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In ihrem Roman „Fünfzig Gramm Paradies“ erzählt Iman Humaidan vom Leben während des libanesischen Bürgerkrieges und der Zeit danach. Es ist ein Buch der Grautöne in zahllosen Schattierungen, die den Kolorit der Gesellschaft des Nahen Ostens in einer dramatischen Epoche nachzeichnen, meint Gudrun Braunsperger.

Buchkritik

Schwarze Flecken im Herzen

Drei Frauenschicksale sind in diesem Roman von Iman Humaidan miteinander verkettet, das von Maja, Nura und Sabah. Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Maja – sie trägt autobiographische Züge der Autorin – verlässt in den neunziger Jahren mit ihrem kleinen Sohn Paris und kehrt in den Libanon zurück, um ihrem sterbenskranken Mann, der in der Heimat bestattet werden möchte, den letzten Wunsch zu erfüllen. Dort begegnet sie nicht nur den Wunden, die der 15-jährige Bürgerkrieg ihrem Land und seinen Bewohnern zugefügt hat, sie wird auch mit der Kultur ihrer Herkunft und mit den Grenzen für ihr Geschlecht konfrontiert: Die Familie ihres Mannes hat Anspruch auf die Erziehung ihres Sohnes, sobald er sieben Jahre alt ist. Bei Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm findet Maja in den Ruinen eines Beiruter Wohnviertels, das von den Spuren des Bürgerkriegs gezeichnet ist, einen Koffer mit Briefen und Tagebüchern. Sie dokumentieren das tragische Schicksal einer großen Liebe. Dieser Fund wird Majas Leben verändern. Zunächst aber gibt er Anlass für weitere Geschichten, die in diesem Buch erzählt werden: die Liebesgeschichte der aus Syrien stammenden Journalistin Nura zu Kemal aus Istanbul, eine Liebe, die zwischen geographischen, sprachlichen und politischen Grenzen auf eine harte Probe gestellt ist. Das alles passiert in den siebziger Jahren, als Nura in Beirut vom Geheimdienst verfolgt wird. Nuras Geschichte führt Maja weiter zur Lebensgeschichte von deren Nachbarin Sabah, der analphabetischen Kurdin, die wie Nura Emigrantin ist. Beide haben sich von ihrer Familie distanziert, und so unterschiedlich ihre Herkunft und ihre Lebensgeschichten auch sind, ihre Rolle als Frau in ihrer Gesellschaft schafft eine gemeinsame Erfahrung. Durch Nuras Tod entsteht überdies eine schicksalhafte Verbindung, bis Maja schließlich hinzukommt und Sabahs Geheimnis lüftet.

„Bisweilen geschehen Dinge, die nicht so leicht zu erklären sind. Es kommt vor, dass wir eine Tat begehen, deren Schatten wir für immer in uns tragen. Eine Tat, die uns weit von einem Bild entfernen kann, das wir von uns selbst haben möchten. Aber so sind wir eben. Wir geben einem Armen zu essen, wir lachen über einen banalen Witz, wir lieben, wir trauern, wir tanzen. Doch in Bürgerkriegen ermorden wir auch unsere Nachbarn. Und wenn wir all das sind, wie sollten wir uns dann selbst beschreiben?“

„Fünfzig Gramm Paradies“ ist ein sprechender Titel für einen Roman aus dem Nahen Osten, dem die bunten Farben des Orients weitgehend fehlen, es ist ein Buch der Grautöne in zahllosen Schattierungen, die sich da zwischen Schwarz und Weiß mischen und den Kolorit der Gesellschaft des Nahen Ostens in einer dramatischen Epoche nachzeichnen. In diesem Buch werden Lebensgeschichten erzählt, in denen das Blut getrocknet ist, und schwarze Flecken im Herzen zurückbleiben, wie Sabah es ausdrückt. Über die Landesgrenzen hinweg teilen die Menschen dieser Region kollektive Erfahrungen, und damit sind explizit Damaskus, Beirut und Istanbul angesprochen, ihre gemeinsame Geschichte der Kultur und Mentalität, des Reisens und Erzählens, aber auch die von Gewalt und Unterdrückung. „Wir stammen aus ein und derselben Region“, schreibt Kemal an Nura, „die Logik unserer Militärs und unserer Geheimdienste ist die gleiche, die Despotie die gleiche, die Unterdrückung die gleiche – nur eben in einer anderen Sprache“. Die Erfahrung von Gewalt hat sich tief in das Innere dieser Gesellschaft fortgepflanzt. Hier wird eine patriarchalische Kultur transparent, in der die tradierten Gesetze der Großfamilie die Frauen immer noch im Griff haben, wo sich aber gleichzeitig das Unbehagen dieser Frauen und ihr Widerstand zu artikulieren beginnt. Durch die ineinander verwobenen Geschichten wird die Perspektive des weiblichen Erlebens in ihrer Vielfältigkeit artikuliert – dabei sind durchaus nicht allein Frauen die Opfer, sondern auch Männer: Männer, die in einem undurchschaubaren Akt politischer Willkür verhaftet werden und verschwinden, Männer, die ihre „entehrten“ weiblichen Verwandten heiraten müssen, um deren Ehre wieder herzustellen – als entehrt gelten dabei auch Frauen im Teenager-Alter, die die Freiheit ihrer Gefühle getestet haben. Dass der Ehrbegriff in einer modernen Welt an seine Grenzen stößt, damit werden in diesem Roman beide Geschlechter konfrontiert.

