil alles zu etwas gut sein muss. Er äußert sich herablassend von seinem Traktor. Freigeist Hannes verwahrt sich, er ist noch so eingebildet, dass man ihn leicht kränken kann. Der Bauer droht, ihm über den Hals zu fahren. In diesem Augenblick schießt ein Spitz, den Hannes zuvor nicht bemerkt hat, vom Fahrzeug. Hannes trifft volley, er sorgt für eine pelzige Verwirbelung. Außer sich astet der Bauer vom Traktor. Hannes versetzt ihm einen niederschmetternden Hieb. Der Zornhau löst im Dorf Debatten aus. Ich will euch nicht ausmalen, was Hannes geblüht, wäre er nicht der Enkel von Oma und Opa. Ihr Anwesen wird wie ein Aussiedlerhof besteuert. In der Familienwahrnehmung ist es aber der Freisitz eines Herrenreiters.

Ewiger Hessenmeister

Hannes wählt Wege, die für den öffentlichen Verkehr gesperrt sind. Er besucht ein natürliches Amphitheater, das von Eidechsen bespielt wird wie zur Erinnerung an ihre gigantischen Vorgänger: die Motivlieferanten für die Albträume der Menschheit. Er denkt sich dazu das Oval einer Tribüne. Sein Blick wechselt die Richtung. Er registriert schäumende Säume von Weißdorn. Dächer, Rauch und Masten über Bäumen. Hannes beobachtet, wie ein Bussard eine Maus schlägt und schwerfällig aufsteigt. Der Flug kreuzt eine pfeilschnelle Bahn, die einen Querschnitt auf die Sonne zeichnet. Das gefällige Spiel natürlicher Erscheinungen beendet ein leicht entflammbarer Traktorführer. Der Mann erliegt dem Knaben, wie gesagt. Er erliegt einem Schüler des ewigen Hessenmeisters Lutz. Hannes erlebt seine Formung als eine Mischung aus Biologie für Anfänger, Erstehilfe, Jagd- und Kartenkunde, Geschichtsunterricht, Nachtwanderungen, Orientierungsläufen und noch mehr Sport. Mit Spucke und Zeigefinger bestimmt er die Windrichtung.

Lutz ist ein Jagdfreund von Stonewall Thunderbolt (dem Lederstrumpf der Wetterau) und Wayne Raymond (dem leiblichen Vater von Hannes und Goya). Alle vertreten die taktischen Leitlinien von Colonel Aaron Bank. Die Waldläufer erwarten den Russen am liebsten in einer Gegend zwischen Buschland und Sumpf. Ein Schritt trennt manchmal nur wippenden Moorgrund von fester Scholle. Frösche, Schlangen und Bieber beleben das Lagunenmilieu. Entlaufene vegetieren an dieser Peripherie. Die Lagunen locken mit zeitweise zugänglichen Weiden Bauern in die Nutzung. Mitunter treiben die Bauern das Vieh anderer Leute in die strotzende Öde.

Als Zauber gegen Anfechtungen der Schwäche trägt Hannes einen Siegelring des Großvaters. Der Alte predigt Härte. Er arrangiert eine Reihe von Treffen mit dem Tod der Kreatur – schlachten, ertränken, erschlagen, abschießen. Zwischendurch wird Kaffee auf der Terrasse serviert. Roter und schwarzer Johannesbeersaft für den Jungen.
Manchmal erinnert nur noch ein leeres, zur Litanei verkommenes Ritual an eine aufgegebene Lebensform. Das vergessene Wissen der häuslichen Steinbearbeitung. Viele Wörter für ein Ding, das nun belanglos erscheint, deuten auf verlorengegangene Bedeutungen hin. Hannes sucht bäurische Beschreibungen der Wirkungen des spitzkegeligen Kahlkopfs. Er träumt Beweise einer toxischen Produktion in der Nähe profaner Nahrungsherstellung. Kennt man in Kaltental Prozeduren, um Gifte zu gewinnen? Noch gehen Wilderer mit einem Bogen auf die Jagd.
Hannes entdeckt in Feldnischen kolossalbäuchige Figuren, die prähistorischen Idolen nachempfunden sind. Das Christentum lastet auf dem Altglauben, es erschöpft den germanischen Widerstand allmählich. Sagt Opa. Er spricht in Hannes’ Gegenwart mit einem Jägerfreund über unsren Altglauben. Der Kamerad veröffentlicht in der Freiburger Milan Presse. Im Stil der Kalenderblattsammlungen reanimiert er ein Interesse an vergessenen Dichtern.

Publikationszusammenhänge, die ihren Ursprung in der Bündischen Jugend haben, und nach der Gleichschaltung manchmal in jahrelangen Winterschlaf fielen, signalisieren ihre Wandervogelvergangenheit mit heraldischen Geflügel im Signet. Sie erhalten sich einer romantisch antibürgerlichen Inneren Emigration in der Bundesrepublik.
Zu Opas Waffenbrüdern zählen sich gern leitende Herren der Dresdner Bank, ein Förster, ein Ingenieur (mit eigenen Patenten) beim Ferdinand Porsche, der Justiziar vom Bosch, der Zureiter mit dem auf der Krim erfrorenen Gesicht und ein Stuttgarter Kriminalpolizist, der an der Lösung des ersten Entführungsfall in der Bundesrepublik beteiligt war. Der siebenjährige Joachim Goehner folgte einen Tag vor seiner Einschulung im April Achtundfünfzig einem Unbekannten. Die Lösegeldübergabe, es ging um fünfzehntausend Mark, scheiterte zweimal. Bald fand man die Kinderleiche, der Mörder hieß Emil Tillmann. Er brauchte das Geld für seine Hochzeit.
Als Jäger kommen die Freunde ohne Gattinnen (unbeweibt) auf den Hof. Familiärer geht es zu, wenn sich der Kreis im Sporthotel Bühler Höhe schließt. Man spricht über vieles nicht. Zum Grauen gehört das Vergessen.

Hannes fällt auf, dass man nicht sehr freundlich ist zu einem Karlsruher Kunstprofessor, der mit seinem Meisterschüler Rio Ronko im Reiterstübchen empfangen und gleich in den Tattersall geführt wird. Man soll Kunstschaffende nicht mit Gesindel verwechseln. Die wichtigsten Kritiker des Reiches haben sich angeblich positiv. Egal. Opa klopft mit der Gerte ein Stiefelbein. Ricke (die mit uns verwandte Haushaltshilfe) schnappt sich die schon aufgetragene Schwarzwälderkirsch und rauscht damit ab in die Küche. Hannes glaubt zuerst, Oma habe an der Torte etwas zu verbessern gewusst, bis ihm klar wird, dass sie ihren Schutz vor dem Karlsruher Scharlatan und seinem Epigonen veranlasst hat.
Was ist ein Kunstprofessor? Oma und Opa dulden kein zeitgenössisches Werk an ihren Vierwänden. Oma leidet unter vegetativer Dystonie. Sie erkennt in ihrer Haushaltshilfe eine infantile Persönlichkeit. Sie stellt eine Neigung zur Gefallsucht fest. Ließe Oma die Großnichte als feinen Menschen gelten, könnte das Rickes Heiratsaussichten verschönern. Sagt Oma von einem Verwandten, dem mussten wir das Hochzeitsgeld vorschießen, dient die Information einer Vernichtung. Ein mittelloser Hochzeiter wird es nie zu etwas bringen, selbst wenn der Anschein trügt. Das heißt, Hannes, mein Lieber, lass dich mit dem auf nichts ein. Der goldene Mercedes vor seiner Haustür ist Blendwerk. Er gilt so wenig wie ein Fremder. Wer fremd ist, wohnt auch so in einer umgebauten Scheune oder in einer aufgelassenen Raiffeisenfiliale, die wieder Baracke heißt. Den bewacht ein Schäferhund. Der wird morgens auf die Baustelle gefahren und abends vor der Barackentür abgesetzt. Er schließt sich am besten freiwillig ein. Sonntags sieht man ihn auf dem Bahnhof. Da ist er angekommen mit seinem Pappkoffer.
Hannes kehrt aus den Ferien in die Ziehvaterfamilie zurück. Hannes Fleckenstein Senior ist beim Ankermann in der Regel- und Messtechnik. Seine Frau raucht noch an gegen die Vernunft. Ihre Eltern injizieren der Familie beleidigende Mengen Geld, sie garantieren mit ihren Finanzspritzen den Fleckensteins einen gehobenen Standard. Mit dem Standard ist es wie mit (dem Fleckenstein ins Nest gelegten) Hannes. Der Techniker hat nicht darum gebeten. Er steht seiner Frau ratlos fern. Um das zu kaschieren, bewährt er sich im Gefüge des Nordends mit seinen Vereinen und Verschwörungen. Er gibt sich zu wenig Bewegung, von daher verspricht sich die Fettleibigkeit einiges. Fleckenstein ist ein Calmund in der Brandung. Er grüßt den Schwarzen, mit dem seine Frau ihn in der Verlobungszeit betrogen hat, falls es sich nicht vermeiden lässt durch bloßes Weggucken. Weh tut da nichts mehr. Was auch immer Fleckenstein einmal für die Frau empfunden hat, es ist weg. Leid tut ihm der um manche Selbstverständlichkeit betrogene Junge. Plötzlich ist der Junge neunzehn und Anführer einer sozialistischen Gruppe, die Krasnokamensk erkundet. Die Stadt steht grau und verstaubt im Schatten eines Uranbergwerks. Sie gleicht einem geräumten Heerlager. Hannes notiert skelettierte Silos. Rauchende Bauschutthalden. Das Halbfertige und vor der Vollendung Ruinierte als Menetekel. Eine humane Schrumpfform auf dem Grat zwischen Niedergang und Niederkunft. Eine Greisin singt den Abiturienten ein Loblied auf die blanken Stiefel der deutschen Besatzer, die weich requirierten. Anders als die Sowjetsoldaten, die im Steppenflow mit Mist am Haken eintraten und Hühner zusammen mit dem Gefieder kochten.
Die Prozesse der Welt kommen in der Steppe zum Erliegen. Die Geschichte gähnt. Die Zivilisation macht sich dünn. Die Zeit flieht westwärts. Hannes begegnet wandernden Völkern mit thrakischem Erbe, lateinisch geschminkt – ein mit einem Hauch von Latinität angeschmiertes, nach dem eigenen Vieh stinkendes Gesindel (E. Cioran) auf tausendjähriger Trebe russifiziert, immer kurz vor Versklavung. Bodensatz der großen barbarischen Invasionen. Im letzten Zusammenbruch besiedelten entkräftigte Nomaden gelinde Erhebungen der Karpaten (die Niedrigen Beskiden). Die Kämme bieten Aussichtspunkte für Hannes’ rhapsodische Recherche. Der Autor teilt seine Erfahrungen mit Napoléon, Hitler und Opa, der noch zu Filbingers Glanzzeiten im Osten siedeln wollte und die Sache im Grunde seines Herzens nur für aufgeschoben hielt.
Mit fünfundzwanzig will Hannes den Hauptstrom seiner Zeit befahren. Er bekämpft die Masken der Bewusstseinsindustrie. Er ist so auf Zack, dass er bei der Premiere seines ersten Stücks Applaus vom Band einspielen lässt. Hannes ist vierunddreißig und fühlt sich gesalbt vom Wohlstand. Seine Wohnung gehört zu einer mit Bohemewinkeln auf Jugendstil getrimmten Anlage. Eritreer kümmern sich um den Tennisplatz, das Schwimmbad und die Sauna. Sie haben ihre eigene Blockwartfirma aufgezogen und halten sich die Konkurrenz im Schulterschluss vom Hals.
Hannes täuscht Tanja mit einem Gefühlscumshot. Während ein gefräßiger Blick ihre Lage mit Bedeutung schwängert, sieht das geistige Triefauge Nebel aus ominös-aleatorisch bestandenen Senken aufsteigen. In diesem Paradies legt sich Hannes eine Frau zurecht, die keinen Schönheitswettbewerb gewinnen könnte. Er verknüpft Filmszenen mit Standbildern. Er verbraucht ein Dutzend namenloser Darstellerinnen, bevor er Gebietsfrauen zerstückelt. Von daher ist Treue ausgeschlossen. Mücke gehört seit Monaten zu jedem Arrangement. Toni bleibt selten unbeachtet. Es sind nicht die Steffis/Sprottes/Silkes/Stellas/Sandras, deren Geschlechtsmerkmale in den Erregungsteig gerührt werden. Auch Altliebe Valerie bringt nichts, im Gegensatz zu Babus Frau, die Hannes wie eine duselig beschwipste Monroe unter dem Astronautenmond erscheinen kann. Aristoteles rechnete die Poesie zur Musik, Hannes konzentriert sich auf den Sitz des Haras vier Zentimeter unter dem Nabel. Bei der rituellen Entleibung im japanischen Stil geht dahin das Messer. Auch im Nahkampf ist ein Stich ins Tor (des Lebens) bewährte Praxis. Hannes bestrahlt Tanjas Tor nach der (geheimen) Tung Lehre. Leute, die sich nicht genügen und zu Selbstüberforderungen neigen, schließen das Tor, ohne es zu merken. Tanja hat ein EinsAverhältnis zu ihrem Unterbauch. Das Bauchfleisch singt, wie der Fachmann sagt. Tanja ist aufgeschlossen vom Yoga und von einer gesunden, jedoch nicht penetrant gesunden Ernährung. In ihrem Leben gehen auch mal zwei Currywürste auf eine Pappe und eine Kette von vier leichten Marlboro in unter dreißig Minuten. Tanja kämpft sich an die Erregungsspitze dans le cadre de l’univers. Das Wort stammt von André Nocquet, dem ersten europäischen Hausschüler von O-Sensei Morihei Ueshiba, Vater des Aikido.
„Wie machst du das?” fragt Tanja.
„Das ist bloß Energiearbeit, Baby.”
„Hannes, wenn du mich verlässt, bringe ich dich um.”
Noch klingt das wie eine Liebeserklärung.

