Der Künstler Allan Kaprow (1927-2006) gilt als Erfinder und einer der bedeutendsten Repräsentanten des Happenings. Bevor er diese folgenreiche Kunstform mitbegründet hat, versuchte er sich als Maler. Nun zeigt die Esslinger Villa Merkel eine Werkschau von Bildern Allan Kaprows aus den Jahren 1946 bis 1957. Thomas Rothschild hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung

Vor dem Happening

Allan Kaprow, George Washington Bridge, 1955
Allan Kaprow, George Washington Bridge, 1955, Öl/Leinwand, 97,2 x 119 cm © Allan Kaprow Estate

Seit der Wiedervereinigung nähert sich Berlin als kulturelles Zentrum den Hauptstädten London, Paris, Wien, Prag, Budapest an. Das ist nicht nur ein Vorteil. Zum Glück aber kann es Besonderheiten der deutschen Geschichte nicht ganz außer Kraft setzen. Die „verspätete Nation“, der historisch begründete Föderalismus profitieren von einem Erbe, um das Deutschland zu Recht beneidet wird. Nirgends sonst findet man über das ganze Land verstreut Theater und Musikensembles in großer Zahl, die sich zu einem nicht geringen Teil an jenen der Hauptstadt messen lassen dürfen. Und man sollte gründlich nachdenken, ehe man diesen Reichtum leichtfertig aufs Spiel setzt. Wer die kulturelle Ödnis in der englischen oder der französischen Provinz kennt, sollte Empathie empfinden für die Bevölkerung in Bochum, Frankfurt oder Dresden, die nicht nach Berlin reisen muss, um einen erstklassigen Theaterabend, ein hochkarätiges Konzert zu erleben.

Möglicherweise ist es dieser Bevölkerung nicht bewusst, dass ein erstaunliches Phänomen keineswegs selbstverständlich ist: Selbst mittelgroße und sogar Kleinstädte in der ganzen Republik haben Museen und Galerien, die sich Ausstellungen leisten, für die sich eine Anreise nicht weniger lohnt als für die Großprojekte in Paris oder Amsterdam. Zum Beispiel Esslingen am Neckar. In der Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern steht, umgeben von einer Parkanlage, die wunderschöne Gründerzeitvilla Merkel, die zu einer nicht weniger schönen und großzügigen Galerie umgestaltet wurde.

Dort ist eine Werkschau von Bildern Allan Kaprows aus den Jahren 1946 bis 1957 zu sehen. Der 2006 verstorbene Kaprow ist in die Kunstgeschichte als Erfinder und einer der bedeutendsten Repräsentanten des Happenings eingegangen. Ehe er aber diese folgenreiche Kunstform mitbegründet hat, versuchte er sich als konventioneller Maler. In Esslingen kann man nun seine Entwicklung innerhalb von nur elf Jahren beobachten. Eindrucksvoll ist dabei, wie kontinuierlich er Einflüsse vorausgegangener und gerade aktueller Strömungen der europäischen und der amerikanischen Kunst aufgenommen und verarbeitet hat.

Ein Bild, das Paul Klee gewidmet ist, könnte tatsächlich von Paul Klee stammen, ein anderes erinnert verblüffend an Modigliani. Deutliche Spuren haben, unter anderem in der antinaturalistischen Wahl der teils grellen, teils „schmutzigen“ Farben, die deutschen Expressionisten, Ernst Ludwig Kirchner zum Beispiel oder Franz Marc, in Kaprows malerischem Werk hinterlassen, ehe er sich von der sogenannten abstrakten Malerei und dem Action Painting Jackson Pollocks inspirieren ließ. Eigenwillig sind bei Kaprow die Formate, was man in der Fotografie „Bildausschnitt“ und im Film „Kadrierung“ nennt. Die Ausstellung macht erfahrbar, wie einer der wichtigen Avantgardisten des 20. Jahrhunderts im Alter von 19 bis 30 Jahren Schritt für Schritt zu seiner eigenen Ausdrucksweise fand.

Parallel zu der Kaprow-Ausstellung zeigen die Galerien der Stadt Esslingen im oberen Geschoss der Villa Merkel unter dem Titel „Stories in Your Mind“ Reflexionen von sechs zeitgenössischen Künstlern zum Thema Narration.

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erstellt am 01.5.2017

Allan Kaprow
Allan Kaprow
Ausstellung in Esslingen

Allan Kaprow – Malerei 1946-1957

19. März – 28. Mai 2017

Villa Merkel

Allan Kaprow, Red Figure with Cage, 1956, Öl/Leinwand, 177,8 × 123,2 cm © Allan Kaprow Estate. Courtesy Hauser & Wirth