Deutschland feiert 2017 das Reformationsjubiläum: Martin Luthers Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg jährt sich zum 500. Mal. Hans-Klaus Jungheinrich hat aus diesem Anlass fünf neue, groß angelegte Luther-Biografien sowie einige kleinere, nicht zu unterschätzende Schriften gelesen und ausgewertet.

Martin-Luther-Biografien

Fünf Neuformen eines Reformators

Nicht die Geburts- und Todesdaten, sondern ein anderer biografischer Eckpunkt beschert uns wieder ein Lutherjahr: der ominöse Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg, der sich angeblich am kommenden 31. Oktober zum 500. Mal jährt. Traditionell verknüpft sich mit diesem Termin der Ursprung des Protestantismus, die Gründung der evangelischen Kirche, aus katholischer Sicht: das entscheidende Schisma am Beginn der „Neuzeit“. Lutherjubiläen waren vor allem in Deutschland oft Anlass zu (kultur)politischen, nationalistisch konnotierten Gedenk- und Vereinnahmungsaktivitäten. Davon wenigstens kann 2017 natürlich nicht die Rede sein, wenngleich die gesteigerte Medienaufmerksamkeit für den Reformator, ein publizistischer Tsunami zwischen den Polen von (um es altdeutsch-derblutherisch zu sagen) ideologischen Brunzgewittern und Wolkenbrüchen des Heiligen Geistes, reich an ebenso anregendem wie lästigen Getue zu werden verspricht. Ich habe mir im Folgenden die Lektüre und Auswertung von fünf neuen umfangreichen Luther-Biografien vorgenommen, dazu ein paar kleinere Schriften. Zu den aktuellen Theaterbemühungen ums Thema gehörte auch die reizvolle Dramatisierung („Bist du sicher, Martinus?“) einer der „ungehaltenen Reden ungehaltener Frauen“ von Christine Brückner mit der Heidelberger Regisseurin Jessica Weißkirchen (pittoresker Spielort: die Empore der Peterskirche in der Universitätsstadt) und der famos quirligen Schauspielerin Magdalena Wardzinska als Luthergattin Katharinas von Bora mit Textmaterial aus den Tischgesprächen, arrangiert in der schon leicht „historisch“ anmutenden Feministinnen-Manier des ausgehenden letzten Jahrtausends.

Zu den netten (außerdem pfiffig illustrierten) Luthergaben des Jahres gehört auch das Büchlein „Luthers Lieder“ des Theologen und Musikwissenschaftlers Martin Geck, das sich mit einer Materie befasst, die bei den Biografen (Willi Winkler spart sie nahezu völlig aus) kaum vorkommt. Einige Seitenbemerkungen zeigen, dass Geck, der auch das Zeug zu einer „großen“ Luther-Biografie hätte, dem Reformator keineswegs unkritisch begegnet. Kein Mangel an Kritik aber auch in der kleinen Streitschrift mit dem unsäglichen Titel „Warum Luther die Reformation versemmelt hat“ von Friedrich Christian Delius, die sich polemisch vor allem an der „Erbsünden“-Lehre von Augustinus reibt; diese beruht auf einem Übersetzungsfehler, den Luther, sozusagen in zweiter Instanz, übernimmt, womit er dem Protestantismus eine schlimme Hypothek aufbürdet. „Nicht ohne“ ist auch das (etwas weniger) schmale Bändchen „Luther – Steckbrief eines Überzeugungstäters“ des theologisch interessierten Philosophen Christoph Türcke, der die finsteren Aspekte des Luther’schen Wirkens, den Hexen- und Teufelsglauben, die Hass-Ausfälle gegen die Juden und die revoltierenden Bauern, vielleicht eine Nuance zu „deterministisch“ aus Luthers Glaubenslehre hervorgehen sieht. Zu den unbedingt lesenswerten Lutheriaden des Jahres gehört auch ein profunder „Lettre“-Aufsatz von Raoul Schrott über den deutschen Sprachschöpfer der dank dessen Regsamkeit mächtig an- und aufgebrochenen Gutenberg-Ära.

