Das gilt für die katholische Messe und das Konzert: Dass auch Rituale stets neu belebt werden müssen, um nicht für alle Beteiligten sinn- und wertlos zu werden, verdeutlicht Hans-Klaus Jungheinrich in seiner CD-Revue, die diesmal von Cage über Bach, Purcell bis zu Mozart reicht und darüber hinaus die Funktion der Konzertzugaben reflektiert.

CD

Autoritäten

Frankfurt stickt voller Merkwürdigkeiten, meinte einst Goethe. Frankfurt steckt voller John Cage, behaupte ich heute. Ganz einfach zu beweisen mit ein wenig Mystik: Alles ist in allem enthalten, und so begegnet uns in allem, wenn wir nur wollen, das liebenswerte und antiautoritäre Gesicht von John Cage, der gewiss keinen charismatischen Autoritätsanspruch für sich reklamiert hätte, aber mystischen Ideen durchaus zugetan war. Als Ikone der Moderne ist er freilich auch eine unumstößliche, unumgehbare Autorität geworden, wenn auch nicht für Hardcore-Klassikmusikliebhaber. Die können auch weghören in einer neuen, perspektivenreichen und „mystischen“ Cageiade aus Frankfurt, den bereits am Anfang des Jahrtausends produzierten und jetzt als CD veröffentlichten Hörstücken „John Cages Stufen“ und „Zur Zeit – revisited“ des Frankfurter Komponisten und Pianisten Hermann Kretzschmar.

In den gut halbstündigen „Stufen“ arrangierte Kretzschmar sozusagen einen ganzen Komponistenkongress (wer dächte dabei nicht an den – auf Webern gemünzten – „Einsiedlerkongress“ Adornos), in dem er vier große Kollegen zusammenführte, um im Geiste Cages das fragmentierte Hesse-Gedicht vorzutragen, das im Titel genannt ist. Da gehen also Dieter Schnebel, Frederic Rzewski, Hans Zender und Walter Zimmermann in unterschiedlichen Graden von Deutlichkeit, Geläufigkeit und scheinbarer (Un-)Lesbarkeit die Lektüre einzelne Wörter oder Satzteile an, und mitunter heben sich wunderlich-verwundert so etwas heraus wie der Splitter eines geflügelten Wortes („Jedem Anfang wohnt…“) oder einfach eine poetische Vokabel („Blüte“), wie tastend buchstabiert aus einer archäologischen Schrift. Übrigens stimmt Einsiedlerkongress: die vier Sprecher (am evokativsten sicher Rzewski mit seinem New-England-Akzent; unverkennbar aber auch das schwarzwäldlerische Idiom Schnebels) trafen bei der Produktion nicht zusammen, sondern wurden getrennt aufgenommen und erst nachträglich von Kretzschmar zum in verschiedenen Entfernungen gestaffelten Ensemble vereinigt. In „Zur Zeit – revisited“ kommt schließlich auch Cages Stimme vor, gleichsam sinnfällige Beglaubigung einer akustischen Beschwörung, die seine imaginäre Anwesenheit in jedem Detail (hier also auch in den O-Tönen aus den repräsentativ für Cages „pancage-istische“ Anwesenheit in der ganzen Universalmaterie ausgewählten Städten Tokyo, New York, Cattolica, Chicago und Frankfurt) erweist.

Jenseits jeder Kulissenhaftigkeit

Und Frankfurt stickt voller Bach. Dafür sorgt in bewundernswerter Stetigkeit nicht zuletzt die Pianistin Angelika Nebel, die, in jüngeren Jahren recht vielseitig hervorgetreten (u.a. mit Haydn und neuer Musik), sich mittlerweile ganz auf ein spezielles Gebiet konzentriert – scheinbar auf etwas Abseitiges, tatsächlich aber ein Terrain von gewaltig kontinentaler Größe und Weite und reich an mannigfachen An- und Einsichten. Bach-Bearbeitungen: Ursprünglich mochte es sich dabei vor dem Zeitalter der technischen Musik-Reproduzierbarkeit um eine pragmatische Praxis handeln, die der leichteren Zugänglichkeit groß oder unbequem besetzter Werke diente; im Falle des Thomaskantors erschließt sich dabei aber auch ein ästhetischer Mehrwert, der auf den lockeren Konnex zwischen „originaler“ Klanggestalt und einer sozusagen konkret-abstrakt darunter liegenden strukturellen „Substantialität“ verweist. Die Zweiteilung des Bach’schen Diskurses wäre auch als dialektisches Zusammenspiel von Oberflächen-Rhetorik (einschließlich der aus barocker Affektenlehre entnommenen Zeichen und Symbole) und einer basalen Konstruktionsdynamik zu verstehen. Mit größter Vorsicht und allenfalls metaphorisch könnte man sogar an ein aristotelisches Denken erinnern, das zwischen „akzidentiellen“ und „essentiellen“ Wirklichkeits-Ebenen unterscheidet.