Hannes schwimmt eine harte Bahn hinter dem fünf Jahre älteren Hartmut her, dann lässt er sich zurückfallen und sucht seinen Rhythmus. Neben ihm bremst Hartmuts von links- auf rechtsradikal umgeschulte Frau. Silke grüßt gnadenlos, das gehört für sie zum Deutschsein. Der Deutsche grüßt den Nachbarn und das Personal. Hannes zieht an. Er darf sich von Silke nicht einmachen lassen. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie Kontakt hält zu den rassistischen Meinungsagenten Max Pfeifer und Max Wood.

Max Pfeifer im Stimmenrausch

…und weiter kamen und gingen gute & bessere.
es sind die schönste nächte, da die fenster offen bleiben …und die bunten vögel fliegen vorbei.
 
terrainbeherrschender ideolocco-mastino
 
der gemeine bekränzte rentenberliner und
kleinstgärtnernde individualverkehrsfundi
ist so selbstverständlich gegen ‘homoehe’
wie das unwort blutschänderisch anbleckt
dabei gibt es weitergehende gründe gegen
bevorzugung verehelichter partnerschaften
die sich nicht unter dem schleier von grau-
stufen ausgrenzender koloratur verstecken
scheinmoral & bevormundung als spießers
lieblingskinder durften gehätschelt werden
wann lernt mensch endlich daß auf rechts
nix lauert als seinswesentlicher sackpfad
Besabbert

agenten der rattenlinie zur strafvereitelung bei nazimördern
saßen u.a. auch im vatikan und waren “nach dem kriege”
immer eine große nummer in der brd-bordsteinpresse
wie im kalten krieg die fluchthelfer bei “republikflucht”
selbst den größten heuchlern unter “judenrettern”
werden freundlichste ehrenbezeigungen zuteil
und die sich an fleischlichem schmuggelgut
aus osteuropa nicht scheren / gütlich tun
sie bewerten nicht ursachen sondern
erklären kurzerhand den nächsten
krieg
schlepper
              oder
                    schleuser
zwei wörter zwei bedeutungen
unter ideologischer definitionshoheit
nahezu gleiches betätigungsfeld für
dienstleister des entkommens
aus einem unerträglichen
herrschaftsbereich der
lebensbedrohlich
entwürdigend
vereinnahmt
bei wem ?
buchen sie
lebenshilfe
sterbehilfe
 
Die Premiumgassenhauer Wankermax Shitfartwood und Scum Fartshitwood-Arthurharris wurden nahe der Bornemann Avenue im Gebiet gesichtet, verkleidet als Schweißbänder von Ivan Lendl. Sie rücken allmählich auf, ihre Spione sind schon überall. Hannes kann nicht mit dem Zug von Baikonur nach Kassel fahren, ohne bürgerlich frisierte antideutsche Begleitung. Der Feind setzt Aktivistinnen ein, die behaupten politisch entspannte Physiotherapeutinnen oder Interventionstheatermacherinnen zu sein. Ich nenne nur Claudia anstelle vieler. Sie operiert unter der Maske einer Candy Arthurharris. Aus dem Max Wood Supervisionsprotokoll vom 03.07. 1999:
Mein Prinzentraum zerschellte früh. Mit fünfzehn wurde ich schwanger. Der Kindsvater war ein Kindskopf. Die bloße Selbsterhaltung überforderte ihn. Wie sollte er da für seinen Sohn sorgen? Um von mir gar nicht erst anzufangen. Er spielte dann keine Rolle mehr. Als Daniel geboren wurde, standen sich meine Eltern zur Scheidung entschlossen, feindlich gegenüber. Sie konnten sich zwar nicht mehr ausstehen, hatten sich aber noch viel zu sagen. Mein einziger Ausweg führte mütterlicherseits zu Oheim Max Wood. Mein Vater nannte Max Wood geschlechtlich ungenau eine verdammte Säuferin mit Hurengenen. Oheim Max Wood fürchtete eine Bastardisierung der Welt wie in Brasilien. Ihm gehörte die Trinkhalle am Wilhelmsruher Damm. Späti sagte man erst später. Der „Springbrunnen“ war rassisch einwandfrei eingerichtet. Darin verkehrten gestandene Taugenichts mit ordentlichen Bürger ohne Umschweife auf harten Bänken geschlechtlich. Oheim Max Wood räumte für mich die rumänische Kammer, einst war der Dunkelraum klandestiner Treffpunkt linksdrehender Sadomasochisten gewesen. Die Sexler erkannten sich am kollernden Gelb ihrer Gamaschen. Nachmittags schob ich Daniel durch den Botanischen Volksgarten. Er hatte es gern, wenn ich sang. Da ich mir keinen Text merken konnte, verfiel ich darauf, Unsinn auf eine Melodie zu reimen.

Daniel war ein angenehmes Baby. Er fühlte sich in jeder Gesellschaft wohl. Besonders angetan war er von den alten Kameraden im „Springbrunnen“. Die Greise geizten nicht mit pädagogischen Ratschlägen. Sie waren sowieso Experten.
Ich verliebte mich in Moritz. Er verriet mir das Geheimnis von Oheim Max Wood durch die Blume einer wahren Geschichte.
„Du kennst doch Puschkin”, sagte Moritz eines im Springbrunnen verwesenden Vormittages. Man hörte sonst nichts außer dem Klappern der Lüftung. Moritz hub an: „Er nannte sich oder man nannte ihn Hannibal nach dem Karthager. Hannibal begann als Schatten von Peter dem Großen und brachte es zum General und Gouverneur. In Paris hatte ihn der tätige Zar zum Ingenieur ausbilden lassen, man konnte Hannibal beim Kasemattenbau kein x für ein u vormachen. Er verschleierte seine Herkunft, doch war es ein offenes Geheimnis, dass er als Janitschare dem osmanischen Barbarossa Mustafa II. gedient hatte und im Herzen orthodox gar nicht sein konnte. Er zeugte zehn Kinder mit Christina Regina von Siöberg und noch mehr mit rangniedrigen Frauen. Oheim Max Wood stammt von dem Mohr des Zaren und einer Kebse ab, das ist die Krise seines Lebens. Er denkt nicht Puschkin, sondern Mischling.”
Das erklärte viel. Oheim Max Wood verbarg die Schande unter einer Schürze.


An meiner Familie kam keiner vorbei. Mein Vater war erster Vorsitzender in jedem Verein. Auch meine Mutter sammelte Ämter. Getrennt tanzten beide auf allen Hochzeiten. In unserem Viertel waren sie links rechts oben und unten ohne Komma. Ich erkannte die Wahrheit in alten Weisheiten.

Robert Schindel behauptet, jedes Ereignis habe zwanzig Jahre nötig, um Literatur zu werden. Die Zeit des durchschlagenden Kulturkampfromans käme erst noch. Ich beschränke mich auf Fragmente und überlasse die Bestimmung der epischen Breitengrade dem Leser. Ernüchterungen und Enttäuschungen bestimmen die Politik der Stimmenrauscher und Fuschersfritzen und wie sie sich auch nennen, so fantasievoll. Es bleiben doch anonyme Feiglinge, die als gesellschaftliche Querfurzer linkes Wasser predigen und den Wein des Establishments trinken. Ihre Milieus sind Leerstellen voller Leergut (Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau); abgegriffen und ranzig nicht erst seit gestern (Feridun Zaimoglu in der taz). Das ewige Gesumse um die unterbluteten Höfe in der Gravitation von genossenschaftlichen Warzen so wie um die eigene Nudelherstellung und die alte Rocknummern in der Beize zum Gehenkten Joe vergrottet lediglich einen schlechten Geschmack. Da leiert alles, so ein Max Wood könnte einem zusätzlich geschenkt werden, man müsste ihn doch kurzerhand zum Leergut packen.

Man hat Adressaten. Wenn man die eines Tages nicht mehr spürt, wird es Wichserei und man muss es lassen. Lothar Trolle

Man wird dann steril – und ist das nicht steril? Max Wood, „Als sie wieder nebeneinander lagen”, aus „Die Trauerränder der Augenringer”, Radical Asspic, BP 1998)
Als sie wieder nebeneinander lagen/ Als sie wieder nebeneinander lagen yeah/ yeah/ da schämten sie sich ihrer Gier nicht// nicht für den Speichel schämten sie sich// für die hormonelle Nässe nicht/ nicht für den Schweiß und den Slèyl/ und yeah/ ja yeah/ oGott yeah// da fühlte sich #ICH auf einmal angenommen.

Feridun Zaimoglu schreibt: „Max Wood beschwört die einfache Gitarre im fahlen Zauber eines zersprungenen Mondes. In lyrischen Rückblenden erzählt der Dichter von einer „erfüllten Beziehung“, wie man Verhältnisse früher nannte, die nicht zwangsläufig in Ehen ausliefen. Sein devitales Ich wirft sich die Dummheit vor, nicht erkannt zu haben, dass es mit Leanda gemeinsam eine Ideallinie des Lebens zog. Immer wieder tour de poitrine. Offenbar imaginiert sich es männlich, es sieht sich ständig entre les seins. Nachbesprechungen einer großartig gescheiterten Liebe finden bei verschwiegenen Griechen so wie an europäischen Gestaden und auf Berliner Avenuen statt.“

Affektiver Individualismus
Max Wood trifft Leanda zufällig im Schlosspark. Mit einem Garnelenfang ist Leanda auf dem Sprung zu Freunden. Den Wein mitzubringen war ein Versprechen vom alten Max Pfeifer. Nach dem Essen soll wieder die Nordend-Kanakster-Lauf-und Lerngruppe medial getriggert werden. Huch, wie aufregend.
„Komm doch mit”, lädt Leanda den Ex ein. Sie verkneift es sich, Max Wood „Hasi” zu nennen, so wie damals. Max Wood hält ein halbes Dutzend Sturzhelme auf seinem Kopf in Balance. Das artistische Bravourstückchen löst im Umkreis der Begegnung Verwunderung aus. Jemand verwechselt ihn mit einem Tennisspieler von lokaler Größe.
„Wie kommen Sie denn darauf?” fragt Leanda erschrocken.
Max Hasiwood unterstützt sie in seiner eigenen Sprache: „Schühümlali, dö-Glüüdnöz.”
„Was für eine Merkel”, pflichtet Leanda bei. „So florianal.”

8. Juni 2017

Hessenmeister

Über das Stolpern

Antigonos sucht den Tod am Nachmittag, nachdem er beim Morgengang gestolpert ist. Als Tanja auf der Schwelle zu einem erotischen stopover stolpert, weiß sie, dass Roger nicht mehr lange ihr Geliebter sein wird.

Wer denkt daran, dass mit Marcus Iulius Philippus (Philippus Arabs, ca. 204 – 249) auch einmal ein Syrer römischer Kaiser war. Er einigte sich mit einem Herrscher des zweiten persischen Großreichs als Unterlegener. Er kam aus einer Kultur, die sich selbst kaum spiegelte. Sie wurde von expandierenden Kräften als Konglomerat lokaler Phänomene empfunden. Auf einem Feldzug ändert sich die Landschaft, plötzlich greifen langhaarige Kameljockeys an. Ein Anführer findet Erwähnung als (den Assyrern tributpflichtiger) Chef der Aribi. Leute seines Schlages treten auf der Weihrauchstraße in Erscheinung. Ein einäugiger Halbbruder des Marsyas’ schlägt sich 312 vor unserer Zeitrechnung mit den Nabatäern, einem zwischen Raub und Handel schwankender Stammeszusammenschluss, der vierhundert Jahre später die Bevölkerung der römischen Provinz Arabia petraea stellt. (Die Römer unterscheiden zwischen Arabia felix, Arabia deserta und Arabia petraea.) Die Himyaren konkurrieren mit den Persern und verstellen den Römern den Weg nach Indien. Sie werden Christen und haben schließlich einen jüdischen König, den alten Yusuf Asʾar Yathʾar. Die arabischen Stämme der vorislamischen Zeit sind christlich oder jüdisch oder polytheistisch. Sie neigen zu einer ruinösen Lebensweise, die sie in einem Zustand der Schwäche hält. Die Schwäche verhindert, dass man sich auf Kosten nachlassender Nachbarn vergrößern kann. Man bleibt eingeklammert zwischen Byzanz und Persien. Der Islam beendet das politische Larvenstadium. Er wirkt sich im Nahen Osten so aus wie die Reformation in Europa. Er setzt Strenge an die Stelle ruhmsüchtiger Freigebigkeit und stopft die Löcher anarchischer Verschwendung. Dieser Prozess folgt einer Sanktion. Der vom Stammesausschluss bedrohte Mohammed schafft eine alternative Bindung. Das ist die Bindung zwischen ihm und seinen Anhängern. Sie überwindet die Beschränkung auf den Stamm und erlaubt die Hinwendung an eine stärkere Ordnung. In den Phasen der Eroberungen führt die Konzentration zu immer größerer Konzentration von Energien und ihrer Disziplinierung. Nach den Eroberungen lebt die muruwa der Stämme wieder auf, eine Tradition der Gewalt und Verschwendung und der Poesie. Via Andalusien erreicht der arabische Einfluss Frankreich, färbt das europäische Rittertum und wirkt sich aus aufs Troubadourwesen.