Martin Luther ist, anders als in einer noch immer bei beflissenen Pastoren grassierenden Vermittlungspraxis, ein gänzlich Fremder, ein rätselhaft in seine Idiosynkrasien eingesponnener Neurotiker, wenn nicht gar Psychotiker; ein Mensch mehr des Mittelalters denn der mit dem Blick auf Welterweiterung, Bildung und Aufklärung gerichteten Renaissance. Eine frühe Dienstreise nach Rom, über die nichts Genaueres bekannt ist, scheint auf den jungen Augustinermönch kaum irgend einen Eindruck zu machen – beeinflusst von Richard Wagner, hatte man sie sich oft als eine donnernd misslungene Wallfahrt à la Tannhäuser vorgestellt. Der Blitzschlag im Unwetter vor Stotternheim, der eventuell das Mönchsgelübde hervorrief: nicht quellengestützt. Selbst der weltgeschichtliche Auftritt 1521 vor dem Wormser Reichstag: wahrscheinlich hinzugedichtet die vielzitierten Kraftworte „hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Luthers Vita zerfällt in zwei extrem unterschiedlich dokumentierte Teile: bis etwa zum Wartburgaufenthalt (1521/22) existieren kaum sichere Quellen; hernach sind die Lebensstationen ähnlich lückenlos rekonstruierbar wie bei Goethe oder Napoleon. Also viel Platz in diesem Leben für fabulierende Heldenverfälschung und -veredelung. Luther machte mit der Selbststilisierung in den „Tischgesprächen“ den Anfang; die dort vorgetragenen „Erinnerungen“ an seine Frühzeit waren für die Historiker oft die einzigen Anhaltspunkte.

Wie kriege ich einen gnädigen Gott?

Ein beliebiger Blick in eine der Biografien fördert, womöglich auf einer einzigen Buchseite, gleich zwei, drei aberwitzig erscheinende Glaubens-Fakten oder Luther-Ideologeme zu Tage. Etwa, erstens: Die verzweifelte Angst, als Sünder Gnade vor Gott zu finden. Der mächtige Vater, ist er letztlich erbarmungsvoll oder doch grausam? Bedarf die „Erlösung“ guter Werke oder schafft es der Glaube allein? Zum zweiten: Vor seiner ersten Messe als Priester wird der junge Luther von furchtbarem Schrecken befallen, nun gleich Gott unmittelbar vor Augen zu treten. Er will vor dieser Konfrontation fliehen, wird im letzten Moment zurückgehalten. Hinzu kommt, zum dritten, der Abendmahlsstreit mit dem Zürcher Reformator Huldrych Zwingli in Marburg 1529, in dem sich Luther peinlich rechthaberisch zeigt: „Das ist mein Leib“. Also tatsächliche Transsubstantion und nichts bloß Symbolisches. Ein Prediger von heute tut sicher gut, sich bei diesem Punkt nicht mehr sonderlich aufzuhalten oder zu ereifern.

Gewiss lassen sich diese drei herausgepickten Lutherthemen auch mehr oder weniger tiefsinnig aktualisierend bedenken. Das abgründige „Wie kriege ich einen gnädigen Gott“ würde dann zum säkularisierten „Hat denn das Leben irgend einen Sinn?“. Oder zum kafkaesken Gefühl des ausweglosen Verurteiltseins in einem Prozess, in dem subjektiver Widerstand zwar geboten, aber völlig erfolglos ist. Die Scheu vor dem „religiösen Erlebnis“ ließe sich mit Rudolf Otto, dem einflussreichen Theologen des frühen 20. Jahrhunderts, als „mysterium tremendum“ benennen – aber kann das sich überhaupt noch mit kirchlichen Ritualen verknüpfen, begegnet es nicht eher in Grenzerfahrungen mit Natur und Kunst in der Art des existentiell gemeinten Rilke-Satzes „Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang“? Brot und Wein schließlich: Dass sie in einem umfassend „mystischen“ Weltverständnis, in dessen Nähe Luther als Leser von Meister Eckhard, Johannes Tauler und der spätmittelalterlichen „Theologia deutsch“ durchaus kam, „Gott“ enthalten (oder Gott sind) wie die ganze übrige Materie und die Ideen dazu, ist schön und gut und entspringt vollauf pantheistischer Innigkeit. Wenn man aber weiter fragt: Warum, wenn Gott in allem sei, weshalb dann ausdrücklich noch in Brot und Wein, und Luther darauf antwortet: Darum, dass es die Menschen besser verstehen – da kommt dann unweigerlich Rabulistik hinzu. Erfühlte Glaubenssätze müssen „bewiesen“ werden, wie krumm und verdreht solche Beweise auch immer sind. Die Scholastik holt Luther wieder ein. Und das macht ihn uns so fremd – und womöglich lächerlich.

