Von dem französischen Dichter, Lyrikübersetzer, Literaturkritiker, Filmemacher, Essayist, Dramatiker und Chefredakteur der Zeitschrift ‚Phoenix’ in Marseille, André Ughetto, sind vier Gedichtbände erschienen, darunter „Rues de la forêt belle: Petite kabbale de poèmes entre deux proses“, unter den Essays „Fernandel de Rire aux Larmes“, ein Buch über den Lyriker Marc Alyn und eines über das Sonett, „Le sonnet, une forme européenne de poésie“, und die Dramen „Cinq entretiens avec Pétrarque“, „Pauvre Vaudois du Lubéron“ und „Jeanne vendit alors Avignon à son Pape“.
Ughetto, der 1942 in l’Isle-sur-la-Sorgue (Vaucluse) geboren wurde, studierte in Aix-en-Provence und Grenoble und lehrte von 1966 bis 2008 moderne Literatur.
Jean-Max Tixier bemerkte im Jahr 2000: „Tatsächlich lässt sich der Dichter von der Liebe zur Schönheit leiten, die heute so oft verrufen ist. Sie hat er sich im ständigen Umgang mit den großen Werken der Vergangenheit zu eigen gemacht, und er versucht, mit den ihm eigenen Mitteln, sie zu verewigen. Etwas Griechisches prägt die Gesamtheit dieser Texte. Sie sind mit attischem Salz gewürzt und verleiben zugleich die verschiedenen Schichten der abendländischen Kultur ein, insbesondere den Anklang an die höfische Ritterlichkeit und an die Troubadours, sowie – und mehr noch – an verschiedenen Stellen einen florentinischen Geschmack.“
Eine Eigenheit, die auch den französischen Lesern auffällt, kennzeichnet Ughettos Gedichte: der hohe Ton, der seine präzisen Beschreibungen und artifiziellen Konstruktionen in dichten philosophischen Reflexionen verbindet, seine Ausdrucksweise, die vor selten gewordenen, aber eben genauen Begriffen nicht zurückschreckt. Seine Poesie macht sich mit der konventionellen Allgemeinbildung nicht gemein, sondern besteht auf ihrem besonderen Anspruch, nämlich das zur Sprache zu bringen, das mit der Sprache des Alltags nicht erreichbar ist.
Seinem letzten Gedichtband, „Édifices des nuages“ aus dem Jahr 2015, sind die folgenden Gedichte entnommen. (-ert.)

Gedichte

Wolkengebäude

Von André Ughetto

Murailles des poètes

Face à face nos langues
au commerce de mots,
regarde au magasin
les réserves de sens,
pèse à leur trébuchet
le métal de syllabes,
choisis l’or des vocables
à leur fine musique.

En vis à vis nos corps
nos amours nos énigmes,
désir d’identité :
autrui est-il le même
ou suis-je singulier
abrité de remparts?

Les murailles di moi
rendraient vaines les flèches
dirigée vers les cœurs
que l’on voudrait gagner?
Mais l’acte de traduire
et son vœu de séduire
fait un négoce heureux:

Du poème invité
a franchir les frontières
un luxe de paroles
différemment rythmées
ajoute d’autres moires
à leur éclat premier!

Namur, d’un premier sentiment

Tombant droit de la Citadelle
sur la discrète rue Fumal
ouvrant passage vers le ciel,
le ruissellement végétal
d’arbres vers Sambre plongeant,
donne à songe que de là-haut
où sont belles prairies
dignes de parnassiens pacages
un Apollon acclimaté dirige
les muses de la Meuse
aux yeux d’eau éblouie
vers la Maison heureuse
où des poètes font, accueillis par les Grâces,
l’expérience du bien qu’on éprouve à offrir
et tout autant à recevoir, à ressentir
les mots négociés en ardents face à face.

La transparence, le masque

Jamais totale transparence,
car l’ inconscient de la couleur-
le travailleur ultra violet-
s’arrête au carreau de fenêtre
où passe innocenté le spectre du visible.

Jamais complète opacité,
pourvu que le mystère en sa forêt conserve
au grand secret son noyau de clarté.
L’obscurité permettant lors
Maruration par l’athanor.

Enfant tu contemplais
le ciel inverse en la rivière,
les algues étirées –
ondulations de bayadères.
Sous la loupe de l’eau
le firmament livide et mentholé
servait d’asile au peuple des poissons
dont la truite était reine.
Et plat comme une vitre le courant de surface
Echangeait les soleils dans son jeu de miroir.

Le paraître est le masque.
                                  La transparence
Est incomplète ou ment.

L’essentiel

Faut-il encore témoigner,
rajouter des preuves,
n’avions-nous assez fait,
assez récolté puis travaillé à ranger les récoltes,
assez donné de nos greniers, pillé de nos réserves,
nous arrêtant parfois et nous sentant coupables
de ces repos, ces abandons choisis et dégustés,
tournant alors nos paumes vers la grâce de la pluie
offrant notre candeur, mêlée de rouerie?