Der verheiratete Lama

Für die Mongolen ergab sich nach dem Ende der Qing 1911 eine Chance zur Unabhängigkeit. Ein verheirateter Lama namens Bogd Khan wurde zum Herrscher bestimmt – und wieder abgesetzt, als die Chinesen zehn Jahre später ihren Machtanspruch aufleben ließen. Ein deutschbaltischer Baron überrannte die Usurpatoren mit einer Division berittener Barguten, der Mann stand für den ermordeten Zaren gerade. Er hatte okkulte Anwandlungen, vielleicht sogar seherisches Potential. Er sprach Mongolisch, beherrschte die mongolische Schrift. Er schob Bogd Khan zurück auf den Thron und verband sich mit einer Prinzessin. Ein halbes Jahr tobte er, gekleidet wie Dschingis Khan, in der Steppe, dann holte ihn Damdiny Süchbaatar, Gründer der Mongolischen Revolutionären Volkspartei, vom Pferd. Wieder war ein Traum zu Ende. Das Ende musste nicht lange überlebt werden. Nichts erscheint dem Katzenjammer förderlicher, als das andauernde Erwachen aus einem Traum, den man genauso gut einen Machtrausch nennen kann. Hannes skizziert Einfälle zu dem Baron, der sich für die Reinkarnation des großen Khans, wenn nicht für einen Fleisch gewordenen Kriegsgott hielt – und zugleich für einen guten Monarchisten, wie gesagt.

Bushido

„Die in der Ferne mögen lauschen; die in der Nähe können es sehen: Ich bin Tsutsui Jomyo Meishu, der Priester; der lebt in Miidera. Wer mich nicht kennt, einen Krieger der tausend Männer wert ist? Wer glaubt, jemand zu sein, der komme her und dann werden wir sehen.” Tsutsui no Jōmyō Meishū

Die Atzeken opferten so (angestrengt) wie wir arbeiten. Georges Bataille

Marsyas’ Halbbruder Antigonos I. (382 – 301 vor unserer Zeitrechnung) ist ein Gefolgsmann des Feldherrn Alexander und nach dem Tod des Großen ein Thronanwärter neben anderen. Er gründet die Dynastie der Antigoniden. In seiner Hochzeit herrscht der Diadoche über das alexandrinische Asien von den Dardanellen bis zum Indus. Man erhebt ihn zum Gott, darüber lacht er. Sein stärkster Einwand gegen die eigene Göttlichkeit: Götter bluten zwar, aber sie verdauen nicht. Antigonos interessiert nur die irdische Seite der Macht. Nach hundert Schlachten findet er seinen Anspruch auf die ungeteilte Nachfolge des Legendären legitimiert. Er krönt sich selbst. Das regt zur Nachahmung an, Alexanders greise Generäle streiten um ihre Bedeutung im historischen Schatten einer Jahrtausendgestalt.

Unerwartete Niederlagen

Die Nabatäer spielen als Handelsreisende, Aloedealer, Bitumenernter und Wüstenfüchse unkommentiert in der Regionalliga, bis ihnen die Geschichte 312 vor unserer Zeitrechnung einen Fries meißelt. Ihr Verbreitungsgebiet im Nahen Osten verlängert in der Logik griechisch-kolonialer Namensgebung die Schlachtfeldliste der Diadochenkriege. Die Nabatäer widerstehen einem imperialen Ansturm in Pantoffeln, Antigonos verliert im ersten Durchgang fünftausend Männer. Den nächsten Versuch überlässt der makedonische Haudegen einem Sohn. Demetrios belagert die Nabatäer, nach seinem Scheitern im offenen Kampf. Die Pantoffelhelden speisen ihn mit ein paar vornehmen Jungfrauen als Tributleistungen ab. Ihre Art und Weise bleibt noch lange beduinisch, bis die Nachahmungen griechischer und römischer Allüren durchgreifen und Könige nach ihrem Tod zu Göttern erklärt werden. Sie verfallen der Sesshaftigkeit und erklären Petra zu ihrer Hauptstadt. Selbst der König trägt da nur einen Tiefschutz zu seinen Schlappen.

Der Tod, den einer jung im Kampf findet, gilt als Privileg. Antigonos überlebt seine Jugend um Jahrzehnte. Was er zusammenhält von Alexanders Großreich, ist nicht für seine Bequemlichkeit bestimmt. Jugendfreundschaften zerbrechen. Alte Gefährten nehmen als Feinde Anteil am Geschehen.

Antigonos führt sein Leben lang Krieg, bis er mit achtzig den Harnisch abwirft und einen Pfeilhagel auf sich zieht, nachdem er sich in der Stunde vor dem Kampf so geschwächt gezeigt hatte, dass seine Leute ihn stolpern sahen.

Nun etwas von Max Pfeifer, einem Stimmenrauscher der ersten Stunde:

nicht die zeit
kein gutes land
zu wenig platz für
mach doch auch mal
uns ein einliebegedicht
was buntes zum frühling


deli-vt
spontandiagnose
neulich auf der rampe
sr verspielt einen seriösen ruf
durch sicherheitslücke bei erstimpfung
fertigt kinderpilot auf billigflieger erwachsene ab
in diesem moment schlagen die tödlichen erreger zu
selbstverständlich billigfliegen bleibe sexy jetzt bloß nicht…
aber im kampf gegen terrormasern dürfe uns kein opfer erspart bleiben
wird die geschichte zu frech geht’s übern lenker… oder sonstwie in die zersetzung
hollywood kauft den plot über verbindungsleute die lenken sollen aber nicht mehr denken wollen
verschwörungskamikaze bei keimender billigkonkurrenz sorgen für bewegung das stärkt quote per wahnvorstellung
und wir fahren mit dem veganfahrrad nach brandenburg ins tropical island schon wegen co2 und so… iss ja ooch nich ville teura
 
merke: nicht das individuum sondern humangesellschaft goes borderline, paranoid, schizophren, suizidal, regressiv, kannibalisch und… pathographisch

Was trennt die lyrische Schilderung einer Person (wie den in einem Jurchtendasein glänzenden Balten, den sich zu Recht rühmenden Bushi, den halbblinden Antigonos, den widerständigen Barbaren oder den schwindsüchtig selbstdichtenden Max) von ihrer außerdichterischen Beschreibung? Die Scheidung des Poetischen vom Prosaischen führt zu der Unterscheidung zwischen intuitiver (expressiver) und theoretischer Erkenntnis. Wer nicht Gefahr laufen will, als Dichter verschrien zu werden, muss Zuflucht suchen bei allgemeinen Begriffen. Um nicht aus seinem Fach zu fallen, denkt Hannes angesichts „der zur Form des reinen Begriffs verflüchtigten Realität” (Hegel) einer nackten Frau in seinem Bett nicht weiter.

Ich fasse erinnernd zusammen. Nach einem bündigen Überlegungen und Gedankenausflügen gewidmeten Sonntagvormittag (ein Saunagang wurde in Erwägung gezogen, eine relevante Anzahl Bahnen im hauseigenen Fünfundzwanzigmeterbecken der Vorfreude und dem Nachmittag anheimgestellt), überrascht Hannes seine verkaterte Geliebte mit beischläferischen Absichten.

Tanja und Hannes sind noch nicht in der Gewohnheit angekommen. Sie bemühen sich um Erstmaligkeitserlebnisse, zumindest um erstklassige Empfindungen. Tanja verschweigt Hannes ihre Schwangerschaft, sie will seine Sorglosigkeit so spät wie möglich schwinden sehen, zumal ihr seine Vaterschaft nicht gewiss erscheint. Die scharfen Silhouetten der Sonnenblumen hinter dem leichten Vorhang im Erker, der wie ein Bauch der Fassade vorsteht und einen älteren Stil zitiert, entgehen ihrer Aufmerksamkeit. Anklänge setzen Tanja auf eine Spur im Salinas Becken auf der Talsohle des Gabilan Gebirges, kurz vor der Bucht von Monterey. Monte e mare – in einem Restaurant aßen Tanja und Roger (eine Wildwasserpersönlichkeit, die Goya als Liebhaber voranging. Goya folgte Rocko, jetzt ist Hannes an der Reihe) Fleischfischkombinationen von ligurischer Provenienz, deren Namen an das verdrängte Volk der Salinas erinnerten. Der Biologe Roger äußerte sich abfällig. Die Salinas seien Madenfresser gewesen, zu träge zum Jagen und selbst als Sklaven nicht zu gebrauchen. Ein paar (auf Gütern von der Größe europäischer Fürstentümer) hängengebliebene Spanier hätten sich aus der Dezimierung ihrer Nachbarn einen Spaß gemacht.

Die Gegend hatte das Glück einer späten Massenerschließung gehabt. Von allen Hängen rann wie ausgegossen Wasser dem Salinas zu. Lupinen, Salbei und Stauden mit scharlachroten Blättern, die Indianerpinsel genannt wurden, überzogen die Ebene vor dem ozeanischen Trichter. Ursprünglich war der kalifornische Pazifikstreifen ein Küstenmammutbaumwald gewesen.
Das Holz der Sequoia sei unzerstörbar, behauptete Roger. Sein körperliches Interesse an Tanja erschöpfte sich nicht auf der erotischen Ochsentour. Seine Einfälle fand Tanja abenteuerlich. Die Freundschaft hing ganz vom Sexdrive ab. Als ließe sich nur so ein Verbundenheitsbeweis gültig erbringen. Als sie nicht lange nach dem Amerikatrip an der Ederseetalsperre hielten, konnte Roger das bei der Flutung des Waldecker Landes 1914 ertrunkene Goldwäscherdorf Herzhausen als entlegenen Gegenstand seiner Familiengeschichte anbringen, während Schwalben über den leuchtenden Spiegel schossen. Er wusste, dass man in Berlin erwogen hatte, dem Untergang geweihte Mühlen, Höfe und Kirchen experimentell zu bombardieren. Zu diesem Zweck wollte man einen Zeppelinkreuzer einsetzen. Die junge Luftfahrt definierte sich mit alten Marinebegriffen.

Auch Tanja stolpert

Ein Gewitter trieb Tanja und Roger in ein Gasthaus mit Fremdenzimmern. Tanja stolperte auf der Schwelle. Am liebsten wäre sie zurück in den Regen gelaufen. Ihre Ungeschicklichkeit bewies Tanja die Existenz einer Gegenströmung. Das Paar quartierte sich ein, es traf Verabredungen beim Sauerbraten (in einem Raum voller Jagdtrophäen). Roger instruierte Tanja. Sie sollte nach dem Essen vorgehen. Sich vorzustellen, wie verzweifelt Roger auf eine sexuelle Störung reagieren würde, half ihrer Vorlust sich gegen Ablenkungen zu behaupten. In dieser Auseinandersetzung unterlag der Wunsch, die Dinge der Reihe nach durchzunehmen und abzuhaken. Angefangen bei Schankraumbeobachtungen. Wie die Wirtin selbstherrlich auftrat. Die Preisgaben der Einheimischen. Der wiederaufgenommene, halb verheimlichte, zumindest heruntergespielte Gitarrenunterricht verlangte unerwartet ein kritisches Andenken. Bedeutete das nicht, zum wiederholten Mal an einer Sache zu scheitern, die andere ohne Anleitung oder mit mehr Fleiß hinbekamen?

Ihre Meinungen nahm Tanja im guten Glauben an, auch die, dass ein (mit Seitensprungabsichten unverbundener) Flirt in einer festen Verbindung erlaubt sei. Im Augenblick ertrug sie noch nicht einmal, wie Roger im Anblick einer zünftigen Person badete, die mit ihrem Gatten einen Tisch besetzte und den Hut (mit einem Tuff Rosen) aufbehielt. Offensichtlich lag eine Tagestour hinter den Herrschaften. Ihre Erscheinung stellte eine herausgehobene Lebensweise fest. Vermutlich löste das Programm bei Roger Fantasien aus, für die Tanja nicht in Frage kam. Tanja bekämpfte eine Tendenz zur raschen Ernüchterung. Dennoch starb Tanjas Bereitschaft. Zugleich erwachten Befürchtungen. Ob Roger in ihr, allem Sülz zum Trotz, nur ein seiner Sexsucht angenehmes Treibhausgeschöpf zu sehen imstande war, so wie jener im heimischen Landkreis für grottendämlich erachtete Tankwart Piet, der sich Tanja vor vierzehn Jahren auf einem Parkplatz in den Weg gestellt, sie wie eine Tributpflichtige angesprochen und sich an ihrer Verlegenheit geweidet hatte, ohne je zuvor ein Wort mit ihr gewechselt zu haben. Was hatte er erkannt? Dass es (ungeachtet ihrer Begabungen) auch auf Tanja nie ankommen würde?

Piets seelische Impotenz hatte Intuition jedenfalls nicht ausgeschlossen. Seine Interventionen zwangen Leute bösen Spielen mit heiterer Miene zu begegnen. Schließlich konnte Piet als Gebietsidiot nicht für voll genommen werden. Tanja fühlte sich in seiner Nähe schwammig. Sie fürchtete, sich von jenen überhaupt nicht zu unterscheiden, die energisch dem Bodensatz zufielen.


Nun klärte sie der Reiz auf, den eine reservierte Frau für Roger hatte. Tanja änderte die Spielregeln. Roger nahm das hin wie eine Laune. Er verstieg sich in Erörterungen seiner Erinnerungslücken. Sie suggerierten, Tanja könne ebenso gründlich vergessen werden. Irgendwann kam Roger mit dem Edelpaar ins Gespräch. Es sah in ihm den geeigneten Mann für sein Streberwissen. Tanja schrieb Roger ab. Das gab ihr die Leichtigkeit für schöne Stunden.

