Alissa Walser hat einen neuen Erzählband vorgelegt: „Eindeutiger Versuch einer Verführung“. Walsers Texte sind Momentaufnahmen gescheiterter Kommunikation in zwischenmenschlichen Beziehungen. Riccarda Gleichauf hat das Buch mit Gewinn gelesen.

Buchkritik

Lautes im Leisen

Nichts geht über eine gelingende Kommunikation. In Werbeagenturen zum Beispiel werden mittlerweile gezielt Großraumbüros angelegt, damit zu jeder Zeit, über jede Idee von potenziell produktiver Relevanz, mit allen übrigen MitarbeiterInnen im Raum geredet werden kann. Wenn es an klugen Einfällen mangelt, wird dann auch über Privates geplaudert. Es ist eine zweischneidige Sache mit der Kommunikation, weil sie einerseits wichtig ist, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Andererseits kann sie sich beizeiten anfühlen wie Körperverletzung, vor allem wenn Dialoge zu Monologen ausarten, die übrigen GesprächsteilnehmerInnen zum Verstummen gebracht werden.

Alissa Walsers Erzählsammlung „Eindeutiger Versuch einer Verführung“ thematisiert insbesondere die gescheiterte, schmerzende Form. In einer der Momentaufnahmen mit dem Titel „Nur zum Beispiel“ konstatiert eine genervte Frauenstimme:

„Sie weiß, warum sie nichts sagt. Weil er sie nicht zu Wort kommen lässt oder weil er ihr ins Wort fällt oder meint, ihr nicht zuhören zu müssen. Drei Möglichkeiten, jede die schlimmstmögliche.“

Eigentlich war ein gemütlicher Abend mit Freunden um einen „runden Tisch“ geplant. Stattdessen findet ein Wettstreit darüber statt, wer die längste Redezeit für sich ergattert. Sieger ist dieses Mal der Ehemann des geladenen Paares, der seine Frau verbal verstümmelt, indem er sie nicht zu Wort kommen lässt, schlimmer noch, sie beim Sprechen unterbricht. Zurück bleibt ein ausgeräuberter, kraftloser Körper ohne verbleibende Ausdrucksmöglichkeiten:

„Er hat ihr das Wort aus dem Mund gerissen, ihre Stimme überfahren.“

Männlicher Freiraum

Paternalistische Verhaltensmuster in heterosexuellen Paarbeziehungen sind ein Thema von Walsers Prosa. Der Mann nimmt sich seinen Freiraum, wenn er ihn braucht, und das nicht nur in seinen monologischen „Gesprächen“, sondern auch in der Freizeitgestaltung.

Mit psychologischem Gespür gelingt es Walser dabei, die Unterdrückungsmechanismen, die speziell in Paarbeziehungen entstehen und durchaus auch wechselseitigen Charakter besitzen können, auf andere Beziehungsformen auszuweiten. So etwa im Mutter-Tochter-Verhältnis.

Die Szene in „Aus der Schublade“ beschreibt ohne Kompromisse das Dilemma, in dem sich Menschen in ihren festen Rollenzuschreibungen täglich bewegen. Auch wenn die Mutter eigentlich zusammen mit der Tochter das Abendbrot vorbereiten möchte, bleibt die Tochter bei der Zubereitung des Salatdressings ihre Assistentin, eine bloße Handlangerin. Es ist eine Pseudofreiheit, die dieser gewährt wird, weil sie sich letztlich den Angaben der Mutter fügt. Der bestimmende Satz der Mutter: „Mach, wie du denkst. Nur nicht zu viel Salz“, spricht Bände.

Was bleibt, wenn zwischenmenschliche Beziehungen so unglaublich an die Substanz gehen? Man könnte sich in sein Zimmer zurückziehen und zufrieden miteinander schmusende Spinnen an der Decke betrachten. Der Text „Zwei Spinnen“ zeigt den Facettenreichtum der Autorin Walser nicht nur auf der inhaltlichen, sondern auch auf der poetologischen Ebene auf. Die gescheiterte Ehe der Eltern der Protagonistin wird im Spiegel der glücklichen „Spinnenvereinigung“ beschrieben:

„Bevor sie das Licht löscht, wirft sie noch einen Blick auf die Spinnen und traut ihren Augen nicht. Sie sitzen dicht beisammen, so dicht, dass man sie für eine einzige halten könnte. Die beiden dunklen Körper berühren sich und die langen Beine sind ineinander verschlungen. Ein Knäuel Schamhaare, denkt sie, und dass sie sich paaren. Sie ist gerührt.“

Stille der Natur

Im zerbrochenen familiären Nest finden sich zwei Tiere, die ein neues, liebevolles Gefüge bilden, um der Umgebung Trost zu spenden. Rückzug bedeutet hier nicht Selbstaufgabe, sondern die Möglichkeit, Kraft zu tanken. Diese Kraft kann (auch) in der Stille der Natur gefunden werden. Die Erzählung mit dem humorvollen Titel „Abstillen“ thematisiert dazu ein Paradoxon:

„Wie produziert man Stille?
a) Indem man die Stille lebt? Nein.
b) Indem man von der Stille spricht? Vielleicht.
c) Indem man andere Stille erfahren lässt? Aber wie?
Sie nimmt sich vor, aus der Stille, von der Stille, über die Stille und mit der Stille zu sprechen. So laut, wie es ihr möglich ist.“

Ohne Stille findet die eigene, überlebenswichtige Stimme keinen Wirkungsraum. Sie wird gebraucht, damit die Stimme Gehör finden kann, und wird zugleich von ihr zerstört.

Wer Stille ungern stört, kann aber auch in ein Denken verfallen, das in sich ruht. Es findet von Natur aus eher im Leisen, Verborgenen statt. Gehör erhalten allerdings nur diejenigen, die ihre Gedanken aussprechen. Alle anderen, eher ruhigen Mitmenschen, gelten dann schnell als dumm. Die eher nachdenkliche Stimme in „Denken und Sprechen“ hingegen

„…sagt nichts. Fragt sich nur, ob denken und sprechen vielleicht einfacher ist als denken und nichts sagen.“

Ja, und es ist oft unerträglich, immer nur zu denken, und keine Möglichkeit zu finden, den Gedanken Ausdruck zu verschaffen, weil einem GesprächsteilnehmerInnen mit nicht richtig durchdachten Meinungen zuvorkommen, es bei der Kommunikation oft um Sprechgeschwindigkeiten geht und weniger um inhaltliche Substanz.

Geistreiche Texte entstehen wiederum gerne aus angestauten Beobachtungen, die sich zunächst orientierungslos im Bewusstsein festsetzen, weil sie nicht die Chance erhalten haben, in Gesprächsrunden Gehör zu finden. Ein Glück, sonst könnten wir nicht über sie lesen.

Siehe auch

Alissa Walser

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erstellt am 19.4.2017

Alissa Walser
Eindeutiger Versuch einer Verführung
Gebunden, 154 Seiten
ISBN: 9783446254541
Hanser Verlag, München 2017

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