Thomas Rothschild wundert sich über die verbreitete Rede vom „Wort als Waffe“, die die Herrschenden „am meisten fürchten“.

Kontrapunkt

Worte, Worte, Worte

„Das Wort ist die Waffe, die die Herrschenden in autoritären Regimen weltweit am meisten fürchten”, sagte die neue Präsidentin des deutschen PEN-Zentrums Regula Venske in ihrer Antrittsrede bei der Jahresversammlung in Dortmund. Das ist natürlich kompletter Nonsens, aber Venske dürfte tatsächlich von ihm überzeugt sein. Am meisten fürchten die Herrschenden autoritärer Regime nichts mehr als Wirtschaftssanktionen. Der türkische Präsident Erdoğan hat das Referendum, wenn auch knapp, gewonnen, weil er in den Jahren, in denen er die türkische Politik bestimmt hat, eindrucksvolle wirtschaftliche Erfolge erzielt hat. Dafür sind viele Menschen bereit, auf Freiheiten zu verzichten, die für PEN-Präsidentinnen ihre Existenzberechtigung liefern. Diese Erfolge darf Erdoğan nicht gefährden, wenn er politisch überleben will. Wohl hat er mehr als 150 Journalisten hinter Gefängnismauern verbannt, wohl hat er, wie die Herrschenden in autoritären Regimen vor ihm, die Redefreiheit eingeschränkt, für die Zensur der Medien gesorgt. Aber nicht, weil er das Wort so sehr fürchtet, sondern weil freie Information, weil Kritik ihn bei der Verfolgung seiner Ziele behindert.

Im Januar dieses Jahres hat der Ex-Präsident des internationalen PEN dem türkischen Kulturminister ins Gewissen geredet: Die Welt würde ein Referendum nicht anerkennen, das unter den Bedingungen einer Notstandsverordnung zustande kommt. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich der Minister im Kreis seiner Kollegen über die Naivität und die Selbstüberschätzung des Kanadiers amüsiert hat. Er hatte dafür jede Berechtigung. Denn ein paar Tage nach dem PEN-Missionar kam Theresa May nach Ankara und bot Erdoğan verstärkte Handelsbeziehungen und Zusammenarbeit bei der Rüstung an. Statt sich aber die eigene Schwäche und die erlittenen Niederlagen einzugestehen, nehmen die Intellektuellen im Allgemeinen und die PEN-Funktionäre im Besonderen den Mund voll. Die Rede vom Wort als Waffe, die die Herrschenden am meisten fürchten, ist nicht mehr als das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Es ist eine Neuauflage jener Verblendung, die zu der deutschen Lebenslüge geführt hat, die Bevölkerung der DDR habe das Regime gestürzt. Helmut Kohl hat dieser Legende entgegengehalten: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.“ Damit hatte er recht. Nicht Reden und Montagsdemonstrationen haben zum Zusammenbruch der DDR geführt, sondern der wirtschaftliche Bankrott der Sowjetunion und die somit ausbleibende ökonomische Unterstützung, von der die DDR abhängig war.

Das Pathos wird zur Lüge

Intellektuelle neigen dazu, sich an ihren eigenen Worten zu berauschen und sie mit der Wirklichkeit zu verwechseln. Deshalb stellen sie sie gerne als gefährliche und gefürchtete Waffe hin. Es war nicht diese Waffe, es waren nicht Worte, sondern sehr reale Waffen, denen Hitler, dieser Herrscher eines autoritären Regimes weichen musste. Die Freiheit des Wortes ist ein verteidigenswertes Gut, und der PEN tut gut daran, wenn er sich seiner Bewahrung widmet. Wenn er aber suggeriert, damit ließen sich Herrscher zügeln, erzeugt er Illusionen und spielt dem Gegner in die Hände. Das Pathos der Rhetorik wird zur Lüge und ist zutiefst unpolitisch. Die Wahrheit ist: Erdoğan und seinesgleichen haben wenig zu befürchten, so lange eigene Interessen seine Partner in Politik und Wirtschaft in aller Welt davon abhalten, ihm den Hahn abzudrehen. Darauf aber haben PEN-Präsidentinnen wenig Einfluss. Darum reden sie lieber über das Wort als Waffe.