Tanja ergab sich Erinnerungen am frühen Morgen des folgenden Tages. Der Frühstücksraum lag in einer Ecke des Hauses, die Tanja für privat gehalten hatte. Sie konnte zwischen Tee und Kaffee wählen. Marmeladen und Honig waren appetitlich portioniert. Eine Decke ließ die Tischkanten frei. Die Arrangements erinnerten an einen gehobenen Jugendherbergsbetrieb. Eine Serviererin schenkte gerüsteten Wanderurlaubern linkisch nach, füllte auf, räumte ab und übergab Proviantpakete. Immer wieder wurde sie in die Küche gerufen, die Kommandos riefen der Verlegenen ein flammendes Rot ins Gesicht.

Tanja beobachtete, wie Roger Maß nahm. Er gab sich nicht zu viel Mühe, sein Interesse zu verhehlen. Es drängte ihn, unter allen Umständen auf seine Kosten zu kommen und eine Extravaganz zu riskieren, die Tanja seit gestern nicht mehr fesselte. Ihr fiel ein, dass sie sich zwar an Eigenschaften und Vorlieben der Kinder, die mit ihr großgeworden waren, erinnerte, jedoch kaum je an ihre Namen. Sie überbrückte den Mangel, indem sie die Charakteristika zu Namensgebern bestimmte. Ein Junge hieß Duplo. Eine Eisteefee spielte schöne Tochter, die Mutter neigte zu Verzierungen von Erfrischungen. Sie verbesserte ihr Angebot mit Eiswürfeln, Minze, einer bemerkenswerten Karaffe und passenden Gläsern, um sich über den abgespeckten Service der in Teilzeit und Vollzeit (mit)arbeitenden Mütter zu erheben. Tanja hatte den Aufwand von Frau Eistee als Herabsetzung erlebt und eine Unlust mit dem Kind identifiziert. Andere empfanden genauso, die Eisteefee wurde in späteren Jahren oft übergangen und zurückgelassen. Man wunderte sich, dass sie nicht dabei gewesen war auf einem Konzert oder einen Film verpasst hatte, den alle gemeinsam in der Kreisstadt gesehen hatten: an einem Sommerabend, der zwangsläufig vor dem Café Cortina einen sonntäglichen Zwischenstopp einlegte. Alles andere hatte schon zu, einer der Söhne des Caféchefs spielte bei der Turnerschaft Handball. Jahre später konnte sich Tanja an seinen Namen noch erinnern. Das Kinoerlebnis hatte sie so sehr gebannt (geflasht), dass sie erst wieder ankommen musste in der Realität. Es fuhr kein Zug mehr zurück in die Vorstadt der Kindheit. Man brauchte Jungens, die alt genug waren, um Autos zu haben. Gut war, wenn sie zum Kiffen etwas dabei hatten. Duplo war so einer. Er verliebte sich in jede, die vorgab, ihm zuzuhören. Er löste eine Ablehnung aus, die von der Bereitschaft gemildet wurde, alle Mädchen jederzeit heimzufahren. Duplo durfte sie heimbringen und mitrauchen lassen, solange er sich davon nicht mehr (Aufmerksamkeit) versprach. Passte man nicht auf, kriegte man nämlich seine Wehleidigkeit ab.

Tanja wusste nicht, was aus Duplo geworden war. Das wusste man nie, wenn jemand in Berlin sich noch einmal neu erfand als politischer Dichter, dessen ratlose Eltern den Nachbarn (das durchgängige Versagen) verschleiernde Bescheide gaben. Ich schalte mich kurz ein, um zu melden, dass der Schwachkopf im Dunkeldunst der Linksrassisten um Max Pfeifer und Max Wood so wie unter der erziehenden Aufsicht von Wankermax Shitfartwood und Scum Dirtpig Fartshitwood-Arthurharris zum Hasspoeten geworden war. Seinen Beruf gab er aber mit Sprayer an. Er operierte mit einer Scheinidentität, war überzeugter Maxist in der Wankermax Tradition, Mitglied der Partei und hymnischer Verehrer von Sibli M. Im Café Aliquis rezensierte er konsequent die von Siblis Liquidationsdienst in Sammlungen herausgegebenen Leserbriefe. Er unterstützte selbst emblematische Taqiyya Prosa. Taqiyya bezeichnet die Verheimlichung des wahren Glaubens in Gefahr. Durch die Bluse der Begeisterung erzählte Duplo das Scheitern von Multikultideutschland unter Ferdiun Zaimoglu. Schrieb er Deutschland muss sich, so verlangt es Zaimoglu und wir wollen mit ihm gehen, allen Kulturen öffnen, hieß das in Wahrheit: Auf keinen Fall gehen wir mit dem. Bleibt bei den Frauen unseres Volkes bewachend liegen und lasst nicht zu, dass sie sich mit den Zaimogluten und anderen Negerlümmlern paaren. denn unsere penisse sind aus güld/und hüld sind unsere mayden/manche braucht man nur anzuschauen/um herrlich zu erschauern. Duplo wusste, ihm blieb nur eine Radikalisierung bis zur Konfusion.

Ich füge an, dass eine linksradikal-deutschnationale Ungarin aus dem Max Wood Kreis sich damals anschickte, Duplo die Aufgaben eines Gatten zu übertragen. Verona L. rechnete mit dem Vermögen seiner Eltern. Deshalb lobte sie seine Gedichte. Allerdings verursachte Duplo ihr einen Brechreiz, sobald er küssen wollte. Leichter wurde ihr ums Herz, wenn sie ihn beschimpfen konnte. Ein (an einen Zwang heranreichendes) Bedürfnis, dass schon von Tanja unterdrückt worden war. Duplo, der sich zum ersten Mal von einer Frau, die nicht seine Mutter war, hingenommen fühlte, adaptierte das Programm. Als Unterlegener setzte er auf Willfährigkeit. Darin steckte ein Vorwurf gegen die Eltern, ihn nicht besser hingekriegt zu haben. Sie trugen die Schuld an seinem flennenden Wesen. Er identifizierte sie mit seichten Ansichten. Die Ablehnung des (rauchfreien) Elternhauses erreichte ihren Höhepunkt in einer pasolinischen Passionsszene mit nackten Rauchern vor einem Panoramafenster. Kakteen auf Blumenbänken. Getränke auf Rauchtischen. Duplos Vater raucht ungeniert mit einer Nachbarin. Sein Bauch steht abstoßend vor, der Penis klebt fast unsichtbar (als Faltenfleck) auf dem Hodensack. Die groteske Erscheinung genießt das überwältigende Interesse einer Frau, die seine Hässlichkeit auf ihre Weise erreicht. Nicht eine Person genügte Duplos ästhetischem Verlangen. Der Prospekt raubte ihm die Produktionsmittel zur Verbesserung der Wirklichkeit. Duplo floh in die Passivität und zwang Verona so zu einem Verhältnis ausgerechnet mit dem Berliner NKLL Residenten (The) Maverick Murat Mancini. Beide Männer machen, was ich will, aber nur in einem Fall tut mir das gut, erklärte Verona in einer Sitzung der Max Wood Frauengruppe. Der Gruppenführer erkannte in Duplos Verhalten die unbewusste Erfassung der wahren Bedeutung seiner Insultation. Die Wehrlosigkeit komme von doppelter Rücksicht sich selbst gegenüber. Die Einwanderin Verona suche Duplos Vater nicht nur als Wohlstandsgaranten ohne Abstammungs- und Herkunftsstress, sondern auch als Erzeuger ihrer Nachkommen. In der Gruppe bestritt Verona das Begehren. Sich gestand sie aber ein, dass ihre Lust von Vermutungen und Erwartungen abhing, die sie als Heranwachsende mit westdeutschen Familienvätern verbunden hatte, die ihr reich und sorglos erschienen waren. Ihre ungerechte Privilegierung adelte die Urlauber.

Tanja spürte das Unbehagen eines verblühten Pfadfinders, der in sich gekehrt frühstückte. Er trug die Kluft wie eine Dienstkleidung. Offenbar wollte er erklärende und rechtfertigende Funktionen von seiner Erscheinung ableiten. Tanja vermutete, dass er in seinem Berufsleben genauso deutlich zu erkennen war. Was mochte er sein? Mit der Überlegung entfernte sich Tanja von Roger, der die Lage zu entspannen versuchte. Das Einlenkende widerstrebte ihm.

Tanja sprach den Pfadfinder an. Die seelenlose Automatik, mit der er sich aufgeschlossen zeigte, verriet ihn. Roger ergriff die Gelegenheit, in einem Gespräch Land zu gewinnen und der schwierigen Geliebten dahin zu entgehen. Tanja setzte sich aufs Zimmer ab und packte geschwind nach plötzlichem Entschluss. Sie floh aus dem Haus und stoppte den Sportwagenfahrer Peter. Ein beherzter Zugriff hatte den Hagener reich gemacht. Als Sohn eines Drahtziehers und einer Hausfrau war er auf den Bau und bei einem alten Dieb in die Lehre gegangen. Der Höhepunkt seines Lebens war ein dreiwöchiger Aufenthalt in einem spanischen Bordell gewesen. Inzwischen stand ihm der Luxus bis zum Hals.

Peter sah Tanja so an, als könne sie vorübergehend seinen Rettung sein. Er wollte sie neu einkleiden. Tanja spielte mit. Im Waldecker Land war man auf Urlauberinnen eingestellt, die an Regentagen die Boutiquen abklapperten. Tanja führte jedes Kleid vor, das ihr oder der Verkäuferin passend schien. Peter lockte ihre Eitelkeit. Die Flüchtigkeit der Bekanntschaft erlaubte Tanja eine Koketterie, die wie in einer lyrischen Anwandlung zum Koitus führte. In der Umgebung fielen mit Zierat überladene Tore auf, bacchante Tonsachen, turmhohe Wagenräder, umfunktionierte Deichseln und Ochsenjoche, kurz das ganze landwirtschaftliche 19. Jahrhundert. Überall wuchs Kattenkruid. Überall gab es Gurkengarnituren zu Wurstmahlzeiten und von Puderzucker bestäubte, mit eingelegten Kirschen befruchtete Waffeln, als Einlagen einer Dekorationswut, die vor keinem Giebel haltmachte. In Geismar erinnerte eine Tafel an den von Scherereien mit Barbaren begleiteten Durchzug eines römischen Heeres unter Drusus zehn Jahre vor unserer Zeitrechnung. Wer sich darauf verstand, erkannte die Handschrift der Bewahrer in den Wolfsangeln, dem Chattenzeichen, der Cheruskerfaust dem Suebenhammer und Darstellungen der Wildkatze (einem germanischen Totemtier) zum Beispiel auf den Mauern, die um Anwesen liefen.

PS
Schließlich trat Peter aufs Gas, und als Tanja vor Mitternacht in Frankfurt aus dem Auto stieg, fühlte sie sich wie nach einem Fest angenehm müde und berauscht.

PPS
Die Wildkatze erscheint im Känozoikum als kleiner Räuber. Sie weicht vor Kälte aus der asiatischen Steppe in den europäischen Wald und nimmt da an Größe und Gewicht zu. Gerissen wird sie von Wolf und Uhu. Knochenfragmente entdeckt man vereinzelt in dreihunderttausend Jahre alten Travertinkomplexen neben Hominidenfunden. Die Katze gerät in die kultischen Mühlen des modernen Menschen. Großpopulationen formieren sich seit der letzten Kaltzeit mit abweichenden Merkmalen im Kyffhäusergebirge und im Harz. Ein Schießgeld garantiert ihre neuzeitliche Verfolgung. Die kurhessische Forstinspektion Wilhelmstal erbringt Nachweise über die Vernichtung von neunzig Wildkatzen (darunter einen von der Nasenspitze bis zur Rutenwurzel 61 cm langen Kater) in zwanzig Jahren (des 18. Jhs.). Ihrer unbeschränkten Bejagung schieben die Nazis den Schonzeitriegel vor. Zu ihrem Überleben trägt ein waffenloses Zwischenspiel nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Die rezente Harzerin ist zarter als die Kyffhäuserin. Sie siedelt auf der montanen Buchenwaldstufe in den gelockerten Gebieten am Iberg. Die Erhebung ist ein Korallenturm, ein Denkmal des Lebens im devonischen Meer vor vierhundert Millionen Jahren. Schon immer, gemessen an der menschlichen Spanne, wandert sie ab vom alten Riff, um als Zuwanderin in hessischen Wäldern beinah unbemerkt zu bleiben.

31. Mai 2017

Hessenmeister

Vorgezogener Zweitschlag

Sie nannten ihn Doktor Seltsam. Robert Strange McNamara erklärte: Wir lehnen einen Präventivkrieg ab. Das entspricht nicht amerikanischem Denken. Das ist ausgeschlossen. Nicht ausgeschlossen ist ein

Pre-emptive strike.

Uns geht es gut. Das steht auf dem Kalenderblatt für jeden Tag. Stella führt Goyas Haushalt einen Rowenta Toaster zu. Sie wünscht sich etwas mehr Begeisterung von Goya für die Erweiterung. Hello again, Goya spendet zur Begrüßung keinen Kuss. Er ist gerade nicht Stellas Mausebrowser.

