Feridun Zaimoglus Roman „Evangelio“ handelt von Martin Luthers Aufenthalt auf der Wartburg in den Jahren 1521/22. Der Autor hat sich durch die Sprache des 16. Jahrhunderts gearbeitet, deren drastische Formulierungen und deren Grobianismus durch Überlieferung verbürgt ist. Harry Oberländer hat Zaimoglus Luther-Roman gelesen.

Buchkritik

Das kalte Feuer in Luthers Träumen

1521: Martin Luther hat vor dem Reichstag in Worms den Widerruf seiner Thesen und Schriften abgelehnt. Für die Rückreise nach Wittenberg hat er noch 21 Tage freies Geleit, danach wird er vogelfrei. Zu seinem Schutz lässt sein Landesherr Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen ihn auf die Wartburg nach Eisenach entführen. Dort steht er unter dem Schutz des Burghauptmanns Hans von Berlepsch und dessen Truppe. Nach einem Jahr, in dessen Verlauf er das Neue Testament der Bibel ins Deutsche übersetzt hat, kehrt er 1522 nach Wittenberg zurück.

Luthers Aufenthalt auf der Wartburg ist Gegenstand von Feridun Zaimoglus Roman „Evangelio“. Dafür hat der Autor sich durch die Sprache des 16. Jahrhunderts gearbeitet, durch das Deutsch Luthers, dessen drastische Formulierungen und dessen Grobianismus durch Überlieferung verbürgt ist. Luthers Sprachmächtigkeit reichte von der Poesie seiner Lieder und seiner Bibelübersetzung, der Anschaulichkeit seiner Predigten und Schriften, bis in die drastischen Beschimpfungen seiner Polemiken und Briefe, die ihn bisweilen als entfernten Verwandten eines französischen Zeitgenossen erscheinen lassen, des Mönchs und Humanisten Francois Rabelais, Verfasser des großen Romanzyklus „Gargantua und Pantagruel“.

Die Kunstsprache, Feridun Zaimoglus für seinen Lutherroman entwickelt hat, ist faszinierend. Sie lässt vom ersten Satz an keinen Zweifel, dass wir uns in einer anderen Zeit befinden und mit vielen befremdlichen und exotisch wirkenden Sitten, Gebräuchen und Verhaltensweisen konfrontiert werden. Diese Sprache ist eine Herausforderung an den Leser, sie erfordert Ruhe
und Konzentration. Wer so viel Entschleunigung aufbringt, wird mit einer Leseerfahrung belohnt, durch die ferne Welt des späten Mittelalters sinnlich erfahrbar wird. Zaimoglus Sprache, die sich zahlreicher mittelalterlicher Wörter und Wendungen bedient, führt mit großer Einfühlung in das Alltagsleben des 16. Jahrhunderts, vor allem aber auch in die Abgründe von Aberglauben, Verbrechen und grausamen Strafen.

Zwischen Mittelalter und Neuzeit

Der Reformator Luther steht mit der Emanzipation des Einzelnen, mit seiner Berufung auf das Gewissen, mit seiner dialektisch konzipierten „Freiheit des Christenmenschen“ für den Aufbruch in die Neuzeit, ist aber zugleich noch mittelalterlicher Mensch. Den Doppelcharakter seiner Persönlichkeit hat sich schon Conrad Ferdinand Meyer im 1872 in seinem Versepos „Huttens letzte Tage“ einprägsam zusammengereimt:

„Er fühlt der Zeiten ungeheuren Bruch
Und fest umklammert er sein Bibelbuch.
In seiner Seele kämpft, was wird und war,
Ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.
Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet –
Mich wundert's nicht, daß er Dämonen sieht!“

Dämonen und Teufel haben auch auf der Wartburg Luther verlässlich heimgesucht. Davon handelt seit langem die Legende, die der Barockautor Melissantes in die Welt gesetzt hat. Der erzählte von „(…) einem schwarzen Fleck, welchen Lutherus gemacht, als er hier das Dintenfass nach dem Teuffel, als er ihm erschienen und ihn beunruhigen wollte, geworffen.“ Der Tintenfleck an der Wand der Luther-Kammer auf der Wartburg wurde über die Jahrhunderte hin immer größer und weil so mancher Besucher ein Stück davon abkratzte, um es mit nach Hause zu nehmen, musste er immer wieder erneuert werden. Luther benutzte gar kein Tintenfass, sondern ein Tintenhörnchen und seine Kämpfe mit dem „altbösen Feind“ waren durchaus ernster und heftiger Natur. So, wie sie von Feridun Zaimoglu erzählt werden, rufen sie eher Assoziationen an die wunderbaren Gemälde von Hieronymus Bosch, die Darstellung der Hölle im „Garten der Lüste“ oder „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ im Isenheimer Altar von Matthias Grünewald wach. Auch Luther wird übel gezwickt und gezaust, und wo die Welt schon voll Teufeln ist, kommen die irdischen Feinde noch dazu: nicht nur Papst, Katholiken und Kaiser, sondern die Bilderstürmer und Schwärmer in den eigenen Reihen und allzeit auch die Juden, die „tausendjährigen Schläfer, haben sie doch den Gesalbten übersehen, weil sie träumten, und ihr Traum war vom verstockten Teufel gespendet.“ So lässt Feridun Zaimoglu Luther formulieren, der sich in Briefen von der Wartburg an Phillip Melanchthon und an den Berater des Kurfürsten, Georg Spalatin, wendet.

