Ein Mann, der eigentlich nie Geburtstag feiert, lässt sich dazu hinreißen, Freunde einzuladen, um seinen Geburtstag zum ersten Mal mit ihnen zu begehen. Philipp Mosetter erzählt von Begegnungen, die besser hätten vermieden werden sollen. „Die Einladung“ ist ein witziges, auch wehmütig stimmendes Buch, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Ein erträgliches Unheil

Früher oder später erreicht der Mensch einen Punkt, an dem er in sich geht und Bilanz zieht. Die fällt nicht immer erfreulich aus, die Enttäuschungen überwiegen, aber man weiß ja auch, dass nicht alles zu haben ist und es ohnehin ungerecht zugeht auf der Welt. Ein beliebtes Motiv, das in diesem Zusammenhang auftaucht, ist der eine große Herzenswunsch, den man noch hat und der sich nicht beschwichtigen, geschweige denn dauerhaft mit Hausverbot belegen lässt. In der sehr feinen und vergnüglichen Erzählung „Die Einladung“ wird ein solcher, mitten im Leben geparkter Herzenswunsch thematisiert, was allerdings, wie sich herausstellt, nicht ganz freiwillig geschieht. Philipp Mosetter, der Autor und Ich-Erzähler, gesteht gleich zu Beginn ein, dass er, kaum vorstellbar eigentlich, noch nie seinen Geburtstag gefeiert hat, vor allem nicht in bewährter Weise, also mit Geburtstagsgästen, Gratulanten und kleinem Festprogramm. Vermisst hat er nichts; nun aber fühlt er sich bemüßigt, das Versäumte nachzuholen, was auch daran liegen mag, dass vage Ängste in ihm rumoren, die mit jenem verhuschten Gut zu tun haben, das wir Gesundheit nennen, von der schon der eher menschenunfreundliche Philosoph Schopenhauer sagte, dass sie „neun Zehntel unseres Glücks“ ausmacht. Der Erzähler hat keine konkreten Beschwerden; ihm droht jedoch eine Darmspiegelung, die als unproblematisch gilt, vorsorgliche Befürchtungen jedoch nicht ausschließt, im Gegenteil.

Deshalb also nachholen, wozu ihn niemand drängt: eine zünftige Geburtstagsfeier mit Freunden, die, wenn’s denn gut läuft, auch nach der Feier noch Freunde sind. Mosetter, der nicht nur Autor, sondern auch Kabarettist und Schauspieler ist und abwechselnd in Frankfurt am Main und Wien lebt, erzählt auf amüsante Weise, wie ein erträgliches, fast schon komfortabel zu nennendes Unheil seinen Lauf nimmt, das sich, bei passender Sichtweise, als Bestätigung verlorener Liebesmüh’ begreifen lässt, also gar kein Unheil ist, sondern mitten hineingehört in die anrührenden, nachträglich auf Dauer gestellten Momente unserer Vergänglichkeit, von denen später, bei guter Tagesform, sogar die Erinnerung noch ein Aufhebens macht.

Der Erzähler scheut keine Kosten und Mühen: Einige seiner Geburtstagsgäste werden eingeflogen und am Flughafen in Wien von einer gemieteten Stretchlimousine in Empfang genommen. Von dort aus geht es, mit kleinen Zwischenstationen, in die Berge, wo die Feier in einem traditionsreichen, „bei Kennern beliebten Ausflugslokal“ stattfinden soll, in dem man anschließend auch übernachtet. Alles lässt sich gut an, obwohl die Gespräche, die zunächst noch unter einer gewissen Wiedersehungsdistanz leiden, anfangs etwas schleppend verlaufen. Die Befangenheit löst sich aber, auch weil Wein getrunken wird, der, wie man weiß, in vielen Lebenslagen hilft und gesundheitspolitisch nicht zu unterschätzen ist. So kommt Stimmung auf, die den leicht nervösen Gastgeber seine Grundeinsicht, nämlich „So einen Geburtstag feiert man ja nicht zum Vergnügen!“, zumindest vorübergehend vergessen lässt. Allerdings gelingt es ihm nicht, seine sorgfältig vorbereitete Tischrede zu halten; irgendwie kommt immer etwas dazwischen, und so verpasst er den richtigen Augenblick – was sich manchmal, in unendlicher Reihung, für ein ganzes Leben sagen lässt.

„Die Einladung“ ist ein witziges, auch wehmütig stimmendes Buch, das mit Einsichten aufwartet, die sich als nachhaltig erweisen. Wohltuend ist zudem, dass der Autor sich an keiner Stelle über sein Personal lustig macht; eher muss er selbst daran glauben, wozu auch passt, dass ihm gegen Ende der Geschichte wieder die bewährten hypochondrischen Überlegungen zusetzen; die Darmspiegelung lässt grüßen. Einen Geburtstag hat er gefeiert, das reicht; er kann jetzt mitreden, und wer weiß überhaupt, wie viel Zeit ihm, dem untergründig Todgeweihten, noch bleibt. Von vorschnell eingebrachten Beileidsbekundungen sollten die Freunde allerdings absehen, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Apropos Freunde: Wohl dem, der sie hat, sie haben aber ihre Tücken: „Freunde machen es einem schwer. Feinde machen es einem leicht. Die sind einfach Feinde …, eine richtige Erholung im Vergleich zu Freunden. Bei Feinden kann man nichts falsch machen. Aber Freunde! Da muss man jedes Wort auf die Goldwaage legen. Meine Güte, was ist so eine Freundschaft doch immer so sensibel. Fürchterlich.“

Beruhigend, dass es, speziell für den Alltagsbetrieb, noch die anderen Freunde gibt, die gar keine Freunde sind, eher verlässliche Konstanten. Bevorzugt trifft man sie in Kneipen, wo sie sitzen oder stehen, auf jeden Fall aber saufen und, bei Bedarf, zur großen Rede ausholen, die eine konträre Welt und Personalsicht eröffnet, aus der sich, beispielsweise, lernen lässt, dass wir es eher mit Stillstand statt mit globaler Hektik zu tun haben: „’Und soll ich dir sagen, was dann passiert ist? Soll ich dir sagen, was dann passiert ist!’ Kunstvolle Pause: ‚Nix ist passiert’.“

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erstellt am 28.4.2017

Philipp Mosetter
Philipp Mosetter

Philipp Mosetter
Die Einladung
Ein Protokoll
Gebunden, 192 Seiten
ISBN: 978-3-945400-29-6
Edition Faust, Frankfurt a.M. 2016

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Kulturtipp

Lesung Philipp Mosetter: Die Einladung

9. Mai 2017, 19:30 Uhr

Nicolaische Buchhandlung
Rheinstraße 65, 12159 Berlin