Olfaktorische Intoleranz

Ihn blockiert olfaktorische Intoleranz. Er hat sich ein Riechlätzchen verordnet und begegnet mit dem getränkten Lappen einer Empfindlichkeit der Nase. Manchmal stinkt ihm alles und jeder. Dann verflucht Goya die Schweißspur eines Vorgängers. Goya stemmt sich gegen die Verengung. Er versichert sich mit Mischungen aus der Vogelsberger Werkstatt des eingeschränkten, vor Gutartigkeit tropfenden Geruchsdesigners Hass Puller. Goya spitzt vom Balkon auf Sprotte, die im Hof brät. Der neue Liebhaber (Ricco) brütet unter dem Bluna Schirm, der bis gestern vor seiner Dark Crystal Bar im Großen Hirschgraben gestanden hat. Er trägt eine Citystrandkombination in Trendfarben. Maxim, der vegan gehaltene Hund des schwulen Steuerberaterpaars, kriecht zu ihm in den Schatten. Die Söhne des Isländers halten aufgeweckt wie in einer Kästnerverfilmung auf der Mauer Kriegsrat.

Die Zeit vor seiner Geburt ist Goya näher als die Gegenwart.

Der Toaster stammt aus einer Treueaktion von Im Nordend einkaufen. Stella sammelt Rabattmarken (ein Retrovergnügen von Das Nordend und Du). Ihre Art, sich sexuell zu übergeben, erinnert Goya an Gegenstände, die nicht mehr in der Selbstverständlichkeit des Gebrauchs verloren gehen. Goya denkt an Einweckgummiringe, um nicht unhöflich früh zu kommen. Weiter reicht sein Entgegenkommen nicht. Goya hat noch nie einer Frau absichtlich das gegeben, was sie wollte, es sei denn Alkohol. Er spürt einen Knubbel unter Stellas Haut gleich neben der linken Brust und sucht in seinem Gedächtnis vergeblich das Fremdwort für harmlose Fettwucherungen. Er bedenkt die Klemmen, mit denen Fahrradfahrer ihre Hosenbeine vor der Kette schützten, und die (Familien dynastisch ansprechenden und aufrufenden) Namen von Haushalts- und Eisenwarengeschäften, die nur noch in exotischer Singularität zu finden sind. Im Museum (In Goyas Welt) behält ein Frankfurtgefühl seine Rechte, das Nachkriegsstimmungen in Fliederfarben zeichnet.

Alles verlangt den Anlauf eines Entschlusses. Goya muss erst in sich gehen und sich mit seinen Gremien beraten, bevor er die Mainseite wechseln kann. Was soll er in Sachsenhausen? Andererseits schadet es kaum, einmal wieder im Gemalten Haus einzukehren. Einzeltrinker mit sektiererischen Bartfrisuren sitzen da und beobachten das Familienleben der anderen. Die Männer mit eigenen Ehefrauen, selbstgemachten Kindern und mitgebrachten Müttern sind klar im Vorteil.
Goya klappert um ein paar Quartiersecken. Das Gastarbeiterdekor eines Gasthauses entfesselt Empfindungen, die mit der Tageskarte nichts zu tun haben. Doch hilft kein Tauchgang im Siebzigerjahretank. Die antiken Dinge erscheinen genauso erschöpft wie alte Leute. Sie sind Spiegelbilder der verlorenen Zeit.

Goya befindet sich auf einer langen Einfahrt. An ihrem Ende wird er angekommen sein in einer Unbeweglichkeit, die Sachsenhausen in unerreichbare Ferne rückt. Er besucht Kuno, genannt das Fliegende Hemd, der einen Kopierladen an der Textorstraße betreibt. Der CSC-Boxer war hessenweit in niedrigen Gewichtsklassen erfolgreich. Er trägt von jeher steifgebügelte Halbarmhemden, die mit zwei Knöpfen ausreichend bestückt wären. Seine muskulöse Hühnerbrust spottet ihrer Beschreibung. Kuno hat das Geisterbahngesicht des zum Mitreisen gesuchten jungen Mannes. Das Rummelplatzrepertoire war Shock & Awe für die Lehrereltern und andere Lehrer. Nun spielt es keine Rolle mehr, dass Kuno so blöd nicht war, wie er tat. Er spendiert einen Kaffee im Pappbecher. Er mischt Goya im Smog der Maschinen auf. Es präsentiert ein Kabuff mit Pirelli Kalender Ausrissen und einem Aschenbecher in Reifenform, als läge etwas Verdienstvolles darin. Eine Frau betritt den Laden, die Glocke bescheppert den Auftritt von Kunos Frau Sandra. Stupsschmoll unter gefrästem Mittelscheitel/lackierten Balken und über einem Porzellankinn. Der überzogene Vortrag von Weiblichkeit macht Goya neidisch.
„Wie lange seid ihr schon?”
Sandra schaltet sich sofort scharf: „Lange genug. Sonst noch was?”

Goya verzieht sich. Er bereut, auch nur mit einer Frage aus sich herausgegangen zu sein. Ich (der Allwissende) rechne mit mehrtägigen Verstockungen als Folge des Stübers. In einem Café sucht Goya Halt in einem Spiegelartikel über Strange McNamara. McNamara unterlief als Verteidigungsminister unter John F. Kennedy die Bündniserwartungen der Natopartner. Er grenzte den zuvorkommenden Erstschlag (Präventivschlag) von einem vorgezogenen Zweitschlag (pre-emptive strike) ab. In der Betrachtung einer dünnen Linie ergab sich historisch der Übergang von der massiven Vergeltung (massive retaliation) als Natodoktrin der Fünfziger zur elastischen Entgegnung (flexible response).

Goya beobachtet einen Greis, der mit Eiern im Glas nicht zurechtkommt. Er kann sich nicht erinnern, jemals Eier im Glas bestellt zu haben. Die Cafébesitzerin erscheint in einer Hausjacke über dem Kittel und deutet ein Wiedererkennen an. Sie geht nicht so weit, den Gast anzusprechen. Das Café hat einen Platz in Goyas Leben als Nachspielstätte von Kinobesuchen. Der Kastenstapel neben der Kinokasse begrüßte ihn jahrelang vor Nachmittagsvorstellungen, die Goya gemeinsam mit seiner Mutter absolvierte. Für Goya war es nie leicht, Sohn einer Verrückten zu sein, die nach Jahren unter Extremisten und auf der Flucht einen solventen Biedermann zur Hochzeit und Übernahme der Verantwortung für das halbblütige Kind gezwungen hatte. Um fortan den Grünen anzuhängen, Haschtee zu trinken, trantütig Termine zu versäumen und sich oft so zu gebärden als sei sie die Tochter ihres Mannes oder die Erfüllung einer Prophezeiung. Goya verschwor sich mit seinen Vätern gegen die Mutter, die überall willkommen war als ehemalige Bombenlegerin und Bankräuberin. Man bewunderte ihre Radikalität. Goya entging nicht ein Stolz der Mutter wie auf einen Rekord in der Klasse von Bob Beamons Mexiko/1968er-Sprung ins nächste Jahrtausend. Die Heldinnenverehrung endete 1990. Seither tut Marian Hesselbach, geb. O’Reilly, so, als sei ihr Leben von Aufregungen verschont geblieben. Sie spielt Maklerin und gibt die Ehrenvorsitzende einer Selbsthilfegruppe.

Es ist notwendig, zugrunde zu gehen – Wahlspruch jener Legionäre, die am Limes in aussichtsloser Lage Germanen aus der Bahn warfen.

Während eines geschwätzigen Nachmittagsschläfchen erscheint Goyas Halbbruder Hannes der Englisch sprechende Geist von Franz Josef Strauß. The object of war is not to die for your country, sagt der Geist, but to make the other bastard die for.
Hannes erwacht in einem Rahmen aus einer Schiavona und einer СКС-45. Weiß er sich unbeobachtet, ersetzt er seinen zivilen Anzug und erscheint in der Uniform eines konföderierten Lieutenant Colonel des 11. Indiana Infanterie Regiments. Im ewigen Sommer Neunundneunzig bemerkt keiner die Aberration. Jeder hält Hannes für einen grundgrünen Kombattanten im Kulturkampf. Er zählt zum Vorstand der Nordend-Kanakstar-Lauf-und-Lerngruppe (NKLL). Er ist Hessischer Filmpreisträger und Erfinder der Bembel-des-Todes-Serie. Die Hauptrolle im „HR-Highlight” (Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau) spielt seine Cousine Valerie Constanze Hesselbach als Pathologin Emma Maria Stein. Valerie und Hannes lieben sich seit der Kindheit, ohne je ein Paar gewesen zu sein. Sie wurden gemeinsam flügge. Hannes schreibt Valerie jede Folge auf den Leib. Nennt es moderne Minne. Doch selbst Valerie verhehlt der ewige Verehrer seine Neigungen. Ich rede von Fetischismus, nicht von Politik. Hannes wählt SPD und ist gendermäßig auf Zack.


Er stolpert über einen Koffer, den er selbst falsch abgestellt hat, während im Radio der Leidensweg eines Zahnarztopfers pseudoemphatisch abgemessen wird, und Silke und Hartmut bewusst pubertär auf dem Balkon poppen. Auf ihren Lippen platzen Schaumblasen, als hätten Silke und Hartmut mit Waschmitteln gegurgelt. Hartmut hat für sich einen DDR-Dopingfahrplan bis zur Weltspitze kopiert. Er verdient sein Geld im Schlaf. Zum Ausgleich missbraucht er den eigenen Körper als Arena der Überforderung.

Als im August 1914 die gültige Fassung einer kleinen, manchmal der Lyrik unterstellten Prosa entstand, waren Armeen schon in Marsch gesetzt. Das Bürgerliche hatte den Reservistenstatus aufgegeben. Flaneure übten Stechschritt. Die Belle Époque lag in Agonie. Es war ihr letzter Sommer. Der Text hebt eine Wehmut auf, mit der sein Autor nur die eigene abgelebte Jugend meinte. James Giacomo Joyce, Sprachlehrer in Triest, war an der Welt immer weniger interessiert als an seinem Werk.
Die Sonntagsstille reißt, jemand nimmt die Feuertreppe mit äußerstem Mutwillen. Das Haus vibriert wie unter Schlägen. Hannes hält John für den Ruhestörer ohne Zweifel. Snooker-John, ein Mann gebeizter Karos, dem Klanmuster der hochländischer Grahams, arbeitet für ein Reisebüro. Er besucht Karin im dritten Stock. Die Polizistin findet es scharf, wenn John durchs Fenster eindringt. Minuten später prasselt infernalisches Gedudel durch die Decken – Scotland the Brave.

Hannes schließt ein in der Bornheimer Stadtteilbücherei geklautes Exemplar von Giacomo Joyce. Die kleine Nachtmusik ergab sich nach einer Anregung von Ettore Schmitz als Liebesgedicht, das nie aufgesagt wurde. Joyce sublimierte so ein (auf die von ihm unterrichtete Schmitz Tochter Letizia gerichtetes) Begehren. Er betet die junge Person aus gutem Haus an. Ein Reisfeld bei Vercelli unter cremigem Sommerdunst spielt Hintergrund. Grünfleckige Zitronen, edelsteinerne Kirschen, schändliche Pfirsiche mit eingerissenen Blättern spielen Obst. Mit dem Abstand von bald neunzig Jahren sinkt das Schwüle hinter eine Ahnung von einem anderen Dasein: ohne das Katastrophenwissen, zu dem wir verurteilt sind.
Hannes bedenkt das Liebesleben der Nachbarin, die für John mit dem Gebäudereiniger Schmuddel Schluss gemacht hat. Robert Bruce's March to Bannockburn. Hannes wirft Karin Schmuddel als Fehlgriff vor. Er hält es für Karins Versäumnis, dass er sie nicht interessanter findet (sie zu seiner erotischen Grundversorgung so wenig beiträgt, obwohl sie als skandinavischer Typ in sein Beuteschema passt). Hannes probiert den Honig, der ihm auf dem Wochenmarkt als Spitzenprodukt mit origineller Erzeugerbiografie (der Waliser Timothy Martin imkert im alten Forsthaus am Wintersteiner Limeslehrpfad) angedreht wurde. Mull of Kintyre.
Hannes greift nach der Zeitung. Starkolumnist Lemur Skoretzky zeichnet in freier Linienführung die amerikanische Sicherheitspolitik der Sechziger nach. Ziel war es, Risiken, die mit den Erwartungen an begrenzte Nuklearwaffeneinsätze verbunden waren, in Europa zu halten. Bob McNamara erklärte Verteidigungsminister Franz Josef Strauß das Geheimnis des vorgezogenen Zweitschlags. Er versprach den Deutschen, sie gegebenenfalls hängenzulassen.

Tanja hat sich nach dem Frühstück noch einmal hingelegt mit einem Kater, der Hannes stört. Sie trinkt zu viel. Tanja kann in der Burg zwischen Goya und Hannes aus unpassenden Gläsern Grauburgunder trinken, als hätte sie nie etwas mit Goya gehabt. Sie erweitert und bereichert (mit Details) die Fraktion jener, die Goya für einen Kindergreis halten, das längst von der Wirklichkeit entmannt worden wäre, ohne die von seiner Mutter geheirateten Hesselbachmillionen. Goyas Ziehvater, unser munter nach allen Seiten grüßender Großsoziologe Simon Hesselbach, vormals linksradikaler Häuser- und Straßenkämpfer, jetzt linkslaberaler Oberbürger, hat sich auch schon an Tanja herangetastet. Er nimmt die Generation seines angenommenen Sohnes paternalistisch mit, getarnt als Feminist. Zu seiner Geschichte gehören die ausgehängten Klotüren so wie eine Reihe von Tor- und Feigheiten (in einer geschönten Version) auf dem Grenzgang zwischen Bourgeois und Citoyen, die ihm nicht geschadet haben.
Hannes erwägt und verwirft, in der Gemeinschaftssauna zufällig Silke und Hartmut zu treffen. Silke muss einem Mann Bewunderung entgegenschleudern können. Sonst geht für sie nichts. Als Versager möchte man von ihr am liebsten gar nicht angeguckt werden. Silke hält Hartmut frisch. Das will sie nicht als Geheimnis verstanden wissen. Sie betrachtet uns als Publikum. Ihr Standpunkt: Im Alter hat man seine Erinnerungen als Kapital. Dafür muss vorher was getan werden.

