Bekannt wurde der Schriftsteller, Publizist und Übersetzer Hans Wollschläger zunächst mit seiner Neuübersetzung des Romans „Ulysses“. Erst 1982 erschien sein Opus magnum, „Herzgewächse oder Der Fall Adams“. Anlässlich des 10. Todestages von Hans Wollschläger wandelt Sieglinde Oehrlein durch ihre Heimatstadt Bamberg, in der die „Herzgewächse“ entstanden.

Zum 10. Todestag von Hans Wollschläger

Doppelte Heimkehr

Furore gemacht hat der Schriftsteller, Publizist und Übersetzer Hans Wollschläger zunächst mit seiner Neu-Übersetzung von Ulysses des Iren James Joyce 1975. Erst 1982 erschien sein bereits 1962 abgeschlossenes Opus magnum, Herzgewächse oder Der Fall Adams, für das sich selbst Arno Schmidt vergeblich eingesetzt hatte. Hinter der Titulierung des Werkes als Sensation verbarg sich ebenso viel Bewunderung wie Unverständnis.

Vieles hat man in die Herzgewächse hinein- oder aus ihnen herausgelesen, eine tiefenpsychologische Deutung des Fauststoffes, die Selbstreflexion eines Emigranten. Der Autor selbst sagte, „das ist mein Mittelpunkt“, nannte es ein „wahnwitzig umfangreiches, diffiziles, auch rücksichtsloses Buch“, in dem zeitliche und gedankliche Überblendungen wie in einer musikalischen Struktur den Zerfall des Ichs im wahrsten Sinne vor Augen führen, denn auch das Schriftbild ist wie zersplittert.

Bamberg, Jakobsplatz 1
Bamberg, Jakobsplatz 1, wo Hans Wollschläger zwischen 1975 und 1998 gewohnt hat.

Geschrieben hat Wollschläger diese „Notation fortschreitenden Selbstverlusts“ im oberfränkischen Bamberg, fernab vom großen Literaturbetrieb, und just in jenem stattlichen Haus am Jakobsplatz 1, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Belegt ist die heute sogenannte „Villa Aja“ schon um 1400 als Badehaus. Ich sehe den Autor in seiner Wohnung im ersten Stock sitzen, wo man mittags das Glockengeläut von sieben Kirchen hört und nachts die beleuchtete Altenburg im Mondlicht erscheint – „der Mond hing tief und und sichelnd im Westen über dem First – von schlampenden Fetzen umtrieben“, heißt es bei Wollschläger.

Die Kenntnis meiner Herzensheimat Bamberg, wo „der Domberg“ nicht nur einen Ort, sondern vor allem eine Geisteshaltung benennt, hilft mir, mich wenigstens räumlich in Wollschlägers gigantischem Sprachlabyrinth der Herzgewächse zu orientieren. Der Untertitel Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern verweist auf E.T.A. Hoffmanns Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern und auf eine kaum nachzuvollziehende Handlung, geschrieben in bruchstückhaften Sätzen, zum Teil nur Wortfetzen. Geschildert wird die Rückkehr des fiktiven jüdischen Schriftstellers Michael Adams im Jahr 1950 in seine Heimatstadt Bamberg. Er lebt wieder am Heinrichsdamm 10, hoch über dem Regnitzufer, im Dachgeschoss des Hauses, wo er seit 1905 bei einer Tante aufgewachsen war. Wenn seine Wirtin Frau Simon von dem „schweren Angriff am 22. Februar 1944“ berichtet, als „im ganzen Haus die Scheiben herausflogen“, bedeutet das für den Heimkehrer „also gar keine Schäden weiter“; ähnlich müssen meine Eltern als schlesische Flüchtlinge die jammervollen Berichte ihrer unfreiwilligen Gastgeber wahrgenommen haben.

