Der 1971 geborene österreichische Autor Daniel Wisser ist ein genauer Beobachter seiner Zeitgenossen. Wie sein Protagonist Michael Braun hat auch er die Kindheit in den siebziger Jahren und die Jugend in den Achtzigern und Neunzigern verbracht. Wissers Roman „Löwen in der Einöde“ handelt von Orientierungslosigkeit angesichts des gesellschaftlichen Wandels. Gudrun Braunsperger hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Die Zeit der Helden ist vorbei

Michael Brauns Leben ist so unspektakulär wie sein Name: Er verwaltet die Daten österreichischer Staatsbürger am Meldeamt, und das Leben an der Seite oder vielmehr im Schatten seiner energischen Frau Silvia birgt ebensolche Herausforderungen wie die Erinnerungsfetzen an die Vergangenheit, die immer wieder in sein Bewusstsein hineinragen: die Kindheit in den Siebzigern, als ihm die Volksabstimmung über Zwentendorf das erste Mal Zweifel an der Welt der Erwachsenen beigebracht hat, die Jugend in den Achtzigern, als ihn die erste große Liebe zur Lateinnachhilfelehrerin in die Höhle des Löwen geführt hat, und das nahezu wörtlich, nämlich vorbei an den titelgebenden Löwen aus der Einöde, die im Zwinger gehalten wurden, welcher sich wiederum auf dem Weg zur Nachhilfelehrerin befand. Doch Michael Braun wagt sich nicht in die Höhle des Löwen. Viele Jahre später, als das alles längst der Vergangenheit angehört, tut er es dann doch. Aber davon später.

Seinen Namen Michael Braun gibt es zu allem Überfluss gleich zwei Mal in diesem Buch:

„Michael Braun mag seinen Namen nicht. Weder den Vornamen mit dem Erzengelgeschmack, noch den Nachnamen. Hört er den Namen anderer Menschen, empfindet er Neid. Er stellt es sich tröstlich vor, einem anderen Michael Braun zu begegnen. Das ist nicht unmöglich. Über zwanzig davon soll es allein in seiner Heimatstadt geben. Von manchen erhält er hin und wieder irrtümlich die Post und kennt daher ihre Hobbys und Lesegewohnheiten. Jetzt aber ist es so weit, und er muss feststellen, dass die Vorstellung anders ist als die Wirklichkeit.
(…) Bald wird ihm der andere Michael Braun vorgestellt. Ein sehr kurzes Gespräch folgt, in dem Braun erfährt, dass der andere Michael Braun beim Meldeamt arbeitet. Bestimmt kennt er alle Michael Brauns dieses Landes. Daraufhin lenkt Michael Braun seine Schritte so durch die geräumige Wohnung, dass er dem anderen Braun nicht ein zweites Mal begegnen muss.“

Es ist eine kurzweilige und auch skurrile Lektüre, die ebenso heiter wie nachdenklich stimmt. Der 1971 geborene österreichische Autor Daniel Wisser ist ein genauer Beobachter seiner Zeitgenossen. Wie sein Protagonist Michael Braun hat auch er die Kindheit in den siebziger Jahren und die Jugend in den Achtzigern und Neunzigern verbracht. Er vermag das Lebensgefühl seiner Zeit sehr präzise zu erfassen und wiederzugeben. Der Wechsel vom ländlich-provinziellen ins urbane Milieu schafft neue Lebensumstände und Spielregeln und darüber hinaus ein Gefühl von Orientierungslosigkeit. Es ist eine Welt, in der herkömmliche Antworten für obsolet erklärt wurden. Dabei überfordern die neuen Lebensformen durchaus, die Beziehungen der Generationen werden neu geklärt, die Rollen der Geschlechter mühselig verhandelt und man muss sich überhaupt erst einmal darüber einigen, welche Fragen nun zu stellen sind. Aus dem Blickwinkel des Mannes zeichnet Daniel Wisser Bruchlinien einer gesellschaftlichen Entwicklung nach, die seinen Protagonisten ähnlich ratlos und passiv machen wie jenen in Michael Kumpfmüllers Roman „Die Erziehung des Mannes“.