War die Kirchenspaltung überflüssig? Evangelische „una sancta“-Nostalgien, vor 50 Jahren verbreiteter, sind gegenwärtig wohl wieder in den Hintergrund getreten. Immerhin gab es meines Wissens keinen Repräsentanten des Protestantismus, der im neuen 21. Jahrhundert öffentlich Papst Benedikt XVI. luthernah als Verkörperung des Satans apostrophierte – beim Papst Franziskus fiele das sowieso niemandem im Traum ein. Willi Winkler schließt übrigens seine Luther-Biografie mit der Empfehlung, Luther in Rom jetzt endlich heiligsprechen zu lassen. Vielleicht doch ein wenig übertrieben.

Das wohlproportionierte Panorama

Die fünf hier behandelten Luther-Monographien sind, großzügig betrachtet, ähnlichen Umfangs (knapp 400 bis gut 600 Seiten Erzähltext) und übereinstimmend mäßig üppig sowie, ausgenommen Roper, ausschließlich schwarzweiß illustriert. Freilich sind die Schwerpunkte so verschieden gesetzt, dass auch bei der Lektüre des vierten oder fünften Buches keine Langeweile aufkommt. Heimo Schwilks „Luther – Der Zorn Gottes“ eignet sich als Einstiegsdroge besonders. Der Autor ist ein überaus geschickter Erzähler. Nach einer immensen Ernst-Jünger-Biografie und der trotz der scheinbaren thematischen Einschränkung („Rilke und die Frauen“) ebenfalls eine ganze Lebensbahn nachzeichnenden Dichterwürdigung ist er auch mit seinem Luther-Buch ein souveräner und kurzweiliger Chronist, dem es nicht zuletzt gelingt, die Kernthesen der Luther’schen Lehre(n), wie sie sich in zahlreichen gedruckten Traktaten und Flugblättern manifestieren (Luther war um 1520 einer der produktivsten und meistpublizierten Autoren Deutschlands) ohne Weitschweifigkeiten in klaren Worten wiederzugeben. Eine Fähigkeit, die man nicht unterschätzen sollte.

Plausibel Schwilks Einstieg mit den Ablassthesen von 1517 und, unmittelbar daran angeschlossen, der „richtigen“ chronologischen Reihenfolge mit Herkunft, Kindheit und Jugend. Natürlich spielt das Aguirre-Motiv („Zorn Gottes“) eine angemessene, aber keine dominante Rolle in Schwilks Darstellung, die sich überhaupt als wohlproportioniert und panoramatisch erweist – ganz im Gegensatz zu derjenigen von Winkler. Nichts Wichtiges wird von Schwilk vergessen, und schon gar nichts Widriges aus Denkmalschutzgründen an den Rand gedrängt. Im Eingeständnis von Luthers inkommensurablem Judenhass verbirgt sich nicht, wie womöglich bei Türcke, die Besserwisserei belehrter Nachgeborener. Sowohl in der Eingangswidmung (in Erinnerung an evangelische Klosterschülerzeiten in Maulbronn und Blaufelden) als auch im Nachwort drückt der Autor seine Nähe zu Person und Thema sympathisch und unumwegig aus, was allerdings seinen kritischen Blick nicht zu trüben vermochte.

Der Standard-Luther unserer Zeit

Auf Heinz Schillings „Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ berufen sich, lobend und fleißig zitierend, auch die neueren Biografien. Schillings Werk wurde 2012 veröffentlicht, für die Neuausgabe 2017 aber noch geringfügig ergänzt, etwa um eine Bemerkung zu der Aussage des Politikers Wolfgang Schäuble, Luther sei der „Ahnherr des deutschen Obrigkeitsstaates“, worüber sich Schilling mokiert. Ein wenig kleinlich, wie ich meine; ich würde mich allenfalls an dem Wort „Ahnherr“ stoßen und umständlicher, aber vielleicht treffender formulieren: Luther sah sich aufgrund seiner Sozialisation und der politischen Situation seiner Zeit gezwungen, zur Sicherung seiner Kirche deren Schutz durch die etablierte weltliche Obrigkeit zu betreiben und damit den Weg zur künftigen protestantischen Staatskirche zu ebnen. An diesem Detail lässt sich übrigens gut erörtern, warum aus dem rücksichtslosen Glaubens-Rebell Luther, der Kaiser und Reich in die Schranken wies, schließlich doch der strategisch vorsichtige, taktierende, ja devot die Obrigkeiten „beratende“ Verantwortungsträger wurde: in dem historischen Moment nämlich, da aus seiner individuellen „Ketzerei“ eine kollektive, sich über die Grenzen Wittenbergs und des kleinen Landes Kursachsen ausbreitende Anhängerschaft („Gemeinde“) wurde.

