Er singt, wie gewohnt im Frack und aufrecht am Mikrophon, abwechselnd amerikanische und deutsche Songs aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren. Max Raabe und sein Palast Orchester wahren auch im kalifornischen Palm Desert die Form. In benachbarten Palm Springs gibt Norm Lewis den lockeren Entertainer. Thomas Rothschild hat beide Konzerte besucht.

Max Raabe und Norm Lewis im Konzert

Zwei Temperamente

Draußen tobt der Sturm, wirbelt Baumäste und Palmwedel durch die Luft und treibt einem den Wüstensand in die Augen. Drinnen aber, im McCallum Theatre, dem Veranstaltungszentrum von Palm Desert, beschwört das Palast Orchester mit dem Evergreen „Stormy Weather“ aus dem Jahr 1933 die Atmosphäre eines Berliner Tanzlokals der Vorkriegszeit. Das Publikum aus dem kalifornischen Rentnerparadies Palm Springs hat zum Swing unübersehbar eine intimere Beziehung als zu Lady Gaga oder zu Justin Bieber. Max Raabe, der Nostalgie-Champion aus dem fernen Deutschland, ist hier am richtigen Ort.

Er singt, wie gewohnt im Frack und aufrecht am Mikrophon, zwischendurch lässig an den Flügel gelehnt, abwechselnd amerikanische und deutsche Songs aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren wie „I Got Rhythm“ von den Gershwin-Brüdern oder den „Bilbao-Song“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Mit „Bei Mir Bistu Schein“ schlägt Max Raabe vor der Pause eine Brücke zwischen der aus Europa eingewanderten jiddischen Kultur und den amerikanischen Andrews Sisters, die dieses Lied zu einem Hit gemacht haben. Aus dem Rahmen fällt lediglich Charles Trenets „La Mer“ von 1943, ein Chanson, das sich, wie Raabe erzählt, seine deutschen Fans bei einer Online-Umfrage gewünscht haben, obwohl er es zuvor in Deutschland nie gesungen hatte.

Max Raabe und das Palast Orchester: „Bei Mir Bistu Schein“

Bei „Three Little Words“ von 1930 gesellen sich zwei Orchestermusiker zu Max Raabe, um den Close Harmony-Gesang, den eins von Raabes Vorbildern, die Comedian Harmonists, in Deutschland populär gemacht haben, dorthin zurück zu bringen, wo er herkommt: in die USA eben.

Was das Great American Songbook auszeichnet, demonstriert Max Raabe mit Cole Porters „Let's Do It“, das dem Konzert den Titel geliehen hat. Es sind die raffinierten Reime: „Chinks do it. Japs do it/ Upper Lapland little Lapps do it/ Let's do it/ Let's fall in love“. (Dass dieser Text nach den Standards aktueller Sprachregelung eigentlich nicht zulässig ist: geschenkt.) In Deutschland hat man, mit mehr oder weniger Erfolg, versucht, diese Technik zu kopieren. Da reimt sich dann „Kastilien“ auf „Utensilien“ und „Toreros“ auf „noch mehr los“, oder ein Lied von 1928 beginnt so: „Ich steh mit Ruth gut/ weil meine Ruth tut/ das was mir gut tut/ im Monat Mai“.

Max Raabe und sein formidables Palast Orchester reproduzieren perfekt den Sound der Epoche, der gekennzeichnet ist durch Saxophone und Blechbläser und den durch Glissandi verschmierten Gesang, meist mit Kopfstimme (von Haus aus ist Max Raabe ein Bariton). Das ist Show ohne die läppischen Show-Zutaten, die inzwischen zur Routine gehören. Im Vordergrund steht die Musik. Wenn Max Raabe die englischen Übersetzungen der deutschen Titel trocken vorträgt, dann ist das auf eine subtile Weise komisch.

Als zweite Zugabe singt Max Raabe „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“ aus Paul Abrahams „Viktoria und ihr Husar“. Er wird nur von Ian Wekwerth am Klavier begleitet. Da setzen hinter der Bühne die Bläser ein. Eine wunderbare Symbiose von Melancholie und Witz. Ironie der Geschichte: Paul Abraham, der vor der Machtergreifung in Deutschland zu den erfolgreichsten Operettenkomponisten zählte, konnte im amerikanischen Exil nicht Fuß fassen. Jetzt reüssiert Max Raabe mit einem seiner schönsten Schlager in Kalifornien. Standing Ovations.

Unübertroffen locker

Eine Woche später, im Annenberg Theater des Palm Springs Art Museum. Der angesagte Sturm blieb diesmal aus. Norm Lewis, der erste Afroamerikaner, der am Broadway als Phantom der Oper aufgetreten ist und in zahlreichen Musicals sowie als Porgy in „Porgy and Bess“ reüssiert hat, erfreut sein Publikum, begleitet von einem intimen Trio, mit Songs aus zwei uramerikanischen Traditionen: der des Crooning und der des Broadway-Musicals. Er nennt seine Vorbilder: Dean Martin, Sammy Davis, Jr., Tony Bennett. Sein Favorit aber, sagt er, ist Johnny Mathis. Ihm widmet er den Jazzstandard „Misty“. An Peggy Lee erinnert er mit „Fever“, von dem es unzählige Coverversionen – unter anderem von Elvis Presley – gibt.

Aus dem Bühnen-Repertoire singt er eine jazzig verlangsamte Version von „Wouldn't It Be Loverly“ aus „My Fair Lady“, natürlich auch „I Got Plenty o'Nuttin'“ aus „Porgy and Bess“. Von Marvin Gaye übernimmt Norm Lewis „What's Going On“ und beweist, dass in der Show auch die politische Botschaft unweigerlich zur Pose wird. Die freilich beherrschen die amerikanischen Entertainer perfekt. Wie man sich auf der Bühne locker gibt – darin sind sie unübertroffen. Damit verglichen macht sich auch ein Max Raabe aus wie ein strammer Preuße.

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erstellt am 06.4.2017

Norm Lewis singt „Misty“