Alltagssplitter, Beziehungssplitter, Erinnerungssplitter

Aber selbst das Eingeständnis dieser Zweifel bleibt vage. Mit cineastischen Mitteln, mithilfe der Schreibtechnik von Schnitt und Gegenschnitt, macht Wisser den Bewusstseinsstrom seines Protagonisten transparent. Das ergibt ein buntes Kaleidoskop von Alltagssplittern, menschlichen Beziehungssplittern, Erinnerungssplittern, die episodenhaft aneinandergereiht sind und innerhalb derer wiederum sich Gegenwärtiges mit Vergangenem durchmischt, wobei der große Bogen nicht fehlt. Verbindungslinien können gezogen werden, sie sind aber nicht unabdingbar, die einzelnen Episoden bestehen auch für sich allein, auch wenn das Gefüge dieser versprengten Einzelbausteine ein großes Ganzes ergibt. Daniel Wissers Sprache ist treffsicher, er benutzt nicht mehr Worte als nötig sind, um Bilder von Menschen und Situationen zu erzeugen. Zugleich aber geht er den Worten auf den Grund.

„Silvia warf den Schlüsselbund auf das kleine Kästchen im Vorzimmer. Michael wollte gerade absperren, als Silvia sich zu ihm umdrehte und ihm eine Ohrfeige versetzte. Sie hatte dabei weniger seine Wange als sein Ohr getroffen. Immer hatte Michael Braun gedacht, das Wort Ohrfeige sei ein unpräziser Begriff. In diesem Fall war er präzise.“

Die Geschichte von Michael Braun ist auch die Geschichte seiner krisenreichen Ehe mit Silvia, der dynamischen Gründerin des Lokals „Stadtufer“, die eine Paartherapie einfordert. Am Nebenschauplatz gibt es dann noch Silvias Freundin Zora, Mitbetreiberin des „Stadtufers“, eine Alleinerzieherin, die den KV, den Kindsvater, in zuträglicher Distanz aus ihrem Leben hält. Auch die Welt der Eltern wird gezeigt, nicht nur aus der Perspektive des Sohnes Michael, sondern auch aus dem eigenen Erleben heraus. Deren Welt birgt Geheimnisse, die der Sohn ahnt, und die sich mit seinen eigenen Geheimnissen auf rätselhafte Weise berühren.

Männer sind Antihelden in Michael Brauns Welt. Und weil die Zeit der Helden vorüber ist, läuft die einzige Aktion, in der Michael Braun sich ermannt, alle Versäumnisse seines bisherigen Lebens nachzuholen, auch völlig ins Leere. Es ist der Moment, in dem er so etwas wie einen heroischen Akt zu vollbringen versucht, als sich nämlich viele Jahre nach dem Tod der Löwen die Chance zu bieten scheint, nach dem körperlichen Zusammenbruch des einstigen Widersachers die verschollene Jugendliebe wiederzufinden und heldenhaft zu befreien. Die Gelegenheit entpuppt sich als Illusion. Dafür wird einige Seiten später eine Taube in einer groß angelegten Rettungsaktion durch die Feuerwehr befreit. Sie hat sich im obersten Geschoß eines Hauses in einem Draht verfangen, findet aber anders als von ihren Rettern angenommen, nicht den Weg in die Freiheit der luftigen Höhen, sondern rast im Sturzflug ihrem Tod am Asphalt entgegen. Michael Braun beobachtet die abstruse Situation aus den Büroräumen des Meldeamtes. Ein symbolischer Schluss.

Daniel Wisser liest aus „Löwen in der Einöde“

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 01.5.2017

Daniel Wisser
Löwen in der Einöde
Roman
Gebunden, 126 Seiten
ISBN: 9783990270950
Jung und Jung, Salzburg 2017

Buch bestellen