Aus der Perspektive eines Elfjährigen erzählt, ist Szilárd Borbélys bitterböser Roman „Die Mittellosen“ ein literarisches Dokument der menschlichen Niederungen. Der Autor, geboren 1963 im nordöstlichen Winkel Ungarns in dörflichen Verhältnissen, hat sich im Februar 2014 das Leben genommen. „Die Mittellosen“ gehören zu den ganz wichtigen Büchern der Gegenwart, meint Ina Hartwig.

Buchkritik

Eine abgestumpfte Welt

Von Ina Hartwig

Um den Kindern das Träumen abzugewöhnen, stecken sie eine Katze in den Sack. Dann erschlagen die Bauern sie neben dem schlafenden Kind, langsam, präzise. „Damit die Todesangst des Tieres in das Kind übergeht.“ So steht es in dem grausamen und großartigen Roman „Die Mittellosen“ von Szilárd Borbély. Der Autor, geboren 1963 im nordöstlichen Winkel Ungarns in dörflichen Verhältnissen, die denen des Romans sehr ähneln, hat sich im Februar 2014 das Leben genommen. Daraufhin lief eine Schockwelle durch die vom Orbánismus niedergedrückte literarische Szene des Landes. Zu den Mentoren Borbélys gehörten so bedeutende Kollegen wie Péter Nádas und Péter Esterházy.

Aus der Perspektive eines Elfjährigen erzählt, sind „Die Mittellosen“ ein einzigartiges literarisches Dokument der menschlichen Niederungen. Der Blick ist zugleich nah an den Dingen und über ihnen schwebend, konkret und philosophisch. „Wer das Volk des Dorfes verlässt, verrät es“, schreibt Borbély in einem angehängten Essay. „Wer über das Dorf spricht, ebenso.“ Demnach wäre er ein Verräter, der jene Sprache verloren hat, die er dank einer neuen Sprache für uns erfahrbar macht. Der Preis, der dafür zu zahlen war, ist die Einsamkeit, über die es gleich zu Anfang des Romans heißt: „Man kann sie nicht in Teile zerlegen. Man schleppt sie als Ganzes mit sich.“

Das bedrohliche Wort Jude

Auch die leitmotivischen Primzahlen, die der Erzähler überall aufsammelt, kann man nicht zerlegen. Dank der Primzahlen flüchtet er sich in eigene Gedanken; man spricht ohnehin nicht viel mit ihm. Es ist eine abgestumpfte, inzestuöse, hasserfüllte Welt, in die der Junge hineingeboren wird; wie auch seine beiden Geschwister, die ältere Schwester, deren Mädchenkleidung er aufträgt und die ihn damit zum Gespött der Dorfjungen macht, und der kleine Bruder, dessen Leben nur 13 Monate dauert und dessen Tod die ohnehin unglückliche Mutter in ihre schlimmste Krise stürzt.

Die Schilderung des Dorfes erzeugt einen klaustrophobischen Sog; dass die Mutter wegwill, ist nur allzu verständlich. Denn sie sind anders, die Bobonkas. Und das lässt man die „fremde“ Familie spüren. Wer sie genau sind, bleibt jedoch bewusst im Vagen; Ruthenen, griechisch-orthodoxe Christen, oder doch Juden? Das Wort Jude spricht niemand aus, und es wirkt umso bedrohlicher. Der Junge fürchtet dieses Wort, zumal ein Gerücht umgeht im Dorf: dass sein Vater, den die Partei nicht aufnimmt und dem die “neuen Herren” keine Arbeit geben, ein Judenjunge sei, ein Bastard.

Der kauzige Großvater mütterlicherseits war ein stolzer Soldat Horthys, und als das absurde Vokabular des Sozialismus sich breitmacht im Dorf, pflegt er weiterhin ungerührt, und meint es als Widerstand, sein Hitlerbärtchen zu tragen. Doch vor allem das Porträt der Mutter, die selbst nur mit Mühe lesen kann, schnürt einem die Kehle zu. Ständig hat der Junge Angst um sie, deren ungeschickt zuschlagende Hand er weit weniger fürchtet als deren Verzweiflung. Wenn sie wieder einmal ankündigt, sich in den Brunnen zu stürzen, liegen der Junge und seine Schwester zitternd wach auf ihren Strohsäcken. Wenn die Mutter spricht, sagt sie: „Wir sind keine Bauern. Ihr dürft träumen.“ Und wenn sie schweigt, herrscht Nacht in der Seele des Erzählers.

Demütigungen als Naturgesetz

„Ist der Messias schon weg?“, rufen die Leute, wenn sie den Zigeuner suchen. Das dünne, armselige Männchen, das den Bauern das Plumpsklo entleert, ist neben Moszi eine der wenigen anrührenden Gestalten des Buchs. Moszi, der einzige Jude, der wiedergekommen ist nach Kriegsende, trägt keinen Bart mehr, auch keine Schläfenlocken, aber in seinem Lädchen betrügt ihn die Kundschaft wie eh und je. Von seinen ermordeten Töchtern schweigt er.

Man trifft Figuren in diesem bitterbösen Roman, die ständig mit Demütigungen rechnen, als wäre das ein Naturgesetz. Der Vater des Erzählers zählt ebenfalls zu ihnen. Nicht hingegen die Mutter! Geht es ihr ausnahmsweise einmal besser, zeigen sich ihre Klugheit, ihre Zähigkeit, ihr Stolz. Dann sagt sie: „Wir sind frei.“ Wenn ihr Junge sie dann fragt, warum er als „Drecksjude“ beschimpft werde, antwortet sie: „Weil für sie jeder ein Jude ist, der nicht dort stirbt, wo er geboren wurde. Sie halten jeden für einen Juden, der seinen Verstand gebraucht.“

Der Einzige, der der Enge entkommen wird, ist der Erzähler. Ein Wort steht für dieses Entkommen: „Gymnasium“. Nach allem, was zuvor über die Armut zu lesen war, den Hunger, die Traurigkeit, die Tränen, die Müdigkeit und die Schmerzen des stigmatisierten Kindes, trifft es einen wie ein Schlag: Gymnasium.

Wie Szilárd Borbély das Ausspucken, die Schleimklumpen, die von Maden wimmelnden Kadaver, die schnapstrunkene dumpfe Aggression, wie er die ausgemergelten, sabbernden, vulgären Teilnehmer dieses teuflischen Spiels schildert, ist schlicht bewundernswert. Gerade weil aus der Kinderperspektive erzählt wird, gleicht der Roman einer anthropologischen Studie. Denn dieser Junge sieht mehr. Oder besser: Etwas in ihm sieht mehr, vermutlich der „Verräter“ in ihm.

„Die Mittellosen“, in dieser ausgezeichnet lesbaren Übersetzung aus dem Ungarischen, gehören zu den ganz wichtigen Büchern der Gegenwart. Dieser Roman ist wichtiger als so manches Hochgerühmte.

Zuerst erschienen in: DIE ZEIT, 1.4.2015

Ina Hartwig, 1963 in Hamburg geboren, Autorin und Literaturkritikerin, seit Juli 2016 Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main.

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erstellt am 28.4.2017

Szilárd Borbély
Die Mittellosen
Roman
Broschiert, 350 Seiten
ISBN: 9783518466643
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015

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