Es ist also ein weiter Horizont, unter dem sich Angelika Nebels pianistische Aktivitäten mit Bach bewegen, und namentlich die neue CD lässt erkennen, dass hier eine systematische Beschäftigung Ausdruck findet, nachgerade eine schöne und umfassende Obsession. „Opus magnum“ macht den Ehrgeiz namhaft, einen durch alle Tonarten reichenden Zyklus zu erstellen, der dem „Wohltemperierten Klavier“ vergleichbar wäre (oder, bescheidener, zitatartig auf dessen Geschlossenheit hinwiese). Diese Konzeption lässt sich erst genau erkennen, wenn auch die zweite CD des Vorhabens vorliegt; im jetzt veröffentlichten „Opus magnum I“ ist zudem die Tonartenprogression nicht klar erkennbar – höhere Priorität hatten offenbar die idiomatisch-dramaturgischen Nachbarschaften der einzelnen Sätze. Die Interpretin (einmal auch vierhändig zusammen mit dem brasilianischen Klavierspieler Wagner Stefani d’Aragona Malheiro Prado) vermittelt ihrerseits eine klar ausgeprägte „Handschrift“, die der Flüssigkeit und Lebendigkeit oder auch Dramatik der rhetorischen Diktion zugleich immer einen Unterstrom von Strenge und Geformtheit entgegenhält. Nichts verbleibt im Ephemeren, Flüchtigen – eine durchgehende Gravität gibt dem ganzen Vortrag Grandeur – weit entfernt von jeder Kulissenhaftigkeit. Unschwer spiegeln sich dabei auch Unterschiede des historisierenden Umgangs, werden also auch typisch „romantische“ Bach-Facetten (etwa in Bearbeitungen von Feinberg und Edwin Fischer) spürbar. In ihren eigenen Transkriptionen unterstreicht Angelika Nebel den latent „instrumentalen“ Charakter der Bach’schen Musikalität.

Petitessen mit Gewicht

Bearbeitungen wecken immer wieder Interesse durch den Anschein „doppelter“ Autorschaft, zumal, wenn große Komponisten sich großer Komponisten annehmen. Das ist bei der Purcell-Adaptation „Fantasia Upon One Note“ von György Kurtág ebenso der Fall wie bei Busonis Mozart-Version der f-moll-Fantasie KV 608 – beide Stücke wurden für zwei Klaviere gesetzt, und Kurtágs Idiogramm ist ein auffälliger Pointillismus, Busonis Merkmal der in extreme Lagen transferierte und damit geradezu feuerwerkerische Mozart- „Klangzauber“. Die weiteren Trouvaillen der von exzellenter partnerschaftlicher Pianistik gekennzeichneten CD des GrauSchumacher Piano Duo sind die technisch wenig anspruchsvolle, aber umso ausdrucksvoll-tiefgründigere f-moll-Fantasie von Schubert sowie eine frühe a-moll-Fantasia von Skrjabin und, als markanter Höhepunkt, die umfangreiche Suite Nr.1 Opus 5 von Sergej Rachmaninow mit ihren brillanten und hochexpressiven Orientalismen.

Eine eigene Kunst ist die der Konzert-Zugaben, sozusagen Puppe in der Puppe. Im Booklettext seiner CD „Encores“ (das französische und angelsächsische Äquivalent von „Zugaben“) macht sich András Schiff ausführlich Gedanken über die Ästhetik dieser Kunstform oder Performance und trägt eine Jugenderinnerung bei: Nach einem seiner frühen Konzerte, als er unbefangen sofort mit einer Zugabe loslegte, gab ihm der Dirigent Janos Ferenczik den Rat, nicht zu früh mit solchen angehängten Konzert-Codas zu beginnen. In der Tat mutet es oft etwas geistlos und automatenhaft an, wenn (vor allem) Klavierspieler nach dem offiziellen Pensum kaum einen Moment des Beifalls vergehen lassen, um sich sofort wieder ans Instrument zu setzen und eine Pièce nach der anderen nachzuliefern. Wollen sie damit die Zahl ihrer „Vorhänge“ hochtreiben? Vielleicht ist weniger die Eitelkeit oder der unsichere Eifer ausschlaggebend, möglichst oft herausgeklatscht zu werden, als eine infolge der Konzertspannung schwer abzubremsende Motorik des Sich-Abreagierens – nach den Pflichtstücken sich nun die Parade gekonnter Leichtgewichte zu gönnen. Einige Konzertprogramme (etwa mit den drei letzten Sonaten von Schubert oder Beethoven) machen den netten Dessert-Service überhaupt obsolet. Die „Encore“-Bräuche sind aber auch deshalb nützlich, weil sie kleineren Stücken eine Chance geben, die im Rahmen von Konzertprogrammen in deren Hauptteil sonst kaum berücksichtigt würden. Dazu gehören zum Beispiel die hier erklingenden Kleinformate von Schuberts Ungarischer Melodie b-moll, sein Allegretto c-moll oder Beethovens Andante favori F-Dur. Nach seinen Beethoven-Sonatenabenden in Zürich riskierte Schiff aber auch Umfänglicheres wie Haydns viertelstündige zweisätzige g-moll-Sonate oder zwei Sätze aus Bachs B-Dur-Partita. Schiffs Spiel hat auch in den exquisiten Kleinigkeiten eine Wärme und Präsenz des Tones, die nicht auf Kosten der Durchsichtigkeit geht. Auch dieser klug zusammengestellte Strauß von „Petitessen mit Gewicht“ verknüpft sich mit einer Autorität: der des verantwortungsvollen gestalterischen Umgangs mit der Konzertform, die ja kein stumpfsinniges Ritual sein soll, vielmehr in all ihren Teilen und Relationen geistvolle Unterhaltung von höchster Dignität.

Eine Zugabe für die Faust-Leser: GrauSchumacher PianoDuo

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erstellt am 01.5.2017

John Cages Stufen / Zur Zeit – Revisited
zwei Hörstücke von Hermann Kretzschmar
belleville Verlag Michael Farin, 2017

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Angelika Nebel, Piano
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(Purcell/Kurtág, Mozart/Busoni, Schubert, Skrjabin, Rachmaninow)
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