Mut und Kraft der Frauen

Leben bedeutet Trennung und Verlust: Diese von Sabah mehrfach wiederholte Gewissheit gilt für alle Figuren dieses Romans. „Fünfzig Gramm Paradies“ handelt aber auch vom Mut dieser Frauen, mit Trennung und Verlust und mit dem Schmerz darüber fertig zu werden, von ihrer unerschütterlichen Kraft, weiterzumachen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen, wie es Sabah tut, die einen Laden eröffnet und Thymianfladen bäckt, während sie auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, in der Zeit des Bürgerkriegs, als alle Bewohner das Viertel nach und nach verlassen. Es gibt sie, diese Chance, dass das Unerwartete eintritt: in der leuchtenden Gestalt von Kemal Firat etwa, einem Mann, der so anders ist als die zahlreichen an ihrer männlichen Ehre krankenden Chauvinisten. In der Figur von Kemal Firat hat Iman Humaidan einen persönlichen Verlust durch Schreiben bewältigt, indem sie ihrem verstorbenen Lebenspartner, dem türkischen Wissenschaftler Altan Gökalp ein literarisches Denkmal gesetzt hat: Sie habe dessen Leben, das eines Humanisten und Kosmopoliten, in den Roman übertragen. Und auch eine andere Stelle ist ganz offensichtlich autobiographisch motiviert, eine Stelle, die vom Mut einer Frau zeugt, anders zu sein und Erwartungen nicht zu erfüllen, wenn sie mit dem Weg der eigenen Berufung kollidieren: Der Absatz, in dem Nura zu Beginn ihrer Tagebuchaufzeichnungen erzählt, wie sie zum Schreiben gefunden hat. Diese Zeilen sind an alle Frauen gerichtet, die nach Ermutigung suchen, um den Weg der eigenen Kreativität zu gehen.

„Von klein auf träumte ich davon, Autorin zu werden. (…) Das Wort, das ich suchte, lag mir stets auf der Zunge und nahe am Herzen. Aber es wusste nicht, wohin mit sich. Es gewann keine Gestalt mit Stimme und Klang, Ausdruck und Wirkung. Ich glaubte, dass ich etwas Schlimmes hätte, eine Krankheit oder Behinderung, irgendeinen Schaden, durch den ich hinter Gleichaltrigen zurückgeblieben war.
Ich erinnere mich an meine Mitschülerinnen. Ihr Gelächter schallte aus den Klassenzimmern und über den Spielplatz. Ich rannte mit ihnen über die große Treppe hinunter auf den großen Platz. Doch bald darauf wurde ich wieder trübsinnig und zog mich wieder zurück in meine Einsamkeit. Diese Umschwünge beunruhigten mich. Später vernahm ich die Geschichten von ihrer Heirat, ihren Schwangerschaften, ihren Hausfrauenpflichten. Es brauchte seine Zeit, bis ich begriff, was mich umtrieb. Dass es keine Krankheit war, sondern etwas sehr Schönes, ein Privileg, das man hüten und pflegen musste.“

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erstellt am 13.4.2017

Iman Humaidan
Fünfzig Gramm Paradies
Roman aus dem Libanon
Aus dem Arabischen von Regina Karachouli
Gebunden, 267 Seiten
ISBN: 9783857874789
Lenos Verlag, Basel 2017

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