Er wollte verstehen, wie Auschwitz passieren konnte, sagte der italienische Schriftsteller Primo Levi, der das Konzentrationslager überlebt hatte. Als er am 11. April 1987 in Turin starb, hinterließ er ein literarisches Werk, das in seiner stilistischen und psychologischen Nüchternheit der Moderne angehört. Stefana Sabin erinnert an Primo Levi.

30. Todestag von Primo Levi

»Damit niemand vergessen kann«

„Wenn jemand über Auschwitz schreibt,“ sagte einmal der ungarische Schriftsteller Imre Kertész, selber Auschwitz-Überlebender, „dann muß ihm klar sein, daß Auschwitz die Literatur – wenigstens in einem bestimmten Sinn – aufhebt.“ Kertész zog eine „Demarkationslinie“ zwischen „Literatur und Literatur über Auschwitz.“ Der italienische Schriftsteller Primo Levi, auch ein Auschwitz-Überlebender, hat mit moralischer Strenge und stilistischer Gelassenheit diese Demarkationslinie ignoriert und das Überleben als unheilbare Krankheit ausgemacht, die er immer wieder zu beschreiben und zu verstehen versucht hat.

„Ich glaube,“ schreibt Primo Levi am Ende seines autobiographischen Berichts über das Überleben im Vernichtungslager Auschwitz Se questo è un uomo (1958, Ist das ein Mensch?, 1961), „in den Schrecken des Dritten Reichs ein einzigartiges, exemplarisches, symbolisches Geschehen zu erkennen, dessen Bedeutung allerdings noch nicht erhellt wurde: die Vorankündigung einer noch größeren Katastrophe, die über der ganzen Menschheit schwebt und nur dann abgewendet werden kann, wenn wir alle es fertig bringen, Vergangenes zu begreifen, Drohendes zu bannen.“ Um Drohendes zu bannen, wollte Levi, der am 31. Juli 1919 in Turin geboren und in Februar 1944 nach Auschwitz deportiert wurde, Vergangenes begreifen, und er hat es für eine moralische ebenso wie literarische Pflicht gehalten, zu berichten, zu beschreiben, zu erzählen, was ihm widerfahren ist. Dabei musste er feststellen, dass, wie er schreibt, „unsere Sprache keine Worte hat, diese Schmach zu äußern, dies Vernichten eines Menschen.“ Und doch war gerade er es, der für das Unsagbare eine Sprache und einen Stil fand und je sachlicher, desto eindringlicher über jenes „Vernichten eines Menschen“ zu schreiben vermochte, an die ihn die Erinnerung nie verlassen hat.

Die Qual der Erinnerung

Die Erinnerung hätte ihn umgebracht, kommentierte denn auch Natalia Ginzburg Levis Selbstmord am 11. April 1987. Levis letztem Buch I sommersi e i salvati (1986, Die Untergegangenen und die Geretteten, 1990), in dem er Essays über die Gefangenschaft im Lager und die Welt danach gesammelt hatte, ist als Motto eine Strophe aus Coleridges The Rime of the Ancient Mariner (Die Weise vom alten Seefahrer) vorangestellt, in der die Qual der Erinnerung als implizierter Erzählimpuls beschworen wird. Tatsächlich war für Levi das auf dem linken Arm tätowierte Mal – die Nummer 174517, unter der er in Auschwitz registriert wurde – eine Verpflichtung, sich der Qual der Erinnerung auszusetzen und Zeugnis abzulegen. Aber vor allem wollte er verstehen. „Verstehen, wie das passieren konnte,“ sagte Levi in dem letzten Interview kurz vor seinem Tod, „ist für mich ein Lebensziel. Aber in einem tiefen Sinn, weil ich mehr verstehen will: Ich bin Chemiker, ich will die Welt um mich herum verstehen.“