Die Verhältnisse werden nicht besser, wenn man sich selbst belügt und die Muskeln spielen lässt. Man sollte sich eingestehen, dass die Demokratie zurzeit mehr Niederlagen als Siege erlebt. Man sollte sich eingestehen, dass sich lediglich die kleine politisch interessierte oder gar aktive Minderheit, die in Gegnerschaft zum herrschenden Regime steht, sowie jene Minderheiten, die, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen, verfolgt werden wie die Juden, die Zigeuner oder die Behinderten im Dritten Reich, von einer Diktatur bedroht fühlen. Der überwiegenden Mehrheit, nicht nur in der Türkei und nicht nur unter in Deutschland lebenden Türken, ist es ziemlich egal, ob die Grundpfeiler der Demokratie, die Meinungs-, Presse- und die Versammlungsfreiheit, respektiert werden oder nicht. Wer ohnedies die Meinung der Herrschenden teilt oder – zumindest zur Politik – gar keine Meinung hat, den kratzt es nicht allzu sehr, wenn abweichende Meinungen unterdrückt werden.

Die große Mehrheit der Menschen fühlt sich nicht sonderlich eingeschränkt, wenn es statt einer Vielzahl von Medien nur eine Einheitspresse und einen Staatsfunk gibt. Mal ehrlich: wer liest schon, selbst in unserer Demokratie, mehr als eine Tageszeitung? Wie viele Menschen wehren sich, wenn die Medien einander immer ähnlicher werden? Wie viele Menschen besuchen selbst in demokratischen Ländern politische Versammlungen, die sie vermissen würden, wenn sie verboten wären? Kann man es den Menschen verübeln, dass es sie nicht sonderlich erregt, wenn ihnen bestimmte Freiheiten, von denen sie ohnedies kaum Gebrauch machen, vorenthalten werden? Sie können die Geheimpolizei ignorieren, weil sie vor ihr nichts zu verheimlichen haben. Für sie zählen andere Werte und Tatsachen als jene, die gemeinhin mit der Vorstellung von Demokratie verbunden sind.

Diese unangenehme Erkenntnis ist die Voraussetzung für eine realistische Analyse der Lage und für deren Veränderung. Bis dahin sollte der deutsche PEN sich auf das konzentrieren, was er tatsächlich kann: auf die aktive Hilfe für Exilautoren. Auf Taten also statt auf Worte.

Kommentare


Wolfram Schütte - ( 08-05-2017 02:01:59 )
Lieber herr rothschild, sie haben ja recht mit ihrem materialistischen einspruch gegen den illusionistischen überschwang einer selbstbezogenen idealistischer rhetorik, die sich mit ihrem wort als waffe für den nabel der welt hält. falsch aber scheint mir, damit zugleich das kind mit dem bade auszuschütten. vergessen sie als materialist doch bitte die dialektik nicht. wir (nicht nur der pen)sollten uns nicht (wie sie verlangen)nur "auf taten statt auf worte" konzentrieren. gehen nicht oft die taten auf worte zurück? sind nicht worte in manchen situationen "taten"? ist es nicht aufgabe, sinn & tätigkeit von intellektuellen seit ewigen zeiten (oder sagen wir: seit diderot et al.), gegen die übermacht des faktisch-materiell-gegebenen wenigstens erst einmal mit worten widerspruch zu artikulieren? warum werden in putins russland leute, die das wort ergreifen, mafiotisch beseitigt, warum sitzen in der türkei soviele journalisten & kolumnisten im gefängnis, warum betrachtet trump die presse als seinen hauptfeind, warum versuchen die hackerangriffe eben erst jüngst in frankreich die integrität des wortes & damit das vertrauen in die rationalität & wahrheit zu zerstören? ich weiß z.b.auch, wie wichtig für einen, der sich gesellschaftlich-politisch-existenziell isoliert sieht, das offene, mutige wort eines autors oder einer autorin an ermutigung für einen selbst bedeuten kann: durchzuhalten, "gegen den strom zu schwimmen", selbst wenn ein solcher mensch ängstlich ist oder politisch "bequem", bzw. "andere werte und tatsachen" favorisiert. "einer muß wachen" heißt es irgendwo bei kafka, "eine(r) muß das wort ergreifen, hüten, aussprechen & auch feiern als tat", füge ich hinzu in erinnerung an heinrich mann, den autor von "geist und tat". herzlich ihr WoS

Kommentar eintragen









erstellt am 02.5.2017