Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


sexyunderground nennt sich eine Initiative junger Frankfurter Autoren, die seit der Schulzeit gemeinsam schreibt. Matthias Göritz ist Mentor der Newcomer-Gruppe. 2007 hatte er im ersten „Schreibzimmer“ des Frankfurter Literaturhauses dem harten Kern von sexyunderground bereits erste Schritte des professionellen Schreibens vermittelt. In Faust stellt er die Arbeiten der Nachwuchs-Autoren in loser Folge vor.

Neues aus dem sexyunderground

Matthias Göritz stellt Vera Schmidtke vor:

Ich kann sie nicht beschreiben – aber sie sind groß

„lyrik ergreift mich. was auf dem papier erst so klein zu sein scheint kann dann manchmal doch ziemlich groß werden kann.
das unbekannte ist da, und da ist raum, bilder zu umreißen, manchmal auch umzureißen, die in jedem Kopf ein bisschen anders ankommen oder umkommen.“

Vera Schmidtke ist eine ungewöhnliche Lyrikerin. Sie mag Vian, Kafka, Sartre, Camus, Rilke, Bradbury, Kästner. Sie schreibt klein, ihre Wortwahl ist ungewöhnlich, immer wieder findet man sich von ihren neuen Wortschöpfungen umstellt, angefallen, attackiert und umschmeichelt. synapsenknüpfung, reizantrieb, ausschnittmillieus.
Manche dieser Neologismen sind so schön, dass man sich fragt, warum sie nicht schon vorher jemand erfunden hat, manche so häßlich, dass sie lange nach der Lektüre noch kleben bleiben, wie ein hart gewordenes Kaugummi unter einem Kinosessel.

Etwas unerhört Kinematographisches geht von diesen Gedichte aus, ein Bild- und Klangsog. Sie wollen überwältigen – und sie benutzen dazu jeden ihnen erreichbaren Trick.
Das klanglich Schöne dient zur Entdeckung eines noch Fremden, eben noch Anonymen.

(…)
könntest du musik
dann wüsstest du
im hören abgezeichnet
ohren färben wachspapiere ein

und die farbe unterm glas
zerpocht noch
wenn man sie darum bittet

Mal dichtet sie ein Sonett, zitiert dann, außerhalb der Form, einen der berühmtesten deutschen Sonettschlüsse, Rilkes „Du mußt dein Leben ändern“ aus dem Archaischen Torso Apollos. In zentralitätsverschiebung wird dann der wiederkehrende Reim eines Ghasels ganz leicht angespielt. Welt und hält. Ob sich dazwischen etwas finden läßt?

Diese Suche hat kein Wort in ihrem Zentrum. Sie ist fast nur ein Zustand, ein Drang zu beschreiben, der in aller Verrücktheit der Metaphern, das Noch-Nicht-Ausgesprochenen erfindet.

Matthias Göritz

Vera Schmidtke: Gedichte

zentralitätsverschiebung

siehst du den sinn in einer
dieser dir irgendwie
doch immer eignen welt?

du hast gesehen dass jeder der dich lebte
tat als wäre er ein teil vom ganzen
eins das hält

der korpus dreht sich
eine welt

du hast gesagt du bleibst
du wartest bis es dunkelt
keiner sieht synapsenknüpfung
reizantrieb du fuß an fuß

sie haben hunde ausgeschickt
du bist verbotene substaz
in einer schlechten welt

du sitzt auf einem baum
die dünnheit eines asts
der blick der schneidend bricht

verquere köpfe
menschen mit verschaltetem gehirn
bewohnten ihre welt

du fängst in einem topf ausschnittmillieus
aus ihnen
und nicht deine

global instanzgesteuert
schickt man jetzt
nasentiere in die welt

du hast dich schon entschieden
für die sülze
und sie umschließt

du bist verhallt
wer dachte das er hält
hat längst vergessen
einmal zu oft hat sich
die breite masse schon vermessen
und hat gedacht
sie wären
eine welt

kasten-landschaft mit wandteil

man hörte sie sagen
dass manchmal nicht immer
das sehen zählt und nochmal das glauben

die leinwand sie hing
dort und da waren leute
die schauend sich fragten

ob wohl dahinter gelogen
man sähe wenn man
sich traute zu spähen durchleuchtend

die wände die weißen
sie waren verhängt
mit bedruckten papieren

und vor dem seltenen
fenster nach draußen
da hing sie man wusste

und man musste
glauben dass man sah
was wahr zu sein schien

brachliegend stellt fremder geist

sich vor den eigenen
und von dem überhöhten druck, dem steigenden
der hirn an schale presst gespeist

entziehst du dich dem festen,
starren schaum, der angespannt
dich bohrend aufs zerreissen bannt
und dir die fragen stellt, die fragen die dich testen

und eine ecke dieses schaumes
berührt die roten ränder eines saumes
der fließend dich zusammenhält

du ziehst ihn aus dem ohr den sender,
aus dem wie immer laut die stimme gellt
die du nicht siehst, die dich verspricht

du musst dein leben ändern

ich habe dir

auf den perserteppich gekotzt

aber irgendwie kennst du mich ja
du putzt doch gerne

er hat mir beim umkehrschluss geholfen
der fleck ist jetzt auf der anderen seite

erstellt am 20.5.2011