Filmkritik von Kai Mihm

Source Code

Im zweiten Film von Duncan Jones reist Jake Gyllenhaal durch die Zeit, um einen Bombenanschlag zu verhindern

Der junge Regisseur Duncan Jones besitzt ein ganz spezielles Talent: Er bedient sich für seine Geschichten wahlweise bei Genre-Klassikern oder greift aktuelle Moden des Mainstreamkinos auf, schafft es bei der Umsetzung aber doch, den Filmen einen eigenen Touch zu geben. Das war bei seinem aufsehenerregeden Science-Fiction-Film „Moon” der Fall, der Kubricks „2001” und Tarkovskijs „Solaris” zitierte, um dann zu einer eigenwilligen Reflexion über Moral und Menschlichkeit zu werden. Und das ist zu Beginn auch bei seinem neuen Film „Source Code” so, der sich zwar schamlos bei „Avatar” und „Inception” bedient, zugleich aber gegen den Mainstream schwimmt, indem er auf die Materialschlachten seiner Vorbilder komplett verzichtet und für das virtuelle Kammerspiel im Kopf des Protagonisten eine Entsprechung findet, indem er auch die verschiedenen Ebenen der Erzählung auf engste Räume verdichtet.

Die Rahmenhandlung zeigt den den Army-Piloten Colter Stevens (Jake Gyllenhaal), der nach einem Absturz erwacht und sich im engen Raum seiner Helikopter-Kanzel wiederfindet, die jedoch völlig von der Außenwelt abgeschottet zu sein scheint. Über einen kleinen Monitor nimmt eine Kommandeurin der Air Force Kontakt mit ihm auf und erläutert dem völlig verwirrten Soldaten seine bizarre Mission: Mittels einer neuartigen, natürlich vom CIA entwickelten Technik namens „Source Code” ist es möglich, in das Bewusstsein eines gerade verstorbenen Menschen einzudringen und die letzten acht Minuten dessen Lebens erneut zu erleben. Eine Art einseitiger, zeitlich begrenzter Körpertausch also, wie man ihn aus Teenie-Komödien à la „Freaky Friday” kennt. Stevens' Aufgabe besteht nun darin, in den Körper eines harmlosen Pendlers zu schlüpfen und einen Attentäter zu finden, der eine Bombe in dessen Zug deponiert hat. Eigentlich ist das verheerende Attentat bereits geschehen und der Reisende schon tot (sonst könnte man ja nicht in sein Bewusstsein eindringen), doch mit Hilfe der „Source Code”-Technik soll es nun nachträglich vereitelt werden. Soweit alles klar?

Im Film selbst wirkt diese Ausgangssituation nicht ganz so haarsträubend wie sie hier klingt und zunächst geht es auch nicht so sehr um technische Details sondern vor allem um die Frage, ob der mehr oder weniger unfreiwillige Held es schaffen wird, innerhalb von acht Minuten den Attentäter zu finden. Duncan Jones inszeniert die Situation im rasenden Zug in einer im besten Sinne altmodischen Weise. Die Atmosphäre erinnert an klassische Agentenfilme oder die Arbeiten von Alfred Hitchcock; manche bewusst künstlich gehaltene Rückprojektion sowie die offensichtlich digitale Explosion, wenn die Bombe doch hochgeht, tragen auf charmante Weise zu diesem Eindruck bei. Als geradliniges B-Movie mit dem gewissen Twist wäre „Source Code” gerade im Vergleich mit seinen Vorbildern ein erfrischend unprätentiöses Vergnügen.

Das Problem ist leider, dass Jones einerseits die Story heillos überfrachtet – eine Liebesgeschichte und der obligatorische Vaterkonflikt des Helden müssen irgendwie eingebaut werden – und andererseits grundlegende Regeln des Spannungskinos nicht beherrscht. Suspense nämlich will sich einfach nicht einstellen, weil die Tätersuche eigentlich gar kein Wettlauf gegen die Zeit ist. Die Uhr tickt zwar, aber zu Beginn wird erklärt, dass Stevens immer wieder für acht Minuten in der Zeit zurückreisen kann – er letztlich also jede Menge Zeit hat, um den Bomber zu finden.

Zugleich sind die falschen Fährten denkbar offensichtlich, denn natürlich weiß man, dass der verdächtig schwitzende Pakistani oder der grimmig blickende Typ am Laptop nach allen Regeln des Kinos garantiert nicht die Attentäter sind.

Darüber hinaus sind Duncan Jones und sein Drehbuchautor Ben Ripley („Species III”) so verliebt in die Originalität der Source-Code-Idee, dass sie den Zuschauer mit Unmengen wissenschaftlicher Details bombardieren, die nicht nur das Tempo der Erzählung drosseln, sondern dem Ganzen jedes Mysterium austreiben und (ähnlich wie bei „Inception”) fatale Fragen nach der inneren Logik der Konstruktion aufwerfen. Die wird gegen Ende dann sowieso komplett über Bord geworfen, zugunsten gleich mehrerer Story-Pirouetten, die einzig dazu dienen, die Cleverness der Filmemacher auszustellen. Was wie ein kleiner, feiner Genrefilm beginnt, entwickelt sich so zum eitlen Schaulaufen eines Regisseurs, der seinen großen Kollegen zeigen will, dass er irgendwie doch alles besser kann.

erstellt am 18.5.2011

Trailer zu „Source Code”