Silke beschreitet in Andeutungen die Übergänge von integer zu saluber. Bei den Permissiven finden Silkes völkische Hygienemaßnahmen keinen Widerhall, aber auch keinen Widerstand. Hannes wartet auf den Tag, an dem Silke gemeinsam mit den identitär-antideutschen Linksrechtsrassisten Max Pfeifer (O-Ton: Da werden deutsche Ängste wach), Max Wood, Wankermax Fartshitwood und Scum Dirtpig Shitfartwood-Arthurharris gemeinsam saunt. Die marxistisch argumentierenden Feinde der NKLL loben sich für ihre ethnische Eindeutigkeit. Sie verteufeln Multikulti. Tagsüber untergraben sie als totale Medienagenten mit Leserbriefen den Verfassungsstaat. Im Dunkeldeutschland der Nacht setzen sie sich ihre pudeligen Hasskappen auf und schmieren im öffentlichen Raum rum. Oder sie gehen ins Theater und spielen Bürger.

Hannes versteht sich gut mit Hartmut, der morgens zwischen fünf und halbsieben sein Vermögen mehrt und den Rest des Tages einem Trainingsplan folgt, mit dem ein DDR-Radfahrer an die Weltspitze geführt wurde. Hartmut weiß, dass das nicht gesund ist. Trotzdem glaubt er, bis ins höchste Alter jugendlich bleiben zu können.

Hannes greift zur Schiavona (einer Kavalleriewaffe des 17. Jahrhunderts) und nimmt mit ihr ein Tischbein an, das keine Chance hat. Seit seiner Bahnhofskinozeit durchliefen Mantel & Degen Inszenierungen eine Evolution der Versachlichung. Sie führten zu schnickschnackfreien Kampfszenen. In jeder Folge des Todesbembels kämpft die ermittelnde Emma-Valerie auf dem hohen Niveau der Ambitionen ihres Cousins (und ewigen Verehrers) wenigstens einen Feind nieder. Noch einmal analysiert Hannes ein Video, in dem zwei perfekte Athleten von Schlägern schmucklos ins Koma geprügelt werden, und ein Special Air Service Veteran die Stadien des Desasters in hochmütigem Englisch kommentiert.

Wie pariert man einen auf die Flanke zielende Baseballschlägerattacke, während man zugleich mit einem frontal agierenden Gassenhauer fertigwerden muss? Hannes skizziert Varianten. Er will Realismus. Etwas Nachahmenswertes. Ich weiß, ihr seht in ihm einen unbedeutenden Kombattanten im Kulturkampf mit erodiertem Ehrgeiz und einem beruflichen Unterschlupf bei Suhrkamp so wie einer Zubrotgarantie im ruralen Modenschaubetrieb, wo das gespaltene Kinn und der seemännisch-ruhmsüchtige Blick alle Erwartungen an Virilität aus dem Katalog erfüllt.

Das Schwert kennt keine Gefühle. Meister Tung

Ich sehe in Hannes einen Sohn des Meisters. Sein Schwert kann nicht einfach Sache und Eigentum sein wie eine Ziege. Nicht das Schwert gehört einem Befähigten, sondern ein Befähigter gehört zum Schwert. Man kennt solche Figuren vom Tango, in jedem Fall kommt zur Übung die Leidenschaft. Beides wird überwunden in einer Vereinigung des Schwertführers mit der Klinge.
Wushu (Gong-fu) ist Lyrik ohne Ornament. Keine Arabeske und keine vorladende Bewegung verderben die Kunst in der Vollendung. Meister Tung zog einen Saufänger dem Schwert vor. Sein Gong-fu ging von der abgedeckten Eigensicherung aus und hin zur wohltätigen Leibesübung. Tung lehrte, dass der spirituelle Aspekt sich in Trainingserleuchtungen offenbart. Er, der mit Gong-fu Geld gemacht hatte, verlangte von seinen treuesten Schülern die Weitergabe des Tung Stils in nicht-kommerziellen Strukturen. Die von Steffi (Chefin der Ugly Casting Agentur Hackfresse) und Hannes gegründete und von Nihan Jiménez stalinisierte Nordend-Kankstar-Lauf-und Lerngruppe (NKLL) ist Haupterbin des Tung’schen Spirits. Steffi unterrichtet das hybride Original bis zu den Feinzeichnungen.

Hannes geht davon weg. Er besucht Tanja in seinem Schlafzimmer und zieht der Frau die Decke weg.

Hara Awareness

Tanja freut sich über Absichten, die sie nicht kennt. Noch können sich die beiden überraschen.

Aus der Scotland on Sunday vom 03.08.1999

My new boyfriend has a high sex drive. He demands too much. Mary Mottram

It is not unusual for new unions to struggle over sex. New partners have to figure out what makes the other feel loved. Dr Angharad Rudkin, clinical psychologist

Anders als der Halbbruder treibt Hannes Aufwand. Er ist Raumsprayer und Blumenbanker. Ein Arrangeur von Lichteinfällen und Faltenwürfen. Er neigt zu ätherischen Ölorgien. Mit Neroli, Sandelholz und Minze hält Hannes sich den Fußschweißmief vom Hals. Die Mischungen sind Wochenmarkterrungenschaften, Kreationen aus dem Haus Hass Puller.

Der angenommene Fleckenstein Hannes (Sohn einer Frau, die ihrem Mann (Hannes Fleckenstein Senior) ein tendenziell schwarzes Baby/Dunkelbubbi (gezeugt mit dem NSA-Agenten Wayne „The Bear” Raymond in einem Akt ohne Vorrede auf einer Eschersheimer Mülltonne) als Spross von seinem Samen in die Schuhe schieben wollte) betrachtet Hass Puller als Onkel in einer unzutreffenden Empfindung verwandtschaftlicher Nähe. Hat man erst einmal angefangen zu begreifen, mit vorgeblich engsten Angehörigen nicht verwandt zu sein, kann man leicht Onkel zu einem sagen, der auch nur irgendwie zur Sippe zählt. Die Pullers waren bis Dreiunddreißig ein Geschlecht von Laufburschen und Hausmädchen, kaum entlassen aus der Leibeigenschaft ihrer westpreußischen Vorfahren und für die Freiheit auch nicht gemacht. Sie hatten lebenslänglich auf den Gütern ihrer Herren und dazu einen Sklavenverstand, der Deutschland für ein Großgut hielt und die Ordnung, die sie fesselte, natürlich fand. Großbürgerliches Unglück führte dahin, dass ein Hermann Puller im Schlussakt herrschaftlicher Fürsorge bei der Reichswehr untergebracht wurde, die dann Wehrmacht hieß und mit Pullermanns militanter Bereitschaft zur Unterordnung (und aufatmender Anerkennung totalitärer Machtverhältnisse) einiges anzufangen wusste. Hermann Puller stieg auf und verdiente sich einen Ruf als Schleifer. Er lernte eine Liebe zum Ungewissen, die den begünstigt, der im Beat bleibt und seinen Tatendrang auf unsicherem Terrain nicht verliert. Als Veteran siegreicher Feldzüge heiratete der Feldwebel 1941 die Tochter eines Bauern, der sonst keine Kinder hatte, und geriet so nach dem Krieg in die Selbständigkeit. Den erheirateten Hof verwandelte er in einen Garten. Er wurde der erste hessische Fragrance Farmer – und Herbergsvater des Städelschülers Simon Fleckenstein. Der Kunstmaler verschaffte sich in der Notzeit Wohnzimmerpreziosen von der Hand unbedeutender Meister und putzte sie auf, bis man sie für etwas Besseres nehmen konnte. Begünstigt wurde das Geschäftsmodell von der Jahrhunderte alten Gewohnheit, jedes Bild einer bedeutenden Schule dem Bellini der Schule zuzuschreiben. Man löschte den Preis herabsetzende Signaturen und malte einen zündenden Namen ins Bild. Das erweiterte den Spekulationsrahmen. Man ging dazu über, Originalität nach Graden zu unterscheiden und über Stilwechsel (eines Malers) zu promovieren; zumal von einem Meister des Mittelalters gar nicht erwartet worden war, dass er jeden Strich selbst zog. An der Eigenhändigkeit als Originalitätsbeweis vorbei, entwickelte sich das Konstrukt der Aufsicht. Wenn nur der Gehilfe sich von Rubens beobachtet wissen musste, war die Hilfsarbeit schon (so gut wie) von Rubens selbst. Der beherzte Gärtner brachte die Kunststücke tüchtig an den Mann, während Simon Fleckenstein vom Zwang zur Virtuosität verstimmt wurde. Seine introvertierte Leidenschaft (ein stilles Toben) rührte die Bäuerin und weckte den Wunsch, sich von einem Genie begatten zu lassen. HP ließ dann so viel Aufmerksamkeit vermissen, dass ihm der kleine Hass als Eigenfleischundblut untergejubelt werden konnte. Vielleicht tat er stumpf, um einen Erwerbszweig nicht zu knicken. Auch hatte er genug an einigen, die im Vorgang landkomunardischer Unternehmungen wandervogelnd in aufgelassenen Gehöften wie in Fledermausheimen anfingen, Spinngewebe wegzufegen, Fachwerk zu loben und irdene Krüge zu lieben. Die Vorzüge eines geborenen Bauern mit Traktor und Schneeketten erschloss sich ihnen spätestens im ersten stadtfernen Winter. Im Gegenzug erweiterten sie sein Repertoire. Das Duftding war eine weibliche Domäne, auf der sich Hermann Puller (nicht weit weg von den Betrieben der Kräuterhexen) tummelte. Er zeigte sich empfänglich für Anregungen. Doch von seinen vier Kindern kam nur Hass ihm nach. Wie das Leben spielt. Der falsche Sohn führt das väterliche Geschäft als verpflichtende Namensleistung weiter.

Am Tag der Schleyer Entführung, dem 5. Sept. 1977, bemerkten Mitläufer einer Gruppe um Luigi Boitani die Fälscherleiche auf einem vorzeitlichen Erosionsprodukt, dem Basalteisenstein, der damals im Vogelsberg noch abgebaut wurde. Der italienische Biologe behauptete später, er habe in Leichenfundnähe sich kreuzende Spuren von einem Wolf und einer Wildkatze entdeckt. Erst nach dem Tod ihres Mannes und in Erwartung ihres eigenen Todes offenbarte sich die Bäuerin. Hass Puller wunderte sich, Simon Fleckenstein hatte sich um die Folge seines Vergnügens kaum geschert.

Hass Puller bringt Mischungen auf den Markt, die Märchennamen tragen und den Empfänglichen unter uns Halluzinationen mit Ewigkeitserlebnissen wie im Meskalinrausch bescheren. Eine wiederkehrende Sequenz zeigt auf Glatteis über Kanten rutschende, von Vorsprüngen schräg gehaltene Kleinbusse, deren Fahrer so stoned sind, dass sie nicht aufhören können zu lachen, während die Passagiere sich von einem leichten Horror ergriffen fühlen. Man trifft sie auf einer Vorstufe des Grauens. Der Bildersturm evoziert indianische und tibetische Motive. Hermann Puller schwebt drohend vor der Windschutzscheibe. Er schreit in den Wind. Manchmal verspricht er einer Person, sie zu einem Ort der Seligkeit wohl kaum in Sicherheit zu bringen. Zum Markenzeichen der Drogen hat Hass Puller die Wildkatze gemacht. In seinem Winkel ist sie heimisch auf höhlenreichen, verwehrend bewaldeten Schluchthängen. Sie jagt Mäuse, Hasen und Vögel. Dem Spitzenprädator kommt sie nicht in die Quere, ihre Dämonisierung, so Hass Puller, sei zu verstehen nur aus dem Wunsch, einem angeblich Nutztiere reißenden Räuber im Revier nachstellen zu dürfen.