Juché sur les degrés de la lumière
assez j’étudiai au livre de Nature
pour que je fasse mien le principe d’incertitude
et qu’accrochant mes yeux à des visages par milliers
cherchant ce qui me lie aux foules que je fends
je reçoive si peu de signes de liesse
et rarement l’aveu de compassions secrètes …
Mais si j’ai gardé foi au mot fraternité
C’est que la poésie reste son Paraclet.

Mitarbeit und Übersetzung: Klaus Gronau

Siehe auch

Reihe Europoesie

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 21.4.2017

André Ughetto in Avignon
André Ughetto in Avignon, Foto: privat

Mauern der Dichter

Gegenüber unsere Sprachen
beim Wörterhandel,
sieh im Laden
die Sinnvorräte,
miss auf ihrer Feinwaage
das Metall der Silben,
wähle das Gold der Worte
nach ihrer erlesenen Musik.

Im Gegenüber unsere Leiber
Unsere Lieben unsere Rätsel,
Wunsch nach Identität:
ein anderer ist er derselbe
oder bin ich einzig
geschützt von Wällen?

Die Mauern des Ich
würden die Pfeile sinnlos machen
die auf die Herzen gerichtet sind
die man gewinnen möchte?
Aber der Akt des Übersetzens
und sein Wunsch zu verführen
ergibt einen glücklichen Handel:

vom Gedicht eingeladen
die Grenzen zu überschreiten
fügt ein Prunk von Wörtern
in anderem Rhythmus
andere Marmorierungen
ihrem ersten Glanz hinzu!

Namur, im ersten Gefühl

Geradewegs herab von der Zitadelle
fällt auf die taktvolle Rue Fumal,
öffnet den Übergang zum Himmel
das Pflanzengeriesel
von Bäumen, das sich zur Sambre hinabsenkt
und denken läßt, daß von da oben
wo schöne Wiesen sind
würdig der Weiden des Parnaß
ein hier heimisch gewordener Apoll
die Musen der Maas
mit den Augen aus geblendetem Wasser
hinführt zu dem glücklichen Haus
wo die Dichter, von den Grazien begrüßt
das Gute erfahren, das man beim Schenken empfindet
und ebenso sehr beim Empfangen, wenn man
die Wörter spürt, die in flammenden Streitgesprächen ausgehandelt
    werden

Die Durchsichtigkeit, die Maske

Niemals völlige Durchsichtigkeit
denn das Unbewußte der Farbe –
der Arbeiter Ultraviolett –
hält an der Fensterscheibe an
wo schuldentlastet das Spektrum des Sichtbaren hindurchgeht.

Niemals völlige Undurchdringbarkeit,
wenn nur das Rätsel in seinem Wald
seinen Kern von Klarheit streng geheim hält.
Die Dunkelheit erlaubt, daß dann
durch Alchemie es reifen kann.

Als Kind betrachtetest du
den Himmel umgekehrt im Fluß
die langgestreckten Algen –
Wogen von Bajaderen.
Unter der Lupe des Wassers
diente das bleiche
minzgrüne Firmament
als Zuflucht für das Volk der Fische
bei dem die Forelle Königin war.
Und flach wie eine Scheibe tauschte
die Oberflächenströmung
die Sonnen in ihrem Spiegelspiel.

Das Erscheinen ist die Maske.
                             Die Durchsichtigkeit
ist unvollständig und lügt.

Das Wesentliche

Muß man weiterhin bezeugen,
Beweise hinzufügen,
hatten wir nicht genug getan,
genug gesammelt und dann gearbeitet um das Gesammelte
    einzuordnen,
genug hergegeben aus unseren Speichern, geplündert aus unseren
    Vorräten,
wobei wir zuweilen innehielten und uns schuldig fühlten
wegen dieser Ruhepausen, dieser gewählten und genossenen
    Augenblicke des Innehaltens,
und dann unsere Handteller der Gnade des Regens zukehrten
unsere Treuherzigkeit darboten, vermischt mit List?

Hoch oben auf den Stufen des Lichts sitzend
studierte ich genug das Buch Natur
um mir das Prinzip der Ungewißheit zu eigen zu machen
und, indem ich meine Augen an Tausende von Gesichtern heftete
auf der Suche nach dem, was mich an die Menge bindet, durch die
    ich meinen Weg bahne,
so wenig Zeichen von Jubel zu empfangen
und selten das Eingeständnis geheimen Mitgefühls …
Aber wenn ich den Glauben an das Wort Brüderlichkeit bewahrt
    habe,
so weil die Poesie sein Fürsprecher bleibt.