Zaimoglu lässt aber vor allem eine Figur erzählen, die Luther ständig nahe ist und ihn zugleich distanziert und kritisch beobachtet: den Landsknecht Burkhard, der ihn schützen soll und doch kein Anhänger des Reformators ist, sondern wie noch die meisten Männer der Wartburgbesatzung und die Menschen in der Stadt Eisenach am alten katholischen Glauben festhält. So stellt Landsknecht Burkhard sich vor: „Bin ein gerauter Kerl, gehobelte geschliffene Fresse. Kein Gesang und kein Weib macht mich weich. Solang der Himmel nicht einstürzt und mein Kopf nicht birst, kann ich das Eisen halten. Das ist mein Brot. Bin ungeratener Kaufmannssohn, entschied mich für den Vater für ein anderes Leben.
(…) Ich sah viele böse Stücke. Ich hab Hund fressen müssen, und Ratte und Pferdemaul und Klumpen Erde. Krieg ist Mannfresser. Bin in Fehden zerrieben worden. Hab etliches Volk gelöscht. Hab Kopf von den Achseln geschlagen…“

Luther leidet

Ulrich Burkhards Handwerkszeug ist der Katzbalger, ein handliches scharfes Schwert. Er weiß, damit umzugehen, mit ihm kann er sich sehen lassen. Sein Schutzbefohlener, Martin Luther hingegen, der Theologe, der Mann des Wortes und der Schrift, muss sich erst einmal in seiner Kammer verbergen, bis seine Tonsur zugewachsen ist und der Vollbart ihn glaubwürdig als den Junker Jörg oder Georg, wie er im Roman heißt, erscheinen lässt. Luther leidet. Er sitzt in seiner Kammer inmitten der Folianten mit Schweinsledereinband, und seine Feder kratzt über das Papier. Er stellt seine Füße auf den Walwirbel, den Knochen, der heute noch auf der Wartburg zu besichtigen ist. „Er legt das Papier vor sich hin. Kratz mit der Feder Runen, als würd der Dämon der Macht ihm Zauberziffern in den Geist bluten.“ Luther ist zurückgeworfen in das Mönchsdasein, dem er doch schon entgangen war, ist reduziert auf ein Eremitendasein. Große Sorgen und mangelnde Bewegung führen zu anhaltenden Verdauungsproblemen. Luther sagt: „Mein Arsch grimmt bös, wenn ich mich dreh und wend. Und draußen geschieht ein Ding, dass es mich schaudert. Die Welt verschlingt sich selbst“.

Draußen: da ist das nächstgelegene Eisenach, in das Burkhard hinabsteigt, eine Stadt, in der die feinen Herren hölzerne Überschuhe tragen, um nicht im Schlamm und Schmutz der Straßen zu versinken. „Ich acht drauf“, sagt Burkhard, „nicht unter den Abtrittskern zu laufen, es scheißen die Menschen zu allerzeit, ich seh blanke Ärsche zwischen Himmel und Erde.“

Burkhard besucht den Henker, den Blutvogt, um dort Menschenschmalz zu kaufen, ein Töpfchen Armesünderfett, mit dem er Luthers Leiden kurieren will. Er geht ins Dirnengäßlein zu einer jungen Hure. „Ein wenig Schande wärmt und macht gesunde Farbe. Man muß danach die große Anhänglichkeit des Weibes abwehren.“ Burkhards Ausflug endet in einem Wirtshaus, wo er an einen Falschspieler, einen Zinker gerät, dem er mit dem Schwert ein Ohr abschlägt. Das Ohr wirft er Luther, der in der Nacht mit dem „Seelenaffen“ gerungen hat, vor die Füße, der sich ohne zu erschrecken an den Schwertstreich des Petrus erinnert. Das Leichenfett lehnt er ab: „Ich werd nicht zum Bruder der Schakale.“

Der Blick von der Wartburg über die Berge und Wälder der Umgebung war noch kein Blick auf die Schönheit der Landschaft, eher ein Blick auf die sündige Natur, den Ort des Bösen. In vielen Episoden des Romans spielen Expeditionen in diesen Wald eine Rolle, keine Ausritte ins Vergnügen, sondern zu Räuberlagern, Schädelstätten und Hexenküchen, Aufbrüche zur Jagd oder gegen eine Rotte räuberischer Landsknechte. Von der Burg aus sieht Luther, wie vom Hörselberg aus Nebelschwaden aufsteigen, er liest sie als Rauchzeichen des Satans.