24. Mai 2017

Hessenmeister

Mainweiler Jugendstil

„Was gefercht werden muss, taugt nie zum Besten.”
Rheinhessisches Sprichwort

Mainweiler füllt auf Sand und Lehm einen rheinhessischen Winkel zwischen Flüssen. Der Mainweilerer könnte jedem Dahergelaufenen Artifakte aus der fränkischen Zeit vorlegen und ihn unter Eschen und Eichen wie auf einen Thingplatz führen, nur, warum sollte er das tun? Er überblickt tausend Jahre Stadt- und zweitausend Jahre Siedlungsgeschichte. Erst im 19. Jahrhundert ließ man sich dazu herab, gemeinsam mit einer Nachbargemeinde größer zu werden. Dazu muss gesagt werden, dass der Bürgermeister stets einer von uns war. Mainweiler verblutet nun schleppend als Riss der Bestien Gebietsreform und kommunale Neuordnung.
So liegen die Verhältnisse idyllisch herb, in die akademisch blöd und mit entzündeten Existenzzahnhälsen Henna, Kiku, Akki und Leo aufgeschlagen sind, als wäre in Berlin kein Platz mehr.
Die Familie hat nichts mitgebracht, was vor Ort zählt. Die Neuen fühlen sich trotzdem großstädtisch überlegen, während die Rohrzange Anpassung sie kleinstädtisch kneift. Davon erzählt Henna in Passagen, die wie gemalte Erfahrungsberichte in einem Klassenzimmer aneinandergereiht sind. Mal geht sie total in die Genauigkeit, dann schmiert sie wieder den Senf prospektiv zusammengetragener Kümmernisse ihrer Zuhörerin aufs Zuckerbrot. Mit Hannes’ Aufmerksamkeit rechnet Henna so wenig wie mit jeder wertlosen Sache.
Inzwischen weiß Tanja von ihrer Schwangerschaft. Henna ist ihre Freundin, Hannes kennt sich in diesem Elend kaum aus. Von der Schwangerschaft weiß er nichts.
Kiku fährt auf einer verkehrsberuhigten Straße Roller. Leo vibriert zu Tanjas Füßen.
Henna bestückt eine Leine. So angebunden stellt sie fest: „Besser, man will, was man muss.“
Der Roller ist ein Geschenk von Tanja. Das Gras steht hoch in Hennas Garten. Eine Wurstbude stinkt hinein als Relikt aus der Zeit, als es in Mainweiler noch Durchgangsverkehr gab.
Nachbarn nehmen für die Neuen die Post an und besprechen die Absender mit den Alten. Sie versorgen Kiku mit einer Mahlzeit nach Absprache. Eingeladen fühlen darf sich die Familie trotzdem nicht. Es wurde noch kein Werkzeug über den Zaun gereicht, obwohl alle wissen, was fehlt. In den Schuppen der Eingesessenen stehen Boote. Der lokale Snobismus lässt sich am Hafen begreifen. Nicht mal dörflich erscheint die Stadt da, wo die Konfluenz an der Landzunge leckt und im Herbst Stimmungen wie auf einer vernebelten Nehrung selten sind.
Tanja beißt sich vor Anteilnahme auf die Lippen. Sie schlägt um sich. Sie zu stechen, scheint die Lieblingsbeschäftigung aller Mücken zu sein. Auf Tanjas Armen nehmen rote Flecken zu. Das sieht nach einer gravierenden Reaktion aus.
„Wir brauchen eine neue Waschmaschine, meine schleudert nicht mehr vernünftig“, verkündet Henna. Ein Roman schleudert zwischen wir und meine. Henna war Studentin, als sie sich für Akki entschied. Er zog zu ihr. Selbstverständlich war es ihre Maschine, in die er seine Wäsche stopfte. Akki unterhielt keine Geräte. Damals kam Henna manchmal ein schlechtes Gewissen an, wegen all der Dinge, die zu besitzen sie nötig fand. Im Gegensatz zu ihr war Akki Asket. Wenn auch ein Asket mit Führerschein. Henna fand das erst mal gut und entkrampfend, dass er ihr Auto nutzte, ohne zu fragen, und das Benzingeld aus der gemeinsamen Kasse nahm. Fast immer, wenn sie es brauchte, rückte Akki das Auto heraus. Oft war der Tank gerade leer.
Tanja und Hannes zappeln unbequem in Stuhlfallen. Tanja würde Kiku übernehmen, sollte Henna etwas zustoßen, egal was Hannes dazu sagt.
Hannes verfolgt das Gliederspiel der Gastgeberin. Er ist daran gewöhnt, mit Skepsis zu mauern. Zu spät erkannte Henna in Akki den von Grund auf erschlafften Charakter eines überall und so auch an den Staffelsee und nach Tirol (lediglich) mitgenommenen Hanswursts, dem eine Gegend nur lieblich genug erscheinen muss, um ihn vom Kurs seiner Grundsätze abzubringen.
Seine Leichtfertigkeit legt er Henna zur Last. Er lässt ihr die Hausarbeit. Sie arbeitet außerdem für die kleinste Münze legaler Löhnung in einer Kantine. Hat sie studiert, um sich als ihre eigene Magd vorzusagen: mir geht es gut? (Der Supermarkt wartet an der nächsten Ecke. Die Nachbarn sind nett. Mir geht es gut. Der Akki ist rücksichtslos, die Kiku launisch, mir geht es gut.) Akki weiß, wie man sich aus dem Alltag drückt und in einer Seidenspinnerei alle und alles an sich vorbei laufen lässt. Noch ernährt er die Familie.
Henna bietet ein Fahrrad Tanja zum Verkauf an. Sie unterstreicht ihre Not und übertreibt sie. Sie verweigert die Routinen der Schamverbergung. Hannes schämt sich für den Wunsch, Tanja vor Henna wie vor einer Schnorrerin zu warnen. Akki taucht auf und schämt sich für die Schlampe, die ihn geheiratet hat. Unermüdlich gibt sie ihm die Schuld an ihrer Misere. Obwohl er ihr gegenüber oft genug von sich selbst abgeraten hat.
In einer Verkehrung des zu Erwartenden strampelt sich Tanja aus der montezumal gemusterten Stoffbahn und versorgt den Familienbuhmann mit Kaffee und Streuselkuchen. Die trockene Platte käme bei ihr zuhause in die Tierfutterdose. Hannes registriert einen Moment des Einvernehmens zwischen Tanja und Akki, der zur Ablenkung eines Angriffs auf seine häusliche Gleichgültigkeit die Auslandsschulden von Ulan Bator auf sechs Milliarden Dollar beziffert.
Unter streng zusammengezogenen Brauen betrachtet Kiku ihren Vater, den sie als unzulänglichen Menschen durchschaut. Akki macht eine gute Figur in seinem Anzug. Er verkörpert den Westernhagentyp, nur ohne die Mariusmüllerenergie. Man sieht ihm die Niete kaum an. Allerdings ist er blessiert von einer Erziehung im Mainweiler Jugendstil. Einen ihm vor die Füße rotzenden Knaben hatte Akki zu rügen gewagt. Im Folgenden wäre er beinah umgebracht worden (wenigstens in seiner Darstellung). Die von Akki eingeschaltete Polizei weigerte sich, eine Straftat zu erkennen. Das Selberschuld stand den Beamten auf der Stirn geschrieben. Die Quittung für die Denunzination folgte auf dem Fuß. Man zerlegte Akkis am Bahnhof gesichertes Fahrrad in einem öffentlichen Akt. Um klarzustellen, wer sich in Acht zu nehmen hat. Akki erspart sich vorläufig weitere Maßnahmen mit Duldungsschweigen. Er geht zum Bahnhof, auf einer Strecke, die ihm sicherer vorkommt als eine andere.
In ihrer Betrachtung der Tat rückt Henna von Akki ab. Sie bringt es fertig zu glauben, dass ihr Mann die Abreibung verdient hat. Sie gibt nicht zu, wie unheimlich sie den Vorgang im Ganzen findet. Sie lebt als Fremde unter Feinden, die als Nachbarn soweit nett sind, wie gesagt.

Ungeöffnetes Importgut
Leo hechelt vor den Frauen ins Haus. Kiku kehrt auf die Straße zurück. Akki sagt etwas zur Vereinigung der türkischen Islam Kommandos und einem neuen metaphysischen Hunger im Nahen Osten. Hannes ignoriert Akkis Mann-zu-Mann-Bemühen. Am Zaun bekundet ein Nachbar im Kittel bodenständiges Interesse. Er grunzt Rauchzeichen, für die er einen Stumpen unter Feuer hält. Er steht da wie ein Eigentümer oder ein Henker oder wie der Klempner. Seine Legitimation für jede Rolle steht außer Frage.

In der chinesischen Provinz Hunan fängt man Frauen von Straßen und Feldern. Man jagt sie auf Bahnhöfen und in Zügen und verkauft sie an Bauern für zwei- bis viertausend Yuan. Jungfrauen werden als „ungeöffnetes Importgut” deklariert. Um sie am Weglaufen zu hindern, bricht man den Bräuten die Beine.
„Geistig Behinderte sind begehrt”, sagt Akki. „Sie sind teurer als normale Frauen, man verspricht sich von ihnen keinen Ärger.”
Der Zaungast schaltet sich ein. Er dirigiert rechthaberisch seinen Vortrag. Darin beklagt er das Los des chinesischen Bauern am Beispiel der Obstbäume in Hennas Garten. Er rückt auf.
„Das war früher gängig. Alles wurde gefercht. Das Weib ist Acker nur zeitweise, pflügen muss man es, solange es tragen kann.”
Hannes löst sich vom Gartengeschehen. Einen betriebsbereiten, Dreck patinierten Kaugummiautomaten erlebt er an der nächsten Ecke als schönen Gruß der Kindheit. Auf einer Veranda lagert hemdsärmelige Korpulenz. Hannes vermutet Ablehnung im Speckmantel. Vier Mofajockeys lassen seinen Argwohn abtropfen. Die Vortäuschung von Harmlosigkeit gehört seit der Grundschule zu ihrem Repertoire.
Hannes hört Fanfaren der Jugendmobilität im Vorspann drehorgeliger Jahrmarktgeräusche. Er übersieht Wayne, der an einer Wurfbude mit Treffsicherheit prahlt und dem Schausteller erklärt, wie der Vietnamkrieg geführt wurde.

Man nahm Fühlung auf, setzte Artillerie ein und arrangierte Luftschläge. Die hinterhältige Art, überlegen zu sein, stärkte den Vietcong.
Die Mainweiler Schützenbruderschaft sitzt im Festzelt wie jedes Jahr die Fercherkirmes ab. Kein Mensch weiß, wie die Kirmes zu ihrem Namen kam. Ferchen könnte so viel wie stoßseufzen bedeuten. Die „Happy Boys“ aus Büdingen spielen englisch, das gab es früher nicht vor Sonnenuntergang. Die Brüder haben selbst ihre Instrumente traktiert, vor und nach dem „Hahnenköppen“, bei dem ein Gockel bis zum Hals um seinen Kamm gebracht wird. Wem der Kopf in den Schoss fällt, der ist Hahnenkönig für ein Jahr. Er führt den Festzug an. Die Brüder erreichen in seinem Gefolge das Zelt hochsitzend auf den letzten Überlebenden der Mainweilerer Nutztierbestände. Die Mähren werden nach dem traditionellen Absitzen von Armleuchtern zurückgeführt, die Müllabfuhr erledigt den Rest.

If you want a decision, go to the point of danger. (Stonewall Thunderbolt, Revierchef)
Früher ritt man Gänse, trat Hühner und feuerte auf Mohrenköpfe. Knights in white satin oder Ähnliches duldete man erst, wenn alle voll Treibstoff waren wie eine Mondrakete vor dem Start. Die mikrophone Rückkopplungstheatralik kratzt keinen, zuletzt hat Hannes so viel Gemütlichkeit an einem Ende von Island beobachtet. Er kauft einen Liter vorgezapftes, im Glas vergammeltes Bier von einer Bedienung, die bestimmt einmal kess war und nun über alles hinweg sieht, lässt man sie nur. Hello again, wir begrüßen Edith aus Kunovice an der Morava.
Die Brüder beobachten missmutig die Transaktion. Zum Zeichen ihres Durstes hauen sie die Humpen auf die Platte, sie wollen Edith springen sehen. Ihre Söhne sitzen separat und haben nichts bemerkt, dass ihre Rage verdient. So ein Jimmy Hartwig kann als Hannes vorkommen solange er sich benimmt und keine Kreise stört.
Hannes beschwert eine Bank direkt vor der Band. Beherzt wie bei einem Sparkassenwettbewerb heult sich der Sänger durch Suzie Q. Im Brotberuf entsorgt er Klinikmüll. Das sind Körperteile, die bei Operationen anfallen, wie zum Beispiel amputierte Gliedmaßen. Dem bekloppten Bandnamen zum Trotz spielen alle astrein. Kinder toben vor ihnen, ein Paar schwoft unfidel. Hannes trinkt die Jahrmarktsplörre. Er beeilt sich, um eine Verabredung mit dem zweiten Bier nicht zu versäumen. Kaum Erwachsene schieben Kinderwagen über die schwingenden Bodenbretter. Einige verdanken ihre Mutterschaft der Fercherkirmes. Auch das ist immer so schon gewesen. Dazu kommen nie zur Anzeige gebrachte Verbrechen und unter die Bohlen geferchte Gemeinheiten. Perversionen eines Hahnenkönigs sind eher nicht justitiabel.
Edith erscheint wie gerufen oder verfolgt oder in Erfüllung eines weltlichen Gelübdes. Hannes lässt das Trinkgeld für sich sprechen. Mehr ist bei ihm nicht zu holen. Er bemerkt den Wanderer zwischen den Welten nicht, der als Max Wood so fadenscheinlich wie verfassungsfeindlich ins Zelt kommt. Max Wood trägt einen Helm am Arm, gewiss nicht als Potenzbeule. Was verbindet einen linksradikal-antideutschen Rassisten mit den Mainweiler Schützen? Wir sagen es euch. Neben dem Vater des Linksrassisten Max Pfeifer sitzt Onkel Tom. Onkel auch ist Tom von Scum Dirtpig Arthurharris, dem hochpotenten Meinungsagenten an der Kommentarspaltenfront. Mit Leserbriefen heizt er das bundesrepublikanische Betriebsklima. Seit Jahren versteckt er einen zum Desmodus rotundus mutierten Halbbruder von Wankermax Shitfartwood. Familiär sind die Verbindungen zwischen den links- und rechtsradikalen Staatsgegnern. Hauptsache radikal. Ihr Schwur im poetischen Kassiber:

würzfleisch heimlich lustig
 
starke männer wie wir sind
grillhelden sind maulhelden
einspurig und durchgehend
heiß wie stangen vom rost
so mancher schürzenjäger
ist schon recht umgänglich
vornehmlich mit toten tieren
braten wenden ejakulieren
löwensenf aus plastiktube