Schillings akribischer Umgang mit unsicheren Quellen und Faktenlagen ist allemal bewundernswert, und geradezu ein Labsal auch seine Fairness gegenüber dem gesamten historischen Kontext. Schillings wird nicht müde, parallele und kontroverse innerkatholische Reformbewegungen bis hin zu den Jesuiten namhaft zu machen (und natürlich auch auf evangelischer Seite die „Vorläufer“ von den Katharern bis Hus), und dabei entsteht auch ein überzeugendes und menschlich anrührendes Porträt des Kaisers Karl V. und seiner persönlichen Tragik – der eines frommen und hochgebildeten Herrschers, der über ganze neue Kontinente gebietet und dennoch dem Zerfall seiner glaubensgeprägten Weltsphäre ausgesetzt ist. Man könnte noch vieles lobend hervorheben, möchte aber auch zwei Schwächen dieser Luther-Annäherung nicht verschweigen. Die erste betrifft die Skizzierung der Lutherschriften, deren manchmal gewiss kruden Inhalten sich Schillings mit merklichem Zögern und einiger Umständlichkeit annimmt, ganz ohne die leichthändige Unbefangenheit Schwilks. Die zweite macht sich in späteren Phasen des Buches bemerkbar, wenn Schilling weniger den Theologie- als den Kirchenhistoriker herausstellt und mit vielen Einzeldarstellungen früher lutherischer Regionalgemeinden nicht speziell an institutionellem Kleinkram Interessierte allzu sehr ermüdet.

Klimmzüge am Denkmal

Muss ein Luther-Konterfei aus dem Haus der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH Leipzig unbedingt eine kreuzbrav in den Bahnen konfessioneller Tradition laufende Hagiographie sein? Vielleicht fürchtete Joachim Köhler, der Autor von „Luther!“, ganz überflüssigerweise eine Zensur, die gar nicht existiert. Dem Verlag und den Lesern, und seien sie noch so luthergläubig, hätte man Besseres gewünscht. „Luther!“ (das markige Rufzeichen soll wohl einen Enthusiasmus wecken, der sich den Familien- und Hausfreund älterer Zeiten nicht mehr zutraut) wendet sich unmissverständlich an Lutheraner, die nicht von ihrer mit gemütlicher Luther-Verehrung gewärmten Ofenbank herunterkomplimentiert werden wollen.

