Der Regisseur Harald Ortlieb im Gespräch mit Andrea Pollmeier

Chiffren des Bildes und der Stimme

In der Zeit, als das Internet erst allmählich populär wurde und die Entstehung von YouTube noch in weiter Ferne lag, haben Sie begonnen, Gedichte und literarische Texte in der Form eines Videoclips zu bearbeiten. Warum haben sie sich entschieden, Romane mit einer Bildsprache zu verbinden?

Es geht mir darum, Literatur und Schriftsteller in einer neuen, ganzheitlichen Sichtweise zu vermitteln und Appetit auf Lesestoff und Autor zu wecken. Ganzheitlich in dem Sinne, dass der von einem Autor formulierte Texte ja zunächst nur eine auf e i n Medium reduzierte Botschaft, nämlich den Text, darstellt.
Mich interessiert darüber hinaus vor allem die Persönlichkeit des Schriftstellers mit allen ihren Facetten, biografisch, ethnisch, soziologisch, geografisch, … etc. Nur versuche ich das nicht durch ein meist kopfgesteuertes Interview, sondern mit Chiffren des bewegten Bildes und der Stimme des vorlesenden Autors in Form von Videoclips filmisch umzusetzen.
Die meisten Autoren, mit denen ich Clips produziert habe, zeigten sich sehr offen für diese Art des Porträts, weil sie selbst ihr Denken und Handeln und ihre Botschaft nicht nur auf ihren Text begrenzt wissen wollten und ihre Sympathie für eine mediale Öffnung äußerten.

Wie entsteht ein literarisches Video?

Ich arbeite den Text durch, ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder einen Roman und wähle Textpassagen aus, die vier Kriterien entsprechen müssen: 1. Sie sind kurz genug für einen Videoclip. 2. Sie transportieren als Zitat im Kleinen die Botschaft des ganzen Werks. 3. Sie ergeben als in sich abgeschlossener Auszug einen Sinn. 4. Sie sind für die Schreibweise des Autors typisch.
Nach der Selektion der Textpassagen entwickle ich erste Ideen zur szenischen Umsetzung, die ich dann in einem Vorgespräch mit dem Autor bespreche. Ich lege sehr großen Wert darauf, das Vorgespräch in der Umgebung zu führen, in der der Autor lebt oder sich zuhause fühlt. Ich frage ihn nach seinen Lieblingsorten, wo er sich gern aufhält oder gar, welche Orte ihn zu seiner Literatur inspiriert haben. Feridun Zaimoglu, mit dem ich eine Serie von Clips über sein Buch “Zwölf Gramm Glück” produziert habe, gestand mir beispielsweise im Vorgespräch ein, das er zu jedem Kapitel durch einen anderen Raum seiner Wohnung inspiriert worden sei. Dann war klar, die Zitate aus jedem Kapitel in dem betreffenden Teil seiner Wohnung, Flur, Küche, Bad … etc. in Szene zu setzen.

Warum haben Sie die Werke von Artur Becker und Ilma Rakusa ausgewählt?

Der Clip über Artur Becker ist im Februar diesen Jahres im Rahmen der Porträtserie über Adalbert-von-Chamisso-Preisträger im Auftrag der Robert Bosch Stiftung entstanden. Gegenstand des Clips ist die Neuerscheinung des Romans „Wodka und Messer”. Der Clip über Ilma Rakusa entstand während einer Reise nach Slowenien 2005 anlässlich der Verleihung des Vilenica-Preises an die Autorin. Der darin szenisch umgesetzte Text ist Teil des in diesem Jahr ebenfalls neu erschienenen Romans „Mehr Meer”, in dem es um die literarische Aufarbeitung des Lebenswegs der Autorin geht, der sie durch verschiedene Sprachräume geführt hat.
Die beiden in der Pilotfassung des Internetportals www.litchannel.tv vorgestellten Clips haben nur Beispielcharakter. Auf der Website werden pro Woche Clips zu je einem Schriftsteller vorgestellt, Clips die in den vergangenen Jahren zu unterschiedlichen Anlässen entstanden sind. Es handelt sich um mehrere Hundert von über fünfzig Autoren. Da in diesem Jahr China das Gastland ist, werde ich während der Buchmesse auf der Website zwei Autorinnen chinesischer Provenienz vorstellen, die inzwischen in deutsch publizieren: Liu Lingyuan und Que du Luu.

Welche Texte/Gedichte sind besonders geeignet für die visuelle Interpretation?