Zitiert nach Max Pfeifer, stimmenrausch

Rechte singen linke Lieder. Ich gebe euch ein Beispiel wieder aus der stimmenrausch-Liederfibel von Max Pfeifer:

kichernd katapultiert, klingt kritisch, kurzum klimakochend kassiert katharinchen klasse-kitschigen kataster…
 
generalbundesrechtsverweser
kommen nur die reaktionären antidemokraten in solche positionen
oder sendet der amtsstuhl an sich diese stinkenden signale aus?
sind es die augenwischereien des fdp-mitglieds & nsu-versagers
oder will sich hier wirklich jemand ein neues arbeitsfeld auftun und
uns vormachen, wir würden ein rechtssystem vorhalten wie die usa,
wo vorgänge nach tagesform beurteilt oder unliebsames recht gleich
ausgesetzt wird? kann man ihn nicht auch, zb wg unausgesetzten
falschparkens, von dem verkehrten schreibtisch entfernen lassen?
ja, so reden sie alle, ist der mann eh alt genug für eine goldkugel…
dabei täuscht die ganze kaste sich und uns darüber hinweg, daß
eigentlich ein herr (dr., schon mal genau hingeschaut?) maaßen
die fehlbesetzung im amt schlechthin ist, dem der kackstuhl unter
seinem allerbreitesten weggezogen gehört…
 
es jazzt an der lohmühle, jetzt glei, nu glar…

 
Das klingt brutal. Man darf sich keiner Illusion hingeben. Wer eine demokratische Republik will, muss gegen diese Leute sein, egal ob sie Max Wood oder Max Pfeifer heißen. Denn Pfeifen sind sie maximal sowieso. Ihrem Versagen schaffen sie kathedralische Resonanzräume in Automatencafés mit Tombola, ein Grand cru in steter Reichweite. Max Wood und seine Kolbenfresser dichten in apokalyptischer Kleinschreibung:

für andi baader**

du da he
machst mich weh
gehst mir an den bürzel
haust mich auf den stürzel
oh, du da he


kommst wie weißer salat im silbenglibberschnee
oh du da he

Max Pfeifer im Selbstverlag:

zuerst erwarte ich eine persönliche anrede, dann erübrigt sich auch das majestätische ihr.
du magst das als spießig empfinden, in kulturellen dingen lege ich wert auf die einhaltung
eines minimums an form.
 
zu den fakten. ein rassist bin ich nicht. ich lasse mir das auch nicht unterschieben. rassistische
empfindungen sind mir wesensfremd. daß sich in unserer sprache rassismen eingeschlichen
haben, weiß ich sehr wohl, und ich gehe damit um.
als bodenständiger intellektueller bin ich mit “rocker” nicht zu beleidigen, auch wenn ich mich
eher als sportler, naturjünger und aktivist begreife.
l-carnitin ist kein “ko-tröpfchen” sondern ein in seiner wirksamkeit oft falsch eingeschätztes
nahrungsergänzungsmittel. erkundige dich.
retro, 70er und campen ist hip, aber ich habe die zeiten erlebt, glücklich erlebt, gebrauche es
nur noch in ausnahmefällen und propagiere sie nicht. spricht da etwa der neid?
und der anwurf mit dem großen wörtchen “lügen” erhebt einen anspruch, den du in keiner weise
erfüllst. es ist deinung.
 
und wer sich wo zu früh über was freut, das weißt du allein.
so wie ich nicht wissen kann, welche … du meinst. werde jede, der ich begegne, fragen,
ob sie denn den jamal kenne.
 
wenn du dich also beim nächsten mal an einen kollegen wendest, dann versuche bitte,
ein gewisses niveau zu halten und zeige dich nicht wieder von deiner minderbegabten seite.
vielleicht laufen wir uns ja mal über den weg oder werden einander vorgestellt…

Massive Retaliation
If enemy attacks, regardless where, regardless when, regardless of what strength, regardless with what means so ever – if he will not be back to the point of departure until sunrise next morning, we shall hit back with all retaliation means we have.
Franz-Josef Strauß in seinen Erinnerungen

So kriegsmüde, wie Deutschland nach Fünfundvierzig oft hingestellt wurde, war das Land nicht. Die Idee, man könne dem Russen verlorenes Territorium gleich wieder abjagen, fand gefiltert von Sprachregelungen großzirkulare Zustimmung. Man unterstellte der Sowjetunion einen nuklearen Angriffswillen, bevor die UDSSR über Atomwaffen verfügte. Das Gleichgewicht des Schreckens wurde erst 1949 hergestellt.
Szenarien nahmen den Schrecken vorweg – mit aufgerückten Grenzen. Der Feind stand vor der Tür. Die Front war bequem zu erreichen. John Foster Dulles und Dwight David Eisenhower wünschten sich die deutsche Auxiliartruppe als Panzerarmee mit 500.000 Mann. An dem Großvorhaben scheiterte zunächst der „Beauftragte des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Um den Protest im Lager der Wiederbewaffnungsgegner zu schwächen, hatte Adenauer den Posten zur Bürde eines Gewerkschaftsführers gemacht. Der Mann hieß Theodor Blank und nach ihm hieß ein Amt, das ab 1950 die Bundeswehr etablierte. Zu spät griff man auf Vergleichszahlen der nationalsozialistischen Aufrüstung zurück. Erst Franz Josef Strauß will die gute Idee gehabt haben, bei Hitler nachzuschlagen. Den Deutschen attestierte Strauß, der gern erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik geworden wäre, eine „antimilitärische Psychose“. In seinen Erinnerungen geht das so über Stock und Stein. Man müsse dem empfindsamen Volk die bittere Medizin in kleinen Schlucken einflössen. Strauß spricht mit Adenauer über blanksche Konfusion, der Chef wittert eine Intrige und ruft über den Zaun seinen Staatssekretär Globke herbei. Da rollte der Zug schon. Fünf Jahre zuvor hatte Adenauer Offiziere zur Klausur in ein Kloster geschickt. Sie sollten ergründen, was Westdeutschland zur Verteidigung Westeuropas beitragen könne. So entstand die „Himmeroder Denkschrift“ auch mit Beteiligung von Johann Adolf Graf von Kielmansegg, der eine Paradelaufbahn von der Reichs- zur Bundeswehr absolvierte. Adenauers Gewährsmann war Graf Schwerin, nach dem die Vorläuferbehörde des Amts Blank benannt worden war. Schwerin diente dem Bundeskanzler als „Berater für Militär- und Sicherheitsfragen“. Die militärischen Absichten verdeckte das Wort „Bundesgendarmerie“. Wie gesagt, die Amerikaner drängten Besiegte in die Rolle von Verbündeten angesichts eines weltweiten Notstands der Freiheit. Hannes setzt Notstand in Anführungszeichen, dann löscht er sie wieder. Jedenfalls gab es 1950 schon (wieder) eine kriegerische Verpflichtung gegenüber Europa. Hannes schreibt: Man lernt, wie wirkungslos der plebiszitäre Pazifismus in einer Auseinandersetzung nicht zuletzt mit Dienststellen war. Die Herrschaften unterschieden zwischen Militarismus und wahrem Soldatentum. Sie sensibilisierten sich für die Härten im Kampf Deutscher gegen Deutsche und kultivierten die Vermeidungsfloskel vom deutschen Kontingent, das im transatlantischen Gefüge wie eine gute Dienststelle funktionieren sollte. Sie planten Krieg als Fortsetzung des Verwaltungsaktes mit anderen Mitteln.

Hannes strolcht durch die Geschichte und stolpert über einen Koffer, den er selbst falsch abgestellt hat, während im Deutschlandradio der Leidensweg eines Zahnarztopfers pseudoemphatisch abgemessen wird, und Heike mit ihrem eigenen Horst bewusst pubertär auf dem Balkon poppt. Auf ihren Lippen platzen Schaumblasen, als hätten Heike und Horst mit Waschmitteln gegurgelt. Hannes hat für Horst einen DDR-Dopingfahrplan bis zur Weltspitze kopiert.

Zur gleichen Zeit dient Tanja dem König mit einem gemächlichen Einkauf. Im Aldi war sie schon, jetzt tackert sie mit Ali-dem-neuen-Obstpeter, der sich als Konkurrent für Obst-Franzl in Stellung gebracht hat. Der rote Assyrer verwickelt Franzls Stammkundschaft in Gespräche über das Wetter in einem halberfundenen Deutsch. Er bietet Früchte zum Probieren an, lässt notorisch den Preis nach und wünscht jedem einen guten Abend. Franzl hat der archaischen Tüchtigkeit nichts entgegen zu setzen. Er hatte es noch nicht nötig, nett zu sein. Sein unwirsches Wesen gilt als originell. Seine strangulierende Preispolitik zählt zum Kolorit.

Im Nordend einzukaufen, war bis gestern Lebensfreude pur bis zum Horizont. Bis das Gasthaus Zum Horizont schloss und die Lebensfreude nach Bornheim sich verzog. Das weiß Tanja nicht, sie lässt sich wegfischen und angraben. Alis Ahnen haben an den Zivilisationsprozessen der letzten Modernen nicht teilgenommen. Die Mimosen der Differenz verdrehen ihm noch nicht die Details auf der Überlebensstrecke. Der so offensichtlich von der Gegenwart überrollte Verehrer erinnert Tanja an Seitenscheiben zum Kurbeln und an den Mittelsteg im Heckfenster alter Käfer.

Tanja genießt die Zufallserotik in einer Klasse der Zurückgesetzten, Heimstatt schöner Verlierer. Birnen duften, das kann man nicht anders sagen. Der Himmel rahmt die Architektur. Absichten einer bekennenden Seitanistin nötigen Ali Abstand zu nehmen von Tanja. Jemand fragt nach einer Quelle für Holunderbeersirup. Jemand verlangt ein faits divers update. Wir erkennen (trotz blackfacing) Max Wood, getarnt als Tamile. Tanja hat von Max Wood noch nichts gehört. Sie bemerkt einen Kasper auf Zehenspitzen. Er sieht zu ihr auf, zwanghaft lyrisch schraubt er sein Begehren an verdrehte Füße:

kümm nü hü dü
was redest du so feucht mit dem barbarossa aus menetekel?
das tut mir weh, denn ich bin eine flasche mit viel f
hü dü
bin pastell, bin hell und voll des nü-hü
bin schwer interessiert an deiner weizenblonden kreiselschnecke
ich fick dich parallel (wir reden von nichteuklidischen Geometrien)
well

Das Tor des Burggartens schwingt auf und der blaue Jaguar von Stonewall Thunderbolt rollt auf die Bornemann Avenue. Dem Fahrzeug folgt der König schweren Herzens zu Fuß im Abgasgruß, um nach dem Rechten zu sehen. Tanja hat sich aufhalten lassen, wie wir wissen. Erst von Obstfranzl und Aliobst und dann vom Rassendichter Max Wood. Diese Verkörperung von Nichtsgutem lamentiert vor Tanja. Tanja trägt einen Korb wie im Märchen. Wir finden sie unerzürnt in ihrer gründlichen Art. Schnell spricht sie selten. Manchmal fällt der Groschen einen Tag lang. Wohin Max Wood sie loben will, versteht sie aber auf Anhieb. Grundsätzlich hat sie nichts dagegen, auch solche anzuziehen, die ihr nichts Erfreuliches entlocken können. Klassenkämpferisch sucht sie Alis Aufmerksamkeit als Ausklang eines halbfreien Nachmittags. Der Händler versucht eine Tofuterroristin geschäftlich klarzumachen, indem er sie schöne Frau nennt. Er glaubt, ihr zu schmeicheln, was haben wir gelacht.
„Du sagst nicht noch mal schöne Frau zu mir. Sonst sorge ich dafür, dass …“

Schnaufend erreicht der König seine Magd. Er verdaut noch die HR3-Mitteilung, dass ein Schwabe essbare Jogurtbecher entwickelt hat.
„Wo bleibst du?“ fragt er verwundert. Der König versteht nicht, warum Tanja sich nicht auf kürzeste Saumseligkeiten beschränkt. So wie es immer war und er es gesehen hat bei seiner Mutter und einer Großmutter und allen anderen Mägden, die keinen Nachnamen und keinen Beruf hatten, sondern nur eine Beschäftigung in der Vornamenwelt.

Max Wood empört sich: „Wie reden Sie mit der Dame? Sollen wir ihnen Manieren einpfeifern lassen. Wir können auf zehntausend mal zehntausend Unterstützer jederzeit zurückgreifen. Wir sind in allen Sparten weltweit vertreten. Wer sich mit wir anlegt, kann ich abhaken.“

Bärig wendet sich der König dem unerwarteten Ärgernis zu. Was ist das denn? Der König sieht einen Ohrwurm, der sich aufbläst. Was es alles gibt.

„Wie bist du denn zustande gekommen, ich meine, sind dafür Lebewesen verantwortlich, und wie nennt man dich da, wo du verkümmert aus dem Brüter gezogen wurdest?“

„Isch bling-bim der gewaltige Max Wood, Verfassungsfeind auf Probe, Nachahmer von Andreas Baader und Uschi Glas, Kommentarspaltenfüller ersten Ranges und Deskwarrior wie kein zweiter. Meistens halte ich mich marxistisch-rassistisch versteckt, aus Angst vor den Rächern der NKLL. Ihr dürft Euch glücklich schätzen, mich selbst einmal zu sehen, anstatt bloß meine hässlichen und unbegabten Erntehelfer und Helfershelfer. Nach der Revolution stelle ich alle an die Wand und erschieße jeden mit meinem doppelläufigen Penis. Dann mache ich mich zum einzigen lebenden Suhrkampautor.”

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erstellt am 23.5.2017