Bei Köhler wird Skepsis immer schnell kleingeredet; so haben noch die unwahrscheinlichsten Klischees und Legenden ihren „Wahrheits“-Gehalt. Köhler weiß durchaus Bescheid und täuscht nicht mit falschen „Fakten“, trifft aber eine Auswahl, die fast an Fälschung herankommt, jedenfalls Schlimmes bewirkt. Hauptsache, das Denkmal Luther hat immer Recht. So auch in der Frage der Bauernkriege, wo auf der Gegenseite der „Hassprediger“ Thomas Müntzer und seine „Gotteskrieger“ ihr Unwesen treiben – die verbale Charakterisierung ist sich schamlos der zeitnahen Assoziationen bewusst. Richtig infam wird es, wenn Köhler auf Luthers Ausfälle gegen die Juden zu sprechen kommt. Da er sie ja nicht ganz unterschlagen kann, relativiert er sie nach Kräften, indem er mit den Judengegnern Erasmus von Rotterdam und Johannes Eck beginnt. Letzteren würde heute ohne Luther kaum noch jemand kennen, und so ist auch seine Einstellung zu Juden nebbich, während ersterer, dem Köhler das Attribut „antisemitisch“ zuweist, was er Luther erspart, antijüdische Spitzen vor allem als (falsche) Verdächtigungen wider Humanistenkollegen austeilte. Schlimm genug, aber nichts im Vergleich zu der infernalischen, sich mehr und mehr überschlagenden Judenhetze des späten Luther, der sich in früheren Jahren wohl eingebildet hatte, die Israeliten zum evangelischen Glauben bekehren zu können. Was Köhlers Buch außerdem wissenschaftlich fast wertlos macht, sind die überbordend geschwätzigen Darstellungen von Luthers zentralen Glaubensaussagen, die auf Teufel komm raus „interpretiert“ und um- und umgewendet werden, bis sie nach Ansicht des Autors wohl eine zureichende Schmackhaftigkeit für das Publikum von heute bekommen haben könnten. Das sind dann keine möglichst objektiven, verständigen Inhaltsangaben mehr, sondern predigende Klimmzüge, um sozusagen auf Augenhöhe mit den Argumenten Luthers zu kommen. Dabei entsteht etwas, was man nur als Oxymoron beschreiben kann: der Versuch einer „mystischen Scholastik“. Versteht sich, dass ein so auf den Zentralstern Luther fixiertes Lebensbild alle übrigen Akteure an die Peripherie verbannt – Karl V. ist ein bloßes Schemen, aber auch Melanchthon, mit dem sich auch die anderen Luther-Biografen etwas schwertun, bleibt so blass, wie er, weder Luthers Schoß- noch dessen Schäferhund, aber etwas dazwischen, in seinem Leben und Wirken keineswegs war.

Allzu menschlich

Die aus Australien stammende Oxfordprofessorin Lyndal Roper verspricht im Untertitel, den „Menschen“ Luther (sein ursprünglicher Familienname lautete ein wenig anrüchig „Luder“ und wurde gräzisiert in „eleutheros“ bzw. „eleutherius“, der Befreier/der Befreite, endlich „Luther) zu profilieren, beginnt dann ironischerweise aber mit einer ausführlichen Schilderung des Erzabbaus in seiner Heimatstadt Mansfeld. Trotzdem wird die „allzu menschliche“ Seite Luthers dann nicht vernachlässigt, und bald fallen Psychologennamen wie Erikson und Fromm. Lyndal Roper ist aber vorsichtig genug, sich nicht allzu sehr in psychoanalytische Deutungen vorzuwagen, die weitgehend Spekulation bleiben müssen. Gewiss wäre es verfehlt, Zusammenhänge zwischen frühen Autoritätskonflikten und rigider Mönchsaskese, späteren ausschweifenden kulinarischen Angewohnheiten, attackierenden Darmverstopfungen, schmerzhaften Gallensteinen, fürchterlichen Wutausbrüchen und unerträglichem Starrsinnsverhalten leugnen zu wollen. All das spiegelt sich in Luthers Denken, Schreiben, Sprechen, Lehren. Eher unfreiwillig in die Ehe hineingeschlittert, lebte Luther in seinen letzten beiden Jahrzehnten eine Sinnenfreude vor, die auch getragen war von der „Einsicht“, dass angesichts der Omnipräsenz von „Sünde“ kein Unterschied sein könne zwischen Prüderie und gottgefälliger Fleischeslust. Irgendwie ja weise.

Wie sehr sich Roper für „Menschen“ interessiert, zeigt ihr sorgsamer Umgang mit allen für Luthers Biografie bedeutsamen Personen, von Erasmus und Zwingli bis hin zu jenem zeitweiligen Weggenossen und sogar Mentor Andreas Karlstadt, der in der lutherischen Weltsicht pauschal als „Schwärmer“ rangiert und von Luther selbst (der freilich auch einmal die Familie des Verfolgten in seinem Hauswesen aufnahm) endlich mehr gehasst und bekämpft wurde als die Papisten – übertriebene Abgrenzung von geistig Nahestehenden scheint für alle autoritären oder totalitären Naturen eine Unvermeidlichkeit. An unaufdringlicher Zuverlässigkeit und panoramatischer Buntheit kann es Roper mit Schwilk aufnehmen – abzüglich einiger kleiner Defizite durch die Übersetzung; natürlich entfällt dabei auch ein besonderes Augenmerk auf Luthers Sprachgenie. Obwohl Roper die Lutherchoräle nur ganz am Rande erwähnt, macht sie doch auf etwas aufmerksam, was nicht einmal Geck in seinem Büchlein registriert: die „Begradigung“ der zunächst tanzrhythmisch orientierten Luthermelodien in der Zeit J. S. Bachs.