Ich begleite den Autor in Scheiners Weinstuben am Domberg, wo ich als Schülerin Ferienarbeit gemacht habe, zur Brucknermesse in die Zentralsäle oder den Dominikanerbau, wo die Bamberger Symphoniker konzertierten, bevor sie 1993 in der Sinfonie an der Regnitz eine würdige Heimstatt fanden, oder ans Pfahlplätzchen 1, wo heute am „Haus zum Krebs“ eine Plakette an Hegel erinnert, der „mal die ’Bamberger Zeitung’ redigiert hatte“ und 1807/08 hier wohnte. Nicht weit sind Obere Brücke mit reich bemaltem Alten Rathaus – mitten im Fluss erbaut –, die barocke Martinskirche am Grünen Markt, davor der barocke Neptunsbrunnen „Gabelmann“ mit seinem Dreizack noch immer touristische Anziehungspunkte. Durch die Lange Straße, wo Adams „taubstumme Lemuren an den Haltestellen“ entdeckt, geht es zur ehemaligen „Weinwirthschaft“ Messerschmitt am Schönleinsplatz, heute ein Nobelrestaurant; „die schöne Synagoge am Wilhelmsplatz … wohl 1938 weggebrannt: …..direkt vor den Fenstern des Justizpalastes“, habe ich nicht mehr erlebt, ebenso wenig wie die Straßenbahn. Wenn Adams sagt, „ich stand weitab, auf der Seite unter dem Reiter“, steht er natürlich unter dem Wahrzeichen der Stadt, dem berühmten Bamberger Reiter im Dom, den „Imperator Heinrich, zweiter seines Namens“ zu Beginn des 11. Jahrhunderts erbauen ließ und wo Adams „ganz ekelhaft zumute wurde -: die Domhalle feuchtig, drückend menschenvoll –“. Viele Freunde hat sich Wollschläger im katholischen Bamberg mit solchen Äußerungen sicher nicht erworben, immerhin erhielt er den E.T.A.Hoffmann-Preis der Stadt (1989) und die Ehrendoktorwürde der Universität (1990).

Ich begleite ihn „durch Nacht und Nebel“ nach Bug zu dem Ausflugslokal vor den Toren Bambergs, Ziel zahlloser Sonntagsspaziergänge noch meiner Kindheit, wo „schwarz und wartend an mir vorbei: sich zu erkennen gebend“ E.T.A.Hoffmann auftaucht. Hoffmann hatte von 1807 bis 1813 als Komponist, Dirigent und Theatermaler am Bamberger Theater gewirkt und seinen geliebten Punsch gerne an diesem idyllischen Örtchen genossen; oder ich folge ihm „am Spätnachmittag noch“ auf die Altenburg, wo er „eine Tasse schlechten Kaffee“ trank und Hoffmann 1812 im nördlichen Mauerturm an seiner Undine gearbeitet hatte.

Aber „man muß, wenn man einmal hier ist, ja nicht unbedingt auf seinen sämtlichen Wegen wandeln“, meint Wollschläger über Hoffmann, und das mag nun auch für ihn gelten, zumal er in seiner „Polyphonie des Schreibens … wie mit zwei Hirnschichten“ sich allmählich selbst zu verlieren scheint: „ich bin lauter Fragmente“, sagt er, „mein ganzes Leben: ist ein Wirkliches aus mißlungener Unwirklichkeit“.

Gelungene Wirklichkeit geblieben sind seit 1963 vor allem seine Übersetzungen von Werken William Faulkners, Raymond Chandlers und E.A.Poes, seine Karl-May-Monografie von 1965 und ab 1998 die Gesammelten Werke Friedrich Rückerts. Außerdem trat der 1935 in Minden geborene Wort- und Gedankenakrobat Wollschläger als Religions- und Kirchenkritiker hervor, verfasste eine Monografie Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem (1970) und beschäftigte sich mit Leben und Werk Gustav Mahlers – in Detmold hatte er Musik studiert –, dessen 10. Sinfonie er vollenden wollte. 1957 war er Mitarbeiter des Bamberger Karl-May-Verlags geworden, aus jener Zeit stammte seine Bekanntschaft mit Arno Schmidt, und 1991 bedachte er das Bamberger E.-T.-A.-Hoffmann-Theater mit einer Inszenierung von Goethes Torquato Tasso. Am 19. Mai 2007 ist Wollschläger in Bamberg gestorben.

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erstellt am 19.5.2017

Hans Wollschläger
Hans Wollschläger © Ashkan Sahihi / Suhrkamp Verlag