Ein Videoclip lebt u. a., das kennen wir vom artverwandten Genre der Musikclips, vom Schnittrhythmus, von wechselnden Bildmotiven und von visuell-auditiven (hier -sprachlichen) Brechungen. Von daher scheint ein Gedicht von seiner sprachlichen Struktur und Semantik, nicht zuletzt auch wegen seiner Kürze am besten für eine visuelle Interpretation im Clipformat geeignet zu sein. Bei einem längeren Prosatext wie einem Roman ist, wie bereits oben skizziert, eine gezielte Auswahl von Textpassagen, die auch mit Kürzungen in Absprache mit dem Autor einhergehen können, erforderlich. Auch wird hier in besonderem Maße dem narrativen Charakter der Textvorlagen Rechnung zu tragen sein, z.B. dadurch, dass der Schnittrhythmus eher kontemplativ ausfällt, und ein Sich-Einlassen auf den Text durch unruhige Signale nicht verhindert wird.

Wann haben Sie mit der Entwicklung von Videoclips und insbesondere von literarischen Clips begonnen?

Meine ersten Erfahrungen mit der Visualisierung literarischer Vorlagen konnte ich bereits während meines Filmstudiums am Literarischen Colloquium Berlin sammeln, wo wir als Studenten an der Realisierung der Porträtserie „Der Dichter und seine Stadt“
(damals SFB, heute RBB) involviert waren. Die Jahre danach widmete ich mich der Realisierung von Video-Art-Projekten. Erst Mitte der 90er Jahre griff ich die Idee der Inszenierung literarischer Texte in Form von Videoclips wieder auf, die ersten Jahre waren ausschließlich der Lyrik gewidmet.

Welche besonderen Rezeptionsweisen haben sie beobachtet?

Im Jahre 2000 hatte ich einen eigenen kleinen Stand auf der Buchmesse gemietet. Zum Testen der ersten Clipserien. Auf dem Stand war nichts anderes zu sehen als ein Video-Terminal mit Touchscreen, auf dem die Besucher per Fingertipp Videoclips zu unterschiedlichen Schriftstellern abrufen konnten. Kein Buch, keine CD. Das war rückblickend betrachtet ein Fehler. Denn die, die an dem Terminal die Videos abriefen, waren fast ausschließlich Jugendliche, die anschließend danach fragten, wo man denn „sowas kaufen“ könnte.

Die Robert-Bosch-Stiftung macht die literarischen Video-Clips zur Literaturvermittlung an Schulen verfügbar, damit die Texte auch bei Jugendlichen Verbreitung finden.

Ich möchte Versäumtes nachholen und habe der Bosch Stiftung vorgeschlagen, die Clips, die ich im Auftrag der Stiftung über Chamisso-Preisträger in den vergangenen Jahren hergestellt habe, in Form eines DVD-Albums im Rahmen der von mir vor einiger Zeit gegründeten „Edition aUGENbUCH“ auf den Markt zu bringen, nicht zuletzt auch, um mit dem Thema „Migrantenliteratur“ neue Impulse für den Deutschunterricht zu erzeugen.

Haben Sie diese Adressatengruppe gezielt ansprechen wollen?

Impulsgeber für die Entwicklung und Produktion von Lit'Clips war nie der Wunsch, Jugendliche an Literatur heranzuführen. Im Mittelpunkt des Interesses stand und steht nach wie vor meine ganz persönliche Neigung, Grenzbereiche zwischen den Künsten, Literatur, Bildende Kunst und Musik zu erkunden und mit ästhetischen Mitteln zu definieren und der Wunsch, durch die Erkundung von Synästhesien neue Sichtweisen auf die Literatur zu ermöglichen.

Wie verändert – aus Ihrer Sicht – die Bildsprache das literarische Werk? Werden Inhalte gegebenenfalls verstärkt oder auch zurückgenommen?

Mit der Bildsprache versuche ich, den Texten einerseits einen Raum, eine „Bühne“ zu geben, in dem das gesprochene Wort eine assoziative „Wertschöpfung“ erfährt, ohne dabei die eigene Phantasie des Zuschauer-Hörers einschränken zu wollen. Zum anderen hat der Bildrhythmus die Aufgabe, das dem Text innewohnende Metrum sinnlich erfahrbar zu machen. So folge ich beim Bildschnitt weniger visuellen als vielmehr musikalisch-mathematischen Gesetzmäßigkeiten.

Andrea Pollmeier

erstellt am 08.8.2010

Harald Ortlieb
Harald Ortlieb, fotografiert von Andrea Pollmeier

Harald Ortlieb arbeitet seit 1978 als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent von Dokumentar- und Bildungsprogrammen für verschiedene Fernsehanstalten. Er ist in Hamburg Inhaber einer Produktionsfirma mit eigener Studiotechnik und entwickelt seit 1995 für Verlage und Stiftungen LitClips. Texte und Gedichte von Autoren wie Artur Becker, Ilma Rakusa und Luo Lingyuan hat Harald Ortlieb mit poetischen Bildkompositionen verbunden und als literarische Video-Clips gestaltet. Die Robert-Bosch-Stiftung gehört zu seinen Auftraggebern und nutzt diese besondere Clip-Art, um Texte der Chamisso-Preisträger Jugendlichen zugänglicher zu machen.

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Harald Ortlieb