Temperamentvoll unordentlich

Nein, einen Musterschüler der Biografik kann man Willi Winkler kaum nennen. Literarische Passform wie Schwilk oder auch Roper ist ihm nicht gegeben. Nun gut, als Einleitungs-Zoom wählt auch er einen spannenden Lebensaugenblick: Luthers scheinbar spurloses Verschwinden auf der Rückreise vom Wormser Reichstag 1521 und Albrecht Dürers Befürchtung, der Verehrte sei von den Papisten umgebracht worden. Dann aber verzettelt sich Winkler mit einer flackernden Fülle unzähliger Namen schon auf den ersten drei Druckseiten, so dass dem Leser ganz schwindlig dabei werden könnte.

Das geht dann zwar nicht wirr, aber doch ziemlich sprunghaft weiter mit einzelnen Themen und Stationen, wobei es immer wieder auch, nicht immer ganz motiviert, zu Rück- und Vorausblenden kommt. Man ist schon weit im Buch vorangekommen, aber vom „gemütlichen“ Teil bei Weib und Kind im Wittenberger Hauswesen (mit manchmal über 50 Personen) wird immer noch nichts sichtbar; es wird auch nicht mehr nachgeliefert. Winkler lässt den behäbigen Hausvater, den lieben und strengen Vater, einfach aus wie so vieles – wie unverständlicherweise auch den Abendmahlsstreit, der Luther als einen geradezu pathologischen Rechthaber zeigt. Eigentlich ein gefundenes Fressen für einen Autor, der sich beinahe mehr als alle anderen auf die zielsichere und wissenschaftlich solide Demontage des Denkmals Luther verlegt. In geradezu glühenden Kapiteln leistet er das in Bezug auf die Bauernkriegs- und Wiedertäuferthematik und hinsichtlich der mörderischen Judenhetze Luthers. Da wird so nachdrücklich auch aus Originaltexten zitiert, dass noch der letzte Rest von Verständnis für Luther dahingeht.

Man nimmt die Lücken in Winklers Buch klaglos hin, weil die temperamentvolle Gesamtdarstellung hinreißend gut geschrieben ist und von einem radikal-liberalen Gestus beflügelt, den man tatsächlich als einen neuartigen „furor teutonicus“ bezeichnen kann. Luther 2017 – das ist kein fleckenloser Held mehr wie noch vor hundert Jahren, da man ihn im Krieg als Schwert und Schild wider Erz- und Erbfeinde zu nutzen trachtete. Thomas Mann war einer der ersten, der, wenn auch noch weit zurückhaltender als die Generation von Schwilk, Schilling, Roper oder Winkler, den fremden, den „feindlichen“ Luther, der aus den Wahnsystemen des Mittelalters weit in die (nicht nur) deutschen Totalitarismen einer negierten und umgedrehten Moderne hineinreicht. Indem wir dieses Luther-Erbe nicht verleugnen, sondern anerkennen, haben wir auch die Möglichkeit, es (in uns) zu überwinden.

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In der Edition Faust ist die Graphic Novel „Martin Luther“ erschienen. Das bewegte Leben des streitbaren Reformators wird darin bildgewaltig erzählt.

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Kommentare


Dieter Kief - ( 14-05-2017 11:56:53 )
Winkler macht zuviele Fehler. Türcke sieht zu schwarz, Köhler evtl. zu weiß, Lyndal-Roper ist zu weit weg von den (sprachlichen) Quellen und (kulturellen) Ursprüngen (Eriksson hilft da sicher nicht weiter), Heinz Schilling wird von Graf in den Schatten gestellt, also bleiben nur Feridun Zaimoglu und Raoul Schrott?

Eh nein -, nein: Heimo Schwilk, dessen Jünger-Biographie sehr gut ist - und vielleicht doch noch Schilling, als theologische Ergänzung. Aber welcher der beiden Schilling-Bände - das harrt noch der Klärung.

PS - Luther rundweg einen Psychotiker zu nennen ist ehe - rundweg falsch. Ganz sicher.



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erstellt am 01.5.2017

Martin Luther
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