Eine sehr gefährliche Reise

Luther, der dem Junker Georg, den er auf der Wartburg zu spielen hat, allmählich ähnlich sieht, erhält per Kurier die „neue Bibel auf Griechisch“. Burkhard fragt sich: „Was sah im Dornbusch der Gesandte Moses? Was sieht der Mönch, wenn in seinen Träumen ein kaltes Feuer brennt? Das Allerheiligste ist das Allerheimlichste. Frevelt er, wenn er Gott übersetzt? Der Herr braucht keinen neuen Namen. (…) Eine Knochenmühle wird die Welt. Er aber vergisst den Schmerz, vergisst den bellenden Leviathan, und übersetzt Gott ins Teutsche“.

Als Junker Georg kann Luther nun auch unerkannt die Wartburg verlassen. Von Burkhard begleitet, nimmt am Kampf gegen eine Bande mörderischer Landsknechte teil, deren Anführer später in Eisenach grausam hingerichtet wird, Burkhard ist Zeuge. Auch auf die Jagd geht Luther mit, wo ihm ein Hase in den Mantel springt. Luther versucht ihn zu retten, doch die Hetzhunde verbeißen ihn durch den Mantel hindurch. Diese Episode ist verbürgt, Luther selbst hat sie niedergeschrieben, nicht ohne Seitenhieb auf die domini canes, die Hunde Gottes. Einmal wird Luther erkannt, von einem Hufschmied, der zum Glück sein Anhänger ist. Immer ist bei diesen Exkursionen Satan nicht weit, er erscheint in Gestalt einer schwarzen Katze oder eines schwarzen Hundes. Einer der Höhepunkte seiner Realpräsenz und der Spuren, die sie hinterlässt, ist eine Bibel, die Luther von Melanchthon erhalten hat, eine mächtige Bibel, handgeschrieben von einem Benediktinermönch, mannshoch, in Venedig vom Reliquienhändler des Kurfürsten gekauft. Der Mönch, erzählt Luther, habe den Teufel in dieses Buch gemalt. Keine satanische Verse, aber eine Satansbibel.

So wird der Aufenthalt Luthers auf der Wartburg zunächst eine sehr ereignisreiche Zeit. Weit über das Portrait Luthers hinaus entsteht ein Bild der Zeit, der Wartburg und der Landschaft zwischen Eisenach und Wittenberg. Dorthin macht Luther die weiteste, eine heimliche und sehr gefährliche Reise. Burkhard, sein Begleiter, hat im Verlauf der Erzählung Statur gewonnen, nicht nur als praktischer Helfer und Beschützer des Theoretikers und Theologen, sondern auch als ebenbürtiger Gesprächspartner in politischen und theologischen Fragen. In Wittenberg will Luther Ordnung schaffen, sich mit den Bilderstürmern, mit Karlstadt auseinandersetzen und mit den Zwickauer Propheten. Das sind die Schwärmer, die vom Heiligen Geist befeuert, den Aufruhr predigen. Luther an Spalatin: „Sie sehens als beschlossen an, dass die Himmel sie erwählten. Diese gespenstigen Tiere entdecken im Buch Prophezeiungen und schwellen und schwellen zur Baalsgestalt, man müsste sie mit Malefizwachs einreiben, ich bin übel berüchtigt, weil ich sie würge mit der Wahrheit: Die Schrift ist Herrschererlass.“

Die Unruhe in Wittenberg ist groß, so groß, dass Luther ihr fast zum Opfer fällt. Doch Burkhard und seinem Katzbalgers sei Dank, kommt er heil wieder aus Wittenberg heraus. Sie kehren auf die Wartburg zurück. Burkhard hätte Luther gerne zum alten Glauben bekehrt. Doch der fängt mit dem Übersetzen erst richtig an. Damit wird er den Teufel mit der Tinte vertreiben: „Das ist Schrift: Wir lesen und sein Befehl wird uns zum Brauch. Es gibt kein verdunkeltes Gotteswort. Dies Volk werden wir neu bekehren.“

Siehe auch

In der Edition Faust ist die Graphic Novel „Martin Luther“ erschienen. Das bewegte Leben des streitbaren Reformators wird darin bildgewaltig erzählt.

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erstellt am 19.4.2017

Feridun Zaimoglu
Evangelio
Ein Luther-Roman
Gebunden, 347 Seiten
ISBN: 9783462050103
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

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