Die Chemie hatte Levi das Leben gerettet, denn als „Fachhäftling“ in einem Labor des von dem Chemiekonzern IG-Farben betriebenen Nebenlagers Auschwitz-Monowitz konnte er überleben. Nach der Rückkehr hatte er bis zu seiner Pensionierung in der chemischen Industrie in Turin gearbeitet. Die Chemie war ihm Lebens- und Weltanschauung, und sie gab einen Rahmen ab, in dem er die Welt interpretierte und sie erzählend zu begreifen versuchte. So heißt der Band mit autobiographischen Erzählungen über die ersten Experimente, das Studium, die Stimmung in Italien während des Faschismus und die Arbeit nach dem Krieg Il sistema periodico (1975, Das periodische System, 1987), und die einzelnen Kapitel sind nach den chemischen Elementen betitelt. Die Wissenschaft, ihre mögliche Gefährlichkeit und ihre Anwendbarkeit, Leben und Arbeit in der Industriegroßstadt sind Levis Themen in zahlreichen Erzählungen: die Titel und die stilistische Kühle verweisen an die Naturwissenschaft, aber es ist die existentielle Verunsicherung und Vereinsamung des modernen Menschen, die darin artikuliert werden. Es gehört zu Levis Besonderheiten als Schriftsteller, dass er Literatur und Wissenschaft miteinander verflochten und dass er Literatur zu einer moralischen Instanz auch für die Wissenschaft angesehen hat.

Dichter und Chemiker

In dem Essay Ex chimico (Chemiker i.R.) aus dem Band L’altrui mestiere (1985, Der Anderer Leute Berufe, 2004) erklärte Levi die Beziehung zwischen seinen beiden Berufen als Dichter und Chemiker: So wie der Chemiker die Materie umwandelt, wandelt der Dichter Erlebtes um, und so wie in der Chemie Rohstoffe zu wertvollen Substanzen umgearbeitet werden, so werden in der Dichtung individuelle Erlebnisse in allgemeine Erfahrungen, reale Ereignisse in fiktive Geschehnisse umgearbeitet. So hatte Levi die lange Rückkehr nach der Befreiung aus dem Lager durch das vom Krieg verwüstete Europa nach Turin, die er in La tregua (1963, Atempause, 1964) rekonstruiert hatte, in seinem Roman Se non ora quando? (1982, Wann, wenn nicht jetzt?, 1986) zur Handlung gemacht. Mendel, der Held des Romans, ist ein nachdenklicher Handwerker und philosophischer Freiheitskämpfer, der das Leid der Juden symbolisch für das menschliche Leiden betrachtet und deshalb die Versündigung an den Juden als Versündigung an der Menschheit versteht.

Diese Verbindung zwischen der Gewaltraserei im Nationalsozialismus und der alltäglichen Gewalttätigkeit gegen Mensch und Natur thematisierte Levi in seinen letzten Essays. Das, was er verstehen wollte, war die moderne Welt schlechthin, la modernità.

Als moderner Erzähler ist Levi ein tiefer Pessimist, denn seine Welt ist die absurde Welt Kafkas (dessen Prozeß er 1983 ins Italienische übersetzt hat) und das wüste Land Eliots, eine Welt, in der nicht nur Gott, sondern auch der Mensch als Mensch tot ist. Den Verlust der Menschlichkeit, das „Vernichten eines Menschen“ hat Levi ohne jeden Pathos beschrieben – und sein Versuch, zu verstehen, keineswegs Verzeihen impliziert. Er hat der deutschen Öffentlichkeit eine „ignoranza volontaria“, ein Nicht-Wissen-Wollen, vorgeworfen und seine schriftstellerische Energie gegen das allgemeine Vergessen eingesetzt. So passt der Werbeslogan des Verlags Einaudi für Levis Gesamtausgabe: „perché nessuno possa dimenticare“ – damit niemand vergessen kann.

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erstellt am 07.4.2017

Primo Levi
Primo Levi

Primo Levi
Ist das ein Mensch?
Ein autobiographischer Bericht
Aus dem Italienischen von Heinz Riedt
Broschiert, 168 Seiten
ISBN: 9783423123952
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2010

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